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Frankfurt, Oper: BORIS GODUNOW; 14.11.2025

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Boris Godunow

Copyright: Barbara Aumüller, mit freundlicher Genehmigung Oper Frankfurt Bild:: Alexander Tsymbalyuk (Boris Godunow; Bildmitte) und Ensemble

Auf der Grundlage von Dmitri Schostakowitschs Instrumentierung von 1939/40 präsentiert die Oper Frankfurt Mussorgskis Meisterwerk in der vieraktigen Fassung (also mit dem Polenakt)

Oper in vier Akten und einem Prolog (vom Komponisten als "Musikalisches Volksdrama" bezeichnet) | Musik: Modest Mussorgski | Libretto : vom Komponisten, nach Puschkin und Karamsin | Uraufführung: 27. Januar 1874 im Mariinskij-Theater, St. Petersburg | Aufführungen in Frankfurt: 2.11. | 6.11. | 8.11. | 14.11. | 21.11. | 23.11. und 26.11.2025

Kritik:

Es gehört beinahe zur DNA der Oper Frankfurt unter der Leitung des langjährigen, erfolgreichen Intendanten Bernd Loebe, un- oder wenig bekannte Schätze der Opernliteratur zu heben. Man kann zwar nicht behaupten, dass Mussorgskis BORIS GODUNOW unbekannt wäre, doch in dieser Fassung und in dieser Vollständigkeit ist das gewaltige, bedeutende Werk kaum je zu erleben. Hier in dieser Frankfurter Neuproduktion bekommt man alle von Mussorgski zur Vertonung in Betracht gezogene Szenen geboten und zwar in der genialen Fassung von Dmitri Schostakowitsch. Mussorgski hatte ja neben seiner Arbeit als Beamter kaum Zeit gehabt, den Ur-BORIS 1869 in einer endgültigen Fassung zu orchestrieren, geschweige denn den Original-BORIS inklusive des Polen-Aktes von 1874 vollständig und durchdacht auszuarbeiten (Alkohol-Probleme) und zu orchestrieren. Dies übernahm zuerst Rimski-Korsakow mit seinen beiden klanglich zwar schönen, aber doch zu geglätteten Fassungen. Schostakowitsch hingegen war nach all seinen Erfahrungen (kompositorisch und politisch) ein rauerer Geselle. Diese teils brachial geschärfte Rohheit kommt dem Inhalt des gigantischen Volksdramas mit seinen ungeheuren Tableaus mit weit mehr Intensität entgegen. Schostakowitsch war bekanntlich ein versierter Orchestrator, vermochte mittels ungewohnter Verschmelzung instrumentaler Farben bezwingende Effekte zu erzeugen, scheute nicht vor klanglich raffinierten Schärfungen (gerade beim Einsatz des schneidenden Blechs) zurück. Er beliess nach eigenen Angaben, alles was er von Mussorgski als gelungen empfand, die Schwachstellen der Instumentierung jedoch bearbeitete er neu. Im (wie stets ausserordentlich fundierten und lesenswerten) Programmheft wird Schostakowitsch folgendermassen zitiert: „Aber vieles war ganz einfach schwach, denn Mussorgski fehlte die handwerkliche Sicherheit, die erlangt man nur, wenn man mit Ausdauer auf seinem Hintern sitzt, auf gar keine andere Weise“. Davon kann man sich bei der diesen Aufführungen von BORIS GODUNOW durch das mit herausragender Farbenpracht spielende Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der auf feine Zwischentöne und exquisite Klangschilderungen horchenden Leitung von GMD Thomas Guggeis überzeugen und begeistern lassen. Trotz aller Schärfe wird hier in keinem Moment zu laut musiziert, die Sänger*innen und der Chor, Extrachor und Kinderchor der Oper Frankfurt (Einstudierung: Álvaro Corral Matute) müssen in keinem Moment übermässig forcieren, um eine eindringliche, ausbalancierte Klangkultur zu erreichen. (Dies wird man auch auf der CD-Aufnahme überprüfen können, denn die gestrige Vorstellung wurde für das Label NAXOS aufgenommen.)

