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Willkommen in der Welt der Oper

Auf dieser Seite finden Sie Kritiken meiner Opern- und Konzertbesuche und bekommen Informationen rund um Spielpläne und Opernhäuser (vorwiegend aus der Schweiz und aus Deutschland). Die Premierenberichte erscheinen wann immer möglich am Tag nach der Premiere und damit in aller Regel vor den Printmedien. Kommentare und eigene Eindrücke von BesucherInnen dieser Seite sind ausdrücklich erwünscht. Ich wünsche allen viele unvergessliche, spannende und aufwühlende Opernbesuche. 

Sehr erfreut bin ich auch über die unkomplizierte Zusammenarbeit mit der informativen Online-Plattform http://deropernfreund.de. Auch hier erhalten Sie vielschichtige und fundierte Empfehlungen für Besuche in der reichhaltigen Theaterlandschaft Deutschlands, Österreichs und der Schweiz.

Zürich: DAS LAND DES LÄCHELNS, 18.06.2017

Romantische Operette in drei Akten | Musik: Franz Lehár | Libretto: Ludwig Herzer, Fritz Löhner-Breda und Victor Léon | Uraufführung: 10 Oktober 1929 in Berlin | Aufführungen in Zürich: 18.6. | 21.6. | 25.6. | 29.6. | 2.7. | 6.7. | 9.7. | 13.7.2017 und Wiederaufnahme in der kommenden Saison

copyright: T+T Fotografie | Toni Suter, mit freundlicher Genehmigung Opernhaus Zürich

Kritik:

Die Affiche für diese erste Operetten-Neuproduktion seit vielen Jahren am Opernhaus Zürich hätte glanzvoller kaum sein können. Das Führungsteam des Hauses persönlich hat sich um Léhars DAS LAND DES LÄCHELNS gekümmert (der Intendant Andreas Homoki hat inszeniert, die musikalische Leitung lag in den Händen von GMD Fabio Luisi, der Chefdramaturg Claus Spahn lieferte im Magazin und im Programmheft eine kluge Analyse über das Wesen und die Bedeutung der Gattung in der Gegenwart). Dazu standen die Opernstars Piotr Beczala und Julia Kleiter für das „ernste“ Paar auf der Besetzungsliste. Und dann dies: Wie so oft ernteten die für die musikalische Seite Verantwortlichen viel Applaus und gar Jubelstürme (für den Startenor) – doch die Inszenierung des Hausherrn stiess neben freundlicher Zustimmung doch auch auf deutlich vernehmbare Ablehnung. Was war passiert? Denn optisch vermochte das Ganze doch sehr zu überzeugen. Wolfgang Gussmann hatte einen grossen Zylinder auf die Bühne (sie bildet quasi eine Bühne auf der Bühne – ein an den Stil der Art déco erinnerndes Revue-Theater) gestellt. Um diesen Zylinder und vor der halbrunden, mit stimmigem Farbenkonzept spielenden Rückwand rankte sich eine elegante Showtreppe. Für die intimeren Szenen, welche die seelische Befindlichkeit der vier Protagonisten ausloten sollten, wurde der tiefblau schillernde Vorhang gezogen (mit der Zeit etwas ermüdend, da voraussehbar). Die Kostüme (Wolfgang Gussmann und Susana Mendoza) waren ein Traum, ganz im Stil der Entstehungszeit gehalten, späte 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, auch die chinesischen Kostüme enthielten nur leicht folkloristische Züge, erfreuten das Auge mit ihrer Eleganz in China-Rot und Gold. Andreas Homoki dampfte das Personal dieser romantischen Operette auf die beiden Paare und den Oheim des Prinzen Sou-Chong (Tschang) und einen Obereunuchen ein. Die Randfiguren, sowie praktisch alle gesprochenen Dialoge, wurden gestrichen. (Homoki scheint eine Abneigung gegen gesprochene Dialoge auf der Opernbühne zu haben, bereits bei seinem FIDELIO wurden die Dialoge gestrichen.) Doch anstelle einer Konzentration auf das Innere der Figuren bewirkte die nun erfolgte ununterbrochene Aneinanderreihung von „Schlagern“ und Musiknummern Ermüdungserscheinungen für das Ohr und man verlor schnell das Interesse an der Handlung, zumal diese unter der (zugegebenermassen auf Hochglanz polierten) Oberfläche kaum mehr wahrzunehmen war. Dem Ganzen fehlte irgendwie das Augenzwinkern und die Würze – vielleicht hätten eben gerade die Dialoge diesen Touch einbringen können. Begonnen hatte Homoki allerdings ganz stark: Während der Ouvertüre öffnet sich kurz der Vorhang des Revue-Theaters, Sou-Chong tritt verwundert in diese fremde Welt, Lisa kommt dazu, die Blicke der beiden bilden eine erotische Brücke, doch schon ist auch Gustl da – Dreieckskontellation - und dann tritt auch noch Mi auf und das Quadrat ist vollkommen und die Konstellation vorgespurt. Julia Kleiter als Lisa machte darstellerisch alles richtig, um den emanzipatorischen Charakter der jungen Frau, welche vom Exoten Sou-Chong dermassen fasziniert ist, herauszuarbeiten. Auch Rebeca Olvera als Prinzessin Mi und Spencer Lang als Gustl verliehen ihren Charakteren gekonnt Profil. Piotr Beczala als Sou-Chong dagegen wirkte etwas gar steif. Dafür sang er himmlisch, ja geradezu unübertrefflich. Da konnte man bei jeder seiner Nummern im siebten (tenoralen) Operettenhimmel schwelgen. Nur zu Beginn des zweiten Teils musste er einen Kampf mit dem Text beinahe aufgeben (wo war der Souffleur?) und rettete sich nur mit – allerdings routiniertem - textlichem Gemauschel durch Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt. Restlos begeisternd und wunderschön intoniert, mit weichem Ansatz und ohne Drücker gesungen war Dein ist mein ganzes Herz – zum Dahinschmelzen. Einige Spitzentöne im Piano sang er mit sauber falsettierender Stimme, das ist mir persönlich allemal lieber, als ein zerbröselndes Hochziehen mit forcierten Drückern. Problematischer war Julia Kleiters eher kalte, metallisch gefärbte Stimme als Lisa ("beinahe" Rollendebüt für sie, sie sang die Lisa an der Kölner Musikhochschule vor 15 Jahren bereits einmal). Vor allem in der hohen Lage wirkte die Stimme leider etwas zu scharf, zu dramatisch schwer und zu vordergründig. Das kann natürlich auch der Premierennervosität geschuldet sein. Sehr gelungen jedoch ihr Spiel. Wunderbar besetzt war das „leichte“ Paar mit der quirlig agierenden und mit Quecksilber in der Stimme singenden Rebeca Olvera als Prinzessin Mi und dem aufhorchen lassenden Tenor von Spencer Lang als Gustl von Pottenstein. Spencer Lang (wie Rebeca Olvera einst Mitglied des IOS) hat sich mit dieser Partie definitiv für weitere Aufgaben im lyrischen Tenorfach empfohlen. Es mag am Libretto dieser romantischen Operette liegen, dass so wenig gelacht werden konnte an diesem Abend. Einzig Martin Zysset als Obereunuch hatte in seinem umwerfenden Auftritt die Sympathien des Publikums im Handumdrehen erobert. Zusammen mit Cheyne Davidson (der leider wenig zu singen hatte) gerieten die Pantomimen der beiden zu wahren Kabinettsstückchen. Lustig waren auch die Tänzerinnen, welche Mis Auftritt begleiteten und sich dann als engagiert den Gustl verfolgende Tennisspielerinnen entpuppten (Choreografien: Arturo Gama). Fabio Luisi und die glänzend disponierte Philharmonia Zürich machten Léhars Partitur zu einem Hochgenuss, fächerten die überaus kunstvolle Orchestrierungskunst Léhars mit überragender Transparenz auf. Das hatte Schmiss, Tiefgang und Klasse, da liessen gewisse Passagen an Puccini denken, andere – wie die Behandlung der Streicher – an Léhars anderen Zeitgenossen Richard Strauss. Fabio Luisi und das Orchester legten damit ein überzeugendes Plädoyer für die silberne Operette ab.

Ganz am Ende fand Homoki dann nochmals zu seinem eigentlichen Credo, nämlich Musiktheater zu machen, das uns auch etwas zu sagen hat: Während Piotr Beczala als Sou-Chong mit Lieb Schwesterlein, sollst nicht traurig sein – Lächeln trotz Weh und tausend Schmerzen nochmals puren Operettenkitsch verströmt, rennt Rebeca Olvera als Mi verzweifelt von der Bühne. Länger kann sie das oberflächlich seichte Gesäusel nicht ertragen. Das ist ganz toll gemacht und man kann da eine Träne doch nicht ganz unterdrücken. Und deshalb fand ich persönlich auch die Buhs für das Inszenierungsteam total unangebracht.

Inhalt:

Kurz nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die feinen Damen (und Herren) der Wiener und anderer Gesellschaften sind fasziniert vom Exotischen, sprich Asiatischen, fühlen sich auch sexuell von den „Fremden“ angezogen. So auch Lisa, die verwöhnte Tochter des Grafen Lichtenfels. Sie verguckt sich in den chinesischen Prinzen Sou-Chong, der in Wien weilt, um westliche Gebräuche zu studieren. Ihren ehemaligen Verehrer Gustl von Pottenstein weist Lisa ab und entschliesst sich, dem Prinzen Sou-Chong in seine Heimat zu folgen, voller Idealismus und ohne die geringsta Ahnung von der chinesischen Kultur.

