Kopenhagen, Operaen: DEN STORE GATSBY (The great Gatsby); 15.05.2025
Vor 100 Jahren erschien F.Scott Fitzgeralds Roman THE GREAT GATSBY. Zu diesem Jubiläum zeigt das Königliche Theater Kopenhagen ein abendfüllendes neues Ballett
Choreografie: Arthur Pita | Musik: George Gershwin, arrangiert von Frank Moon | Aufführungen in Kopenhagen: 3.5. | 6.5. | 8.5. | 10.5. | 15.5. | 16.5. | 17.5. | 20.5. | 22.5. | 25.5. und 31.5.2025
Kritik:
Im Englischen gibt's das Adjektiv “lavish”. Es umschreibt am besten die Augenweide dieser Ausstattung von Gary McCann, da der Ausdruck alles beinhaltet, was das Auge an dieser Produktion von THE GREAT GATSBY zu fesseln vermochte: opulent, großzügig, verschwenderisch, stilvoll, luxuriös, üppig … . Ins atmosphärisch fantastisch passende Licht gerückt wurden Bühne und Kostüme durch das Lichtdesign von Jonas Bøgh. Gary McCann hat es verstanden, ein Bühnenbild aus mobilen Elementen und Projektionen, Spiegeldecken und Zwischenvorhängen zu entwerfen, welches die oberflächliche Welt der Schönen und Reichen auf Long Island und in den chicen Clubs Manhattens und das Leben der weniger Privilegierten der Unterschicht im Valley of Ashes in perfektem Art Déco Stil spiegelte, schnelle Szenenwechse ohne Einbußen an Üppigkeit ermöglichte. Das war atemberaubend. Selbstverständlich fuhren die Luxuskarossen Gatsbys und der Buchanans in echt über die Bühne der Oper Kopenhagen, während die Hintergrund - Projektion die rasanten Fahrten konkretisierten. Das Bühnenbild blieb der Romanvorlage nichts an Genauigkeit schuldig: Der Swimmingpool mit Luftmatratze und Trichtergrammophon auf dem Cocktailtisch, der Palast Gatsbys, daneben das Sommerhaus von Nick, das grüne Licht aus dem Haus Daisys, die Nachtclubs in New York, die Tankstelle von George und Myrtle und die rauchenden Schornsteine im Valley of Ashes. Und vor allem das Billboard mit der Reklame für den Optiker T.J. Eckleburg mit den unheimlichen, bebrillten Augen, Augen, die nach dem fatalen Autounfall zu leuchten beginnen, sich suchend bewegen, sich auf dem Zwischenvorhang verhundertfachen und mittels Zoom auf ein einziges Auge reduziert werden: Das Auge Gottes - der Spass ist zu Ende.
So wird die Geschichte eines der bedeutendsten amerikanischen Romane des 20. Jahrhunderts (neben THE CATCHER IN THE RYE und LORD OF THE FLIES und den Romanen von James Baldwin) durch die Ausstattung dermaßen genau geschildert, dass man der Handlung ausgezeichnet folgen kann, auch wenn man weder das Buch gelesen noch dessen Verfilmungen mit Robert Redford oder Leonardo Di Caprio gesehen hat. Zudem erzählt der Choreograf Arthur Pita die Geschichte sehr stringent, bei Rückblenden treten z.B. die Personen aus dem Spiegel in Gatsbys Schlafzimmer.
Vom Bewegungsvokabular her bleibt Pita klassisch, erzählt auch vieles pantomimisch. Einzelne kurze Pas de Deux vermitteln etwas an Tiefgang, an Eintauchen in die entsprechenden seelischen Befindlichkeiten. Für meinen Geschmack hätte es mehr solcher innigeren Momente geben können. Die Gruppentänze der Showgirls mit ihren Federkopfputzen und - bürzeln allerdings waren der Hammer, auch die Feste inklusive Feuerwerk bei Gatsby und das Gruppenballett am Pool vermochten zu begeistern. Interessant auch, wie sensibel Arthur Pita die erwachende Homosexualität Nicks herausgearbeitet hat, selbst der Womanizer Gatsby stieg in dem Moment, wo er ganz unten war, kurz darauf ein. Indem Pita und McCann die Figur der Jordan Baker als androgynen Charakter zeigten (mit deutlich bisexuellen Neigungen), unterstrichen sie das Coming out Nicks. Die von Pita zusätzlich eingeführte Figur des M MOUSE, eine Art Mickey Mouse mit des Jokers (aus den Batman- Filmen) weiß geschminkter Clownsfratze, sorgte für ein die polierte Oberfläche abgründig konterkarierendes Element.
Mit beeindruckender Eleganz warfen sich die Tänzer*innen des königlichen Balletts in ihre Rollen und verliehen ihren Charakteren eindringlichen Profil: Ryan Tomash als oftmals nachdenklicher, melancholischer Romantiker Gatsby, Caroline Baldwin als zwischen den Männern Tom und Gatsby zerrissene Frau, Alexander Stæger als Frauen- und Menschen verachtender, machohafter Polospieler Tom, Isabell Caroli als seine Geliebte Myrtle Wilson, die so gerne aus dem armseligen Leben mit ihrem Ehemann George ausbrechen möchte. Dieser eifersüchtige, fleißige George mit seinen simplen Ansichten von Gut und Böse wird einfühlsam von Schonan Greve getanzt. Als M MOUSE brilliert Tobias Praetorius und verbreitet gekonnt die abgründige Horror-Stimmung. Elvira Thomson charakterisiert trefflich die androgyne, selbstbewusste Jordan Baker. Zusammengehalten wird das ganze Beziehungsgeflecht von Andreas Kaas, der als Nick Carraway in diese Welt der Schönen und Reichen geworfen wird, davon fasziniert ist, seine homoerotische Seite entdeckt und am Ende als einziger der ehemaligen Freunde Gatsbys Beerdigung beiwohnt. Daisy schaut verschämt kurz vorbei, nachdem alles vorbei ist und der Joker M MOUSE pflanzt die amerikanische Flagge auf Gatsby Grab - denn hier wird zusammen mit Gatsby auch der amerikanische Traum zu Grabe getragen.
