Winterthur, Stadthaus: FARRENC, MOZART, MAYER; 27.11.2025
Unter dem Titel VERSCHOLLEN spielt das Musikkollegium Winterthur unter der Leitung von Jan Willem de Vriend drei Werke, die lange Zeit unentdeckt blieben, vergessen gingen oder gar als verschollen galten:
Louise Farrenc: Ouvertüre Nr. 2 Es-Dur, op. 24 | Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonia Concertante für Oboe, Klarinette, Fagott, Horn und Orchester Es-Dur, KV 297 b | Emilie Mayer: Sinfonie Nr. 7 f-Moll | Dieses Konzert in Winterthur am 26. und am 27.11.2025
Kritik:
Das Highlight dieses Konzerts, dessen einmal mehr inhaltlich kohärente Programmierung überaus beglückte, kam nach der Pause: Die Sinfonie Nr. 7 in f-Moll von Emilie Mayer. Da war man sich schon nach den ersten Takten sicher: Die Kompositionen dieser Frau gehören unbedingt zurück in die Programmgestaltungen der Orchester! Diese Musik straft all die Vorurteile, die man eventuell gegen komponierende Frauen noch haben sollte, Lügen. Die Musik ist weder anmutig, noch bescheiden zurückhaltend. Nein, das ist Leidenschaft pur, aufwühlend, brillant, laut, wuchtig, dabei durchaus mit eingängigen Melodien aufwartend, aber nie um bloss gefällig zu sein. Mit dieser Sinfonie kann sich Emilie Mayer mit den grössten ihrer Zeit messen, muss sich nicht hinter Schumann, Raff, Spohr oder gar Mendelssohn verstecken. Nur schon der Auftakt haut um. Da bricht gleich ein Sturm los, wie in Wagners Ouvertüre zu DER FLIEGENDE HOLLÄNDER. Dieser Sturm legt sich allerdings schnell, das musikalische Boot fährt in ruhigere Gewässer. Der Dirigent des Abends, Jan Willem de Vriend, arbeitet die kontrastierenden Stimmungen zusammen mit dem Musikkollegium Winterthur mit fliessenden, organisch gestalteten Übergängen heraus, lotet dynamische Bandbreiten effektvoll aus. Gerade in der Reprise des Hauptthemas entsteht im Wechselspiel mit der Soloflöte eine erregte Gesanglichkeit. Wunderbar! Der zweite Satz wird von den tiefen Streichern eingeleitet, evoziert eine beinahe choralartige Stimmung mit der sanften Bläseruntermalung. Aparter Wechsel zwischen Streichern und dem Blech und eine perfekt intonierte Passage des Solohorns führen zu wuchtigen, marschartigen Wendungen im vollen Orchester. Dialoge mit Solovioline, Flöte, Klarinette und Pauke lassen den Satz in aller Ruhe verklingen. Diese Ruhepause des berückend schön gespielten Adagios weicht im darauffolgenden Scherzo aufwallender Empörung, gespickt mit vergeblichen Beruhigungsversuchen. Der Ideenreichtum der Komponistin in der thematischen Verarbeitung und der glanzvollen Instrumentation scheint unerschöpflich, drängt ins Unheimliche, Gespenstische, ja aufschreiend Mystische, um in ein triumphales Vivace-Finale zu münden, das Jan Willem de Vriend sehr plastisch zu modellieren weiss. Herrlich! (Er kennt das Werk natürlich sehr gut, hat er es doch – zusammen mit Mayers dritter Sinfonie – mit der NDR Radiophilharmonie 2022 für das Label cpo eingespielt.)
Begonnen hatte das Konzert ebenfalls mit der Komposition einer Frau: Louise Farrencs Ouvertüre Nr. 2 in Es-Dur. Auch Farrenc beginnt ihre Konzertouvertüre mit hochdramatischer Wucht, das hat geradezu opernhafte Kraft und Attitüde. Selbst den beschwingteren nachfolgenden Passagen wohnt eine spannungsgeladene Dramatik inne. Jan Willem de Vriend und das mit hervorragendem Elan spielende Musikkollegium Winterthur bieten eine energiegeladene Wiedergabe dieses kurzen Werks und machen neugierig auf weitere Kompositionen aus der Feder von Louise Farrenc.
