Zürich, Tonhalle: RAVEL, SIBELIUS, BRAHMS, 31.10.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Ravel, Sibelius, Brahms

Maurice Ravel: Shéhérazade, Ouverture de féerie | Uraufführung: 27. Mai 1899 in Paris | Jean Sibelius: Violinkonzert in d-Moll | Uraufführung, 1. Fassung: 8. Februar 1904 in Helsinki, 2. Fassung: 19. Oktober 1905 in Berlin, Dirigent Richard Strauss | Johannes Brahms: 2. Sinfonie | Uraufführung: 30 Dezember 1877 in Wien | Aufführungen diese Konzertes in Zürich: 31.10. | 1.11.2015

Kritik:

Dass Johannes Brahms' Bemerkung, seine Partitur der zweiten Sinfonie müsse mit Trauerrand versehen im Druck erscheinen, nur als Ironie gemeint gewesen sein konnte, wurde wohl jedem Zuhörer nach dieser Aufführung in der Tonhalle Zürich klar. So diesseitig klingend, mit so viel Glücksgefühlen aufgeladen, so idyllisch tröstende Hornrufe verströmend kommt keine seiner anderen Sinfonien daher. Der Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich, Lionel Bringuier, tat nichts, um an diesem pastoralen Charakter der Sinfonie zu kratzen. Vorwärtsdrängend, grosse Spannungsbögen aufrechterhaltend und mit den von Brahms geforderten zügigen Tempi liess er das Werk erklingen. Dabei bevorzugte er einen ausgesprochen satten Gesamtklang, was auch bei den Ecksätzen und beim Allegretto grazioso des dritten Satzes hervorragend funktionierte. Einzig dem langsamen zweiten Satz, diesem Adagio non troppo, hätte ein tiefer gehendes Schürfen gut getan, diesen Satz könnte man sich etwas entrückter gespielt vorstellen. Hervorragend gelang dann aber der Schlusssatz, dieses explodierende, überschäumende Brio, das Bringuier und sein Orchester mit vollem Elan angingen, nie zu breit wurden, die wenigen filigraneren Passagen herrlich ausspielend, wofür vor allem die Holz- und Blechbläser am Ende zu Recht speziell gefeiert wurden.

Im Mittelpunkt des Abends stand natürlich Sibelius' Violinkonzert in d-Moll mit der Geigerin Lisa Batiashvili als Solistin. Nur schon der Beginn dieses mit enormen Schwierigkeiten nur so gespickten Konzerts ist einzigartig: Über einem verloren klingenden Teppich der sordinierten Streicher erhebt sich die Solovioline mit dem schwermütig-melancholischen Hauptthema. Lisa Batiashvili geht das mit berührender Zartheit ein, wie suchend und doch glasklar im Klang, wird immer bestimmter, fordernder, ein fantastischer Einstieg. Mit Agilität bewältigt sie die erste kurze Kadenz und begeistert dann mit der raffinierten klanglichen Ausgestaltung der zweiten ausgedehnten Kadenz im Mittelteil des ersten Satzes, mit einer stupenden Virtuosität nicht nur in der Spieltechnik sondern eben und gerade auch in der Bandbreite des klanglichen Ausdrucks, von süsslichen, fein ziselierten Trillern bis zu vehementen dynamischen Steigerungen mit Doppelgriffen und präzise arpeggierten Akkorden. Wunderbar gefühlvoll dann die chromatisch daherkommende Einleitung der Holzbläser zum zweiten Satz, auf welche die ruhige Kantilene der Solovioline so zauberhaft sehnsüchtig antwortet. Geradezu überirdisch schön gelang den Ausführenden der Abschluss dieses Satzes mit dem lerchenhaften Aufstieg und dem Verklingen der Phrase der Solovioline in den Himmel. Die wilden tänzerischen Rhythmen des Orchesters im Schlusssatz wurden von Lisa Batiashvili mit rasant gespielten Läufe und Terzenreihen umspielt. Dieses Finale verfehlte seine elektrisierende, mitreissende Wirkung natürlich nicht und Lisa Batiashvili bedankte sich für den begeisterten Applaus mit einer Zugabe, der Miniatur LALE des georgischen Komponisten Tsintsadze, arrangiert für Violine und Orchester. Als Artist in Residence der Saison 2015/2016 des Tonhalle-Orchesters Zürich wird Lisa Batiashvili auch als Kammermusikerin hier zu erleben sein und mit dem Orchester im April 2016 auf Tournee gehen (Wien, Heidelberg, Dortmund, München, Stuttgart, Frankfurt a.M.)

