Berlin, Deutsche Oper: TANNHÄUSER, 02.04.2018 

Berlin, Deutsche Oper: TANNHÄUSER, 02.04.2018

Romantische Oper in drei Akten | Musik: Richard Wagner | Text vom Komponisten Uraufführung: 19. Oktober 1845 in Dresden | Aufführungen in Berlin: 2.4. | 8.4.2018

copyright: Bettina Stoess, mit freundlicher Genehmigung Deutsche Oper Berlin

Kritik: 

Aspects of love heißt ein Musical von Andrew Lloyd Webber - um die verschiedenen Formen und Ausprägungen der Liebe geht es auch in Wagners romantischer  Oper TANNHÄUSER, und zwar nicht nur im Mittelakt, diesem Sängerstreit auf der Wartburg, wo der Landgraf den Minnesängern die Aufgabe stellt, das Wesen der Liebe zu ergründen, sondern auch im ersten Akt, der sich um die sinnliche Form der Liebe dreht, die pure Erotik, die fleischliche Lust, wohingegen der Schlussakt dann von der christlichen Nächstenliebe handelt. Diese drei Aspekte der Ausprägungen der Liebe sind spätestens seit der griechischen Antike (Platon, Sokrates) als Eros, Philia und Agapé definiert und die ehemalige Intendantin der Deutschen Oper Berlin, Kirsten Harms, hat sie als Grundlage ihrer vor zehn Jahren entstandenen Inszenierung von Wagners Schöpfung ausgeleuchtet. Dabei stellte sie nicht das Künstlerschicksal in den Mittelpunkt, sondern die Frauen in dieser Oper, Venus und Elisabeth, welche sie zu einer Figur verschmolz (und beide Rollen so auch nur einer Sängerin anvertraute), und diese Figur zeigt eben die verschiedenen Seiten der Liebe, vereint sie zu einem umfassenden Ganzen. Wagner selbst war bekanntlich bis zu seinem Lebensende mit dem Ende der Oper nicht ganz glücklich, zu Cosima sagte er noch kurz vor seinem Tod, er sei der Welt noch einen TANNHÄUSER schuldig. Frau Harms nun hat eine überzeugende Lösung für den Schluss gefunden, indem sie Elisabeth nicht sterben und Tannhäuser als gebrochenen Mann weiterleben lässt, sondern Elisabeth/Venus ist es dann, welche als Frau zu sich und ihren Bedürfnissen findet, dadurch erstarkt und am Ende sie es ist, die den einst stolzen und nun gebrochenen Minnesänger in den Armen wiegt, der umfassenden Liebe eben noch eine Chance gibt, ein sehr schönes und berührendes Bild, durchaus kongruent zur Musik und dem Text (der ergrünende Stab des Papstes) und eine kluge Alternative zu Wagners Erlösungsphilosophie durch die stets entseelt darniedersinkenden, opferwilligen (asexuellen) Frauen. Die Deutsche Oper Berlin kämpft ja bekanntermaßen immer noch mit den Folgen des weihnächtlichen Wasserschadens (ausgelöst durch eine Putzequipe), welcher fast die gesamte Bühnentechnik lahmgelegt hatte. So kann auch dieser TANNHÄUSER nur in einer szenischen Adaption aufgeführt werden, doch diese ist Eva-Maria Abelein gut gelungen. Störend ist einzig der Auftritt der geharnischten landgräflichen Jagdgesellschaft auf ihren gepanzerten Pferdchen, welche mit unglaubliche lauten Klapper- und Rollgeräuschen auf die Bühne gezogen werden. Natürlich wollte die Regisseurin mit diesen Rittern in Rüstung zeigen, wie angstvoll diese sich gegen jeglichen Einfluss der „unreinen“ Liebe, also der Erotik  schützen wollen, doch das wäre szenisch bestimmt auch weniger geräuschvoll zu lösen gewesen. Schutz erhofft sich die lustfeindliche Gesellschaft auch durch die unheimlichen Gargoyles (diese geflügelten, dämonischen Wasserspeier, wie man sie an gotischen Kirchenbauten findet) auf den Zwischenvorhängen. In einer Projektion (während der Verwandlung vom Venusberg zum Tal vor der Wartburg) werden diese gar lebendig, wie ein einem Horrormovie. Ansonsten ist alles sehr schlicht gehalten, keine Orgien im Venusberg (es wird auch die Dresdner Fassung, also ohne das Bacchanale, gespielt), im Gegenteil, das sieht da fast so klinisch aus wie in einer Choreografie von Balanchine, weiss gewandete Venus (und Doppelgängerinnen von Botticellis Venus) vor blauer Rückwand. Der Sängerstreit findet auf einer schlichten Holztribüne statt, mit mittelalterlich gewandeten Gästen (Bühnenbild, Kostüme und Licht: Bernd Damovsky). Das manierierte Auf- und Absetzen der Harnische der Männer erschloss sich mir nicht. Der Schlussakt dann spielt in einem riesigen Sanatoriumssaal, wo die heimgekehrten Pilger in Krankenhausbetten liegen und Elisabeth sich um sie kümmert - eine Anspielung auf die historische Elisabeth, welche in Marburg das erste Hospiz gegründet hatte und bereits vier Jahre nach ihrem Tod heilig gesprochen wurde, wie Kirsten Harms im Programmheft ausführt.

