Berlin, Konzerthaus: BEETHOVEN SINFONIE NR.9, 27.04.2018 

Berlin, Konzerthaus: BEETHOVEN SINFONIE NR.9, 27.04.2018

Tōre Takemitsu: FAMILY TREE (Musical verses for young people) | Uraufführung: 20. April 1995 in New York unter Leonard Slatkin | Ludwig van Beethoven: SINFONIE NR.9 | Uraufführung: 7. Mai 1824 im Kärntnertortheater in Wien | Dieses Konzert im Konzerthaus Berlin: 27. 4. | 28.4. | 29.4.2018

Ludwig van Beethoven (1770-1827)

Kritik:

 

Der Finalsatz von Beethovens bahnbrechender 9. Sinfonie stellt natürlich stets eine effektsichere Bank dar, doch an diesem Abend im Konzerthaus Berlin geriet er zu einem veritablen coup de théâtre, führte zu einem kollektiven Jubelschrei des Publikums, kaum war der letzte Fortissimo-Akkord verklungen. Wie kam’s? Als sich nach der Pause die Musiker*innen des Konzerthausorchesters Berlin an ihre Pulte setzten, fragte man sich, wo sich denn der Chor für das Chorfinale platzieren werde. Vielleicht auf der schmalen Orgelempore? Auch Stühle für die vier Gesangssolisten waren auf den ersten Blick nicht auszumachen. Nach dem Scherzo schlichen sich die vier Solisten beinahe unbemerkt ins Orchester und setzten sich verteilt zwischen die Instrumentenfamilien. Aber noch immer keine Spur von der Anwesenheit eines Chors. Das Adagio/Andante verklang, der Schlusssatz begann. Die Celli warfen verstörende Fragen auf, die Holzbläser versuchten vergeblich mit lieblichen Phrasen zu antworten, mit Chaos drohte Beethoven in seiner Partitur. Hanno Müller-Brachmann erhob sich, wandte sich mit autoritärem, leicht metallisch geschärftem Bassbariton an die Musiker mit dem Rezitativ O Freunde, nicht diese Töne! Auf sein Vorsingen der Freude, schöner Götterfunken sollte der Chor antworten, die Melodie aufnehmen, fortspinnen. Und er tat es! Der Chor hatte sich nämlich mitten unter das Publikum ins Parkett gesetzt, verteilt über alle Reihen, da mal drei Bässe, dort ein Sopran, da ein Alt, hier zwei Tenöre. Die Wirkung dieses Surround Sounds war schlicht überwältigend: Was Beethoven vorgeschwebt haben mag, eine Gemeinschaft, welche die Utopie des Friedens und des Elysiums beschwört und dabei alle Standesunterschiede aufhebt, wurde hier im Konzerthaus auf bestechende Art umgesetzt. Alle Menschen werden Brüder und Seid umschlungen Millionen quasi aus der Mitte der Gesellschaft heraus intoniert. Chefdirigent Iván Fischer hatte natürlich alle Hände voll zu tun, um die schwierige Koordination zwischen Orchester, Solisten und dem im Saal verteilten Chor zu gewährleisten, er wurde quasi zu einem 360°- Dirigenten, drehte sich beinahe wie ein Derwisch unermüdlich auf seinem Podium und schaffte es auf bewundernswerte Art, die Fäden konzentriert zusammenzuhalten und das bei Tempi, die an Rasanz kaum mehr zu überbieten waren. Man verstand zwar kaum mehr ein Wort (was nicht weiter wichtig ist, denn der Text von Schillers Ode an die Freude ist allgemeines europäisches Kulturwissen), doch die Wirkung der Musik riss einen am Ende regelrecht vom Sitz. Am Konzerttag erfuhr man, dass aus „produktionsbedingten“ Gründen anstelle des Rundfunkchores Berlin The Choir of  the Transylvania State Philharmonic die Chorpartie übernommen habe. Was auch immer diese Gründe gewesen sein mögen, das Ergebnis war ein Ereignis: Die Klangkultur des rumänischen Chors war exzellent, markant sonore Bässe, leuchtende Soprane mit sauber gehaltenen, langen Tönen, warme Altstimmen, wunderbare Tenöre. Das Solistenquartett, das für seine Einwürfe und die Kadenz aus der Mitte des Orchesters nach vorne trat, war exquisit zusammengesetzt. Neben dem erwähnten Hanno Müller-Brachmann begeisterten Christiane Karg mit ihrem mühelos jubelnden Sopran, Gerhild Romberger mit sattem, aufhorchen lassenden Alt und Mauro Peter mit seinem fein und einschmeichelnd geführten Tenor. Iván Fischer und das Konzerthausorchester Berlin betonten in ihrer Interpretation nicht erst im Schlusssatz die Modernität, den ungewöhnlichen, weit über seine Zeit hinausragenden Genius Beethovens. Gerade auch im Kopfsatz wurden die bebenden, von Schrecken kündenden Motive mit ihrem repetitiven Charakter ausgesprochen plastisch herausgearbeitet. Energiegeladenes Aufbäumen, dynamische Steigerungen, ein Versinken in zerklüfteten Abgründen prägten die Interpretation. Vorwärtsdrängend und geheimnisvoll wurde das Scherzo durchschritten, die Pauke war prominent direkt vor dem Dirigenten platziert. Ausgezeichnet intonierten Horn und Oboe ihre Einwürfe. Der langsame Satz stellte die liebliche Idylle in den Vordergrund, wunderbar warm und tröstend klangen die Streicher, bevor dann die Fanfaren aus Trompeten, Hörnern und Pauken die Innigkeit zu stören versuchten.