Doch schon im zweiten Akt wird sie von der gesellschaftlichen Realität des Alltags im fremden Orient eingeholt, die Gräben zwischen den beiden Kulturen scheinen unüberbrückbar. Gustl ist Lisa nach China nachgereist und beflügelt in ihr die Sehnsucht nach ihrem früheren Leben. Als dann Sou-Chong noch dem Drängen seines sittenstrengen Onkels nachkommen muss, der fordert, dass Sou-Chong die Ehe mit vier Mandschu-Mädchen eingehen soll, will Lisa dies nicht hinnehmen. Sou-CHong verliert die Beherrschung, auch die sturen Charaktere der beiden scheinen nicht füreinander geschaffen zu sein. Unterdessen ist auch Gustl in Peking angekommen und lässt sich von Sou-Chongs Schwester Mi (nicht nur) kulinarisch verwöhnen. Auch hier scheint sich eine gegenseitige Anziehung anzubahnen.

Lisa ist es leid, immer nur Reis zu essen, sie sehnt sich nach Kartoffeln. Doch da sie im Palast zu Pekung gefangengehalten wird, ist es schwierig dieses Bedürfnis zu befriedigen. Aber zum Glück ist ja Gustl da. Um ihr zur Flucht zu verhelfen, ist er wieder gut genug. Sou-Chong durchkreuzt zwar die Fluchtpläne, doch schliesslich muss er einsehen, dass eine dauerhafte Verbindung mit Lisa nicht möglich ist, und er lässt die beiden ziehen. Immer nur lächeln ... und damit die wahren Emotionen überdecken. Auch Prinzessin Mi ist natürlich bitter enttäuscht, aber wer seiss, vielleicht kehrt Gustl ja eines Tages wieder?


Werk:

Franz Lehár (1870-1948) gilt als Hauptvertreter und Mitbegründer der sogenannten Silbernen Operettenära, zusammen mit Oscar Straus, Leo Fall, und Emmerich Kálmán. Lehár, der mit einer Jüdin verheiratet war und bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten fast ausschliesslich in jüdischen Kreisen verkehrte, genoss bei Goebbels und Hitler grosses Ansehen und so durften seine Werke nach kurzzeitigem Verbot auch während den Jahren 1933-1945 aufgeführt werden. DIE LUSTIGE WITWE war gar eines der Lieblingswerke Hitlers. Sein Freund, der Librettist Fritz Löhner-Breda, der auch am Textbuch von DAS LAND DES LÄCHELNS mitgewirkt hatte, wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Dass sich Lehár für seinen Freund eingesetzt hätte, ist nicht belegt. Ungeachtet der nicht ganz lupenreien Art, wie Lehár sich in dieser schwierigen Zeit mit dem Regime arrangiert hat, haben seine Operetten auch dank ihrer musikalischen Qualitäten überlebt. Lehár war ein glänzender Melodiker, der die Stile des Wiener Walzers, der ungarisch-slawischen Weisen mit ihrer Sentimentalität und die keckere musikalische Sprache der Franzosen auf spritzige Art miteinander verschmlozen hat. Manchmal sind seine Werke etwas zu sentimental, doch stets kurzweilig und mit einer ingenuösen melodischen Einfallskraft gewürzt. DAS LAND DES LÄCHELNS entstand auf der Basis einer früheren (erfolglosen) Operette, welche als DIE GELBE JACKE 1923 uraufgeführt wurde. Den grossen Hit Dein ist mein ganzes Herz fügte Lehár neben diversen Umarbeitungen für DAS LAND DES LÄCHELNS hinzu. Puccini und Lehár haben sich gegenseitig sehr bewundert. Auch Lehár beherrschte durchaus die Kunst der ausschweifenden, effektvollen Gesangsbögen und seine Instrumentationskunst war unschlagbar kunstvoll.

Musikalische Hits:

Dein ist mein ganzes Herz
Immer nur lächeln
Bei einem Tee à deux
Von Apfelblüten einen Kranz
Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt?
Meine Liebe, deine Liebe
Liebes Schwesterlein, sollst nicht traurig sein

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 18. Juni 2017 Gelesen: 308

Keywords: Zürich Opernhaus, Léhar Franz, Das Land des Lächelns, Luisi Fabio, Homoki Andreas, Beczala Piotr, Kleiter Julia


Kategorie: Das Land des Lächelns