Zürich: TRISTAN UND ISOLDE, 05.10.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Tristan und Isolde

Wiederaufnahme |

Handlung in drei Aufzügen |

Musik: Richard Wagner |

Text : vom Komponisten, nach Gottfried von Strassburg |

Uraufführung: 10. Juni 1865, Nationaltheater, München |

Aufführungen in Zürich: 5.10. | 10.10. | 13.10. | 17.10. | 20.10. | 24.10. 2010

Kritik:

Es hätte ein Wagner-Fest erster Güte werden können, denn für die Wiederaufnahme dieser Produktion aus dem Jahre 2008 war folgende Besetzung angekündigt: Am Pult einer der ganz grossen Stars, Bernard Haitink, als Isolde war DIE Isolde schlechthin der letzten Jahre vorgesehen - Waltraud Meier, sekundiert von einem der berühmtesten Wagner-Tenöre unserer Zeit, Peter Seiffert, und dem führenden Bassisten der Gegenwart, Matti Salminen, als König Marke. Doch dann ergaben sich anscheinend kurz vor der Vorstellung Dissonanzen zwischen dem Dirigenten und der Diva, dem Vernehmen nach waren sie sich uneinig über Tempi, Kompromisse konnten nicht geschlossen werden, Waltraud Meier reiste ab. Dies schien einige Anhänger der Künstlerin derart aufgebracht zu haben, dass Bernard Haitink bei seinem Auftritt aufs Wüsteste beschimpft wurde (Buh und "Use!"), die Missfallensäusserungen dem Dirigenten gegenüber setzten sich auch vor dem zweiten Akt fort und entluden sich nochmals beim Schlussapplaus. Dieses unflätige Benehmen einer Minderheit ist aufs Schärfste zu verurteilen, setzte es doch die Ausführenden erheblichen Belastungen aus und vereitelte einem Grossteil des Publikums ein ungestörtes Eintauchen in Wagners wunderbare Tristan-Musik.

Ein immenser Dank gilt der Sopranistin Barbara Schneider-Hofstetter für das kurzfristige Einspringen unter diesen Umständen!

