St.Gallen, Theater: HAIR (Musical); 28.02.2026
Ein Klassiker des Genres wird in St.Gallen neu inszeniert: Das Tribal Love-Rock Musical HAIR
Musik: Galt MacDermot | Buch: Gerome Ragni und James Rado | Uraufführung "off Broadway": 29 Oktober 1967; leicht abgeänderte Fassung am Broadway in New York: 29. April 1968 | Aufführungen in St.Gallen: 28.2. | 8.3. | 16.2. | 19.3. | 23.3. | 28.3. | 29.3. | 10.4. | 31.5. | 3.6. | 5.6. und 6.6.2026
Kritik:
Es ist beklemmend: Ausgerechnet in der Woche, in der wir des vierten Jahrestages des grausamen, völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine gedenken und nur wenige Stunden, nachdem ein amerikanischer Präsident, der sich ums Völkerrecht foutiert, durch Bombardierungen des Iran einen Flächenbrand im Nahen Osten entfachen könnte, feiert in St.Gallen das Flower-Power-Make-Love-not-War Kult-Musical HAIR seine Premiere.
Die Erben der Urheber von HAIR bestehen darauf, dass das Musical genau dort spielt, wo es auch uraufgeführt wurde, in New York Ende der 1960er Jahre. Der Regisseur der St. Galler Neuproduktion, Krystian Lada, kommt diesem Wunsch der Erben selbstverständlich nach – denn die Parallelen zur heutigen Zeit, die Dilemmata der Jugend in einem Krieg bleiben die selben: Den Einberufungsentscheiden folgen und sein Leben eventuell für eine Sache lassen müssen, der man nicht unbedingt traut, oder den Einberufungsentscheid verbrennen, untertauchen und fliehen, wie es z.B. viele junge Russen taten und tun.
Genau das ist der Konflikt, in welchem sich der polnische Einwanderersprössling Claude Bukowski in HAIR befindet und aus dessen Perspektive wir eintauchen in den Tribe der Aussteiger aus der bürgerlichen, rechtskonservativen Gesellschaft, dieser Gruppe um den charismatischen Anführer Berger, der freie Liebe fordert, mit bewusstseinserweiternden Drogen experimentiert und der Gesellschaft seinen blanken Hintern präsentiert.
Wenn man den Zuschauersaal in St.Gallen betritt, sieht man eine bühnenbreite Leinwand, auf der in einem TV-Gerät schwarz-weisse Werbespots gezeigt werden: Glückliche Familien schwärmen von der Reissfestigkeit der Kleenex -Tücher, der gesunden Wirkung des Traubensaftes High C usw. Heile Welt und „phony“ bis zum Erbrechen. Doch dann wird's langsam dunkel im Saal und blitzartig wechseln die Bilder: Nun werden in Farbe Dschungelkämpfer gezeigt, explodierende Napalmbomben, bis zu den Zähnen bewaffnete Soldaten, zivile und militärische Opfer. (Der Schnitt ist so brutal wie seinerzeit in Michael Ciminos genialem Antikriegsfilm THE DEER HUNTER: Erst unbeschwertes Leben im ruralen Amerika, dann ohne Vorwarnung Bilder des Vietnamkriegs.)