Mit einer Spieldauer von knapp 70 Minuten ist Beethovens Sinfonie nicht ganz abendfüllend, da stellt sich natürlich die Frage, mit welchem Werk man diesen humanistischen Aufruf kombinieren könnte. Darauf hat das Konzerthaus Berlin eine bestechende Antwort gefunden: 100 Jahre ist es her, seit Beethovens Sinfonie erstmalig in Japan erklungen war, aufgeführt von Deutschen im Juni 1918 im „Kriegsgefangenenlager Bando“, in der Stadt Naruto. Nun stellte man Beethovens Utopie eine Komposition eines Japaners voran, Toru Takemitsus FAMILY TREE, eine Reflexion über Liebe, über Verbundenheit der Generationen, über Fragen zur Reise des Lebens. Die Gedichte des Lyrikers Shuntaro Tanikawa werden dabei von einer jungen Frau vorgetragen (hier war es Hanna Yukiko Kusaka, die Tochter der Konzertmeisterin). Sie trat in einem traditionellen japanischen Kleid auf, sprach ihre japanischen Texte mit klarer, ausgeglichener Stimme (Übersetzungen wurden projiziert). Der erfolgreiche Komponist Takemitsu hatte diese Texte in seiner Komposition von 1992 in eine zarte, impressionistisch angehauchte Musik eingebettet, mit u.a. Celesta. Glocken, Vibraphon und Akkordeon im großen Orchester apart instrumentiert. Es ist eine Musik, an der sich das Ohr wunderbar orientieren kann, mal leicht schwelgerisch, dann wieder von transparenter Zartheit geprägt, Melancholie, Hoffnung und Gesanglichkeit münden am Ende in einen leicht sentimentalen Tanz, wenn die junge Frau nach dem Rückblick auf Kindheit, Großeltern, den distanzierten Vater und die alkoholabhängige Mutter ihrer Hoffnung auf die große Liebe Ausdruck verleiht, ihre Überzeugung darlegt, dass sie auf ihrem zukünftigen Lebensweg „weiter als das Meer“ werde gehen können.

Erst kommt die Liebe in der Kleinzelle der Familie(Takemitsu), daraus erwächst die Freude für die gesamte Menschheit (Beethoven) – das war ein klug konzipierter Konzertabend, begeisternd umgesetzt!

Werke:

Der japanische Komponist Tōre Takemitsu (1930-1996) war ein universell gebildeter Mann mit vielerlei Interessen, die vom französischen Chanson, über die Beatles bis zu avantgardistischen und multimedialen Experimenten reichten. Beeinflusst war er in seinen vielschichtigen Kompositionen sowohl durch die Wiener Schule (Berg, Schönberg) als auch durch den französischen Impressionismus (Debussy, und später Messiaen). Takemitsu geniesst hohes Ansehen als erster japanischer Komponist, der sowohl im Osten als auch im Westen mit seinen Werken immensen Erfolg hatte und immer noch hat. Ab den 80er Jahren kehrte er in seinem Stil eher in „a sea of tonality“ zurück, wobei er (wie John Cage) seinen Interpreten eine gewisse interpretatorische Freiheit zum Improvisieren einräumte. Einen ausgezeichneten Ruf erarbeitete er sich auch durch die Komposition von Filmmusik zu über 100 Filmen, darunter BLACK RAIN, Kurosawas DODESUKADEN und RAN, sowie RISING SUN (mit Sean Connery und Wesley Snipes).

FAMILY TREE ist ein ca. 25 Minuten dauerndes Werk für gross besetztes Orchester und Sprecherin. Diese reflektiert in englisch und japanisch über das Leben ihrer Grosseltern und Eltern und wirft einen melancholischen Blick in die eigene Zukunft.

Ludwig van Beethoven (1770-1827) schrieb seine letzte Sinfonie ab 1821 in Wien. Neben persönlichen und familiären Krisen bereiteten ihm vor allem seine körperlichen Leiden grosse Probleme. Der zunehmende Verlust seines Gehörs (ab 1813) führte zur völligen Ertaubung, eine Gelbsucht und die dadurch entstandene Leberzirrhose beeinträchtigten seine Lebensqualität auf beinahe unerträgliche Art und Weise. Gerade unter diesen widrigen Umständen kann sein Triumph mit der neunten Sinfonie nicht genug gewürdigt werden. Mit ihrem gigantischen Chorfinale war diese Sinfonie wie keine andere Wegbereiterin der „Riesenschlangen“- Sinfonien gegen Ende des 19. Jahrhunderts (Mahler, Bruckner) und wirkte bis weit ins 20. Jahrhundert nach (Schostakowitsch, Schmidt, Vaughn Williams). Die Neunte wurde (neben der 5.) zu Beethovens populärster Sinfonie, 1972 erklärte der Europarat das Hauptthema des Finalsatzes (Freude, schöner Götterfunken aus Schillers Ode AN DIE FREUDE) zu seiner Hymne, diese wurde ab 1985 zur Europahymne der Europäischen Gemeinschaft (in der Instrumentierung Herbert von Karajans). Das Autograph wurde von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärt. Mit dieser Sinfonie reagierte Beethoven auch auf die zunehmend in alte Verhaltensmuster zurückfallende Entwicklung in der Gesellschaft. In Schillers Ode AN DIE FREUDE fand er den passenden Text für seine Ideal des Kampfes „durch die Nacht zum Licht“, des Triumphs der humanitären, fortschrittlichen Kräfte gegen die reaktionären Unterdrücker freiheitlichen Gedankenguts. „Alle Menschen werden Brüder“ ist leider auch 200 Jahre nach Beethoven/Schiller immer noch Utopie geblieben.

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 27. April 2018 Gelesen: 639

Kategorie: Beethoven 9. Sinfonie