Hamburg, Staatsoper: RUSLAN UND LJUDMILA; 22.11.2025
Michail Glinkas zweite und letzte Oper, RUSALN UND LJUDMILA, ist in Hamburg in einer Neuproduktion zu erleben!
Grosse Zauberoper in fünf Akten | Musik: Michail Glinka | Libretto: Konstantin Bakturin, Walerijan Schirkow, Nestor Kukolnik, Michail Godenow, Nikolai Markewitsch und Michail Glinka nach dem gleichnamigen Poem von Alexander Puschkin | Uraufführung: 9. Dezember 1842 in St.Peterburg | Aufführungen in Hamburg: 9.11. | 12.11. | 22.11. | 27.11. | 2.12. | 11.12. | 13.12. und 19.12.2025
Kritik:
Märchen sind ja nicht einfach blosse Unterhaltung für kindliche Gemüter. Spätestens seit Freud und C.G. Jung, Bruno Bettelheim und anderen Psychoanalytikern wissen wir, dass Märchen tief im Unterbewusstsein wühlen können, versteckte innere Ängste und Bedürfnisse auf symbolhafte Weise ansprechen und (nicht nur, aber auch) moralinsaure Wertevorstellungen der jeweiligen Kulturen, aus denen sie entspringen, vermitteln.
So ist es denn naheliegend und durchaus angebracht, dass, wenn man ein Märchen wie Puschkins RUSLAN UND LJUDMILA in der Vertonung von Michail Glinka auf die Bühne bringt, dieses auch nach ebensolchen Tiefen und Symbolen befragt. Die beiden ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka (sie zeichnen auch verantwortlich für Bühne und Kostüme) haben auf überzeugende Art an der Oberfläche dieses Märchens um gute und böse Zauberer gekratzt und Schichten freigelegt, auf die man auf Anhieb kaum gekommen wäre. Für die beiden Regisseurinnen ist die abenteuerliche Reise, auf die sich Ruslan begibt, um seine entführte Braut Ljudmila zu finden, eine Reise ins Innere seines wahren Ichs, ein Albtraum, dessen kathartische Wirkung in seinem Coming Out als gleichgeschlechtlich fühlender Mann kulminiert. Die Katharsis findet passenderweise auch tief im Untergrund statt, nämlich in U-Bahn Stationen und Bahnwagons. Zeitlich ist die Geschichte, die nun erzählt wird, in der Endzeit der kommunistischen Diktatur in der Sowjetunion angesiedelt. Bühnenbildtechnisch ist diese Inszenierung ausgesprochen gut gelungen. Für den ersten Akt, einem Festsaal, in dem die Hochzeit zwischen Ruslan und Ljudmila stattfinden soll, sehen wir auf der Drehbühne eine nüchterne Betonarchitektur, eine Art grosses Tor, dessen schliessbare Öffnung effektvolle Auftritte ermöglicht. Die Festgesellschaft besteht aus Pelz behangenen Damen und Männern in Uniform. Für die drei Mittelakte dreht sich dieses Tor. Nun ist es mit Graffiti besprayt, u.a. mit dem bekanntesten Werk des Streetartkünstlers Bansky, GIRL WITH BALLOON, auch dies ein Bild mit grosser Symbolkraft. Auf dem Weg Ruslans in die Tiefe seiner eigentlichen Gefühlswelt begleiten ihn geschmacklos-billig gekleidete Prostituierte, die einflussreiche „schwarze“ Braut Naina, sein Gefährte seit Kindheitstagen, Ratmir, und immer wieder hat der gute Zauberer Finn seine Finger im Spiel. Der U-Bahnzug wird dann auch angekündigt mit „Next station FINN'S CAVE“. Zuerst werden Ruslans über die normalen Gesten einer Männerfreundschaft hinausgehenden Gefühle bloss dezent angedeutet, doch ab dem dritten Akt, einer ausschweifenden Crossdresser-Ledermänner-Party im U-Bahn Wagon (so quasi Subkultur in der Subway) wo sich Ratmir in Strapsen zeigt, wird klar, dass Ruslan in Ratmir verknallt ist. Die Party wird dann aber von uniformierten Polizisten und Zivilfahndern brutal beendigt, die Partygäste mit Schlagstöcken (in Zeitlupe) malträtiert, ähnlich wie 1969 im New Yorker Club Stonewall in der Christopher Street. In der Pause hatte man sich noch gefragt, ob die beiden Regisseurinnen noch die Kurve kriegen würden, um die Reise in die Abgründe der Seelen der Protagonisten und die Handlung der Märchen-Oper einigermassen auf Linie zu bringen. Sie schafften es. Mochten in den ersten beiden Akten noch einige dramaturgische Unschärfen vorhanden gewesen sein, so verlief ab dem dritten Akt alles mit viel klarerer Stringenz. Aber bereits im ersten Akt war ja deutlich geworden, dass Ruslan und Ljudmila ein erfolgreiches Eistanzpaar waren, das nun heiraten sollte, weil sich das für die Boulevardmedien wohl besser macht. Vor der geplanten Hochzeit sitzt Ruslan mit Wodkaflasche am langen Tisch und besäuft sich. Ljudmila schluckt Tabletten, da spürt man, dass etwas nicht stimmt. Auf Leinwand und real auf der Bühne mit Body Doubles (Katharina Franz und Karsten Linnich, sowie Anastasia Monastyrski) wird Eistanz gezeigt. Im vierten Akt dann, bei Ljudmilas grosser Arie, sieht man Bilder der kleinen Eisprinzessin, die dem Druck des Vaters wohl nicht mehr gewachsen ist. Sie fällt dann nicht mehr nur in Schlaf, sondern versucht, sich umzubringen (Schlafmohnfeld) auf dem Bahnsteig der U-Bahn. Nach vielen Qualen und Pein finden die jungen Leute einen aktuell sehr beliebten Ausweg in die persönliche Freiheit: Polyamorie! Ruslan bildet mit Ratmir und dessen on/off Liebe Gorislawa eine Ménage à trois, Ljudmila wirft sich Farlaf um den Hals und verhehlt dabei aber nie ihre zärtlichen Gefühle für Naina. Damit können alle gut leben, die Gesellschaft feiert sogar mit Regenbogen-Einhörnern und LGBTQ+ - Flaggen mit. Märchen dürfen also doch durchaus utopisch positiv enden.