Danach hebt sich die Leinwand und wir befinden uns in einer leeren Fabrikhalle oder einem besetzten Loft. Das Orchester ist in einem Glaskasten über der Hinterbühne platziert, da wo früher wohl der Fabrikdirektor und die Büroangestellten über die Arbeiter wachten (Bühne: Sotiris Melanos, die wunderbar bunten Flower-Power Kostüme stammen von Wojciech Dziedzic und das mit fantastischer Vielseitigeit und Stimmungsdramatik aufwartende Lichtdesign hat Lukas Marian konzipiert). Da haust dieser Tribe um Berger, da trifft Claude auf Sheila und die anderen Hippies. Da finden auch die Be-Ins statt, da wird geliebt auf schmutzigen Matratzen, die Partner werden getauscht, es ist egal, ob Mann auf Mann und Frau auf Frau oder Mann auf Frau trifft. Wir sind alle eins – das zeigt sich auch in den rasanten Choreografien von Jess Williams. Krystian Lada schafft es, uns die Personen ganz nahe zu bringen, nicht zuletzt durch den Kniff, dass Claude gerne Regisseur werden möchte, einen Kameramann dabei hat, dessen Aufnahmen live auf die Seitenwände der Fabrikhalle projiziert werden. Auch in kurzen Episoden der „Ruhe“ kommt diese Kamera zum Einsatz, etwa in der Szene der Küche der Bukowskis, wo Claude mit seinen etwas klischeehaft gezeichneten Eltern diskutiert, oder in der Szene, wo er Sheila zu einem Tête-à-tête aus dem Saal heraus ins Foyer führt, wo die beiden bei Kerzenlicht einen Drink nehmen, sie eine Schokoladenmilch, er einen Whiskey, am Ende aber kippt sie sich den Whiskey in den Hals. Immer wieder werden Zeitdokumente eingespielt, so etwa Martin Luther Kings letzte Rede vor seiner Ermordung, der Flug der Apollo 8 oder ein Statement Richard Nixons. Der war wahrlich kein Engel, aber wenn man seinen Worten lauscht, möchte man ihn geradewegs knuddeln im Vergleich zum aktuellen Spaltpilz im Weissen Haus. Das Musical HAIR, obwohl episodenhaft konzipiert, erhält in dieser St.Galler Fassung eine stimmige, rasante, mitreissende und stringente Dramatik, ist von eindringlicher Kraft. Natürlich sind einige Texte etwas aus der Zeit gefallen, ja können durchaus sexistisch und mit klischeehaften Stereotypien aufgeladen anmuten. Etwa der Song über die Qualitäten der Black Boys im Bett (Black Boys fill me up). Immerhin werden in der zweiten Strophe von einer schwarzen Sängerin die weichen Haare und die Softness der White Boys hervorgehoben ... . Aber all den beinahe 40 Songs ist eines eigen: Sie werden in St.Gallen herausragend interpretiert. Maciej Pawlak nimmt als unsicherer, bisexueller Claude auf Anhieb für sich ein, seine Songs Manchester, England, Hair (zusammen mit Berger und dem Tribe) und vor allem Where do I go (der an den Monolog Hamlets aus Shakespeares Drama erinnert) und The fresh fallures regen zum Nachdenken an. Übrigens werden die Lieder englisch gesungen, die Zwischentexte jedoch deutsch gesprochen. Ganz grossartig wird der komplexe Charakter des Anführers George Berger von Dante Sáenz dargestellt: Er ist zwar betörender Anführer, extrovertiert bis zum Äussersten, doch sein Ausraster gegenüber Sheila zeigt Abgründe seines Charakters auf, die er (noch) nicht überwunden hat. Seine markante Stimme ist eine Bereicherung in den Soli, den Duetten und in den Ensembles. Herausragend sind die sängerischen Qualitäten von Mack Wolz als Sheila – man hat diese eindrückliche Sängerin, die Ensemblemitglied des Theaters St.Gallen ist, bereits in diversen Produktionen am Haus (z.B. in LILI ELBE) bewundern dürfen. Masengu Kanyinda (Jeanie), Daniel Dodd-Ellis (Hud), Steffen Gerstle (Woof), Nicholle Cherrie (Ronnie), Zakaria Fleury (Crissy) und Ivy Quainoo (Dionne) sind allesamt exzellente Darsteller*innen und Sänger*innen, welche diese Produktion zum packenden Erlebnis machen. Das gilt auch für den Rest des exzellenten Ensembles, welches in den Choreografien und als Chor eine bemerkenswerte Leistung zeigt, z.B. im wunderbaren Hare Krishna, das zu Marihuana mutiert und natürlich in den bekannten, zeitlosen Hits wie Aquarius, Sodomy, I Believe in Love, Hair, Good Morning Starshine, Let the Sunshine in und vielen anderen mehr. Begleitet werden sie von der Hair-Band (Keyboards, Trompete, Posaune E-Bass, E-Gitarren, Holzbläser – Saxophon, Klarinettte, Querflöte und Piccolo - , Perkussion und Drums) unter der Leitung von Tobias Cosler, welche dank des herausragenden Sounddesigns von Marko Siegmeier und Nicolai Gütter-Graf mit transparentem Klang ihre musikalischen Qualitäten präsentieren darf.