Die Doppelrolle Venus/Elisabeth wurde von Ricarda Merbeth mit blendender Diktion und bestechend sicherer Linienführung gesungen. Mag ihre Venus insgesamt eher unterkühlt als sinnlich-erotisch gurrend geklungen haben, mehr heldische Göttin als Verführerin, so begeisterten dann ihre leuchtend reinen Spitzentöne als Elisabeth umso mehr, herrlich die Emphase in der Hallenarie (wunderbar ekstatisch das „sei mir gegrüßt“), intensiv ihre Erzählung der vergangenen Zeit („die Freude zog aus meinem Herzen“ und „Heinrich, was tatet ihr mir an?“). Im Schlussakt gelang es ihr vortrefflich, in das Gebet „Allmächt’ge Jungfrau hör mein Flehen“ einen leicht vorwurfsvollen Unterton beizumischen. Stefan Vinke scheint in letzter Zeit als Retter-Tannhäuser durch die deutschen Lande zu ziehen: In Leipzig rettete er am 17. März durch sein Einspringen ganz kurzfristig die Premiere und die Nachfolgevorstellungen, gestern nun sprang er in Berlin für den erkrankten Peter Seiffert ein. Und wie: Sein mächtiger Tenor kennt keine Grenzen, keinerlei Ermüdungserscheinungen, ja er schien sich bei der gefürchteten Romerzählung im dritten Akt gleich nochmals zu steigern. Bereits beim Preislied der Venus im ersten Akt ging er von Beginn an in die Vollen, verzichtete auf die Steigerung von Strophe zu Strophe, was den Effekt etwas verpuffen ließ. Aber wie dem auch sei, sein Tannhäuser war eine bombensichere Bank, da wackelte nichts, da musste man keinen Augenblick um die Kondition fürchten. Überzeugend sein Advocatus-diaboli-Auftritt beim Sängerwettstreit im Mittelakt: Wie er sich da bis aufs Blut von den braven, biederen, die asexuelle, reine Liebe beschwörenden Gesängen Wolframs, Walthers und Biterolfs provozieren ließ, das hatte großen Unterhaltungswert. Und dann eben die spannungsgeladene Romerzählung im Schlussbild: Da war bei Stefan Vinke eine ungeheure Kraft spürbar, er schrie den Ekel vor den verlogenen kirchlichen Gesängen und dem überheblichen Verhalten des Papstes nur so raus, eine lodernde Wut war da hörbar, die betroffen machte. Von den drei Protagonisten erhielt jedoch Markus Brück als Wolfram von Eschenbach am meisten Applaus. Sicher hat er mit dem dankbaren Lied an den Abendstern DEN Wunschkonzerthit schlechthin aus Wagners Schaffen zu singen, doch wie er das machte, war von bewegender Empfindsamkeit in Dynamik und Phrasierung. Markus Brück überzeugte mit seinem warm und balsamisch fließenden Bariton bereits von seinem ersten Auftritt an, wo er den Tannhäuser einlud, in den Kreis der Minnesänger zurückzukehren. Phänomenal auch sein Legato bei seinem Vortrag in der Halle der Wartburg. Clemens Bieber setzte mit seinem klaren und feinsinnig eingesetzten Tenor schöne Akzente als Walther von der Vogelweide, Noel Bouley war ein vehementer Biterolf. Jörg Schörner und Alexei Botnarciuc ergänzten überzeugend die Schar der Minnesänger als Heinrich der Schreiber und Reinmar von Zweter. Sioghan Stagg sang mit wunderbar sauber und hell klingendem Sopran das Hirtenmädchen. So richtig aus dem Sessel gerissen wurde man an diesem Abend jedoch durch Günther Groissböck, der die Rolle des Landgrafen Hermann zum Ereignis werden ließ. Groissböck besitzt wohl eine der ausdrucksstärksten, schönsten und eindrücklichsten Bassstimmen der Gegenwart. Seine eindringliche Interpretation wertete die Rolle des Landgrafen unheimlich auf – „So bleibe denn unausgesprochen“ war zum Niederknien tröstlich.

