Winterthur, Stadthaus: TETZLAFF & ADÁMEK; 21.02.2026
Der Stargeiger Christian Tetzlaff spielt in seinem dritten Winterthurer Konzert in dieser Woche die Schweizer Erstaufführung von Adámeks 2. Violinkonzert. Der Komponist leitet das Musikkollegium Winterthur.
Werke:
Béla Bartók: Rumänische Volkstänze
Ondřej Adámek: «Thin Ice» Konzert für Violine und Orchester Nr. 2, Auftragswerk, Schweizerische Erstaufführung | Uraufführung: 8. Februar 2026 in Paris, mit Christian Tetzlaff als Solist, Dirigent: Cristian Măcelaru
Anton Webern: Fuga (2. Ricercata) aus «Das musikalische Opfer» von Johann Sebastian Bach | Uraufführung: 25. April 1935 in London
Franz Schubert: Sinfonie Nr. 4 c-Moll, D 417 «Tragische» | Uraufführung: 19. November 1849 in Leipzig
Kritik:
Eine Ur- oder Erstaufführung eines neuen Werks sollte eigentlich auf ein breites Publikumsinteresse der Klassikfangemeinde treffen, vor allem dann, wenn das Stück einem der bedeutendsten Geigern der Gegenwart gewidmet ist, der es dann auch noch höchstpersönlich spielt, wenn es von einem Komponisten stammt, der auch kein „nobody“ mehr ist, wenn es in ein überaus stimmiges Konzertprogramm eingebettet ist, bestehend aus Kompositionen ohne erschwerende Zugänglichkeit und wenn dann dies alles noch zu unschlagbaren „Tiefpreisen“ angeboten wird, nämlich – wie hier - als Hauskonzert des Musikkollegiums Winterthur mit einem Einheits-Eintrittspreis von lediglich 45 Franken. Doch weit gefehlt: Der Andrang des Publikums war sehr überschaubar, der Stadthaussaal vielleicht zu 60% ausgelastet. Das ist schade, sehr schade – oder um mit dem französischen Dramatiker Philippe Néricault Destouches (1680–1754) zu sprechen: LES ABSENTS ONT TOUJOURS TORT!
Wenn man nach dem Anhören einer neuen Komposition sagt: „Das war recht interessant“, dann ist das ein Todesurteil für das Werk, dann wird es bestimmt in den Schubladen oder Archiven des Vergessens verschwinden. Nein, Musik muss aufwühlen, Musik ist Theater, wie Gabiz Reichert in seinem bemerkenswerten Einführungsreferat zum Konzertprogramm ausführte. Da stösst Fiktion auf Realität und durch diese Reibung entsteht eine Körperlichkeit, die uns bewegt. Und diese bewegende Körperlichkeit kann und muss in einem Live-Moment entstehen, die kann nicht aus der Konserve kommen. Darauf baut auch Ondřej Adámeks zweites Violinkonzert auf, auf der Körperlichkeit, welche ein Ausnahmegeiger wie Christian Tetzlaff ausstrahlt, dem er sein zweites Violinkonzert, THIN ICE betitelt, gewidmet hat (Adámeks erstes Violinkonzert war übrigens für Isabelle Faust geschrieben). Uraufgeführt worden war es vor 13 Tagen in Paris unter Cristian Măcelaru, gestern nun die Schweizer Erstaufführung in Winterthur, am 23.2. folgt die Aufführung in Prag unter Jonathan Nott. London wird bestimmt auch bald folgen, da der Kompositionsauftrag von Radio France, dem Musikkollegium Winterthur, dem Prague Radio Symphony Orchestra und dem London Symphony Orchestra gemeinsam erging. Jetzt wäre es die verdammte Pflicht der Auftraggeber dieses Werk bald wieder in Programmen anzusetzen (so in zwei bis drei Jahren), um es im erweiterten Standardrepertoire zu etablieren, wie Christian Tetzlaff im Gespräch mit Gabiz Reichert im HALLO – Journal des Musikkollegiums Winterthur propagierte – denn es wäre wirklich schade, wenn diese aufregende Komposition den Weg vieler zeitgenössischer Werke gehen würde, nämlich den einer Eintagsfliege.
