Zürich: WOYZECK, 12.10.2013&19.12.2013

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Woyzeck

Ballett von Christian Spuck, nach Georg Büchners gleichnamigem Dramenfragment | Musik: Philip Glass, Martin Donner, Akfred Schnittke, György Kurtág | Uraufführung: 24. September 2011 in Oslo | Aufführungen in Zürich: 12.10| 18.10, | 20.10. | 25.10. | 27.10.| 2.11. | 8.11. | 3.12. | 13.12. | 15.12. | 19.12. | 21.12.2013 und zusätzlich am 27. und 28 November 2013 in Ludwigsburg

Nachtrag: Vorstellung vom 19.12.2013

Dieser WOYZECK fesselt und ergreift auch in neuer Besetzung, 90 Minuten atemloser Spannung und Betroffenheit sind garantiert.

Olaf Kollmannsperger interpretiert nun die äusserst anspruchsvolle Titelrolle. Er wirkt nicht ganz so zerbrechlich, wie Jan Casier in der Premiere, doch gelingt auch ihm die Zeichnung dieses manisch getriebenen Underdogs mit unter die Haut gehender Intensität. Kollmansperger verfügt über eine ungeheure Körperspannung, welche bis in die Fingerspitzen reicht. Fantastisch, wie er es schafft, dass der Zuschauer quasi physisch mitleidet, wenn der Wahnsinn ihn zusehends befällt! Die Marie wird nun von Juliette Brunner getanzt - grossartig, wie sie ihre zunehmende Distanzierung von Woyzeck darstellt, sich mit Leidenschaft und erotischer Begierde dem Tambourmajor (wunderbar in seiner überheblichen Lächerlichkeit Cristian Alex Assis) in die Arme wirft und am Ende still duldend ihre Ermordung durch Woyzeck im Nieselregen (welch überwältigendes Bild!) über sich ergehen lässt. Die Fieslinge Hauptmann, Doktor und Professor (Armand Grigoryan, Manuel Renard und Felipe Portugal) sind in dieser spannungsgeladenen Choreographie von Christian Spuck stimmig zwischen Groteske und Grauen erregendem Realismus angelegt. Die klug ausgewählten Musikstücke und deren Interpretation durch die Philharmonia Zürich unter Vello Pähn entwickeln eine packende Sogwirkung. Sehr empfehlenswerter Abend!

Kritik:

Eine respekt- und würdevolle Hommage an den viel zu früh verstorbenen Dichter, dessen Geburtstag sich am 17. Oktober zum 200. Mal jährt - und ein triumphaler Abend des Balletts Zürich!

Da schreibt ein begnadeter Dichter fragmentarische Szenenfolgen über den tragischen „Fall Woyzeck“, stirbt jedoch vor der Vollendung seines Dramas, welches zuerst nicht einmal in sein Werkverzeichnis aufgenommen und erst beinahe 80 Jahre nach seinem Tod uraufgeführt wurde – und doch ist der WOYZECK mittlerweile eine der zentralen Inspirationsquellen verschiedener künstlerisch tätiger Menschen. Dass dieses Werk, welches ja eigentlich auch von seiner ungemein präzisen, ausdrucksstarken Sprache lebt, auch als Tanzschöpfung ergreift, ist das grosse Verdienst des Choreografen Christian Spuck mit seiner Ballettversion. Er versucht gar nicht erst, den fragmentarischen Charakter der Vorlage zu überdecken, sondern spielt gerade damit äusserst virtuos. Schon die Auswahl der Musik hat etwas Fragmentarisches an sich, werden doch Werke von Philipp Glass, Alfred Schnittke und György Kurtág für die kurzen Szenen aneinandergereiht, Choräle von Bach werden von diesen Komponisten ebenso zitiert wie Walzer von Ravel oder Anklänge an Schostakowitsch. Über die gesamte Abfolge spannen sich wie eine Klammer Trommel-Variationen von Martin Donner (exzellent auf der Bühne dargeboten und ins Geschehen integriert von Hans-Peter Achtenberger, Luca Borioli, Michael Guntern, Mario von Holten und Ramon Kündig). Die Auswahl und Bearbeitung der anderen Kompositionen wirkt trotz der unterschiedlichen Stile wie aus einem Guss, überaus differenziert gespielt von der Philharmonia Zürich unter Vello Pähn, welcher die Steigerungen und Ostinati mit beklemmender Intensität erfüllt. Emma Ryott hat eine der Tragik und der zunehmenden Klaustrophobie der Vorlage angepasste, düster-funktionale Bühne geschaffen. Ihre Kostüme in Anlehnung an einen Biedermeier Stil, jedoch nur in Schwarz- und gedeckten Farbtönen, fügen sich wunderbar stimmig ein. Besonderes Lob verdient auch die ästhetische und dramaturgisch packende Lichtgestaltung von Reinhard Taub – die Schlussszene bleibt unvergesslich!