Der von Jeremy Bines einstudierte Chor und Extrachor der Deutschen Oper Berlin leistete klanglich Großartiges, wunderbar sich vom verhaltenen Beginn zum Forteausbruch steigernd der Pilgerchor im dritten und der jubelnde Einzug der Gäste im zweiten Akt. Störend einzig die zum Teil nicht synchron und überdeutlich aspirierten Auslaute. Einige Wackler waren auch im Orchester der Deutschen Oper nicht ganz zu überhören, doch vergaß man die schnell, wenn man von den unter der klug disponierenden Leitung von GMD Donald Runnicles aufgebauten Wogen ergriffen und mitgerissen wurde.

Inhalt:

Die Oper zeigt die innere Zerrissenheit eines Künstlers zwischen profaner Fleischeslust und deren vergeistigter Sublimierung.

Tannhäuser hat sich von den strengen, sittsamen Regeln des höfischen Lebens abgewandt und sich im Venusberg sinnlichen Freuden hingegeben. Doch gerät er hier in eine Art erotischer Überforderung, fühlt sich wohl auch geistig nicht entsprechend ausgefüllt und will die Liebesgöttin verlassen. Diese versucht ihn mit allen Mitteln zurückzuhalten, doch durch die Anrufung der heiligen Jungfrau Maria verschwindet der Zauber des Venusbergs und Tannhäuser findet sich im friedlichen Wartburgtal wieder. Er wird mit einigen Vorbehalten erneut in den Kreis der Sänger aufgenommen, seine Liebe zur Nichte des Landgrafen, Elisabeth, entflammt wieder. Anlässlich eines Sängerwettstreits aber lässt sich Tannhäuser dummerweise von der heuchlerischen Doppelmoral eines Walther von der Vogelweide oder eines Wolfram von Eschenbach provozieren und preist die freie Liebe im Venusberg. Entsetzen pur bei den Anwesenden. Tannhäuser muss als Wiedergutmachung eine Pilgerreise nach Rom unternehmen, um die Vergebung des Papstes zu erlangen. Elisabeth erwartet vergeblich seine Rückkehr, Wolfram ist erfüllt von Todesahnungen. Tannhäuser naht. In einer aufwühlendem Bericht schildert er seine katastrophalen Erfahrungen im Vatikan. Vergebung hat er nicht erlangt. Deshalb will er zurück zu Venus, ruft die Liebesgöttin an. Wolfram kann ihn nur mit dem Bericht, dass Elisabeth sich für ihn und sein Seelenheil geopfert habe, von diesem Schritt zurückhalten. Tannhäuser ist am Ende seiner Kräfte angelangt. Mit den Worten „Heilige Elisabeth, bete für mich“ auf den Lippen stirbt er. Pilger bringen den ergrünten Pilgerstab als Zeichen dafür, dass dem Sünder Erlösung gewährt wurde.

