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Frankfurt, Oper: DIE ZAUBERIN (Tschaikowski); 07.02.2025

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Die Zauberin (Tschaikowski)

copyright: Barbara Aumüller, mit freundlicher Genehmigung Oper Frankfurt

Die selten aufgeführte Oper, welche Tschikowski für seine beste hielt, ist nun in Frankfurt wieder zu erleben!

Oper in vier Akten | Musik: Piotr I. Tschaikowski | Libretto: Ippolit W. Schpaschinski | Uraufführung: 20. Oktober 1887 in St.Petersburg | Aufführungen dieser Wiederaufnahme in Frankfurt: 7.2. | 15.2. | 20.2. | 22.2. | 9.3. | 14.3.2025

Kritik: 

Ist dem Urteil des Komponisten über sein eigenes Werk zu trauen? Dieser Frage nachzuspüren ist eine interessante Sache. Gelegenheit dazu hatte man nun in Frankfurt anlässlich der Wiederaufnahme von Tschaikowskis drittletzter Oper DIE ZAUBERIN (TSCHARODEIKA), welche Tschaikowski selbst für seine beste hielt. Die Geschichte (das Publikum, die Kritiker) sah das bisher anders. Die Uraufführungsserie im Herbst 1887 war beim Publikum kein Erfolg, bei der Presse schon gar nicht, das konstatierte selbst der Komponist. Kurz vor der Uraufführung kürzte er das Werk um ungefähr 250 Takte. Nach meiner gestrigen (ersten) Begegnung mit dieser Oper muss ich sagen: Das war gut so, er hätte aber durchaus noch mehr streichen können. Denn bei allen Schönheiten und effektvollen, dramatischen Zuspitzungen der Partitur hat das Werk immer noch Längen, gefährliche Längen. Insbesondere scheinen oftmals die Duette nicht enden zu wollen, da auch keine Entwicklung des musikalischen Ausgangsmaterials stattfindet. Zudem wurde in dieser Wiederaufnahme oftmals zu laut gesungen und gespielt – und dauerhafte Lautstärke führt bekanntlich zu Ermüdungserscheinungen des Ohres.

Der Regisseur Vasily Barkhatov spürte in seiner Inszenierung der Relevanz der Handlung für die Gegenwart nach (eigentlich ist die Geschichte um die Zauberin ja im 15. Jahrhundert angesiedelt, von Tschaikowski und seinem Librettisten Schpaschinski aber mit deutlichen Zügen zur politischen Situation in Russland zur Entstehungszeit versehen worden). Barkhatov zeigt die Hauptfigur Nastasja bereits in den Videoclips, die während der Ouvertüre auf dem Zwischenvorhang ablaufen, als eigentlich ganz gewöhnliche Russin, sie heiratet in der orthodoxen Kirche. Doch dann schlittert die Ehe in die Krise, Nastasja wird geschlagen und misshandelt. Der Mann kommt ums Leben, sie kauft sich mit dem Erbe ein Haus am Stadtrand, verbrennt ihren alten Kram, gründet quasi ein Künstlerkollektiv in welchem alle frei Denkenden willkommen sind, ein Hort auch für die LGBTIQ+ Community (da konnte sich die Kostümbildnerin Kirsten Dephoff mit Queer- und Crossdressing-Klamotten austoben), die hier einen Schutz- und Freiraum geniesst, der dem Staat und der Kirche als höchste moralische Instanzen, ein Dorn im Auge ist. Im ersten Akt nun befinden wir uns in diesem Atelier, wo die Künstler ihre Werke ausstellen: ein Häuschen aus Leuchtröhren, Wolfsmasken, Matrjuschkas, die wie Särge mit Grabzugaben gefüllt werden (so der Wein der reichen Witwe – Veuve Cliquot). Das ist bunt, zum Teil recht witzig inszeniert. Daneben aber auch der bedrohliche Auftritt des Oberpfaffen: Mamyrow, der von den fünf Tänzerin in Wolfsmasken und roten Unterhosen mit Hammer und Sichel ganz übel der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Christian Schmitt hat ein vorzüglich bespielbares Bühnenbild für diesen turbulenten ersten Akt geschaffen. Auch sein Bild für den zweiten Akt begeistert: Ein klassizistischer, stilgerecht eingerichteter, eleganter Salon im Haus des neureichen Fürsten. Allerdings setzten die Fürstin, ihr Sohn Juri und Mamyrows Schwester Nenila (Vertraute der Fürstin) mit ihren geschmacklosen Designer Freizeitklamotten einen aufschlussreichen Gegenakzent zum noblen Ambiente. Die drei sind nicht die hellsten Lichter am Himmel der Menschheit: Sie machen ihre Yogaübungen, schlürfen Wein und Juri mischt sich Proteinshakes. Der dritte, der intimste Akt spielt in Nastasjas Schlafzimmer. Ein grosses Bett auf Paletten, der Blick geht ins bedrohlich Grün des Waldes. Sehr gut gelungen ist auch die Gestaltung der Bühne im letzten Akt. Nastasja wandert auf der Flucht quasi zwischen zwei Welten, sie wandert auf der Rückseite zwischen den Bühnenelementen des Ateliers und des Salons des Fürsten herum, sieht rohe unwirtliche Bretterwände, ist unbehaust. Auch im Salon ist die Welt aus den Fugen geraten, da steht der riesige Wolf, der eigentlich ins Atelier gehört hatte, da liegt schräg über der Sitzgruppe das Leuchtröhrenhäuschen. Das ist optisch alles exzellent gemacht, auch das Ende ist szenisch von packender Schauer- und Horrorqualität. Der irre gewordene Fürst sitzt zusammen mit den Leichen seiner Frau, seines Sohns und seiner Angebeteten auf den Sofas, setzt sich die Pistole an die Schläfe, doch eine Ladehemmung verhindert den Suizid. Die Anlage für ein packendes Drama wäre also vorhanden gewesen, alle Ingredienzen stimmten, ausser der Länge.

