St.Gallen: IL PIRATA, 19.05.2018 

St.Gallen: IL PIRATA, 19.05.2018

Romantische Oper in zwei Akten | Musik: Vincenzo Bellini | Libretto: Felice Romani, nach Maturins Schauerstück BERTRAM OR THE CASTLE OF ST:ALDOBRAND | Uraufführung: 27. Oktober 1827 in Mailand | Aufführungen in St.Gallen: 28.4. | 6.5. | 16.5. | 19.5. | 29.5. | 1.6. | 5.6.6 | 10.6.2018

copyright: Iko Freese, mit freundlicher Genehmigung Theater St.Gallen

Kritik:

 

Das Theater St.Gallen entwickelt sich immer mehr zu einem Mekka für die Liebhaber von Bellinis süchtig machenden melodie lunghe, lunghe, lunghe (wie Giuseppe Verdi sie nannte). Nach der fulminant besetzten LA SONNAMBULA (2010) und der geradezu exemplarisch Massstäbe setzenden NORMA (2016 - man darf sich bereits auf die Wiederaufnahme in der kommenden Saison freuen) stellt das Theater St.Gallen nun also die eher selten auf den Spielplänen auftauchende Oper IL PIRATA zur Diskussion. Und erneut gelingt der kleinen Bühne ganz Grosses: Ein szenisch und musikalisch hoch spannender, begeisternder Opernabend, ein Plädoyer für das Werk und die italienische Romantik. Diese Romantik kommt hier in der Inszenierung von Ben Baur in einem quasi filmischen Gewand daher, Assoziationen an Viscontis IL GATTOPARDO und Meisterwerke des italienischen Neorealismo der 40er Jahre (gegen Ende des 2. Weltkriegs) werden durch das Bühnenbild (ebenfalls von Ben Bauer), die Lichtgestaltung (Mariella von Vequel-Westernach) und die Kostüme (Uta Meenen) evoziert, sie geben der Oper plastische Struktur, kratzen an der schauerromatischen Oberfläche der Vorlage, bringen Spannung und in die Tiefe gehende Charakterisierung der Protagonisten. Einen gekonnten Kniff erlaubt sich der Regisseur, in dem er die erste Szene der Oper an den Beginn stellt, sie aber neu interpretiert. Nicht der fürchterliche Sturm (wie in Verdis OTELLO) wird hier vom Chor und von Goffredo beschrieben, sondern wir wohnen einer Trauerfeier teil, in der Mitte ein Kindersarg mit Foto und einem Spielzeug-Piratenschiff. Die Trauergemeinde weicht vor der verstört wirkenden und am Ende der Trauerzeremonie regelrecht ausrastenden Mutter zurück – man ahnt: Schreckliches ist geschehen. Der schwarze Vorhang schliesst sich gleich einer Filmblende wieder. Erst jetzt setzt die Ouvertüre ein, wie in einem Stummfilm wird „Zehn Jahre früher“ eingeblendet, und pantomimisch dargestellt erleben wir zur Ouvertüre die Vorgeschichte, die erzwungene Heirat Imogenes mit Ernesto, die Flucht Gulatieros, die Geburt des Kindes. Beinahe atemlos verfolgt man das nun einsetzende Drama, diese fatale Dreiecksgeschichte. Denn natürlich ist man mehr als gespannt, warum diese Kindesbeerdigung am Anfang der Oper steht, ist doch im Libretto von Felice Romani nichts davon zu lesen. Doch willkürlich ist der Einfall des Regisseurs beileibe nicht, denn in der Dramenvorlage des irischen Autors Maturin (Grossonkel von Oscar Wilde) bringt Imogene tatsächlich im Wahn ihr Kind um. Auch Goffredo ist dort ein Prior und nicht wie bei Bellini/Romani ein Einsiedler. Doch in der französischen Fassung, auf der Romanis Libretto fusst, wurden diese Elemente aus Zensur- und Schicklichkeitsgründen eliminiert, wie im Programmheft zu lesen ist. In St.Gallen mutiert diese Imogene also zu einer Art Medea, bringt ihr eigenes Kind um, nicht unbedingt aus Rache an ihrem despotischen Ehemann (und Paten der Mafia, er hat etwas von Marlon Brando in THE GODFATHER), sondern weil sie nicht will, dass sich die Spirale der Gewalt in ihrem Kind fortsetzt. Denn anlässlich eines Festes bei Ernesto (inklusive korrupten Boxkampfs mit Wetten) unterzieht Ernesto diesen Jungen dem blutigen Initiationsritual der Cosa Nostra: Er ritzt dem Jungen die Haut auf, lässt dessen Blut auf Geldscheine tropfen und entzündet diese. Am Ende der Oper befinden wir uns wieder bei der Beerdigung des Kindes vor dem Sarg. Imogene versinkt nach ihrem Ausraster in der ersten Szene nun in einen quasi entrückten Wahn, und die Worte, die sie singt, machen eben gerade im Kontext des vorangegangenen Kindsmordes Sinn, wenn sie davon singt, ihren Sohn gerettet zu haben (Il figlio è salvo) und nun vermeint, die Trompete des Jüngsten Gerichts zu hören (Del giorno finale è questo la tromba). Dass diese finale Wahnsinnsszene dermassen unter die Haut geht, ist nicht nur Bellinis Koloraturentaumel zu verdanken, sondern vor allem der Interpretin in St.Gallen, Joyce El-Khoury. Sie porträtiert diese Imogene mit einer Eindringlichkeit sondergleichen, zeichnet das Schicksal einer Frau, zerrissen zwischen den mafiösen Charakterstrukturen ihres Gatten Ernesto und den nicht minder machohaften und cholerischen Attitüden ihres wieder aufgetauchten einstigen Geliebten Gulatiero. Stimmlich ist Joyce El-Khoury schlicht fulminant, bombensicher intonierend, bruchlos von den Tiefen zum hohen C aufschwingend, mit gleissend-metallisch klingenden Tönen ebenso auftrumpfend wie mit empfindsamen Piani, der entrückte Schlussgesang eine begeisternde Darbietung belkantistischer Finessen, schwebende, entrückte Piani, saubere Läufe und Koloraturen, ein stimmliches Fest, eine „Messe der Stimme“. Genau dieses messa di voce beherrscht auch Arthur Espiritu mit seiner stupenden Technik in der anspruchsvollen Tenorrolle des Gualtiero. Auch er glänzt mit fantastisch sicherer Intonation, ungefährdet sowohl in den vielen Forte-Passagen, als auch in sehr schön gestalteten Piano-Phrasen. Espiritu überzeugt mit wunderbar dynamisch abgestuftem Vortrag, herrlichen Höhen bis zum hohen D! Doch das Belcanto-Glück hat damit noch kein Ende: Auch Marco Caria als Mafiaboss Ernesto überzeugt mit seinem kernigen Bariton restlos, gibt den selbstbewussten Machtmenschen ebenfalls mit stupender musikalischer Sicherheit und vokaler Geschmeidigkeit. Szenisch und gesanglich ganz besonders erwähnenswert die Szene im Gemach Imogenes, wo der Knabe erst die lautstarke Auseinandersetzung zwischen seinen Eltern mitanhören muss (Szenen einer Ehe) und das darauffolgende Terzett, das dann im Duell (hinter der Szene) zwischen Ernesto und Gulatiero eskaliert. Stets eine sichere Bank in St.Gallen ist der hervorragende Bassist Martin Summer, der dem Goffredo gewichtiges Profil verleiht. Die Qualität einer Regiearbeit lässt sich oft auch an der Behandlung der Nebenfiguren und des Chors ablesen. Bei Ben Bauers Arbeit erhalten auch die beiden besorgten Gefährten Gualtieros (Itulbo) und Imogenes (Adele) genau gezeichnetes Profil und diese kleinen Partien werden von Riccardo Botta und Tatjana Schneider sehr klangschön interpretiert. Mit herausragender Kraft singen der präzise intonierende Chor des Theaters St.Gallen und der Opernchor St.Gallen (Einstudierung: Michael Vogel). Besonders eindringlich singt und agiert er im Finale I, wo sich das Drama in einem Zeitlupentanz des Chores und schliesslich Imogenes mit Ernesto zuspitzt und sie dann beim Abgang (wie Melania Trump ...) die Hand ihres Gatten wegschubst.