Die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Zürich erbringen eine grandiose, psychologisch subtil interpretierte und restlos ergreifende Leistung. Allen voran natürlich der Tänzer der Titelpartie, Jan Casier. Sein geradezu (vor allem im Gegensatz zu William Moores überheblich maskulin strotzendem Tambourmajor) zerbrechlich wirkender Körper scheint wie geschaffen für den getriebenen, von zunehmendem Wahn verfolgten Woyzeck. Und doch wohnt Casier eine Kraft inne, die verblüfft und berührt. Linkisch kann er herumstehen, immer wieder versuchen, sich seinen Peinigern anzunähern, sie zu imitieren – um doch stets zu scheitern. Beinahe körperlich wird einem beim Zusehen der ungeheure Schmerz, welchen dieser Mann erdulden muss, vermittelt. Seine geliebte Marie wird von Katja Wünsche mit ebenso starker Ausdruckskraft getanzt. Abgewinkelt sind Hände und Füsse, wenn sich Woyzeck ihr auf der Suche nach Zärtlichkeit annähern will, verführerisch und von rauem fleischlichem Begehren geprägt dagegen tanzt sie mit dem Tambourmajor, welchen William Moore mit geballter Kraft und dem Sexappeal eines mechanischen Zinnsoldaten darstellt. Christian Spuck und seinen Solisten gelingt es, die Woyzeck bedrängenden und ihn missbrauchenden Charaktere mit grossartiger Klarheit und karikierender Raffinesse zu zeichnen: Der grotesk-lächerliche, dickbäuchige Hauptmann (Cristian Alex Assis), den an Hoffmanns fiesen Dr. Mirakel erinnernden Doktor (Manuel Renard) und den brutal experimentierenden Professor (Felipe Portugal) mit seinen sich in fantastischer Slapstickmanier bewegenden Studenten (Eric Christison, Benoit Favre, Ty Gurfein - der auch den Andres tanzte - , Christoper Parker und Tars Vanderbeek). Immer wieder tauchen sechs Paare auf, welche sich in bestechender Synchronizität und Strenge vom Aussenseitertum Woyzecks (und auch Maries) abheben und einen Hauch von biedermeierlicher Idylle aufrechterhalten wollen – die es in diesem düsteren Stück aber nicht geben kann und darf.

Dem Ballett Zürich und seinem Direktor ist erneut ein unter die Haut gehender Abend gelungen – unbedingt empfehlenswert!

Inhalt:

Der einfache Soldat Wozzeck ist ein Getriebener. Er wird mit vielerlei Aggressionen seitens des Hauptmanns, des Doktors und des Tambourmajors konfrontiert, für Versuche am lebenden Menschen missbraucht (um seinen kümmerlichen Sold aufzubessern). Seine Frau Marie (sie hat ein uneheliches Kind mit in die Beziehung zu Wozzeck gebracht) betrügt ihn mit dem Tambourmajor. Wozzeck verfällt immer mehr ins Brüten, wird wahnsinnig. Während eines Spaziergangs bringt er Marie um. Nachdem er sich in einer Kneipe betrunken hat, kehrt er an den Tatort am Weiher zurück. Das Wasser erscheint ihm als Blut. Er watet hinein, bis er ertrinkt. Einige Kinder berichten Maries Knaben vom Tod seiner Mutter, doch dieser spielt stumpf mit seinem Steckenpferd weiter.

Werk:

... der Woyzeck Georg Büchners … Eine ungeheure Sache ... wie er’s nicht hindern kann, dass bald da, bald dort, vor, hinter, zu Seiten seiner dumpfen Seele die Horizonte ins Gewaltige, ins Ungeheure, ins Unendliche aufreißen, ein Schauspiel ohnegleichen, wie dieser missbrauchte Mensch in seiner Stalljacke im Weltall steht, malgré lui, im unendlichen Bezug der Sterne. Das ist Theater, so könnte Theater sein.“ Rainer Maria Rilke

Georg Büchner (17.10.1813 – 19.2.1837), obwohl nur 23 Jahre alt geworden, gilt als einer der grossen Literaten des Vormärz. Sein Drama Dantons Tod, das Lustspiel Leonce und Lena, die Erzählung Lenz und das Dramenfragment Woyzeck gelten als Wegbereiter der modernen Literatur. Gerade der WOYZECK hat verschiedene Künstler inspiriert: Der Stoff diente als Vorlage für Opern (Berg, Gurlitt), ein Musical (Tom Waits) und wurde oft für den Film adaptiert (z.B. durch Werner Herzog). In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag Büchners zum 200. Mal. Fast auf den Tag genau zeigt nun das Ballett Zürich Christian Spucks expressiv getanzte Version des Stoffes, welche vor zwei Jahren erfolgreich in Oslo uraufgeführt wurde. Spucks überaus sehenswerte Adaption von LEONCE UND LENA wird ebenfalls in dieser Saison wieder aufgenommen (November 13 und Januar 14).

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