Nombulelo Yende sang eine souveräne Nastasja. Sie bewältigte die enorm grosse und anforderungsreiche Partie mit runder Stimme, grossem Atem und (wo nötig) dramatischer Kraft. Ein bewundernswertes Rollendebüt. Iain MacNeil interpretierte den unglücklich agierenden Fürsten mit kernigem Bariton und stimmlicher Kraft. Elena Manistina als seine ehrgeizige, eifersüchtige Gemahlin versprühte mit eiskalter, scharfer Stimme Gift und Galle. Das war schrill bis zur Schmerzgrenze und daraus entstand eine der wohl unsympathischsten Figuren des Opernrepertoires. Gerard Schneider fand als Juri zu ganz wunderbaren, elegant phrasierten Passagen, bekundetet auch in der bruchlos erreichten Höhe keinerlei Schwierigkeiten. Er war eigentlich die einzige Figur, die Wandlungen und Entwicklungen durchlebte, und Gerard Schneider konnte diese ausgesprochen glaubhaft darstellen. Mikhail Biryukov (auch er wie Yende und Schneider mit einem Rollendebüt) sang ausdrucksstark den intriganten Moralapostel Mamyrow (und auch den Zauberer Kudma im vierten Akt, der ihm für seine stimmlichen Möglichkeiten vielleicht eine Spur zu hoch liegt). Der Regisseur und der Dirigent sehen in dieser Doppelfigur die Erkenntnis, dass nicht jeder, der aussieht wie ein Priester auch ein Heiliger ist. Auch Cláudia Ribas überzeugte mit einem gelungenen Rollendebüt: Als Nenila intrigierte sie mit lässig wirkender Verschlagenheit bei der Fürstin. Die vielen kleineren Rollen waren sehr gut besetzt, der Paisi konnte krankheitshalber von Michael McCown nur szenisch dargestellt werden, Ilja Aksionov sang die Partie vom Bühnenrand.

Valentin Uryupin betonte mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester die dramatisch aufwühlenden Passagen mehr als die zarten, verhalteneren Momente. Das war für meinen Geschmack etwas zu laut und vordergründig und verleitete an einigen Stellen die Sänger*innen auf der Bühne auch zum Forcieren. Aber wenn es dann so richtig aufpeitschend laut wurde und effektvoll knallte, hatte das durchaus auch etwas Mitreissendes, Packendes. Berührend sang der Chor der Oper Frankfurt. Besonders das Lamento aus dem Off, in welchem vom Unheil, das den Wald und die Flüsse bedroht und die Ausrottung alles Natürlichen zur Folge hat, geklagt wird, geht unter die Haut. Da erreicht Tschaikowski dann doch die Grösse, die er in seiner Oper erkannt haben mag. Trotzdem bleibe ich skeptisch, ob DIE ZAUBERIN je die Beliebtheit von EUGEN ONEGIN oder PIQUE DAME erreichen wird.

Werk:

DIE ZAUBERIN ist die drittletzte Oper Piotr Ilijtsch Tschaikowskis (1840-1893). Danach folgten noch die bis heute erfolgreiche Oper PIQUE DAME und der Einakter JOLANTHE. Tschaikowski hielt DIE ZAUBERIN für sein bestes Bühnenwerk. Bei der Uraufführung fiel die Oper jedoch vor allem bei der Presse durch. Die obrigkeitshörige Journaille war damals noch nicht bereit für eine Frau auf der Bühne, die selbstbestimmt wählt, wen sie lieben will, vor allem wenn es sich bei em Auserwählten um einen Angehörigen der Adelsschicht handelt. (Die emanzipierte Protagonistin der Oper, Nastasja, ist eine Schankwirtin (könnte auch eine Bordellbesitzerin sein). Sie verliebt sich also völlig unstandesgemäss in den Sohn de Fürsten, Prinz Juri.) Man darf nicht vergessen, dass der Sittenkodex, welchen Iwan der Schreckliche im 16. Jahrhundert in Russland eingeführt hatte, bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Kraft blieb. In diesem Sittenkodex wird die Frau im Hausstand dem Vieh gleichgestellt, ist also in diesem patriarchalischen Feudalismus völlig rechtlos. Die Oper ist zwar relativ lange geraten (mit Pause knapp vier Stunden Spieldauer), aber musikalisch von allererster Güte (man kann sich auf YouTube als Vorbereitung davon überzeugen). Die vier Akte sind von grandioser melodischer Einfallskraft geprägt, die Handlung ist überaus spannend und abwechslungsreich und bot Tschaikowski Gelegenheit für überwältigende, volkstümliche Chorszenen und dramatisch aufgeladene, leidenschaftliche Arien und Duette. Es ist schade, dass sich Vorurteile gegen gewisse Opern überaus lange in den Köpfen des Publikums und der Intendanten festsetzen. Umso wichtiger sind mutige Direktionen, die solche Werke dem Vergessen zu entreissen versuchen. In Lyon und in Frankfurt zum Beispiel gerieten die Neuproduktionen zu Kassenschlagern. Mögen andere Häuser folgen, denn die Oper - die mit dem englischen Titel THE ENCHANTRESS eigentlich besser charakterisiert wäre - hat nichts an ihrer Aktualität verloren. Die aussergewöhnliche Oper Tschaikowskis klagt anhand des Schicksals der verführerischen Nastasja eine von der unheiligen Allianz aus Klerus und Machthabern diktierte, bigotte Moral an. Wir müssen wahrlich nicht weit in die Ferne schauen, um auch im 21. Jahrhundert Beispiele solch abscheulicher Zensur und Indoktrination zu konstatieren.

Inhalt:

Nastasja (genannt “Kuma”) betreibt in einem Randbezirk der Stadt Nischni Nowgorod eine Schänke, in der sich Männer aus allen Schichten des Volkes vergnügen, raufen, die Gesellschaft von Frauen geniessen. Natürlich ruft das Eifersüchteleien von Seiten der Ehefrauen dieser Männer hervor, man bezichtigt Kuma der Zauberei. Prinz Juri schaut auch in der Gaststätte vorbei, Kuma verliebt sich sofort in ihn. Der Fürst taucht mit seinem überaus konservativen Schreiber Mamyrow auf. die beiden beabsichtigen die Gaststätte zu schliessen, am liebsten niederzubrennen. Kuma bezirzt den Fürsten, gibt ihm Wein und schafft es, dass der Fürst seinen Schreiber zum Gaudi aller mit einer Gauklertruppe tanzen lässt. Der gedemütigte Mamyrow schwört Rache. Der Fürst lässt seinen Diamantring in den Weinbecher fallen.

Mamyrov intrigiert bei der Fürstin, schürt ihre Eifersucht, indem er Kuma anschwärzt; er bietet sich der Fürstin als Spitzel an. Auch Mamyrovs Schwester Nenila intrigiert mit, berichtet der Kammerfrau der Fürstin von einem wirkungsvollen Gift, die Fürstin will davon nichts wissen, als sie davon erfährt. Der Bettelmönch Paisi soll den Prinz Juri bespitzeln. Der Fürst gerät in eine Auseinandersetzung mit der Fürstin, die ihm mit einer Anzeige beim Klerus zu erpressen versucht. Vor dem Fürstenpalast droht das Volk mit Aufstand, da es sieht wie Diebesgut in den Palast gebracht wird. Juri stellt sich auf die Seite der Aufständischen und damit gegen seine Eltern. Doch als er von der Affäre seines Vaters mit Kuma erfährt, will er die Beschämung seiner Mutter rächen.

Der Fürst gesteht Kuma seine Liebe, die sie jedoch nicht erwidert und sich mit einem Messer gegen seine Übergriffigkeit wehrt. Der Fürst sucht das Weite. Kuma erfährt von Juris Racheplan. Er dringt in ihr Schlafzimmer ein, zieht den Dolch. Doch ihre Schönheit bezaubert ihn, er lässt die Hand mit dem Dolch sinken. Kuma gesteht, dass sie ihn liebe und nicht seinen Vater. Erst zögerlich, dann leidenschaftlicher gesteht auch Juri, in Kuma verliebt zu sein.

Juri will sich von der Jagdgesellschaft absetzen und mit Kuma zusammen fliehen. Die Fürstin begibt sich zu einem Magier im Wald und holt das Gift. Verkleidet als Pilgerin trifft sie auf Kuma und bietet ihr das vergiftete Wasser an. Kuma und Juri freuen sich auf die gemeinsame Flucht, doch da zeigt das Gift seine Wirkung, Kuma stirbt in Juris Armen.  Die Fürstin gibt den Mord zu und lässt Kumas Leiche in den Fluss werfen. Der Fürst kann es kaum glauben, dass Kuma tot ist. Im Streit mit Juri tötet er seinen Sohn. Zu spät erkennt er, was er in seinem Wahnsinn Schreckliches getan hat. 

Karten

 

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