Zu dem klanglichen Ereignis dieser Fassung passte auch die zurückhaltend etwas näher an die Gegenwart herangerückte Inszenierung durch das Team rund um den Regisseur Keith Warner. Die Allgemeingültigkeit der Grundkonstellation wird durch die Verlegung vom frühen 17. Jahrhundert (dem Ende der Rurikiden-Herrschaft) in die letzten Jahrzehnte des Zarenreichs unter den Romanows, eher noch geschärft: Die Unterdrückung und die Wankelmütigkeit des Volkes, der Missbrauch der Macht (eklig vor allem dadurch, dass dieser Missbrauch angeblich zum Wohle des Volkes ausgeübt wird, wie Schostakowitsch schrieb), die Frage, ob es Sühne für ein Verbrechen geben kann, das schlimme Verhältnisse zu weniger schlimmen führen will, Intrigen, Gerüchte und Fake News, dies sind die zentralen Themen dieses Freskos. Dazu hat Kaspar Glarner eine kongeniale, aus drei gerundeten, mobilen Elementen gebildete Bühne entworfen. Dies drei Elemente bestehen aus drei Etagen, deren Galerien effektvolle Massenszenen ermöglichen. Ein kleineres Halbrund wird auf der einen Seite für die Bibliothek und das Archiv im Kloster des Mönchs Pimen genutzt, die Rückseite bildet dann die Schänke an der litauischen Grenze. Für die beiden Szenen im Polenakt werden die Galerien mit roten Vorhängen verhüllt, die hochgezogen projizierte Spielorte wie wogende Wiesen oder die Gartenszene beim Brunnen evozieren. So sind schnelle Verwandlungen mit nur ganz kurzen Umbaupausen für die insgesamt zehn Bilder der Oper möglich. Die Kostüme stammen ebenfalls von Kaspar Glarner und beschwören eine durchdachte Kostümdramaturgie. Neben traditionellen, prächtigen Ornaten für Herrscher und Geistliche, wie man sie aus Historienfilmen kennt, folkloristischen Trachten und luxuriösen Ballkleidern im Polenakt und grauer, armseliger Einheitskleidung des Volkes, schleicht sich auch das Moderne, dem demonstrativ zur Schau stellen des Luxus abgewandte Kleidung ins Geschehen: So sind z. B. Schuiski und andere Verschwörer gegen Boris schon recht „modern“ gekleidet. John Bishop taucht die interessante und imposante Szenerie ins rechte Licht. Dezent auf gewisse Szenenbilder und den Zwischenvorhang projizierte Videos (Glocken, brennende Landkarte von Russland, wogende Felder in Polen) hat Jorge Cousineau entworfen. Die Personenführung ist von bezwingender Stringenz, deutlich die Konstellationen herausarbeitend, aber nie aufgesetzt vordergründig. Selbst als man erfährt, dass der Jesuit Rangoni masochistischen sexuellen Fetischen nicht abgeneigt ist und sich von Marina auspeitschen lässt, macht das durchaus Sinn. 

Die Besetzung, mit der die Oper Frankfurt aufwarten kann, vermag restlos zu begeistern. Alexander Tsymbalyuk bringt für die beiden grossen Monologe des Boris sonore Kraft und eine unglaubliche stimmliche Wärme mit, die ihm, als Usurpator und (vermutlichem Kindermörder) viel Sympathie einbringen. In einer Welt der Intriganten und Bösen ist eben der etwas weniger Böse der Gute. Er spielt liebevoll mit seinen beiden Kindern, mit der armen Xenia (vortrefflich mit hellem Sopran Anna Nekhames – Nachwuchssängerin des Jahres 2025 der Zeitschrift Opernwelt), die eben ihren Bräutigam zu Grabe tragen lassen musste und mit Fjodor, dem Zarewitsch, der so neugierig die Karten des russischen Reichs studiert. Karolina Makuła bezaubert mit ihrer naiv-frisch klingenden Mezzosopranstimme in dieser Hosenrolle. Im Haushalt des Zaren ist auch noch die besorgte Amme von Judita Nagyová zu erleben. Boris' Gegenspieler ist der Bojare Schuiski, dessen wendig-intrigantem Charakter AJ Glueckert vollauf gerecht wird. Andreas Bauer Kanabas zeigt einmal mehr, was für ein herausragender Sänger er ist. Seine profund intonierten, langen Erzählungen als Mönch Pimen sind mit immenser Spannungskraft phrasiert, man hängt geradezu an seinen Lippen. Dmitry Golovnin vermag mit seinem wunderbar fein und klar geführten Tenor als Grigori Otrepjew (der vorgibt, der Sohn von Iwan IV., Dimitri, zu sein) zu fesseln. Im Polenakt wirft er sich berechnend der wohlhabenden Wojwoden-Tochter Marina an den Hals (in einem Metapher-Tanz spielt eine polnische Amazone mit einem russischen Bären, getanzt von Emma Ibáñez und Tadas Almantas). Hier im Boudoir steigert Dmitry Golowin sich zusammen mit der herrlich erotisch gurrenden Marina von Sofija Petrović (auch in ihrer Auftrittsarie ein umwerfende Wucht!) zu überwältigender stimmlicher Emphase im Liebesduett – übrigens dem einzigen der ganzen Oper. Der Einflüsterer und Drahtzieher hinter der ganzen Chose ist der Jesuit Rangoni. Thomas Faulkner verleiht ihm mit seinem wohlklingenden und doch markant und bestimmt intonierenden Bass eindringliches Profil. Als gar nicht so dummer Trunkenbold und Bettelmönch Warlaam glänzt mit herrlicher Charakterzeichnung Inho Jeong. Sein Begleiter Missail wird von Peter Marsh verkörpert: Die beiden erinnern in ihrem witzigen Zusammenspiel irgendwie wie Laurel und Hardy. Gerade für die Orchestrierung dieser Szenen hatte Schostakowitsch ein gutes Händchen, war er doch auch ein versierter Komponist von Operetten und Filmmusik. Claudia Mahnke hat in der Szene in der Schänke als quirlige Wirtin alle Fäden in der Hand, grossartig! 

