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Frankfurt: FEDORA, 08.04.2022

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Fedora

copyright: Barbara Aumüller, mit freundlicher Genehmigung Oper Frankfurt

Oper in drei Akten | Musik: Umberto Giordano | Libretto Arturo Colautti, nach einem Theaterstück von Victorien Sardou | Uraufführung: 17. November 1898 in Mailand, mit Enrico Caruso als Loris Ipanow | Aufführungen in Frankfurt: 3.4. (Premiere) | 8.4. | 10.4. | 16.4. | 18.4. | 21.4. | 23.4. | 28.4. | 6.5. | 14.5.2022

Kritik: 

Die große Schauspielerin Sarah Bernhardt, Diva par excellence, welche die Rolle der Fedora in Victorien Sardous Drama aus der Taufe gehoben hatte, sagte über die Figur: "Für mich ist Fedora wie eine zweite Erschaffung der Frau. Eva, die Schöpfung Gottes, ist die Frau. Fedora, die Kreation Sardous, das sind alle Frauen, das ist die Verkörperung aller weiblichen Vorzüge und Schwächen ... Ein gefallener Engel mit weissen Flügeln."

Genau diese Vielschichtigkeit Fedoras kommt in Christof Loys großartiger Inszenierung beeindruckend zur Geltung. In einem salonartigen Einheitsbühnenbild (die Bühne und die fantastische, einfallsreiche Kostümdramaturgie wurden von Herbert Murauer entworfen) lässt Loy das Melodram abspielen. Die Hinterbühne wird durch einen gigantischen Goldrahmen abgetrennt. Darauf werden in schwarz-weiß Projektionen live close-ups der Protagonistin, aber auch Wege, Handlungen und Emotionen aus dem Backstage Bereich projiziert. Die Tapete, die den Rahmen ausfüllt, kann aber auch hochgefahren werden und den Blick auf stimmungsvolle tableaux vivants freigeben, so im zweiten Akt den Pariser Salon oder im dritten Akt die gelöste Stimmung in der Wohngemeinschaft der Ferienwohnung im Berner Oberland. Giordanos FEDORA läuft ja oft Gefahr, zum bloßen Ausstattungsstück zu verkommen (die dankbaren Schauplätze St.Petersburg, Paris und Schweizer Bergidylle laden natürlich vordergründig dazu ein) oder zum Vehikel für Operndiven gegen Ende ihrer Karrieren. Dies ist hier an der Oper Frankfurt weder mit Loys kluger Inszenierung (Übernahme aus Stockholm) noch mit der Interpretin der Titelrolle, Nadja Stefanoff, der Fall. Nadja Stefanoff besticht sowohl mit ihrer ausdrucksstarken, wunderschön timbrierten und vortrefflich geführten Stimme, als auch mit ihrer grandiosen szenischen Präsenz, welche in den intimen Nahaufnahmen ein überragendes schauspielerisches Talent offenbart. Da weht ein Hauch von Hollywood mit den melodramatischen Filmen der 40er und 50er Jahre durch das Haus. Und wie Sahrah Bernhardt angemerkt hatte, ist auch Nadja Stefanoff alle Frauen, mal berechnend wie Bette Davis, mal rasend vor Rach- und Eifersucht wie Joan Crawford oder Glenn Close, gar naiv wie Doris Day. Da der Zuschauer in diesem pièce-bien-faite immer mehr weiss, als die Protagonisten, kriegt die ganze Handlung den Touch des Film noir.