Die deutsche Sopranistin hat sich hervorragend in die szenische Konzeption des Regisseurs (siehe Link oben) eingefügt, überzeugte mit vortrefflicher Diktion, wohlklingender Mittellage und Tiefe. Einige der wenigen exponierten Spitzentöne gerieten wahrscheinlich nicht ganz nach Wunsch, klangen oft etwas angerissen oder unsauber, taten der schönen Gesamtleistung aber keinen Abbruch. Sie vermochte im ersten Akt sowohl mit schneidender, eher dunkel gefärbter Stimme ihren Hohn und ihre Verachtung, als auch mit warm gefärbten Tönen die tiefen seelischen Verletzungen der Isolde hörbar zu machen. Von eindrucksvoller Dramatik erfüllt war ihre Erzählung der Vorgänge in Irland. Im Schlussgesang verfügte sie dank kluger Disposition der Kräfte noch immer über jubelnde, aber kontrollierte Höhen. Das grosse Duett im zweiten Akt (O sink hernieder, Nacht der Liebe) hingegen geriet sehr laut, wie vieles an diesem Abend. Das war weniger die Schuld von Frau Schneider-Hofstetter, es lag eher an Peter Seiffert, dem die Dimensionen des Zürcher Hauses eigentlich bestens bekannt sein müssten. Klang sein Tristan über weite Strecken im ersten Akt noch sehr angenehm timbriert, drehte er seine Stimme nach der Einnahme des Trankes stark auf, sang einen überlauten zweiten Akt und man fragte sich, ob er mit seiner Stimme haushälterisch genug umginge, um den anstrengenden Fiebermonolog des dritten Aktes unbeschädigt zu überstehen. Diesen begann er sehr sicher, doch baute er gegen den Schluss hin ziemlich ab, die Stimme wurde heiserer, er musste sich oft ins Brüllen flüchten und kämpfte zunehmend mit Wagners Textfluten. Der maestro suggeritore hatte viel zu tun, war oft bis weit in den zweiten Rang hinauf zu hören. Neben all diesen Einwänden darf man aber auch festhalten, dass Peter Seiffert eigentlich über eine ideale Tristan-Stimme verfügt: leicht ansprechend, höhensicher und trotz aller Durchschlagskraft mit herrlichem Schmelz ausgestattet. Leider blieb er darstellerisch ziemlich blass, wirkte in dieser Wesendonck'schen Villa verloren umherirrend. Auch eine erotische Spannung zwischen den beiden Protagonisten stellte sich nicht ein. Diese Spannung aufzubauen war dem Orchester und Bernard Haitink vorbehalten, welche mit vorwärtsdrängendem, die ekstatischen Höhepunkte der Partitur voll auskostendem Gestus Wagners hypnotische, oft unaufgelösten Klänge zu aufwühlender Wirkung brachten. Martin Gantner als Kurwenal sang diese Rolle schon 2008 in der Premiere: Unterdessen ist er noch überzeugender geworden, durchdringt die Rolle mit seiner einnehmenden Stimme, vom beissenden Spötter im ersten Akt zum besorgten und desillusionierten Gefährten im dritten Akt. Michelle Breedts ausgezeichnete Brangäne ist ebenfalls von der Premiere her bekannt. Mit bezwingender Intensität gestaltete sie den ersten Akt, musste leider mit einem kleinen Wackler beim Einsam wachend kämpfen, fand danach aber schnell wieder zu berückender Tongebung im Habet acht. Matti Salminen als König Marke dürfte heutzutage unerreicht sein. Mit tief empfundener Trauer in der Stimme setzte er zu seinem grossen Monolog an (Mir dies? Dies, Tristan mir?), die ergreifende Gestaltung, gepaart mit exemplarischer Diktion und einer unvergleichlichen Phrasierungskunst liessen diese lange Szene zu einem berührenden Ereignis werden. 

Zart und rein klang die Stimme des jungen Seemanns (Peter Sonn) durchs offene Fenster ins Schlafzimmer der Isolde im ersten Akt; markig wurden der Melot von Volker Vogel und ganz vortrefflich auch der Hirt von Martin Zysset gesungen.

Bernard Haitink ist sicher kein Mann der leisen Töne, insgesamt erklang eine sehr lautstarke, diesseitige Wiedergabe des Werks. Allerdings auch geprägt von subtil abgestuften dynamischen Steigerungen, vollem Auskosten der Kulminationspunkte und herrlich herausgearbeiteten solistischen Passagen des Orchesters, welche von den MusikerInnen brillant gespielt wurden - die Buhs waren deshalb total deplatziert. Sicher, man hätte sich von Seiten der Direktion um eine umfassendere Informationspolitik bemühen können. Denn dass Sympathisanten und Fans von Frau Meier (auch extra wegen ihr von weither angereiste) im Publikum sitzen würden, hätte von den Verantwortlichen vorausgesehen werden müssen. Schade, dass es einigen wenigen Rüpeln nun gelungen ist, dem Abend einen schalen Nachgeschmack zu verpassen!

Nachtrag:

Frau Waltraud Meier schreibt auf ihrer offiziellen Homepage: (Zitat)

"Wegen Unvereinbarkeit der musikalischen Standpunkte zwischen Waltraud Meier und Bernard Haitink, können die geplanten Vorstellungen am 5., 10., 13. und 17. Oktober 2010 leider nicht mit Frau Meier stattfinden.
Waltraud Meier hat sich vergeblich bemüht, ein Einvernehmen mit dem Dirigenten Herrn Haitink zu erzielen.
Sie bedauert diese Entwicklung sehr, besonders auch im Hinblick auf ihr Publikum, dem sie sehr gerne ihre 'Isolde' in Zürich präsentiert hätte.
Sie möchte aber betonen, dass dies alles nichts mit ihrer Beziehung zum Züricher Opernhaus zu tun hat und die Direktion sich derzeit bemüht, neue Termine zu finden um Frau Meier bald möglichst nach Zürich zurück zu bringen."