Werk:

Wagner gehörte zweifelsohne zu den belesensten Künstlern des 19. Jahrhunderts. Für seinen TANNHÄUSER hielt er sich an Quellen Brentanos,E.T.A. Hoffmanns, Heines, der Gebrüder Grimm und an mittelalterliche Dichtungen. Die musikalische Form ist gegenüber dem FLIEGENDEN HOLLÄNDER noch weiter in Richtung Musikdrama verfeinert. Zwar sind noch Reste der alten Nummernoper hörbar (Elisabeths „Hallenarie“, Wolframs „Lied an den Abendstern“, der Einzug der Gäste auf der Wartburg), doch sind die Formen in grosse, geschlossene Szenen eingearbeitet. Die Romerzählung Tannhäusers gilt hingegen als eigentlicher musikalischer Durchbruch im Hinblick auf die Entwicklung Wagners vom romantischen Komponisten hin zum Musikdramatiker.

Noch kurz vor seinem Tod schrieb Wagner in einem Tagebucheintrag, der Welt noch einen TANNHÄUSER schuldig zu sein. Er hat das Werk mehrmals überarbeitet, eine definitive Fassung wie bei seinen nachfolgenden Musikdramen aber nie erreicht. Die so genannte Pariser Fassung (welche eigentlich Wiener Fassung heissen müsste, da Wagner die Pariser Fassung für Wien neu eingerichtet hatte), welche beinahe 20 Jahre nach der Uraufführung entstand und hauptsächlich Änderungen im ersten Akt beinhaltet, hat sich aber weitgehend durchgesetzt, auf das Bacchanal will kaum ein Regisseur verzichten. In dieser Fassung ist die Rolle der Venus aufgewertet, die ganze erste Szene durch ein Bacchanal ergänzt. Darin hat Wagner in Musik ausgedrückt (nämlich das immense Drängen des Fleisches nach sexueller Befriedigung) was er sich in Worten nicht getraute. Diese chromatisch-sinnliche Musik führte dann auch zu einem der ganz grossen Theaterskandale: Nach nur drei Aufführungen wurde das Werk in Paris nach unvorstellbaren Tumulten im Zuschauerraum abgesetzt. Und doch begründeten diese Aufführungen den wagnérisme in Frankreich, welcher in Künstlerkreisen zunehmend Anhänger fand. Puristen bemängeln die Uneinheitlichkeit der Werkteile, wenn die Pariser Fassung gespielt wird, doch ist sie für das Verständnis des Werks und die psychologische Charakterisierung des „Titelhelden“ eindeutig zu bevorzugen.

Musikalische Höhepunkte:

Ouvertüre

Bacchanale, Akt I

Dir töne Lob! Die Wunder sei'n gepriesen, Tannhäusers Lied an Venus, Akt I

Zieh hin, Wahnsinniger, Venus-Tannhäuser, Akt I

Als du in kühnem Sange, Finale Akt I

Dich teure, Halle, Elisabeth, Akt II

Freudig begrüssen wir die edle Halle, Einzug der Gäste, Akt II

Versammelt sind aus meinen Landen, Finale Akt II

Allmächt'ge Jungrau, Gebet der Elisabeth, Akt III

Wie Todesahnung Dämmrung deckt die Lande, Wolfram Akt III

Inbrunst im Herzen, Romerzählung Tannhäusers, Akt III

Willkommen ungetreuer Mann, Venus-Tannhäuser-Wolfram, Akt III

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 02. April 2018 Gelesen: 263

Karin, 03-04-18 12:34:
Das klingt nach einem großartigen Erlebnis und so freue ich mich riesig auf den Tannhäuser am 08.04. in der DOB mit einem ganz sicher phantastischen Günther Groissböck als Landgraf!
Danke für diese Rezension!

KH
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