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Hamburg, Laeiszhalle: THE DREAM OF GERONTIUS (Elgar); 15.11.2025

Erstellt von Kaspar Sannemann | | The Dream of Gerontius, Elgar

Bilder: K. Sannemann, 15.11.2025

Viel zu selten auf dem Kontinent zu erleben - Elgars Meisterwerk, das Oratorium THE DREAM OF GERONTIUS, ist in Hamburg zu erleben: Mit den Symphonikern Hamburg, dem Franz-Schubert-Chor und Richard Resch (Tenor), Friederike Schorling (Mezzosopran) und Johannes Schwarz (Bariton).

Musik: Edward Elgar | Text: Nach dem gleichnamigen Gedicht des Kardinals und Konvertiten John Henry Newman (1801-1890) | Uraufführung: 3. Oktober 1900 in Birmingham unter der Leitung von Hans Richter | Aufführung in Hamburg: 15.11.2025

Kritik: 

Elgars THE DREAM OF GERONTIUS mag nicht das am leichtesten zugängliche Werk seines Schaffens sein. Ich muss gestehen, dass ich vor 50 Jahren, als ich den Komponisten der ENIGMA VARIATIONS entdeckt hatte, nach dem Kauf des Doppelalbums THE DREAM OF GERONTIUS leicht enttäuscht war. Ich nahm die LP Box (Leitung: Benjamin Britten, mit Peter Pears, Yvonne Minton und John Shirley-Quirk) erst wieder als Vorbereitung auf die gestrige Aufführung in der Laeiszhalle wieder aus dem Regal und hörte sie mir unter Mitlesen des Textes einige Male an. Was für eine Entdeckung! Für gewisse Werke braucht es wohl manchmal eine gewisse Reife ;-))). 

Als „awfully solemn and mystic“ kündigte der gläubige Katholik Elgar gegenüber seinem Freund und Verleger Jaeger das ins Auge gefasste Oratorium an. Und so erklang es dann auch gestern Abend in der bemerkenswerten Wiedergabe durch den Franz-Schubert-Chor Hamburg, dessen Leiterin Christiane Hrasky die Aufführung leitete. Frau Hrasky gab zu Beginn des Konzerts eine gut formulierte, sympathische Einführung ins Werk, die vor allem für Menschen, welche diesem Oratorium zum ersten Mal begegneten, sehr hilfreich gewesen sein dürfte. Denn vom englischen Text verstand man leider herzlich wenig. Nichtsdestotrotz ermöglichte das genaue, wunderbar ausbalancierte Musizieren der Symphoniker Hamburg, die fantastische klangliche Homogenität des Franz-Schubert-Chors Hamburg und des zugezogenen Konzertchors der HfMT Hamburg (einstudiert von Prof. Annedore Hacker-Jakobi) für den ersten Teil als auf dem Seitenbalkon positionierter Semi-Chor eine beinahe spirituelle Erfahrung.

Frau Hrasky hob mit ihrem fein ausgehorchten Dirigat vor allem das Metaphysisch-Mystische hervor, liess sich nicht zu aufgeregten dynamischen Ausbrüchen hinreissen, sondern versetzte das Publikum in einen ruhigen, beinahe hypnotischen Fluss innerhalb enger, dynamischer Bandbreiten. Doch wenn dann Emphase angesagt war, wirkte diese umso machtvoller. Damit kam sie bestimmt den Intentionen Elgars sehr nahe. Ich denke mal, es ist meist ein Vorteil, wenn ein*e Chordirigent*in ein solches Werk leitet, denn er/sie kennt das Notenmaterial meist weit besser, als ein reiner Konzertdirigent, der meist nur für die letzten Gesamtproben vor Ort ist. Die grosse Partie des Gerontius wurde vom Tenor Richard Resch mit ganz wunderbarer Innigkeit gesungen. Höhepunkt sicher das ausdrucksstark vorgetragene Glaubensbekenntnis Sanctus fortis, Sanctus Deus. Richard Reschs Stimme klang berückend fein und sicher geführt, ihre sanft bronzene Färbung und die unangestrengt fliessende Ansetzung der Töne, sowie sein gerundetes Phrasieren und das schöne Legato-Singen mit den feinen Piani waren bewundernswert. Im Finale des ersten Teils bereicherte der Bariton Johannes Schwarz als Priester mit seiner effektvoll-wuchtigen, schwarz gefärbten Stimme Gerontius' ergreifenden Übergang ins Jenseits.