Über die fast kriminologische Spurensuche nach der Authentizität von Mozarts Bläser-Concertante kann man weiter unten mehr nachlesen. Auch bot Jan Willem de Vriend vor jedem der drei Werke, die in diesem Konzert unter dem Titel VERSCHOLLEN standen, eine kurze, (zu) schnell gesprochene, informativ-launig formulierte Einführung. Ob dieses Werk wirklich von Mozart stammt, ist eigentlich unwichtig. Auf dem in Prag gefundenen Einband steht irgendwo Mozart drauf, und wo Mozart draufsteht, ist auch Mozart drin – auch wenn ein anderer irgendwie Mozarts Stil kopiert haben sollte. Man hört jedenfalls viel von so für Mozart typischen Wendungen. Die drei Bläsersolisten (Oboe: Leonid Sukov, Klarinette: Sérgio Pires, Horn: Kenneth Henderson) und die Solofagottistin Valeria Curti des Musikkollegiums Winterthur beglücken jedenfalls mit stupender, perfekter Virtuosität im Zusammenspiel und in den solistischen Passagen. Im ersten Satz herrscht eine wunderbar leichtfüssige Fröhlichkeit, im zweiten lehnt man sich bei den elegisch-getragenen Melodien entspannt zurück, geniesst die ruhig (und sauber gespielten), sanft dahinfliessenden Passagen. Das finale Andantino kommt wie ein bäuerlicher Tanz daher, brillant ausgeschmückt von der Solistin und den drei Solisten. Ein Genuss!
Werke:
Die französische Komponistin, Pianistin, Verlegerin und Musikprofessorin Louise Farrenc (1804-1875) wurde als Jeanne Louise Dumont in Paris geboren und wuchs in einem Künstlerhaushalt an der Sorbonne auf. Mit 17 Jahren heiratete sie den Flötisten Aristide Farrenc. Sie erhielt Klavier- und Kompositionsunterricht u.a. bei Anton Reicha und begann selbst zu kopmonieren. Robert Schumann bescheinigte einem ihrer Werke einen “leisen, romantischen Duft” der in ihm schwebe. Mit drei Sinfonien und viel Kammermusik konnte sie sich etablieren, die Werke wurden häufig in Konzerte eingebunden. Schon bald wurde sie als Instrumentalprofessorin ans Pariser Conservatoire berufen, erhielt aber weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen. Louise Farrenc kämpft für “Gleicher Lohn für gleiche Arbeit”. Nachdem ihre Tochter an Tuberkulose gestorben war, komponierte Louise Farrenc kaum mehr, stellte aber zusammen mit ihrem Mann noch eine umfangreiche Anthalogie für Tasteninstrumente in 23 Bänden zusammen. Nach ihrem Tod geriet sie schnell in Vergessenheit. Jetzt ist es also höchste Zeit, diese wunderbare, feinfühlige Romantikerin und Zeitgenossin von Mendeslssohn, Liszt, Schumann und Glinka wieder zu entdecken.
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) harrt zwar nicht einer Wiederentdeckung, die Frage der Zuschreibung der Sinfonia Concertante KV 297b ist jedoch nach wie vor nicht gesichert und umstritten. Nach neuesten Erkenntnissen handelt es sich nicht um das Werk, das Mozart 1778 für Paris komponiert hatte, da dort eine Flöte (anstelle der Klarinette) als Soloinstrument als Besetzung notiert gewesen war. Aufgrund einiger Intrigen kam es in Paris jedoch nicht zu einer Aufführung von Mozarts Sinfonia Concertante, sie galt später als verschollen, bis 1864 anonymes Notenmaterial in Prag auftauchte, bei dem nur auf dem Rückentitel “Mozart Concertante” vermerkt war. Zuerst wurde die Komposition nur als “unbeglaubigte” Komposition in den Anhang des Köchel-Verzeichnisses aufgenommen. Alfred Einstein hingegen setzte die verschollene Pariser Sinfonia mit der anonymen Sinfonia gleich und nahm sie als KV 297b ins Verzeichnis auf. Aber eigentlich spielt das alles keine Rolle mehr, denn das Stück ist bezaubernd, bietet den vier solistisch spielenden Bläsern dankbare, virtuose Aufgaben - und selbst wenn es nicht einmal von Mozart stammen sollte, ist es überaus aufführungswürdig!
Emilie Mayer (1812-1883) war eine der wichtigsten Komponistinnen im deutschen Sprauchraum im 19. Jahrhundert. Sie schuf insgesamt immerhin acht Sinfonien, ein Klavierkonzert, Kammermusik und Lieder. Ihr Kompositionsstil war zuerst sehr an den Meistern der Klassik orientiert, sie mischte ihm aber zunehmend romantische Züge bei. Die Qualität ihres Schaffens wird zum Glück wieder entdeckt, doch leider bleiben einige Werke immer noch verschollen.