Bellinis orchestrale Sprache mag nicht die differenzierteste sein, legte er doch den Schwerpunkt auf die gesangliche Melodie und deren Linie, doch Stimmungen vermochte er allemal auch aus dem Orchester heraus zu erzeugen. Diese werden vom Sinfonieorchester St.Gallen mit fein ziselierter Akkuratesse gespielt, wunderschön zum Beispiel das Englischhorn und die Flöte in der Schlussszene. Der Dirigent diese Abends, Stéphane Fromageot, kann es aber auch, wo nötig, ordentlich und effektvoll krachen lassen (Sturm), achtet jedoch auf eine ausgewogene Balance und feine solistische Zwischentöne.

Ganz besonderes Lob verdient Elhat Hoti in der stummen Rolle von Imogenes Sohn: Es ist bestimmt für ein Kind nicht ganz einfach, sich vom Vater (oder Stiefvater, denn ganz so klar ist es nicht, ob Ernesto wirklich der leibliche Vater ist ...) zu blutigen Ritualen missbrauchen zu lassen und dann von der Mutter noch erdolcht zu werden!

Voll besetzt war das Theater St.Gallen an diesem Pfingstsamstagabend leider nicht – Opernfreund*innen des Belkanto und von intelligenten, spannenden und stimmigen Inszenierungen sei die Pilgerfahrt nach St.Gallen wärmstens empfohlen!