THIN ICE schlug mich gleich in seinen Bann: Die aus Schleifgeräuschen des Schlagwerks und der Streicher und den ver-rückten Pizzicati des Solisten aufsteigende, archaisch-fiktive Volksmusik hat etwas Tänzerisches, die schrägen Glissandi etwas Schauriges, die rhythmisch–virtuosen Passagen sind wild, knallige Tutti-Akzente rütteln auf, alles wird chaotischer, die „Eruptive joy“, mit welcher der Satz betitelt ist, kommt zu einem dramatischen Ende, das dünne Eis bricht. So klingt der zweite Satz dann erstickend, gedämpft, unwirklich und dumpf, wie eine Unterwasserwelt, wirklich bedrückend. Er ist auch mit „Suffocating introspection“ überschrieben. Im dritten Satz „Illusion of freedom“ werden quasi vergebliche Versuche des Auftauchens unternommen, die Musik wallt auf, erstickt aber immer wieder, fällt in sphärische, verlorene Klänge zurück. Es gibt Wellenbewegungen, rhythmisches Klopfen der Streicherbögen auf den Saiten, Kratzgeräusche, Wind und dann eine Folklore, die sich zaghaft versucht durchzusetzen. Mal nimmt Tetzlaff die Geige wie ein Zupfinstrument in den Arm, faszinierende Echo-Passagen erklingen, die Fröhlichkeit scheint zurückzukehren in diesem vierten Satz, der mit „Return of wildness, irreconcilable struggle“ überschrieben ist. Auch die Lautstärke nimmt zu, ja die Musik wird jazziger, fast wie ein Swing. Doch Generalpausen retardieren den Aufschwung, Staccati des gesamten Orchesters leiten über zu einem deprimierenden Gemurmel in den Bässen, die ganze Freude fällt zusammen und Christian Tetzlaff lässst auf seiner Violine einen verlorenen Ton bis zur Unhörbarkeit verstummen. Ist das der Ton, der ein neues Aufbrechen des dünnen Eises ankündigt, auf dem sich die Menschheit zur Zeit bewegt – oder doch eine versöhnliche Ankündigung von Hoffnung? Die Interpretation bleibt jedem Rezipienten dieser aufregenden und bewegenden Musik selbst überlassen. Die Widmung des Konzerts Adámeks jedenfalls gibt Hoffnung. Der Komponist schrieb nämlich in die Partitur: „Für Christian Tetzlaff und für alle, die sich nicht von Macht zum Schweigen bringen lassen.“
Passenderweise setzte Ondřej Adámek vor seinem Violinkonzert Béla Bartóks RUMÄNISCHE VOLKSTÄNZE auf das Konzertprogramm. Diese von Tänzen und Liedern inspirierten Miniaturen, welche Bartók bei seinen Wanderungen durch Siebenbürgen aufgefangen und dann kompositorisch verarbeitet hatte, wurden vom Musikkollegium Winterthur unter der Leitung von Ondřej Adámek sehr fein, unaufdringlich und wunderbar organisch fliessend aufgeführt. Dank der nie überhasteten Tempi, welche Ondřej Adámek vorgab, konnte man auch die wunderbar gespielten solistischen Passagen (z.B. Flöte, Violine des Konzertmeisters) wunderbar geniessen.
Nach der Pause dirigierte dann nicht mehr – wie im Programm angekündigt - Ondřej Adámek, sondern mit Nils Erik Måseidvåg, dem Assistenzdirigenten des Musikkollegiums Winterthur, ein junger Norweger, der schon bei vielen Orchestern quer durch Skandinavien gastiert hat. Er offenbarte zusammen mit dem gut aufeinander abgestimmten Orchester (ist bei diesem Stück extrem wichtig) die betörenden Qualitäten von Anton Weberns FUGA (2. Ricercata) aus „Das musikalische Opfer“ von Johann Sebastian Bach. Die faszinierenden, ja geradezu tröstlichen Klangfarben und die Luzidität, welche Nils Erik Måseidvåg und das Musikkollegium offenbarten, luden zum intensiven Zuhören ein. Nach der Aufregung, welche THIN ICE dem Ohr und dem Kopf bereitet hatte, war man für diese musikalische Ruhe und Konzentration sehr dankbar.
