Frankfurt, Oper: GUERCŒUR; 08.02.2025
Albéric Magnards grandioses musiktheatralisches Hauptwerk ist endlich einmal szenisch zu erleben
Tragédie en musique in drei Akten | Musik: Albéric Magnard | Text: vom Komponisten | Uraufführung: 24, April 1931 in Paris | Aufführungen in Frankfurt: 2.2. | 8.2. | 13.2. | 16.2. | 21.2. | 23.2. | 1.3. und 8.3.2025
Kritik:
Dass die Demokratie eine äusserst fragile Staatsform ist, hat die Menschheit in ihrer leidvollen Geschichte nur allzu oft erfahren müssen. Dass diese Form des Rechtsstaats beschützt werden muss, steht für Humanisten ausser Frage, auch wenn es Widrigkeiten zu trotzen gilt, denn eine klügere Alternative zur Demokratie – und damit ein besserer Schutz der Freiheit und des Rechts auf Selbstverwirklichung ohne den Mitmenschen zu schaden – ist bisher nicht gefunden worden. Dass ein beinahe ins Vergessen geratener Komponist das Thema auf philosophische und komplexe Art und Weise in einer Oper abhandelt, ist auch nicht gerade alltäglich. Doch der schüchterne französische Humanist und Feminist mit grossem Umweltschutzbewusstsein und Wissenschaftsaffinität, Albéric Magnard, hat gerade dies vor Beginn des ersten Weltkriegs getan. Sein politisches Denken wurde geprägt durch die Episode um General Boulanger, der sich vom Linken zum präfaschistischen Antiparlamentarier gewandelt hatte und beinahe einen Erfolg als Putschist gefeiert hätte. Später war für Magnard die ekelhafte Affäre Dreyfus prägend, wo er sich auf die Seite Zolas schlug. Seine Oper GUERCŒUR ist auch und gerade im Blick auf die politischen Verwerfungen, derer wir Zeugen werden, von erschreckender Aktualität. In dieser Oper, in der ein Politiker (Guercœur), der sein Volk in die Freiheit der Demokratie geführt hat, früh stirbt und dann im Jenseits die vier dort herrschenden Göttinnen (!) um die Erlaubnis zur Rückkehr zu seinem Volk und zu seiner Gemahlin Giselle (die ihm am Sterbebett ewige Treue geschworen hatte) bittet, wird genau dieser Themenkomplex auf faszinierende und packende Art behandelt. Guercœurs Rückkehr in sein bisheriges Leben verläuft nämlich komplett anders als er es sich vorgestellt hatte. Giselle hat sexuelle Erfüllung bei Guercœurs Schüler Herutal gefunden, sein Volk ist auf dem Weg, sich von seinen Ideen der Liberté, Egalité und Fraternité abzuwenden. Der vorgeschobene Grund ist eine Hungersnot, man ruft nach starker Hand. Diese Hand wird ausgerechnet von Heurtal ausgestreckt, der sich als neuer Diktator mit uneingeschränkter Richtlinienkompetenz anpreist. Das kommt uns alles ja so was von bekannt vor. In der Gegenwart wird leider jede Krise (Wirtschaft, Migration, Klima, Gesundheitswesen) sogleich von Populisten bis hin zur Infragestellung der Demokratie ausgenutzt. All diese Gedanken des von Magnard verfassten Textbuchs finden sich in der exzeptionellen Aufführung in Frankfurt wieder. Dem Regisseur David Hermann, dem Bühnenbildner Jo Schramm, der Kostümbildnerin Sibylle Wallum und dem Lichtgestalter Joachim Klein ist eine tief beeindruckende Inszenierung dieser textlich sehr komplexen Oper gelungen. Denn Magnards Werk ist nur im zweiten Akt etwas reicher an Aktion, die Akte eins und drei sind eher oratorienhaft. Doch dank der klugen Anlage der Inszenierung wirkt die politisch-philosophischen Thematik in keinem Moment langatmig, ja, man hängt geradezu an den Lippen der Sänger*innen und taucht ein in dieses opulente, spätromantische Klangbad, welches noch ganz in der Nachfolge Wagners komponiert, aber mit dem französischen Hauch von Fauré, Chausson, Lalo angereichert ist. Das ist eine Musik, die durch ihre leitmotivartige Textur von fantastischer Eindringlichkeit ist und der das Frankfurter Opern- und Museumsorchester nichts an farbiger Sinnlichkeit, dramatischem Aufbäumen und fein empfundener Sensibilität schuldig blieb.. Der für die erkrankte Marie Jacquot eingesprungene Dirigent und Studienleiter an der Oper Frankfurt, Takeshi Moriuchi, wäre zwar erst für die Vorstellungen im März als musikalischer Leiter dieser Neuproduktion eingeplant gewesen, doch kam er nun einige Tage früher zu seinem – zu Recht vom Publikum heftig gefeierten – Debüt. Er lenkte diesen wunderbar dicht gewobenen Klangfluss in schwelgerische und doch nichts an Durchhörbarkeit verlierende Bahnen. Ein regelrechtes Klangwunder entfaltete sich.