Inhalt:

Die Oper spielt in Sizilien zur Zeit der Auseinandersetzungen zwischen den Häusern der Staufer, derjenigen von Aragon und von Anjou im 13. Jh. um die Vorherrschaft auf der Insel.

Vorgeschichte:

Gualtiero, einer der Anhänger des vom Papst als illegitim bezeichneten Königs Manfred, musste nach der Niederlage Manfreds gegen Karl von Anjou aus Sizilien nach Aragon fliehen. Zurück blieb seine Geliebte Imogene. Diese heiratete in der Folge den Erzfeind Gualtieros, den Herzog Ernesto von Caldera, nicht zuletzt um ihren Vater zu schützen, der ebenfalls ein Anhänger Manfreds gewesen war.

Oper:

Gualtiero erleidet in einem Sturm zusammen mit seinen aragonesischen Piraten Schiffbruch vor der sizilianischen Küste. Der Einsiedler Goffredo (und früherer Lehrer Gualtieros) erkennt seinen einstigen Schüler. Die Aragonesen werden im Schloss des Herzogs untergebracht. Dort treffen sich Imogene und Gualtiero nach über zehn Jahren wieder. Doch Imogene, die Gualtiero immer noch innigst liebt, kann sich aus familiären Zwängen nicht von Ernesto trennen, da sie mit ihm auch ein Kind hat. Ernesto jedoch ist misstrauisch geworden. Als er zusammen mit seinen Mannen den Sieg über die aragonesichen Piraten feiern will, bemerkt er die Kühle seiner Frau. Nur mit Mühe kann Imogene ihren Mann davon abhalten, Gualtiero und die Seinen in den Kerker zu werfen.

Ernestos Misstrauen wächst zusehends. Als er erfährt, dass ausgerechnet Gualtiero in seinem Schloss weilt, will er diesen suchen. Inzwischen gelingt es Imogene, ihren Geliebten zu warnen. Sie nehmen voneinander Abschied, werden aber von Ernesto überrascht. Ernesto und Gualtiero duellieren sich. Ernesto fällt und Gualtiero stellt sich dem Gericht. Er wird zum Tode verurteilt. Imogene treibt dieses Urteil in den Wahnsinn.

Werk:

Vincenzo Bellinis (1801-1835) dritte Oper IL PIRATA stellte seinen sensationellen Durchbruch in der internationalen Opernwelt dar und war zugleich der Startschuss für die Epoche der italienischen Romantik im Bereich des Musiktheaters. Der Librettist Felice Romani hatte die schauerliche Vorlage entdämonisiert. Gualtiero ist bei Romani/Bellini nicht mehr so fluchbeladen, begeht am Ende auch nicht Suizid, Imogene vollzieht weder den Ehebruch, noch bringt sie ihr Kind um. Sie verfällt dem Wahnsinn – und damit war die Schleuse für die tragisch-keusche Frauengestalt in der romantischen italienischen Oper für diese unschuldigen weiblichen Wesen geöffnet, die durch tragische (von Männern verursachte) Spiele und Ränke am Ende dem Wahnsinn verfallen (z.B. Lucia di Lammermoor oder Anna Bolena).

In der musikalischen Faktur kommt IL PIRATA bei weitem weniger lyrisch daher als seine späteren Erfolgsstücke wie NORMA oder LA SONNAMBULA. Die Partien sind von der Linienführung und der Ausdrucksstärke eher auf der robusten, schmetternden, virtuosen Seite angelegt, nur gelegentlich schimmern die für Bellini so typischen Lyrismen auf, so z.B. im Cantabile der Wahnsinnsszene (Col sorriso d'innocenza), wo die Triolen selige Begleitung quasi das Casta diva aus NORMA vorwegnimmt.

Obwohl IL PIRATA bei der Uraufführung in der Mailänder Scala enthusiastisch gefeiert worden war und von einigen Bühnen auch im Ausland (Dresden, Wien, London, Graz, München, New York, Havanna, Buenos Aires, St.Petersburg) übernommen wurde, kam es im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts nur noch zu vereinzelten Aufführungen.

Maria Callas stellte IL PIRATA ab 1958 an der Scala und im Jahr darauf in New York erneut zur Diskussion, sang die Wahnsinnsszene gerne in ihren Konzerten. Auf die Callas folgten Leyla Gencer und Montserrat Caballé, sie wurden in der Nachfolge der Callas mindestens ebenbürtige Interpretinnen der schwierigen Partie der Imogene, später nahmen sich auch Mara Zampieri (Zürich), Lucia Aliberti (Berlin), Edita Gruberova (Wien) oder Renée Fleming (New York) erfolgreich der Rolle der Imogene an.

Karten


Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 19. Mai 2018 Gelesen: 1011

Kategorie: Il pirata