Giordano hat eine stimmungsvolle, atmosphärisch dicht an die drei Handlungsorte angelehnte Musik komponiert. Die ist mit eingängigen Erinnerungsmotiven durchsetzt, die Musikalität der Dialoge ist eindrucksvoll an den Sprachduktus angelehnt und doch nie bloß Konversation. Immer wieder steigen ariose, emphatische Ausbrüche auf, der Spannungsbogen reißt nie ab. Dafür sorgt das wunderbar differenziert die Feinheiten der Partitur transportierende Frankfurter Opern- und Museumorchester unter der exzellenten, die Ausführenden auf der Bühne auf herrlichen Orchesterwolken tragenden Leitung von Lorenzo Passerini. Das ist Musik, die mal zum Dahinschmelzen schön ist, wie das bekannte Intermezzo sinfonico, dann wieder aufrüttelt wie Filmmusik zu einem Thriller. Einer der vielen musikalischen Höhepunkte stellt wohl die Salonszene in Paris dar: Während der Pianist auf der Hinterbühne als Neffe und Nachfolger Chopins ein Live-Konzert gibt, entlockt Fedora auf der Vorderbühne Loris das Geständnis des Mordes an ihrem Verlobten. Das ist musikalisch und szenisch Kino von der besten Sorte, dreißig Jahre bevor der Tonfilm erfunden wurde. Der Kapellmeister der Oper Frankfurt, Simone de Felice, sprang persönlich für den vorgesehenen und leider erkrankten Pianisten Mariusz Klubczuk ein. Simone de Felice glänzten mit brillant perlendem Klavierspiel und verführerischer szenischer Ausstrahlung. Schließlich verdreht er ja der lebenslustigen Gräfin Olga Sukarew - mit überragender stimmlicher und darstellerischer Gewandtheit gesungen von Bianca Tognocchi - den Kopf.

In diesem Akt hat auch der primo uomo seinen ersten Auftritt. Und was für einen! Nach einem ultrkurzen Dialog mit Fedora stimmt er DIE Arie des Stücks an: Amor ti vieta di non amar. Jonathan Tetelman singt das natürlich mit dem gebotenen tenoralen Schmelz, seine Stimme ist dermaßen schon gefärbt, dass man einfach hin und weg ist, ja sogar Gänsehaut kriegt und wohlige Schauer spürt. Was seine Interpretation jedoch ganz einzigartig macht, ist das wunderbar organisch (und natürlich den Effekt nicht negierende) aus bezwingend feinem, intovertierten Piano aufgebaute Crescendo zum Ende der Arie hin. Ganz große Klasse! Auch im weiteren Verlauf des Stücks singt und agiert er mit sympathischer Naivität, lässt seine herrliche Stimme in den Ariosi und den Duetten immer wieder aufblitzen, wechselt im dritten Akt von verliebt-verspieltem Humor zu erbarmungsloser Wut und am Ende zu hilfloser Verzweiflung, wenn Fedora sich vergiftet und ihm entschwindet. Szenisch ist auch dies von Christof Loy sehr gelungen gelöst worden. Fedora stirbt hier nicht in seinen Armen, zum traurigen Gesang des Hirtenjungen (mit berührender Zartheit gesungen von Samuel Preissenberger) geht sie ganz unscheinbar nach hinten ab. 

Das Gegenpaar zu den beiden tragischen Protagonisten verkörpern Olga und der Diplomat de Siriex. Dieser wird mit einnehmendem Bariton von Nicholas Brownlee verkörpert. Großartig seine Analyse der russischen Frauen, nicht weniger eloquent und witzig vorgetragen fällt Bianca Tognocchis Replik über die französischen Männer aus, worin Giordano und sein Librettist nicht gerade Werbung für die Champagnermarke Veuve Cliquot machten .... . Gabriel Rollinson macht großen Eindruck als Borow, Arzt und Freund von Loris. Einen bemerkenswerten Auftritt hat der Bass Thomas Faulkner als Kutscher Cirillo, als er zur Zeugeneinvernahme durch den Polizeikommissar Gretch (sehr gut dargestellt von Frederic Jost) aufgeboten wird. Aufhorchen ließ der samtene Mezzosopran von Bianca Andrew als Laufbursche Dimitri, dem vom Regisseur noch ein niedliches homoerotisches Verhältnis mit einem anderen Bediensteten angedichtet wurde, warum auch immer, vielleicht um weitere "Aspects of Love" in die an Elementen eh schon reiche Handlung einzufügen. 

Eines wurde an diesem Abend klar: Diese Oper gehört (wieder) vermehrt auf die Bühne, nicht nur für Liebhaber des Verismo, sondern für alle, die gut gemachte, kurzweilige Stücke lieben. Die 100 pauenlosen Minuten vergingen jedenfalls wie im Flug. In dieser exzellenten Besetzung und mit diesem szenischen Konzept ist das einstige Erfolgswerk purer Opern- und Theatergenuss.