Doch zurück zur Inszenierung. David Hermann entwickelt die Geschichte aus einem Bungalow heraus, der gut ein Abbild des Kanzlerbungalows in Bonn darstellen könnte, quasi Symbol für das Geburtshaus der neuen Demokratie in der BRD. Guercœur liegt auf dem Sterbebett, seine weiss gewandete Seele entsteigt quasi seinem Körper (später wird diese weisse
Asche von ihm abgewaschen werden, die Kleider erhalten ihre Farbechtheit zurück, er kann in sein bisheriges irdisches Dasein zurück). Weitere weisse Gestalten treten nun in diesem Jenseits auf: Ein Mädchen, eine Frau, ein Poet. Sie reagieren auf die Seufzer Guercœurs und raten ihn von seinem Wunsch zur Rückkehr ins Leben ab. Die vier Göttinnen sind in elegante Kleider gewandet: Verité in eiskaltem Blau, Bonté in Gold, Beauté in Altrosa und Souffrance (die Guercœur auf die Erde zurückbegleitet in Aubergine). Während also Guercœur im Jenseits hadert und fleht, sieht man parallel dazu die Trauerfeier um den verstorbenen Staatsmann. Aus dem Off erklingen celestiale, sphärische Chöre. Der von Virginie Déjos einstudierte Chor der Oper Frankfurt leistet erneut Erstaunliches, beseelt mit differenziertem Klang und schreckt (im zweiten Teil des zweiten Aktes) mit rebellischer Wucht auf. Vor diesem zweiten Teil von Akt zwei war eine längere Pause eingefügt worden: Wenn sich der Vorhang öffnet, weiss man auch warum. Auf der Bühne prangt nun nämlich eine Art Replik eines Konferenzsaals im UN Hauptgebäude in New York, es könnte gut und gerne das Sitzungszimmer des Sicherheitsrats sein. Es herrscht ein emsiges Treiben, Verhandeln, Argumentieren. Die Mehrheit der Abgeordneten sind Frauen. Als die Männer dazukommen, teilt sich die Menge der Abgeordneten zunehmend in zwei Lager: Anhänger*innen Guercœurs auf der linken Seite, Anhänger*innen Heurtals auf der rechten. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Guercœur traut seinen Augen kaum, hatte er doch nach seiner Enttäuschung über die Untreue Giselles (Heurtal kam gerade eben frisch geduscht aus dem Bad Giselles) gehofft, wenigstens bei seinem Volk ein freudiges Willkommen zu erleben. Doch davon war nun in der aufgebrachten Stimmung nichts mehr zu spüren, Guercœur wird zu Tode geprügelt. Diese Schlägerei im Parlament erinnert einen an Bilder solcher Handgreiflichkeiten aus dem ukrainischen oder auch dem türkischen Parlament vor noch nicht allzu langer Zeit. Was dann auf der Frankfurter Bühne folgt, ist ein szenischer Knaller der Sonderklasse: Die vielen Betonstreben des Sitzungssaals stürzen nach und nach ein, eine sensationelle Choreografie des symbolischen Zusammenbruchs der Demokratie. Aus den Trümmern steigt Rauch auf, die Göttin Souffrance und ihre Kolleginnen führten Guercœur zurück ins Jenseits. Das dann aber gar nicht so paradiesisch ist: Das Mädchen (Julia Stuart) hüpft permanent ihr eintöniges Hüpfspiel, die Frau (Cláudia Ribas) strickt ohne weiterzukommen an einem Schal, ein Putzmann fegt wie ein Sysiphos ununterbrochen Federn auf, die vom Wind aber immer wieder durcheinandergewirbelt werden – und Guercœur verliert sein Schachspiel gegen Verité. Der Poet (Istvan Balota) kauert irgendwo verloren über seinen Büchern. Es ist ein tristes, desillusioniertes Jenseits, das uns Hermann da zeigt. Selbst Guercœur kann über die positiven Visionen der Verité nur lachen. Sein langgezogener ESPOIR Ruf verhallt wie ein Hohn. Doch Verité führt unbeirrt ihre Ausführungen zur idealen Ausgestaltung der Zukunft der Menschheit weiter. Ein Traum von Liebe, Frieden und Glück, der nur dank Vermischung von Sprachen und Kulturen, von Glauben an die Wissenschaft und Respekt vor der Natur erreicht werden könne. Schliesslich greift diese starke Überzeugungskraft der Göttin auf den Chor im Off über und der Ausruf ESPOIR erfüllt mit bewegender Zartheit den Raum.
