Zürich: TURANDOT, 21.01.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Turandot

Oper in drei Akten | Musik: Giacomo Puccini | Text: Giuseppe Adami, Renato Simoni (nach Carlo Gozzi) | Uraufführung: 25. April 1925 in Mailand | Aufführungen dieser Wiederaufnahme in Zürich: 24.1. | 26.1. | 29.1. | 1.2.2012

Kritik:

Unverhofft kommt oft – oder des einen Leid, des anderen Freud:

Da José Cura wegen einer starken Erkältung die TURANDOT-Vorstellung gestern absagen musste, kam das Publikum in den Genuss, einen der weltweit zur Zeit gefragtesten Tenöre erstmals auf der Zürcher Bühne zu erleben – Johan Botha. Der jüngste Kammersänger in der Geschichte der Wiener Staatsoper vermag sowohl im italienischen als auch im deutschen Fach (Wagner, Strauss, Weber) zu brillieren und beglückte das Zürcher Publikum mit einem geradezu atemberaubenden Calaf. Die Stimme spricht wunderbar frei und direkt an, keine Brüche, keine Drücker trüben den Genuss. Die bombensichere Höhe ist einfach ein Traum. Das ist purer tenoraler Wohlklang in allen Registern, das ti voglio ardente d'amor am Ende der Rätselszene singt er wie selbstverständlich in der hohen Fassung und schon bevor das vincerò am Ende von Nessun dorma so triumphal erklingt, weiss man, das er nicht nur das Herz der eisigen Prinzessin sondern auch den Respekt und die Liebe des Publikums erringen wird. Bei soviel vokalem Schmelz sieht man getrost darüber hinweg, dass er (nur schon auf Grund seiner Körperfülle) nicht zu den begnadetsten Darstellern gehört. (Und man fragt sich natürlich insgeheim, warum es Pereira nicht gelungen ist, diesen Mann schon früher einmal für eine Produktion nach Zürich zu holen ... )

Doch nicht nur Botha zeigte an diesem Abend Ausserordentliches: An zweiter Stelle sind der Chor und das Orchester der Oper Zürich zu nennen. Prachtvoll und mit differenzierter Gestaltung und wunderbarer Präzision erfüllte der Chor seine riesige, wichtige und imposante Aufgabe. Das Orchester unter der Leitung von Massimo Zanetti spielte mit ungeheurer Luzidität. Der Maestro (er hatte bereits mit FANCIULLA DEL WEST an diesem Haus begeistert) schlug nicht allzu schnelle Tempi an. Dadurch wurden die Kostbarkeiten dieser Partitur umso transparenter herausgearbeitet. Zahlreiche filigrane Motive und farbig-exotisch instrumentierte Passagen schien man (obwohl ich das Werk schon ein Dutzend mal live gehört habe) wie zum ersten Mal wahrzunehmen. Und irgendwie habe ich persönlich den Bruch zwischen Puccinis meisterhafter Instrumentationskunst und dem Alfano-Schluss noch nie so stark wahrgenommen, wie gestern Abend. Massimo Zanetti gehört für mich eindeutig in die erste Liga der Puccini-Dirigenten. Er widmete seine Aufmerksamkeit sowohl den grossen Spannungsbögen, den herrlichen Phrasen, der Italianità, als auch den zahlreichen Subtilitäten, welche Puccinis „Schwanengesang“ enthält.

Gegenüber der Premierenserie und der letzten Wiederaufnahme waren auch die Titelrolle und die Rolle der Liù neu besetzt. Martina Serafin in der mörderischen Titelrolle begeisterte mit einer wunderbar einfühlsam gestalteten Erzählung In questa reggia, einer von zunehmender Verzweiflung über Calafs (vom Laptop abgelesenem) Wissen gezeichneten Rätselszene und der Wandlung zur Frau, welche sich von den Zwängen der archaischen, diktatorischen Gesellschaft löst und sich liebend in die moderne Welt Calafs begibt. Gewisse stimmliche Ermüdungserscheinungen blieben gegen Ende allerdings nicht ganz aus. Isabel Rey war eine einnehmende Liù, ihreStimme gewann im Verlauf des Abends zunehmend an Wärme. Ergreifend das Tu che di gel sei cinta, gefolgt von einem stuntmässig ausgeführten, selbstmörderischen Sturz in die Tiefe. Pavel Daniluk sang den Timur mit überaus präsent und wohlklingendem Bass, das wichtige Trio der Minister war mit Kresimir Strazanac, Andreas Winkler und Boguslaw Bidzinski hervorragend besetzt und Miroslav Christoff (Altoum) und Valeriy Murga (Mandarin) ergänzten zuverlässig das tadellose Ensemble.

