Winterthur, Theater: GIANNI SCHICCHI (Eine Ballnacht); 02.05.2026
Produktion des Internationalen Opernstudios des Opernhauses Zürich in Zusammenarbeit mit dem Musikkollegium Winterthur
Oper in einem Akt | Musik: Giacomo Puccini | Libretto: Giovacchino Forzano, nach einer Episode aus Dantes Göttlicher Komödie | Neuer Prolog mit Musik von Giacomo Puccini, Johann Strauss, Franz Lehár, Emmerich Kálmán und Giuseppe Verdi | Uraufführung (zusammen mit IL TABARRO und SUOR ANGELICA) als IL TRITTICO: 14. Dezember 1918 in New York | Aufführungen in Winterthur: 2.5. | 6.5. | 8.5. | 10.5. und 13.5.2026
Kritik:
Wer schon immer mal wissen wollte (aber frei nach Woody Allen „nie zu fragen wagte“), was es denn so mit dem Leben und Ableben des Buoso Donati auf sich hat, der in Puccinis Einakter GIANNI SCHICCHI bloss als Leiche auftaucht, erhoffte sich gestern Abend Antworten auf diese existenzielle Frage der Menschheits-, oder doch zumindest der Operngeschichte. Das Internationale Opernstudio IOS hatte nämlich zu seiner jährlichen Opernproduktion ins Theater Winterthur zu einer Aufführung von GIANNI SCHICCHI geladen, mit einem neu konzipierten Vorspiel, das in einer rauschenden Ballnacht eben die Antwort auf die gestellten Fragen zu geben beabsichtigte. Dazu hatte man Musik von Zeitgenossen Puccinis verwendet und liess den Ball in einer Art Rückblende (oder Fantasie) aus der Sicht Gianni Schicchis ablaufen. Zu Beginn stand am rechten Bühnenrand die Urne mit den sterblichen Überresten Buoso Donatis. Dazu erklang hinter dem geschlossenen Vorhang Puccinis lediglich 57 Takte umfassendes Requiem für dreistimmigen Chor, Viola und Harmonium, das Puccini als Auftragskomposition zum vierten Todestag von Giuseppe Verdi komponiert hatte. Gianni Schicchi näherte sich also während der Trauermusik dieser Urne, legte eine weisse Rose daneben, füllte ein Glas mit Sekt und wischte sich eine falsche Träne aus dem Auge. Mit der Urne in der Hand platzte er in einen Ballsaal, öffnete die Urne und erweckte mit einem Goldstaubregen den Ball der Familie Donati zum Leben. Den Sekt überreichte er dem Cousin Buosos, Simone (Lobel Braun). Im weiteren Verlauf des Festes wurden die Mitglieder des Donati-Clans vorgestellt, der reiche Hausherr Buoso selbst hatte einen effektvollen Auftritt auf der Empore über dem Saal mit der elegant geschwungenen Treppe (Bühne: Danila Travin, grossartig ausgeleuchtet durch das Lichtdesign von Dino Strucken) mit dem Couplet des Orlofsky (Ich lade gern mir Gäste ein – Chacun à son goût) aus Strauss' DIE FLEDERMAUS. Die Mezzosopranistin Karima El Demerdasch sang die Partie des Buoso mit schlank geführter, angenehm timbrierter Stimme. Nach und nach blickte man durch die Verhältnisse innerhalb des Clans durch, erkannte die Eifersüchteleien, den Neid, die Gier und die Heuchelei dieser dubiosen Verwandtschaft, die niemand am Hals haben möchte. Ensembles, Arien und Duette aus Johann Strauss' EINE NACHT IN VENEDIG, Kálmáns DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN, Lehárs GIUDITTA und GRÄFIN MARIZA, Verdis FALSTAFF, LA TRAVIATA und RIGOLETTO und Richard Strauss' DER ROSENKAVALIER boten den Sänger*innen Plattformen, um ihre dargestellten Charaktere und ihre Stimmschönheiten zu präsentieren. Und auch eine neue Figur, welche später in Puccinis GIANNI SCHICCHI nicht mehr auftaucht, wurde eingeführt: Eine Donna (oder Domina?), mit der sich Buoso ins Séparée zurückzog, präsentierte sich mit der Arie der Giuditta (Meine Lippen sie küssen so heiss). Maria Stella Maurizi verführte