Zum Abschluss des Konzerts wurde Schuberts vierte Sinfonie, die „Tragische“, welche Schubert mit 19 Jahren komponiert hatte, gespielt. Sie gehört natürlich noch zu den Jugendsinfonien des Genies. Einmal mehr zeigte sich bei mir, dass Voreingenommenheit bei einer Live-Aufführung Lügen gestraft wird. Als Vorbereitung hatte ich mir zu Hause die Aufnahme von Colin Davis mit der Säschsischen Staatskapelle Dresden angehört. Die fand ich zwar nett, aber wirklich berührt hat mich die Sinfonie nicht, zu repetitiv, zu gefällig erschienen mir die Themen und Einfälle. Ganz anders gestern Abend im Konzertsaal: Schon mit dem ersten Tutti-Akkord der Adagio-Einleitung wurde man aufgerüttelt. Sauber gestaltet und rhythmisch drängend liess Nils Erik Måseidvåg das Allegro vivace folgen, achtete auf spannungsgeladene dynamische Abstufungen. Wunderbar erklang die sanft wiegende Gesanglichkeit, klangschön erhoben sich die bereichernden Passagen der Holzbläser über dem Streicherteppich. Im Mittelteil wurde das „Tragische“ mit leichter Verklärung hörbar, bevor dann im dritten Satz in eine tänzerisches Menuetto eingebogen wurde, wo man dann den von Schubert verwendeten Begriff der „Tragik“ überhaupt nicht mehr erkennen konnte. Nichtsdestotrotz empfand man den Satz als ein gelöstes Zwischenspiel, mit einfallsreicher Melodik. Im finalen Allegro arbeitete Nils Erik Måseidvåg das Jagende des Kopfmotivs, diese energisch Vorwärtsdrängende mit grosser Plastizität heraus. Hier hatte die Musik tatsächlich etwas Beklemmendes, Eruptives. Fordernd vertrieb das Blech die letzten Seufzer und führte zum strahlenden – und ja, leicht pathetischen – heiteren C-Dur Finale. Ein in vielerlei Hinsicht bereicherndes Konzertprogramm fand seinen trefflichen Abschluss.
Werke:
Béla Bartóks (1881-1945) Rumänische Volkstänze (Sz. 56, BB 68) gehören zu seinen populärsten Werken und basieren auf Melodien, die er als Ethnomusikologe zwischen 1904 und 1914 auf Phonographenwalzen während seiner Wanderungen durch Siebenbürgen aufzeichnete. Bartók schrieb die Komposition ursprünglich für Klavier, und erstellte 1917 eine Fassung für Streichorchester und Holzbläser.
THIN ICE ist das zweite Violinkonzert des tschechischen Komponisten Ondřej Adámek (geboren 1979 in Prag)
Das Werk wurde speziell für den Geiger ChristianTetzlaff komponiert. Es besteht aus vier Sätzen, die ohne Pause ineinander übergehen. Stilistisch bewegt es sich zwischen virtuosen, "elektro-akustisch" anmutenden Passagen und introspektiver Tiefe.
Anton Weberns (1883-1945) Orchestrierung der „Fuga (Ricercata) a 6 voci“ aus Johann Sebastian Bachs „Musikalischem Opfer“ (BWV 1079/5) entstand 1935 und ist eine wegweisende Transkription. Mit einer Besetzung für Orchester zerlegt Webern den sechsstimmigen Kontrapunkt in Klangfarbenmelodien, um die Struktur der Fuge durch Tempo- und Registerwechsel verdeutlichend nachzuschöpfen. Webern wollte die „abstrakte“ Musik Bachs durch seine Instrumentierung lebendig machen, was oft als frühes Beispiel für orchestrale Klangfarbentechnik verstanden wird.
Franz Schubert (1797-1828) schrieb seine vierte Sinfonie im Alter von 19 Jahren. Den Beinamen “Tragische fügte er erst nachträglich dem Autograph zu. Die Sinfonie endet jedoch trotz dieses Titels in jubelndem C-Dur. Uraufgeführt wurde diese Sinfonie allerdings erst 20 Jahre nach seinem Tod. Wenigstens ist keine öffentliche Aufführung der Sinfonie zu Schuberts Lebzeiten bekannt. Neben der unvollendeten Sinfonie in h-Moll ist die vierte die einzige, die in einer Moll Tonart geschrieben steht. Nach dem die Sinfonie ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bekannter wurde, erfuhr sie ganz unterschiedliche Bewertungen von Kritikern und Komponistenkollegen. Schumann z.B. fand, dass die Sinfonie dem Anspruch der ”Tragik" nicht gerecht werde. Albert Einstein fand das Andante zu breit und es weise Schwächen auf, Johannes Brahms empfahl, die “Jugendsinfonien” Schuberts zu studieren, aber aufgeführt werden sollten sie nicht. Doch Antonín Dvořák entdeckte in Schuberts frühen Sinfonien viel Eigenständiges und Reizvolles. Und sogar der scharfe Kritiker Eduard Hanslick bescheinigte der Schubert bei der vierten Sinfonie “ein reifes musikalisches Gefühl”.