Inhalt:

Die Oper spielt Ende des 19. Jahrhunderts in St.Petersburg, Paris und im Berner Oberland

Die Witwe Fedora Gräfin Romazoff wartet vergeblich auf die Rückkehr von Graf Vladimir Andrjevich, den sie zu heiraten beabsichtigt. Der Polizeioffizier Gretch und der französischen Diplomat de Siriex bringen kurz darauf den durch einen Schuss schwer verwundeten Grafen in den Salon. Der Polizeioffizier erfährt vom Kutscher Cirillo, dass Graf Loris Ipanow den tödlichen Schuss abgegeben habe. Der Verdächtige ist nicht auffindbar, er scheint die Flucht ergriffen zu haben. Fedora beugt sich über den Verwundeten und stellt fest, dass er bereits tot ist. Sie bricht ohnmächtig zusammen, aber nicht ohne vorher geschworen zu haben, Andrjevichs Tod zu rächen.

Fedora sucht in Paris nach dem Mörder ihres Verlobten. Sie gibt ein grosses Fest, zu dem auch Loris Ipanow erscheint. Während ein Pianist spielt, gesteht Loris den Grafen Andrjevich erschossen zu haben (auf die Gründe würde er zu einem späteren Zeitpunkt eingehen) - und er gesteht auch seine Liebe zu Fedora. Fedora setzt sofort einen Brief nach St.Petersburg auf, um die dortigen Behörden über Loris' Geständnis des Mordes in Kenntnis zu setzen. Kaum ist der Brief abgeschickt, kommt Loris' Rechtfertigung für den Mord: Graf Andrjevich habe Loris' Gattin den Hof gemacht. Als Loris die beiden in flagranti ertappt habe, habe Andrjevich auf ihn geschossen. Loris schoss zurück und traf den Grafen tödlich. Fedora, der Loris ohnehin nicht gleichgültig war, erkennt nun die ehrenhaften Gründe für die Tat und versteckt Loris über Nacht bei sich.

Loris und Fedora leben glücklich und zurückgezogen im Berner Oberland. Von de Siriex erfährt Fedora, dass aufgrund ihres Briefes an die russischen Behörden Loris' Familie drangsaliert und zum Teil verhaftet wurde. So starb Loris' Bruder im Gefängnis, seine Mutter ging am Verlust des Sohnes ebenfalls zugrunde. De Siriex nimmt die Gräfin Olga mit auf eine Fahrradtour. Loris erhält ein Telegramm, worin ihm die Begnadigung durch den Zaren mitgeteilt wird. Fedora gesteht Loris nun, dass sie es war, die den verleumderischen Brief geschrieben hatte. Loris ist ausser sich und will Fedora töten. In ihrer Verzweiflung nimmt Fedora Gift. Loris ruft einen Arzt, doch es ist zu spät. Fedora stirbt in Loris' Armen, im Hintergrund erklingt der Gesang eines Hirtenjungen.

Werk:

Umberto Giordano (1867 - 1948) war neben Mascagni und Leoncavallo der bedeutendste Opernkomponist der Stilrichtung des Verismo. Seine Oper ANDREA CHÉNIER ist bis heute eine der meistgespielten Opern dieses Genres. Auch FEDORA und andere seiner Bühnenwerke feierten zu Beginn Triumphe, gerieten jedoch zusehends in Vergessenheit. Erst als sich ab den 1960er Jahren grosse Primadonnen der Titelrolle annahmen, begann eine Renaissance dieser farbenreichen Partitur. Magda Olivero, Renata Tebaldi und später Eva Marton, Mirella Freni oder Daniela Dessì und Angela Gheorghiu brillierten in der Rolle. Der Tenorarie Amor ti vieta verdankte der Sänger des Loris in der Uraufführung seinen Karrieredurchbruch. Er sang die Arie immer wieder in Konzerten und auch andere Tenöre setzten und setzen sie gerne als Zugabe in ihren Rezitals ein.

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