Schon das Vorspiel des Oratoriums mit seiner Exposition der wichtigen Themen und Leitmotive war ausgesprochen differenziert erklungen. Diese feine Austarierung des Klangs gelang den Symphonikern Hamburg und der Dirigentin Christiane Hrasky auch in der Einleitung zum zweiten Teil nach der Pause. Eine wunderbar parfümierte Süsse des Klangs breitete sich aus. Nun trat Friederike Schorling als Engel in Erscheinung und führte Gerontius' Seele über Dämonen zu den himmlischen Engelscharen und zu Gottes Thron. Dieser zweite Teil wirkt mit den Dämonen-Chören und den dazu kontrastierenden Chören der Engel und der Seelen im Purgatory (das ja kein eigentliches „Fegefeuer“ sondern ein Ort der Reinigung von Schuld ist) ein Stück „opernhafter“ als der erste Teil; ein Hauch von PARSIFAL wehte durch den Raum. Friederike Schorling gestaltete ihre von Elgar so dankbar komponierte Partie mit wo geboten sanft, dann wieder dramatisch aufwallend eingesetztem Mezzosopran. Die Chöre begeisterten und berührten mit ihren mal dämonischen dahinflirrenden, dann wieder himmlisch erhaben leuchtenden Gesängen, der Bariton Johannes Schwarz als ausdrucksstarker Engel der Todesangst mischte sich effektvoll ein, die für Elgars Musiksprache so typischen Modulationen und Wendungen verbreiteten spätromantisches Glühen, eine nur von der Pauke begleitete a cappella Passage des fabelhaften Chors liess aufhorchen und mit einem wunderschön tröstlich intonierten Praise to the holiest – Amen endete das Werk. 

„This is the best of me ... this, if anything of mine, is worth your memory.“ Dieses Zitat von John Ruskin setzte Sir Edward Elgar unter seine fertiggestellte Partitur. (Mag ja sein, dass der Komponist das so empfunden hat, persönlich aber möchte ich trotzdem weder seine ENIGMA VARIATIONS, noch die 1. Sinfonie noch das Cellokonzert missen!)

Werk:

Edward Elgar ((1857-1934) war gläubiger Katholik. Das Oratorium THE DREAM OF GERONTIUS komponierte er in der (seit Händels Zeiten in England etablierten) Form des opernhaften Oratoriums. Das 900 Zeilen umfassende religiöse Gedicht von John Henry Newman kannte Elgar seit den 1880er Jahren. Für seine Vertonung musste Elgar Newmans Poem natürlich stark kürzen. Elgar offenbarte sich mit der Komposition quasi als Opernkomponist manqué: Sein Sinn für orchestrale Farbgebungen, sein Stil mit einer an Wagner angelehnten Leitmotivtechnik, sein Gespür für Dramatik machten THE DREAM OF GERONTIUS zu einem Werk der Leidenschaft, gewidmet dem Todeskampf und der celestialen Transformation eines “Jedermann”. Im ersten Teil wird das Sterben eines alten Mannes geschildert (gerontos - der Greis). Der tiefgläubige Mann durchlebt die Todesstunde, proklamiert seinen überzeugten Glauben, legt seine Seele in die Hände Gottes. Im zweiten Teil wacht seine Seele befreit von den Lasten des irdischen Daseins auf. Er trifft auch seinen Schutzengel, der ihm nun zur Seite steht. Sie kommen in die Nähe des Jüngsten Gerichts, wo hungrige Dämonen der Hölle auf neue Opfer lauern, eine Art Walpurgisnacht. Gerontius erblickt in einem kurzen Klimax eine Vision Gottes. Gerontius' schmerzerfüllte Seele schreit: Take me away from here! Man hört die Seelen im Fegefeuer, deren Stimmen sich mit den himmlischen Gesängen der Engel verschmelzen. Mit Farewell, but not forever, brother dear, be brave and patient on thy bed of sorrow; swiftly shall pass thy night of trial here, and I will com and wake thee on the morrow  … Praise to the Holiest. Amen schliesst das Werk in glaubensfestem D-Dur.

Elgars THE DREAM OF GERONTIUS setzte sich erst nach einem Umweg über eine Aufführung in Düsseldorf durch. (In Grossbritannien gab es Kritiker, die der Church of England nahestanden, die zuerst Aufführungen in anglikanischen Kirchen wegen des starken Bezugs des Textes zur katholischen Kirche ablehnten.) Der Dichter des Textes, Kardinal Newman, wurde übrigens 2010 selig- und 2019 heiliggesprochen.

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