Inhalt:
Vorgeschichte:

Tristan tötet im Befreiungskampf um Cornwall den Iren Morold und schickt seinen Kopf dessen Verlobter Isolde nach Irland. Auch er selbst wird im Kampf schwer verwundet und lässt sich von der in heilenden Künsten bewanderten Isolde behandeln. Diese erkennt in ihm jedoch den Mörder ihres Verlobten, vermag es aber nicht, ihn zu töten.

Tristan kommt erneut nach Irland und nimmt Isolde als Friedenspfand für seinen König (Marke) mit.

Oper:

Auf dem Schiff überhäuft Isolde Tristan mit bitteren Vorwürfen. Sie weigert sich an Land zu gehen, wenn Tristan nicht mit ihr den Sühnetrunk zu sich nehmen werde. Isoldes Vertraute, Brangäne hat jedoch den Todestrunk mit dem Liebestrank vertauscht. Tristan und Isolde gestehen einander ihre Liebe.

Isolde, unterdessen König Markes Gemahlin, erwartet Tristan voller Ungelduld im Garten. Die beiden Liebenden vereinigen sich in einem ekstatischen Rausch und hören nicht auf Brangänes Warnrufe. Von Melot, einem alten Kampfgefährten Tristans, herbeigrufen, erscheint Marke, der sich bitter enttäuscht zeigt über den vermeintlichen Treuebruch seines Helden Tristan. Mit einem letzten Kuss für Isolde provoziert Tristan Melot. Dieser verwundet ihn schwer.

Tristan wird von seinem Getreuen Kurwenal auf die Burg seiner Väter gebracht. In Fieberfantasien sehnt er seine Heilerin und Erlöserin Isolde herbei. Kurwenal hat nach Isolde geschickt, ihr Schiff legt endlich an, doch zu spät. In Isoldes Armen stirbt Tristan. In einem zweiten Schiff erreichen auch König Marke, Melot und Brangäne die Burg. Kurwenal erschlägt Melot, wird aber selbst auch tödlich verwundet. Marke, nun von Brangäne über die Zusammenhänge aufgeklärt, beklagt die Toten.

Isolde sinkt in visionärem Wahn über Tristans Leiche: „Ertrinken, versinken, unbewusst – höchste Lust!“ lauten ihre letzten Worte.

Werk:
Fünf Jahre dauerte es nach der Fertigstellung der Komposition bis zur Uraufführung in München. Wien brach die Produktion nach 77 Proben ab, das Werk galt als unspielbar. Die immensen Anforderungen, welche an die beiden Interpreten der Titelpartien gestellt werden, erfordern Sänger allergrössten Formats.

Wagner hat in seinem wohl schönsten Werk private Konflikte (seine Beziehung zur Frau seines Mäzens Wesendonck) verarbeitet und auf wunderbare Weise sublimiert. Ausgehend vom berühmtesten Akkord der Musikgeschichte, dem Tristan-Akkord F-H-Dis-Gis entwickelt er ein Musik voller Trugschlüsse, chromatischen Wendungen, raffinierten Übergängen, angepeilten und doch nie erreichten Auflösungen, welche ein wahrhaftes Versinken in der Musik ermöglichen. Diese unendliche Melodie voll aufgebauter Spannung, die sich selten löst, übt auf das Ohr eine ungeheure Sogwirkung mit Suchtpotential aus.

Höhepunkte:
Vorspiel mit Tristan Akkord
O sink hernieder, Nacht der Liebe, grosse Szene Isolde-Tristan, Aufzug II
Mild und leise, wie er lächelt, Schlussszene der Isolde, Aufzug III

Informationen und Karten