Persönliche Erinnerung: 1968 schrien wir während des Prager Frühlings „Dubček - Svoboda“ auf dem Pausenhof, dann schwappte das Album von HAIR auf den europäischen Kontinent, eroberte die Charts. Nur schon das Cover regte dazu an, sich die Haare wachsen zu lassen und die Eltern zu ärgern. Als dann erstmals eine Tournee - Produktion von HAIR nach Zürich kam, musste ich mich vehement gegen die Meinung meiner Eltern durchsetzen, um dabei sein zu dürfen. Zum Glück waren die Eltern nicht so richtig informiert darüber, dass da Gruppensex und Nacktheit auf der Bühne zu sehen gewesen waren, wenn auch viel zu düster ausgeleuchtet für meinen damaligen Geschmack. Ich bin sehr dankbar, dass ich diesem zeitgeschichtlich so wichtigen, nachdenklich stimmenden, aber auch musikalisch mitreissenden Stück des Musiktheaters nach 56 Jahren in St.Gallen noch einmal begegnen durfte und kann einen Besuch wärmstens empfehlen!
Inhalt und Werk:
Die USA waren Mitte der 60er Jahre ein tief gespaltenes Land (wie heute auch wieder). Der brutale und viele Opfer unter jungen Amerikanern fordernde Vietnamkrieg war in vollem Gange. Zudem war mit der Ermordung J.F. Kennedys der Hoffnungsträger der jungen Generation brutal aus dem Leben gerissen worden.Der konservativere Lyndon B. Johnson und erst recht dessen Nachfolger Richard Nixon verspielten durch ihren Konservatismus, ihr rechtslastige, anti-liberale Gesellschaftspolitik jeglichen Respekt der Jungen. In diesem Umfeld siedelten die Autoren von HAIR ihr Musical an: Ein Gruppe junger Menschen wird porträtiert, die sich innerlich und äusserlich von den Wertvorstellungen ihrer Eltern abgrenzen, freie Liebe zelebrieren, Drogen ausprobieren, die Haare lang tragen ("Ich will mein Haar nicht vom Stahlhelm frisieren lassen", “My hair, like Jesus wore it, hallelujah, I adore it”). HAIR ist ein Zeitgeistmusical, ein Panorama einer Zeitenwende: Bürgerrechtsbewegungen, Antiautoritarismus, Aussteigerphilosophien, Hippietum, Wehrdienstverweigerung, Drogen und Sex bestimmen das Leben der Jugendlichen Ende der 60er Jahre. Eine eigentliche, linear fortschreitende Handlung ist nicht richtig auszumachen, es dominiert ein “Lebensgefühl”, das stark zeitbezogen ist. Aus der Gruppe ragen drei Hauptcharaktere heraus: Claude, Sheila und Berger leben in einer Dreiecksbeziehung. Claude erhält den Einberufungsbefehl und muss sich zwischen seinem bürgerlichen Elternhaus und der Rebellion entscheiden. Sheila ist die politische Aktivistin und Berger der Kopf und charismatische Anführer des “Tribes”.
Galt MacDermot hat eine unglaublich eingängige und faszinierende Musik zu den Texten von Ragni/Rado komponiert (er verwendete vorwiegend Kirchentonarten, welche durch die Rhythmisierung und die Instrumentation ihren eingängigen Charakter erhielten). 40 Songs prägen dieses das pralle Leben, die Revolution, die Hoffnung, aber auch die demprimierende, autoritäre Stimmung im Lande einfangende Musical. Songs wie The Age of Aquarius, Let the Sunshine in, Hair, Good morning Starshine sind unsterblich geworden. 1968 erfolgte die erste Aufführung in Deutschland, 1970 in der Schweiz. Rechtsbürgerliche, verbiederte Kreise protestierten gegen die Aufführungen, bezeichneten das Musical als “heidnisches Ritual, als orgiastischen Krawall oder - wegen einiger Nacktszenen - schlichtewg als Skandal”.