Von der Besetzung der drei Partien Guercœur, Giselle und Heurtal kann man nur schwärmen. Der Bariton Domen Križaj gestaltet den Guercœur mit herausragender Eindringlichkeit, vom Beginn seiner Klagerufe (erinnert an Tannhäuser im Venusberg) an, über seine Begegnung mit der untreuen Giselle (das PARJURE, das er ihr entgegenschleudert, ist von herzzerreissender Wucht) und zur Desillusionierung über sein Volk bis zum fatalistischen Zynismus im dritten Akt. Domen Križaj erfüllt die umfangreiche Rolle mit allen Facetten seines Baritons, der reich an Schattierungen ist und sämtliche Gefühlslagen zu artikulieren weiss. Claudia Mahnke nimmt man ihre Zerrissenheit ab. Sie weiss, dass sie einen Fehler gemacht hatte, als sie ihren Treueschwur brach. Aber der grösste Fehler lag bei dem Sterbenden: Niemand hat das Recht, eine solche Treue einzufordern. Dass die junge Frau im attraktiven Heurtal einen Ausweg aus der Trauer und neue Erfüllung in der körperlichen Liebe gefunden hat, kann ihr niemand vorwerfen. Claudia Mahnke zeichnet die schwierigen Gemütslagen Giselles in ihren beiden Zwiesprachen mit Guercœur und mit Heurtal und in ihrer Selbstreflexion mit wunderbar ausdrucksstark geführtem Mezzosopran. Das ist eine rundum bestechende Leistung! AJ Glueckerts Rolle als Heurtal ist natürlich keine eines Sympathieträgers. Er ist ein Schüler Guercœurs, der seinen Lehrer bei der erstbesten Gelegenheit verrät. Mit wunderschön leicht timbriertem und perfekt ansprechendem Tenor, der auch in der Parlamentsszene nie zum Forcieren Zuflucht zu nehmen braucht, gestaltet er seine Partie. Seine Verliebtheit, ja seine Obsession mit Giselle wirkt äusserst glaubwürdig. Eine sexuelle Obsession, die von ihr offensichtlich erwidert wird (Prends-moi!) Die Göttinnen Bonté, Beauté und Souffrance (Cecilia Hall, Bianca Tognocchi und Judita Nagyová) singen mit unterschiedlich gefärbten Stimmen ganz wunderbar, die grösste Rolle hat jedoch die Göttin Verité, sie hat die Entscheidungsgewalt in diesem Jenseits, sie hat die Visionen für die Zukunft. Dazu braucht es eine jugendlich dramatische Stimme mit entsprechend reinem Leuchten in der Höhe (auf der Einspielung unter Michel Plasson ist es Hildegard Behrens). Anna Gabler als Verité hatte gestern leider einen schlechten Tag, das kann vorkommen, denn Sänger*innen sind auch nur Menschen.
Dies war nun mein dritte Vorstellung in Frankfurt innerhalb dreier Tage. Jedes der drei gespielten Werke stellt eine Art Ausgrabung dar. Was für ein wunderbarer, interessanter und hochspannender Spielplan für entdeckungsfreudige Opernliebhaber und Musikfreunde ist denn das! Wohl weltweit einmalig. Ein Lob gebührt natürlich den Bühnenarbeiter*innen und der Logistik, welche diese Umbauten der anspruchsvollen Inszenierungen schaffen und natürlich allen Ausführenden. Insbesondere die Leistungen des Chores und vor allem des Orchesters sind gigantisch, denn jedes dieser Werke dauerte (inklusive Pause) zwischen drei (MASKERADE) und knapp vier Stunden (ZAUBERIN, GUERCŒUR)! Chapeau!!!