Giancarlo del Monacos Inszenierung gehört nicht zuletzt wegen des ungemein eindrücklichen Bühnenbildes von Peter Sykora zu den gelungensten Arbeiten des Regisseurs an diesem Haus. Leider gibt es nur noch drei Vorstellungen dieser spektakulären Produktion.

Dirigent: Massimo Zanetti Inszenierung: Giancarlo del Monaco Ausstattung: Peter Sykora Besetzung:Martina Serafin (Turandot), Isabel Rey (Liu); Johan Botha (Calaf), Pavel Daniluk (Timur), Kresimir Strazanac (Ping), Andreas Winkler (Pang), Boguslaw Bidzinski (Pong), Miroslav Christoff (Altoum), Valeriy Murga (Mandarin), Miroslav Christoff (Principe di Persia)

Inhalt:

Die eiskalte Prinzessin Turandot wird den ersten fürstlichen Brautwerber ehelichen, dem es gelingt, ihre drei Rätsel zu lösen. Falls er versagt, wird er geköpft. Den Prinzen von Persien zum Beispiel ereilt dieses Schicksal, zur freudig-grausigen Erregung des Volkes. Ein flüchtiger Tatarenkönig, Timur, befindet sich zusammen mit seiner Sklavin Liù auf dem Platz. Als Timur stürzt, kommt ihm ausgerechnet sein verloren geglaubter Sohn Calaf zu Hilfe. Turandot bekräftigt die Hinrichtung des Prinzen von Persien, obwohl das wankelmütige Volk sie um Mitleid angefleht hatte. Calaf ist fasziniert von dieser Frau und schlägt den Gong zum Zeichen seines Anspruchs der nächste Werber sein zu dürfen. Liù offenbart Calaf ihre Gefühle für ihn.

Die Minister Ping, Pang und Pong sinnieren über ein sorgenfreies Leben fern vom Hof, doch müssen erkennen, dass sie wohl nicht von der grausamen Prinzessin loskommen werden. Die Stunde des Quizes naht: Calaf löst die drei Rätsel, die Prinzessin ist entsetzt und bittet den Kaiser darum, sie nicht dem Fremden auszuliefern. Calaf bietet ihr einen Ausweg an: Wenn sie bis zum Morgengrauen seinen Namen herausfinden kann, wird sie über sein Leben bestimmen.

In dieser Nacht darf keiner schlafen. Sämtliche Späher sind ausgeschickt. Timur und Liù werden gefangen genommen. Da Liù befürchtet, der angedrohten Folterung nicht standzuhalten, ersticht sie sich. (Hier endete Puccinis Komposition, aufgrund seiner Erkrankung konnte er die Oper nicht fertigstellen.)

Calaf küsst Turandot und bricht so ihren Widerstand. Er teilt ihr seinen Namen mit und liefert sich damit der Prinzessin aus. Vor dem Kaiser verkündet Turandot den Namen des Prinzen: LIEBE. Unter dem Jubel des Volkes werden die beiden ein Paar.

Werk:

TURANDOT ist Puccinis letzte Oper. Noch während der Komposition verstarb er an Kehlkopfkrebs. Der Dirigent der Uraufführung, Arturo Toscanini, gab Puccinis Schüler Alfano den Auftrag, das Werk zu vollenden. Die Uraufführung beendete Toscanini allerdings noch mit den letzten Takten, die Puccini selbst komponiert hatte, also dem Tode Liùs. Erst in den nachfolgenden Aufführungen wurde das Werk mit dem Alfano-Finale aufgeführt. 2002 schuf der Komponist Luciano Berio einen neuen Schluss, in welchem das Happyend in Frage gestellt wurde. TURANDOT gehört heute zu den beliebtesten Werken Puccinis, nicht zuletzt wegen der Tenorarie Nessun dorma. Die Titelpartie verlangt vor allem in der Auftrittsarie (In questa reggia) und der darauffolgenden Rätselszene eine hochdramatische Stimme  mit schneidender Durchschlagskraft vom Kaliber z.B. einer Birgit Nilsson, welche aber auch die expressiven Kantilenen mit grosser Empfindsamkeit bewältigen muss. Als Gegenpol zur eiskalten Prinzessin fügte Puccini die warmherzige  Figur der Liù ein, welche mit ihren beiden Arien (Signore alscolta und Tu che di gel sei cinta) über wahre Perlen des lyrischen Sopranrepertoires verfügt.

Karten