Musikalisch konnte man mit dieser zu Unrecht in Westeuropa viel zu selten gespielten, so wunderbar melodienreichen und mit intensiven orchestralen Farben aufwartenden Oper glücklich werden. Der Bass Illia Kazakov sang einen exzellent phrasierenden und intonierenden Ruslan, verlieh seiner Riesenrolle eine wunderbare stimmliche Wärme und berührende Eindringlichkeit. Man hörte ihm richtig gerne zu. Barno Ismatullaeva gestaltete ein differenziert gezeichnetes Charakterbild der Ljudmila. Sie war nicht einfach die unter der patriarchalen Herrschaft geduldig leidende Frau, sondern verlieh ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen verzweifelten Ausdruck. Die Auftrittsarie war schon fulminant, durchaus auch mit gewissen selbstbewussten Schärfen in den höheren Lagen gespickt, doch die grosse Arie im vierten Akt war ein regelrechter Showstopper, diese zart intonierten, trauerumflorten Melismen gerieten zu purem poetischem Belcanto-Glück. Dazu kam das umfangreiche, die Stimmung der Szene so wunderbar bereichernde Violin-Solo: Der Geiger Thomas C. Wolf kam als Strassenmusikant auf die Bühne und spielte – mit dem Geigenkasten vor sich – diese überaus berührende Musik in den Gängen der U-Bahn. Mit viel Stimmschönheit gestaltete der weltweit gefragte Countertenor Artem Krutko die Rolle von Ruslans Jugendfreund - und schliesslich Geliebtem - Ratmir. Als seine so ordinär-nuttig gekleidete on/off Geliebte Gorislawa wusste Natalia Tanasii überaus zu gefallen. Einen fulminanten Auftritt hatte sie im Bahnwagen als Organisatorin der Tunten-Party. Alexei Botnarciuc gab dem bodenständigen Farlaf markantes Profil, Nicky Spence begeisterte in der Doppelrolle als Erzähler (Barde) und als guter Zauberer Finn mit wunderbar geführtem Tenor! Keine Geringere als Angela Denoke (habe sie als Kundry in Zürich, als Küsterin in Stuttgart und als Marschallin in Mannheim in allerbester Erinnerung) sang die Rolle der Naina mit starker stimmlicher und szenischer Präsenz und Tigran Martirossian war der Respekt gebietende Vater Ljudmilas, Swetosar.
Azim Karimov leitete das Philharmonische Staatsorchester Hamburg (inklusive zweier Bühnenorchester) und sorgte zusammen mit den Musiker*innen vor allem in den leisen, poetischen Passagen für ein subtiles Spiel der klanglichen Farben. Einige der rasanteren Abschnitte der Partitur hätten nach meinem Empfinden durchaus etwas mehr an Verve vertragen können. Der Chor der Hamburgischen Staatsoper (Einstudierung: Alice Meregaglia) löste seine dankbaren Aufgaben mit feinem Gespür für die Dynamik. Ein grosses Lob gebührt der Komparserie der Hamburgischen Staatsoper und vor allem den vielen Crossdressern und Transvestiten im dritten Akt!
Alles in allem ist mit dieser Produktion von RUSLAN UND LJUDMILA die Wandlung der ziemlich langen (3h 20min, inklusive einer Pause) Märchen- und Zauberoper Glinkas zur kurzweiligen Seelenanalyse mit überraschender Katharsis gelungen.