mit der fulminanten Wiedergabe dieser Arie nicht nur den Buoso, sondern begeisterte auch das Publikum. Rinuccio (Tomislav Jukić) und Lauretta (Marie Lombard) erfreuten mit ihren bezaubernden Stimmen im Duett Nannetta-Fenton aus FALSTAFF, Max Bell (Maestro Spinelloccio, der Arzt) sang einen geradezu fantastisch klingenden Ochs (ich würde ihn als Intendant von der Stelle weg für diese Rolle verpflichten – ein junger, schlanker, blendend aussehender Ochs mit gewaltigem Bass!) im Duett mit Annina (die stimmstarke, herrlich derbe Zita von Cashlin Oostindië). Der klangstarke Winterthurer Bassbariton Evan Gray als Betto di Signa durfte sich mit der Arie des Tassilo aus GRÄFIN MARIZA vor seinem Heimpublikum in grandioser Form präsentieren. Einen darstellerisch amüsanten Wettstreit um den effektvollsten Auftritt lieferten sich die beiden Paare Gherardo (Salvador Villanueva, er kämpfte souverän mit einer Indisposition) – Nella (Thalia Cook-Hansen) und Marco (Guram Margvelashvili) – La Ciesca (Natália Tuznik). Die Musik dazu war allerdings aus meiner Sicht etwas unglücklich gewählt: Verdis Brindisi aus LA TRAVIATA ist unterdessen von unzähligen Sängergalas dermassen ausgelutscht, dass man es kaum mehr hören mag, die Modulation zu La donna mobile aus RIGOLETTO mehr als befremdlich, genauso wie das Hin und Her zwischen all den Frauen zum Sempre libera der Violetta aus LA TRAVIATA. In den Ensembles blitzten immer wieder die herrlichen, sich prachtvoll entfaltenden Stimmen aller Beteiligten auf. Die von Mlindi Kulashe choreografierte DANSE MACABRE von Saint-Saëns verbreitete eine etwas unheimlichere Stimmung. Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Wirklich erschöpfende Antworten auf die Frage, wer Buoso Donati war, bekam man nur am Rande. Zwar sah man die Domina Peitsche schwingend aus dem Séparée kommen, was auf sadomasochistische Neigungen des Buoso schliessen liess. Man erkannte, dass er ein „Sauludi“ gewesen sein musste. Allein, man hätte sich das alles von der Regisseurin Lilli Fischer gerne etwas expliziter, „dreckiger“ inszeniert gewünscht. Am Ende des Vorspiels wurden Buoso von Gianni (wie ein Gott im Goldanzug) moralinsauer Dantes Kreise der Hölle (Wollust, Gier, Völlerei ...) vorgehalten, und Buoso wurde unter vorgehaltener Pistole gezwungen, das Testament auf die Rückseite der Zeichnung des kleinen Gherardino (Bela Hellat) zu verfassen. Deshalb wohl vermachte Buoso sein Vermögen einem Kloster, wie die Verwandtschaft dann nach der Pause erfahren musste, als sie heuchlerisch trauernd und klagend um das Totenbett, das nun mitten im Ballsaal stand, versammelt waren. Von da an nahm der Abend dann wirklich Fahrt auf, man spürte in jedem Takt das Genie Puccinis und seines Librettisten Giovacchino Forzano. Das war auch die Stunde des grandiosen Steffen Lloyd Owen in der Titelpartie – was für ein facettenreicher, äusserst agiler Sänger und Darsteller ist doch dieser junge, vielversprechende walisische Bariton. Lilli Fischer hat hier im eigentlichen Stück eine restlos stimmige, ja beglückende Arbeit als Regisseurin und Personenführerin geleistet. Da gab es nicht einen Moment der Einfallslosigkeit oder der Langeweile, das war amüsant, turbulent, nie plump überbordend – schlicht ganz grosse Klasse! All die Sänger*innen, welche im Vorspiel bereits so stark waren, begeisterten mit hochklassigen Leistungen im schnellen Parlando-Gesang und den kurz aufschimmernden Ariosi. Und natürlich geriet das von Marie Lombard so beglückend und berührend vorgetragene O mio babbino caro