Ganz in seinem Element war Lionel Bringuier mit der das Konzert eröffnenden Ouverture de Féerie SHÉHÉRAZADE von Maurice Ravel. Hier konnte der Dirigent sein untrügliches Gespür für effektvolle, knallige Kulminationspunkte voll ausleben, unterstrich dabei jedoch stets die bereits erstaunliche Farbigkeit und Breite der Instrumentationskunst des jungen Ravel und erreichte eine intensive atmosphärische Dichte. Nach dem Anhören dieser Komposition aus der Feder des hochbegabten Studenten kann man es nicht verstehen, weshalb sich Ravel von den gehässigen Kritiken so verunsichern liess, dass er sich zeitlebens von dem Werk distanziert hatte und es nie wieder aufführte.

Werke:

Maurice Ravel (1875-1937) beabsichtigte noch während seines Studiums am Pariser Conservatoire eine Oper zu schreiben, welche auf der Sammlung Märchen aus 1001 Nacht basiert. Zur Fertigstellung der Oper kam es nicht, erhalten geblieben ist jedoch die Ouvertüre. Deren Uraufführung dirigierte Ravel selbst im Rahmen eines Konzertes, in welchem Werke junger Komponisten aufgeführt wurden. Das Werk wurde von den Kritikern mehrheitlich sehr negativ beurteilt, so dass es Ravel zu seinen Lebzeiten weder jemals wieder aufführte noch publizieren liess. Die Plagiatsvorwürfe (er habe bei den Russen abgeschrieben, namentlich bei Rimsky-Korsakow) und die gehässigen Kommentare setzten ihm dermassen zu, dass er das Werk mit einem Liederzyklus gleichen Titels aus dem allgemeinen Gedächtnis zu verdrängen suchte. Nichtsdestotrotz hat diese Ouvertüre mit ihren vielen Ganztonleitern und der aparten Instrumentierung ihren Reiz.

Der finnische Komponist Jean Sibelius (1865-1957) schrieb sein beliebtes Violinkonzert auf Anregung des Geigers Willy Burmester und widmete diesem auch das Werk. Aus verschiedenen Gründen konnte der Geiger jedoch die Uraufführung nicht spielen, auch bei der überarbeiteten, leicht gekürzten Fassung, welche Richard Strauss dirigierte, kam Burmester nicht zum Zug. Deshalb weigerte er sich, dieses Konzert jemals zu spielen und Sibelius widmete es nun Franz von Vecsey. Das dreisätzige, in spätromantischem Klangbild daherkommende Konzert gehört unterdessen zum Standardrepertoire der grossen Geigerinnen und Geiger. Der erste Satz ist in der Sonatensatzform konzipiert, welcher ohne langes Orchestervorspiel beginnt und die Solovioline sehr prominent in den Vordergrund rückt. Im zweiten Satz herrscht eine liedartige, romantische Stimmung vor. Der Schlusssatz, vom Komponisten als Danse Macabre beschrieben, gibt dem Solisten die Möglichkeit, seine überschäumende Virtuosität zu präsentieren.

Johannes Brahms (1833-1897) schrieb vier Sinfonien. Die zweite in D-Dur entstand 1877, im Gegensatz zur ersten in relativ kurzer Zeit. Die Uraufführung unter Hans Richter in Wien war sehr erfolgreich. Der berühmt-berüchtigte Kritiker Eduard Hanslick schrieb z.B.: „ ... selten hat die Freude des Publikums an einer neuen Tondichtung so aufrichtig und warm gesprochen.“ Der erste Satz (Allegro non troppo) ist von einfallsreicher, beinahe pastoraler Melodik bestimmt. Eine schwermütige Celloweise prägt das Adagio des zweiten Satzes, untermalt mit sehnsüchtigen Hornrufen. Nach einer gewittrigen Stimmung verklingt der Satz friedlich und ruhig. Das Alegretto grazioso des dritten Satzes ist wohl der eingängigste Abschnitt der Sinfonie, voller Fröhlichkeit und wildem Galoppieren. Der Finalsatz (Allegro con spirito) ist ein wirbelndes Brio, mit schwärmerischen, naturseligen und ungarisch angehauchten Einsprengseln.


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