Die Musik zu diesem Literatur - Ballett wurde in den Kompositionen von George Gershwin gefunden, welche Frank Moon zum Teil neu arrangiert und den Stücken da und dort einen etwa düstereren Tonfall verliehen hat. Det Kongelige Kapel unter der Leitung von Chanmin Chung verlieh der Musik die mitreißenden Rhythmen, die schmachtende Melancholie, den jazzigen Duktus, Einige Instrumentalisten (Klarinette, Trompete) durften ihre Solostellen gar vor dem Vorhang präsentieren. Da man bereits vor der Vorstellung und während der Pause mit Musik im Music Hall Stil und Jazz berieselt wurde, war man kurz vor einem jazzigen "Overkill". Die nächtliche Ruhe in diesem Stadtteil Kopenhagens auf dem Weg zum Bus war wohltuend entspannend für die Ohren. Diese Produktion von THE GREAT GATSBY wird aber definitiv als “Eyecatcher” in Erinnerung bleiben.
Inhalt:
F.Scott Fitzgeralds THE GREAT GATSBY erschien 1925 und gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Romane des 20. Jahhunderts.
Die Geschichte wird aus der Perspektive von Gatsbys Nachbarn auf Long Island, Nick Carraway, erzählt. Es handelt sich um die Geschichte des Farmersjungen James Gatz, der seinen Traum vom Erfolg vor allem als brillanter Selbstdarsteller verwirklicht. Er arbeitet sich mit nicht immer legalen Mitteln zum Millionär hoch und gibt, fortan unter dem Namen Jay Gatsby, in seiner Traumvilla auf Long Island sagenumwobene Partys. Damit will er vor allem seine große Liebe Daisy anlocken, die aus besseren Verhältnissen stammt, einmal in ihn verliebt war, aber als Jay im Krieg kämpfte, sich mit dem standesgemäss reichen Millionär und raubeinigen Polospieler Tom Buchanan verheiratet hatte. Tom betrügt jedoch Daisy mit Myrtle, der Gattin des Tankstellenbesitzers George Wilson. Gatsby benutzt seinen Nachbarn Nick, um sich wieder Daisy annähern zu können, denn Daisy ist eine Cousine zweiten Grades von Nick. Daisy ist nach dem Zusammentreffen mit Gatsby in Nicks Cottage hin- und hergerissen zwischen ihrem Mann, den sie nicht mehr liebt, mit dem sie aber ein Kind hat und Gatsby, dem gutaussehenden Charmeur. Nick lernt bei Daisy die attraktive Lebefrau Jordan kennen. Zu fünft machen sie einen Ausflug nach New York. Tom fährt mit Jordan und Nick zurück nach Long Island, Gatsby lässt Daisy seine auffällige Luxuskarosse fahren. Dabei kommt es zu einem Unfall vor Wilsons Autogarage: Myrtle rennt auf die Strasse (sie vermutet, dass Tom das Auto fahre, wie sie es auf dem Hinweg beobachtet hatte). Daisy fährt Myrtle tot und begeht zusammen mit Gatsby Fahrerflucht. Nick gegenüber erklärt Gatsby, dass er die Verantwortung für den Unfall übernehmen wolle. George Wilson erhält von Tom den Hinweis, dass der auffällige Wagen Gatsby gehöre. Somit nimmt George an, dass Gatsby die Schuld am Tod von Myrtle trägt, fährt zu dessen Villa und erschiesst Gatsby im Swimmingpool. Danach richtet er sich selbst. Nick wird mit der Durchsicht des Nachlasses Gatsbys betreut. Dabei stösst er auf gefälschte Wertpapiere, mit denen wohl Gatsby das grosse Geld gemacht hatte und seine Beziehungen zur organisierten Kriminalität beweisen. Gatsbys Vater taucht auf und erklärt, dass sein Sohn die Eltern finanziell unterstützt habe, obwohl sie seinerzeit im Streit auseinander gegangen waren. Zum Begräbnis Gatsbys erscheinen nur Nick, Gatsbys Vater Henry, ein geheimnisvoller Unbekannter mit Brille, dem Nick einmal auf einer von Gatsbys Partys in der Bibliothek begegnet war. Am Ende verbrennt Nick Gatsbys persönliche Hinterlassenschaften und wirft die Manschettenknöpfe, die einst Daisy Gatsby geschenkt hatte, als sie frisch verliebt gewesen waren, ins Meer. Er philosphiert über menschliche Schwächen, die Liebe, die Widersprüche des Strebens nach Glück, Reichtum und Erfolg - und über die Unvereinbarkeit des Denkens der bodenständigen Leute aus dem Mittleren Westen mit der artifiziellen Oberflächlichkeit der Oberen Zehntausend an der Ostküste. Nick wendet sich von diesem Leben ab und geht zurück in den Mittleren Westen.