zu einem veritablen Showstopper. Erneut begeisterte auch Tomislav Jukić mit seinem herrlichen Tenor als Rinuccio. Die von Felix Gygli so souverän gestaltete Szene des Notars und seiner beiden Zeugen Pinellino und Guccio (Matthew McLellan und Ian Samayoa-Usher) sorgte für gebührende Erheiterung. Herrlich war es auch mitanzusehen, wie die ganze Verwandtschaft nun nur noch halb bekleidet war: Einen Teil der prächtigen Ballkostüme (entworfen von Mahshad Safael) hatte man bereits abgelegt und sich fürs zu Bett gehen umgezogen, als die Nachricht des Todes Buosos sie erreicht hatte. Viele kleine Details bereicherten das Geschehen: So zum Beispiel, wie Zita auf der Suche nach dem Testament sich gleich noch einer Perlenkette „bediente“, oder wie Gianni die Verwandtschaft am Ende mit derselben Peitsche aus seinem neuen Heim trieb, welche im Vorspiel die Domina benutzt hatte, um Buosos Neigungen zu befriedigen. Die Dirigentin Ustina Dubitsky sorgte zusammen mit dem herrlich farbenprächtig aufspielenden Musikkollegium Winterthur dafür, dass Puccinis fantastische Partitur, die so reich an Bezügen und Motiven ist, dass man sie sich am besten mehrmals anhört, ihre betörende Wirkung entfalten konnte.
Das IOS hat an diesem Abend einmal mehr bewiesen, was für eine fantastische Talentschmiede es für Sängerinnen und Sänger darstellt.
Inhalt:
Scheinheilig betrauert die geldgierige Verwandtschaft den Tod des reichen Buoso Donati. Jeder hofft, den Hauptanteil am Erbe zu bekommen. Doch in seinem Testament hat Buoso Donati sein Vermögen einem Kloster vermacht. Man sucht nach Auswegen, um das Testament zu ändern. Rinuccio, der Neffe von Zita, möchte gerne Lauretta, die Tochter Gianni Schicchis, heiraten. Doch ohne Geld zu erben, wird er von Zita niemals die Erlaubnis zur Heirat bekommen, denn eigentlich verachtet die Verwandtschaft des Buoso Donati den Emporkömmling Gianni Schicchi. Schicchi kommt dazu. Lauretta fleht ihren Vater mit einer der populärsten Arien nicht nur Puccinis, sondern der gesamten Opernliteratur (O mio babbino caro) an, einen Ausweg zur Änderung des Testaments zu finden. Sie droht ihrem Papa gar mit Selbstmord. Der schlaue Schicchi weiss natürlich Rat: Da in der Stadt noch niemand vom Tod Donatis erfahren hat, legt sich Schicchi an dessen Stelle ins Sterbebett und diktiert als todkranker Donati dem hinzugerufenen Notar ein neues Testament. Als falscher Donati teilt er der gierigen Verwandtschaft nur Brosamen des Vermögens zu und sich selbst (als angeblich bester Freund Donatis) den Hauptanteil. Die Verwandtschaft ist entsetzt, kann jedoch nicht eingreifen, solange der Notar noch im Haus ist. Sobald dieser jedoch gegangen ist, fallen alle fuchsteufelswild über Schicchi her. Der jedoch kann sie als neuer Hausherr zum Teufel jagen. Nur Lauretta und Rinuccio bleiben glücklich verliebt zurück.
Werk:
Giacomo Puccinis (1858-1924) Il TRITTICO (wovon GIANNI SCHICCHI den dritten und letzten Teil bildet) wurde anlässlich der Uraufführung in New York positiv aufgenommen und verbreitete sich schnell weltweit. GIANNI SCHICCHI ist der poulärste der drei Einakter (wohl wegen Laurettas Arie O mio babbino caro) und wird häufig aus dem Triptychon herausglöst und mit Kurzopern anderer Komponisten kombiniert, wobei manchmal ganz eigenartige Paarungen präsentiert werden (z.B. GIANNI SCHICCHI mit Strauss' SALOME 1948 in New York). Als IL TRITTCO werden die drei kontrastreichen Einakter IL TABARRO, SUOR ANGELICA und GIANNI SCHICCHI glücklicherweise wieder vermehrt auf die Spielpläne gesetzt.