Werk:
Albéric Magnard (1865-1914) reiht sich leider ein in die Reihe von Komponisten, die heutzutage nur noch einem kleinen Kreis von Musikliebhaber*innen ein Begriff sind. Hinzu kommt, dass der französische Wagnerianer (obwohl seine Musik viel emotionaler und französisch parfümierter daherkommt als die des Deutschen) viel zu früh gestorben ist - und das auch noch auf entsetzliche, dramatische Art: Magnard starb zu Beginn des Ersten Weltkriegs, als er sich mutig deutschen Soldaten in den Weg stellte, die sein Landgut zerstören wollten. Daraufhin setzten die deutschen Aggressoren sein Haus in Brand und der Komponist (und mit ihm viele seiner Originalpartituren und Entwürfe) verbrannten. Magnard studierte u.a. bei Massenet und vor allem bei Vincent D'Indy. Als Sohn aus einem reichen Elternhaus (sein Vater war Chefredaktor bei LE FIGARO) hatte es Magnard nicht nötig, von seinen Einkünften als Komponist zu leben. Er war äusserst selbstkritisch und sucht nie die Öffentlichkeit. Auch mit seinen Werken ging er nicht hausieren, sondern verliess sich auf das Urteil engster Freunde, ehe er sie zur Publikation freigab. In der Folge der Dreiyfus-Affäre hatte Magnard seinen Abschied aus der Armee genommen. Er unterstützte Émile Zola bei dessen Brandbrief “J'accuse” und bezog mit der Komposition der “Hymne à la Jusitice” deutlich politische Stellung in zum skandalösen, antisemitischen Umgang der Militärjusitz mit Hauptmann Dreyfus und dessen Verurteilung.
Die Originalpartituren der Aussenakte seiner Oper GUERCŒUR fielen dem Brand seines Hauses 1914 zum Opfer. Da sie bereits einmal konzertant aufgeführt worden waren, konnte die gesamte Oper von Magnards Freund Joseph Guy Ropartz rekonstruiert werden. So durfte das bedeutende Werk endlich 1931 seine Uraufführung erleben. Der Dirigent Michel Plasson hat neben einer Gesamtaufnahme der vier Sinfonien auch die Oper GUERCŒUR eingespielt mit dem Orchestere de la Capitole de Toulouse und José van Dam, Hildegard Behrens, Gary Lakes und Nadine Denize in den Hauptrollen. Das Theater Osnabrück wagte 2019 die erste Produktion der Oper nach den 1930er Jahren. Die Opéra du Rhin Strasbourg setzte das Werk 2024 auf den Spielplan in der Regie von Christof Loy und mit Stéphane Degout in der Titelrolle.
Im 16. Arrondissement in Paris wurde übrigens die Rue Richard-Wagner 1927 in Rue Albéric-Magnard umbenannt, ein Vorgang, der dem bescheidenen Künstler Magnard bestimmt nicht gefallen hätte, auch wenn in dieser Zeit der Hass auf alles Deutsche verständlicherweise gross war, hätte er es nie geduldet, wenn sein Name denjenigen Richard Wagners substituiert hätte.
Inhalt:
Der Herrscher Guercœur ist gestorben und lebt in einer Art Himmel, wo die Gottheiten WAHRHEIT (Verité), TUGEND (Bonté), SCHÖNHEIT (Beauté) und DULDSAMKEIT (Souffrance) herrschen. Er sehnt sich nach dem Leben auf der Erde zurück und nach seiner Ehefrau Giselle. Besorgte Geister und ein Dichter raten ihm von einer Rückkehr zu seinem Volk ab. Die Göttin der Duldsamkeit wünscht, dass Guercœurs Stolz gebrochen werde. Doch schliesslich willigen die Gottheiten ein.
Guercœur erwacht auf der Erde, nicht weit von seinem ehemaligen Zuhause entfernt. Seine Frau Giselle hat unterdessen Guercœurs ehemaligen Schüler Heurtal geheiratet, begrüsst Guercœur aber freudig. Heurtal ist ein Ehrgeizling, der dem Volk die unter Guercœur errungenen Freiheiten wieder streitig machen will. Trotzdem hat er eine grosse Anhängerschaft, was zu einer Spaltung des Volkes führt. Schliesslich stürzt sich der von Heurtal aufgehetzte Pöbel auf Guercœur und tötet ihn. Heurtal steigt zum neuen Tyrannen und Diktator auf.
Guercœur wird von der Göttin der Duldsamkeit wieder ins Paradies gebracht. Er bereut seine Ungeduld und ihm wird verziehen. Guercœur träumt davon, dass die Utopie von Freiheit, Liebe und Glück eines Tages Wirklichkeit werden wird. Bis dahin mögen alle in Frieden ruhen, die sich mit Geduld und Liebe dem üblen Zeitgeist entgegengestellt haben.
Wie unfassbar aktuell … .