Hamburg, Elbphilharmonie: INGO METZMACHER | PIERRE-LAURENT AIMARD, 24.03.2022
Werke: Olivier Messiaen: LES OFFRANDES OUBLIÉES, Sinfonische Meditation | Uraufführung: 19. Februar 1931 in Paris | Tristan Murail: LE DÉSENCHANTEMANT DU MONDE, Sinfonisches KOnzert für Klavier und Orchester | Uraufführung: 4. Mai 2012 in München | Maurice Ravel: UNE BARQUE SUR L'OCÉAN | Uraufführung: 6. Januar 1906 (als Klavierstück, innerhalb des Zyklus MIROIRS) | Claude Debussy: LA MER, Drei sinfonische Skizzen | Uraufführung: Uraufführung: 15. Oktober 1905 in Paris
Kritik:
Der Dirigent Ingo Metzmacher hatte 2005 ein überaus lesenswertes Buch mit dem Titel KEINE ANGST VOR NEUEN TÖNEN publiziert. Immer wieder versucht er mit den von ihm verantworteten Konzertprogrammen und Musiktheateraufführungen sein Publikum mit auf Entdeckungsreisen in musikalisch weniger bekannte, näher an unserer Gegenwart angesiedelte Gefilde mitzunehmen. Gut so! Auch das Programm, welches er gestern Abend in der Elphilharmonie zusammen mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester präsentierte, bot die Gelegenheit, neue Töne zu entdecken. Alle vier an diesem Abend präsentierten Werke zeigten das Bemühen der Komponisten, dem Klang nachzuhorchen. Der Bogen reichte dabei von Debussy und Ravel über Messiaen zum 1947 geborenen Tristan Murail, welcher als Vertreter der "Spektralisten" gilt, also jener Musiker, die ein ganz explizit auf die Ausnutzung des Klangspektrums eines oder mehrerer Klänge beruhendes Kompositionsverfahren anwenden, ohne sich der mathematischen, kopflastigen Seriellität (z.B. der Darmstädter Schule) zu unterwerfen. Das Concerto symphonique pour piano et orchestre von Tristan Murail stand denn auch im Zentrum des Abends. Für den Solopart konnte man keinen geringeren als Pierre-Laurant Aimard gewinnen, der bereits die Uraufführung im Jahr 2012 gespielt hatte. (Kleine Frage zwischendurch: Gibt es überhaupt einen anderen Pianisten, der sich an dieses Stück wagt?) Die Leistung des Pianisten jedenfalls ist zutiefst beeindruckend: Beinahe während 30 Minuten ist er unermüdlich im Einsatz, spielt mit und gegen ein riesig besetztes Orchester an. Das ist nicht leicht zugängliche Musik, weit entfernt davon. Sie ist laut, wirkt unstrukturiert, und ja, beim ersten Anhören eigentlich recht eintönig, durch das permanent schrill gleißende Blech geradezu einschläfernd. Erst ganz am Ende, wenn es leiser wird, bekommt man "spektrale" Aspekte mit. Da endlich kann man dem Klang nachhorchen. Aber um das Stück ins Herz zu schließen, ist es leider zu spät. "Le désenchantement du monde" nannte Murail sein Werk. Zu Recht, man war nicht bezaubert, eher desillusioniert. Ich habe wahrlich keine Angst vor neuen Tönen, bin gerade kürzlich z.B. zu einem Anhänger der Musik von John Adams geworden. Murail muss man wohl öfter begegnen, um ihn zu verstehen oder gar ins Herz zu schließen. Allein, der Gelegenheiten wird's nicht allzu viele geben. Musik muss faszinieren, packen, bewegen, berühren, rhythmisch oder melodisch fesseln. Diese Elemente fehlten mir persönlich bei dieser ersten Begegnung mit der Spektralmusik von Tristan Murail.
Ganz anders war das beim ersten Musikstück des Konzerts, Olivier Messiaens sehr persönlich ausgestaltetes orchestrales Erstlingswerk LES OFFRANDES OUBLIÉES. Das sind klanglich fantastisch austarierte, getragene, erfüllte Klänge, in religiöse Sphären abhebend, im zweiten Teil (Sünde) mit Brachialkraft aufwühlend, im dritten dann wieder mit fast körperloser Reinheit die Vergebung empfangend. Wunderbar rein intonierten die Violinen des Orchester diese lichten Passagen. Dieses Werk habe ich heute auch zum ersten Mal gehört - Liebe auf das erste Anhören. Geht doch!
Nach der Pause dann die bekannten, lautmalerisch-impressionistischen Werke von Ravel und Debussy über ihre Eindrücke des Wirkens von Wellen, Sturm und Wind auf dem Meer. Während sich Ravel bei seinem Stück UNE BARQUE SUR L'OCÉAN kurz und prägnant hält, braucht Debussy bei LA MER viel mehr Zeit, um die Stimmungen differenziert auszuloten. Das gibt mehr Raum zur Erforschung und Entfaltung des Klangs aus der Stille heraus (womit wir wieder bei den Spektralisten - oder eben ihren Vorgängern angekommen wären). Metzmacher und das mit herausragenden Leistungen an allen Pulten aufwartende NDR Elbphilharmonie Orchester interpretierten diese gewaltige und gewichtige Musik mit grandioser Emphase. Klasse!