Inhalt:
Am Tag ihrer Hochzeit mit Ruslan wird Ljudmila von zwei Ungeheuern entführt. Ihr Vater Swetosar verspricht demjenigen die Hand seiner Tochter, der sie ihm unversehrt zurückbringt. Ruslan und die beiden früheren, von Ljudmila abgewiesenen Freier Ratmir und Farlaf, brechen zur Suche nach Ljudmila auf.
Ruslan begegnet auf seiner abenteurlichen Suche dem Zauberer Finn. Von diesem erfährt er, dass der böse Tschernomor hinter der Entführung steckt. Ruslan sucht Tschernomor. Auf dem Weg tötet er dessen Bruder, der nunmehr als riesiger Kopf über einem mächtigen Schwert thront. Ruslan nimmt das Schwert an sich.
Farlaf trifft unterdessen auf Naina, die einst die Liebe Finns zurückgewiesen hatte und nun ein altes, rachsüchtiges Weib geworden ist. Sie weist Farlaf den Weg nach Hause, er solle getrost dort Ljudmilas harren. Nachdem sie also Farlaf in die Irre geschickt hat, lockt sie Ratmir mithilfe der ehemaligen Geliebten Ratmirs, Gorislawa, in ihr Zauberschloss. Auch Ruslan wird von den Mädchen des Zauberschlosses angelockt und vergisst Ljudmila. Er verfällt den Reizen Gorislawas. Da erscheint Finn, lässt die Mädchen durch Zauberei verschwinden und phrophezeit Ruslan sein Glück mit Ljudmila, und Ratmir soll Gorislawas Liebe bekommen. Das Schloss verwandelt sich in einen Wald.
In der Gefangenschaft bei Tschernomor sehnt sich Ljudmila nach Ruslan. Tschernomor wirbt vergeblich um Ljudmilas Liebesgunst, versucht sie mit Tänzen und Musik zu verführen. Doch ein Fremder dringt ins Schloss ein; es ist Ruslan. Bevor sich Tschernomor dem Kampf mit Ruslan stellt, versetzt er Ljudmila in einen Zauberschlaf. Ruslan bezwingt zwar den hässlichen Zwerg Tschernomor, doch bleibt ihm nichts anderes übrig, als die schlafende Ljudmila nach Hause zu tragen.
Unterwegs rastet die Gruppe zusammen mit Ratmir und Gorislawa in einem Tal. In der Nacht wir Ljudmila erneut entführt, diesmal von Naina, welche Ljudmila nun Farlaf überlassen will. Finn erscheint erneut und überreicht Ruslan einen Zauberring, mit dessen Hilfe er Ljudmila erwecken werden könne.
Ljudmila liegt aufgebahrt in Swetosars Schloss. Farlaf schafft es nicht, Ljudmila zu erwecken. Da nahen Ruslan, Ratmir und Gorislawa. Ruslans Zauberring verstömt seine Erweckungskraft. Das Volk in Kiew preist die Götter, das Vaterland und das Paar Ruslan und Ljudmila (aber natürlich auch Ratmir und Gorislawa).
Werk:
Natürlich kennt fast jeder Musikliebhaber die Ouvertüre zu RUSLAN UND LJUDMILA von Michail Glinka (1804 - 1857). Die in Sonatensatzform geschriebene Ouvertüre peitscht mit Rasanz durch wichtiges Themenmaterial der grossen oper Glinkas, eine Art Grand-Opéra in russischer Sprache, mit Tanzeinlagen, russischem, finnischem und persischem und ukrainischem Volkstoneinschlag. Glinkas Kunst war es, dass er diese Weisen nie eins zu eins übernahm, sondern sie stets auf die eine oder andere Art meisterhaft konterkarierte. Ulrich Schreiber merkt in seinem “Opernführer für Fortgeschrittene” gar an: “Die bunte Mischung von Ernst und Komik, ein radikaler Bruch mit dem Gesetz der Stilhöheneinheit, macht aus RUSLAN UND LJUDMILA eine ‘umstürzlerischere’ Oper als DAS LEBEN FÜR DEN ZAREN (Glinkas erste Oper) - technisch und wohl auch politisch.” Selbst der sonst so gegenüber seinen Zeitgenossen so kritische Hector Berlioz merkte nach einem Konzert in Paris mit Auszügen aus RUSLAN UND LJUDMILA an: “Glinkas Melodien haben ganz unerwartete Akzente und Perioden von seltsamem Reiz; er ist ein grosser Harmonist und behandelt die Instrumente mit einer Sorgfalt und einer Kenntnis aller geheimen Hilfsquellen, dass sein Orchester zu einem der modernsten, neuesten, lebhaftesten Orchester wird, die man hören kann.” Dem ist tatsächlich so: Wer RUSLAN UND LJUDMILA hört, wird von der Zauberoper be- und verzaubert sein. Dem eigentlichen Vater der russischen Nationaloper (Glinkas EIN LEBEN FÜR DEN ZAREN war die erste Oper in russischer Sprache gewesen, die sich durchgesetzt hatte) ist mit RUSLAN UND LJUDMILA ein wunderbares Werk gelungen, das endlich seinem Schattendasein zu entkommen verdient hätte!