Eine ganz wichtige Figur ist der Gottasnarr: Er begleitet Boris von Beginn weg, karikiert und kommentiert das Geschehen. In dieser Inszenierung übernimmt er zusätzlich die Rolle des Leibbojaren in Boris Godunows Zarenhaushalt. Michael McCown spielt diesen Narren mit grosser darstellerischer Agilität und schneidender Stimme, aber ohne dabei allzu affektiert zu wirken. Ganz wunderbar. Die kleineren Partien erhalten durch Mikolaj Trabka (Schtschelkalow), Morgan-Andrew King (Mikititsch/Tschernikowski) und Frederic Jost (Mitjucha/Lawitzki) stimmiges Profil. Magdalena Tomczuk, Choe Robbins, Grace Choi und Tiina Lönnmark wissen als vier Frauen aus dem Volk zu gefallen.

Wichtige Rollen in dieser Inszenierung spielen auch die Zeit als Mahnmal der Vergänglichkeit, des Desasters (wenn das Räderwerk verrückt spielt) und vor allem das Ei als Symbol der Macht, des Werdens und des Vergehens und der Auferstehung. Und durch die Verlegung der Handlung um drei Jahrhunderte konnte auch effektvoll ein riesiges, schwarzes und mit kostbaren Perlen verziertes Fabergé-Ei als Machtzentrum von Boris' Thron auf der Bühne platziert werden.

Ganz am Ende schält sich der Gottesnarr aus einem übergrossen (normalen) Ei, singt sein trauriges Lied von der weinenden, gläubigen Seele und geht – fast chaplinesk – mit einem Regenschirm ab.

Die Geschichte von Macht und Unterdrückung, von revidierter Geschichtsschreibung und Verschwörungstheorien wird sich fortsetzten. Wir erleben es tagtäglich. 

Inhalt:
Der unschlüssige, jedoch ehrgeizige Regent Boris Godunow wird dazu gedrängt, sich zum Zar krönen zu lassen, da der Thron nach dem Tode des letzten Zaren verwaist war und der Thronfolger Dimitrij ermordet wurde.
Der junge Mönch Grigorij beschliesst, sich als Zarewitsch Dimitrij auszugeben und sucht beim russischen Erzfeind Polen Hilfe. Marina, eine polnische Adlige, in welche sich der falsche Dimitrij verliebt und der intrigante Jesuit Rangoni gewähren ihm Unterstützung bei seinem Plan, die Zarenkrone an sich zu reissen.

Boris Godunow wird immer öfter von Wahnvorstellungen und Gewissensbissen wegen der Ermordung des Zarewitschs heimgesucht. Die Bojaren beschliessen zwar, den falschen Dimitrij töten zu lassen, Boris Godunow jedoch bricht, dem Wahnsinn nahe, zusammen und stirbt. Die Herrschaft tritt er an seinen Sohn ab.

Der falsche Dimitrij erscheint vor Moskau und wird vom wankelmütigen, hungernden Volk jubelnd als neuer Zar begrüsst. Ein Gottesnarr beklagt das traurige Schicksal Russlands.

Werk:
Ganz im Stil einer Grand Opéra hat Mussorgski das private Schicksal seiner Protagonisten mit der Politik verstrickt, ähnlich beklemmend wie Verdi in seinem DON CARLO. 

Einrichtungen und Orchestrierungen dieser Oper Mussorgskis gibt es von Rimski-Korsakow und Schostakowitsch (da Mussorgski zahlreiche, nicht instrumentierte Skizzen hinterliess)..

Vor allem die farbige, knorrige Harmonik und der Einbezug traditioneller russischer Kirchen- und Volksmusik sowie die Blendentechnik (kurze, kontrastreiche Einzelszenen) machen BORIS GODUNOW zu einem Meisterwerk der Opernliteratur.

Den Polen-Akt prägen nationale Tanzrhythmen (Mazurka, Polonaise) und Anlehnungen an italienische Opern (Partie des Rangoni, Liebesszene).
Die Monologe des Boris im zweiten und vierten Akt gehören zu den Paradestücken grosser Bässe, von Schaljapin über Ghiuselev, Talvela, zu Ghiaurov, Raimondi, und Salminen.

Karten

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