Werke:
Olivier Messiaen (1908-1992) war eine aussergewöhnliche Persönlichkeit in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Er schrieb in einer sehr persönlichen, in kein "Schema" passenden Musiksprache, die sich nie einer gerade trendigen Doktrin fügte. Seine philosphischen Überzeugungen holte er sich aus seinem tief verwurzelten Katholizismus. Zudem war er bekannt als autodidaktischer Ornithologe, Vogelstimmen flossen oft in seine späteren Werke ein. In seinem ersten Orchesterwerk, LES OFFRANDES OUBLIÉES ist gerade die Dominanz des katholischen Glaubens sehr präsen. Dieses ungefähr 12 Minuten dauernde Werk stellt ein Triptychon dar: Die drei Teile sind mit La Croix, Le Péché und L'Eucharistie überschrieben. Schon hier zeigte sich Messiaens meisterlicher Umgang mit den Farben des Orchesters, frei schwebender Tonalität und unterschiedlichen Taktlängen. Er stellte der Komposition das folgende Gedicht voran: «Die Arme ausgebreitet, zu Tode betrübt, vergießest du auf dem Kreuzesstamm dein Blut. Du liebst uns, süßer Jesus, wir haben es vergessen. Vom Wahnsinn und von der Schlange Zunge getrieben, sind wir in einem hemmungslosen, unaufhaltsamen Lauf in die Sünde hinabgestiegen wie in ein Grab. Hier ist der reine Tisch, der Quell der Mildtätigkeit, das Festmahl der Armen, hier das anbetungswürdige Mitleid, das uns das Brot des Lebens und der Liebe darbietet. Du liebst uns, süßer Jesus, wir haben es vergessen.»
Tristan Murail wurde am 11. März 1947 in Le Havre geboren. Nach dem Studium von Arabisch und Wirtschaftswissenschaften wechselte er ans Pariser Konservatorium, um bei Olivier Messiaen Komposition zu studieren. Bereits 1971 wurde er mit dem renommierten Prix de Rome ausgezeichnet (wie vor ihm so illustre Komponisten wie Berlioz,Gounod, Bizet, Massenet, Debussy u.v.a.m.). Inspirierend waren für ihn die Begegnungen mit Zeitgenossen wie Xennakis und Ligeti. Nach seiner Rückkehr aus Rom beschäftigte er sich mit elektronischer Musik, war Gründungsmitglied des Ensemble L'Itinéraire, experimentierte und forschte mit der Mischung von instrumentalen und synthetischen Klängen. Er wurde zu einem Repräsentanten der "Spektralmusik", deren Kompositionsweise nicht auf mathematischen Reihungen sondern auf Obertönen der Klänge beruht. Vorläufer dieser Klangsprache waren u.a. Maurice Ravel und olivier Messiaen. Das Werk LE DÉSENCHANTEMENT DU MONDE schrieb Murail für Pierre-Laurent Aimard. Vorbild für das einsätzige Werk war Franz Liszts zweites Klavierkonzert, das ebenfalls ohne Satzzäsuren geschrieben wurde.
Maurice Ravel (1875-1937) komponierte seinen Klavierzyklus MIROIRS im Jahr 1905. Die anspruchsvolle Komposition gehört zu den exemplarischen Werken des französischen Impressionismus, obwohl Ravel diesen Begriff aus der Malerei eigentlich nicht unbedingt auf seine Musik übertragen haben wollte, sich aber auch nicht daran störte. Zwei Stücke aus diesem Zyklus orchestrierte er später selbst, neben der BARQUE noch ALBORADA DEL GRACIOSO. Jedes der fünf Stücke ist einer wichtigen Persönlichkeit aus Ravels Umfeld gewidmet (BARQUE z.B. dem Maler Paul Sordes). Der Übertitel MIROIRS geht wahrscheinlich auf Shakespeares Drama JULIUS CAESAR zurück, aus dem das Zitat stammt:
And it is very much lamented, Brutus,
That you have no such mirrors as will turn
Your hidden worthiness into your eye
That you might see your shadow.
Claude Debussy (1862-1918) gilt als der Impressionist schlechthin. Besonders bedeutsam für ihn war seine Begegnung mit der asiatischen Kunst, der bildenden und der musikalischen. So übte die Pentatonik mit ihrem schwebenden Klangbild einen grossen Einfluss auf seinen Kompositionsstil aus. Um diesen Einfluss zu unterstreichen, wählte er z.B. Hokusais Holzschnitt DIE GROSSE WELLE als Titelbild für einen Druck seiner Partitur LA MER aus. Dieses zwischen 1903 und 1905 entstandene Orchesterwerk umfasst die drei Teile De l’aube à midi sur la mer – Jeux de vagues – Dialogue du vent et de la mer. Er beschreibt darin mit differenzierter musikalischer Sprache Atmosphärenwechsel in der Natur, irisierendes Licht und Wellenschläge, die bis zur Bedrohung durch Sturmwinde im dritten Teil reichen.