Zürich, Tonhalle: ORCHESTER DER OPER ZÜRICH, 11.07.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Zürich, Tonhalle: ORCHESTER DER OPER ZÜRICH, 11.07.2010

Antonin Dvořák: Konzertouvertüre KARNEVAL, op. 92 | Gustav Mahler: Vier Lieder nach Rückert | Antonin Dvořák: Sinfonie Nr.9 AUS DER NEUEN WELT, op 95

Zwei junge, aufstrebende Dirigenten am Beginn einer Weltkarriere bestiegen das Podium der Zürcher Tonhalle kurz hintereinander: Am 9. Juli Yannick Nézet-Séguin (ab 2012 Chef des Philadelphia Orchestra) mit dem Tonhalle-Orchester und am 11. Juli Philippe Jordan (bereits musikalischer Leiter der Opéra de Paris) mit dem Orchester der Oper Zürich.

Jordan und das Opernorchester begannen mit einer fulminant dargebotenen Konzertouvertüre von Dvořák: Einen furioseren Beginn eines Konzerts kann man sich kaum vorstellen. Dvořák erzeugt mit seinem Werk einen Wirbel, dessen Sogwirkung man sich kaum entziehen kann - und das Orchester der Oper Zürich hatte bereits mit der kürzlichen Premiere der RUSALKA gezeigt, wie sehr es in der Musik des böhmischen Meisters zuhause ist. Prägnante, virtuose Strudel machen nur kurz Platz für ein melancholischeres Seitenthema, bald schon läuten die Triangel wieder ein zur Reprise, in welcher Jordan und das Orchester noch einmal aus dem Vollen schöpfen durften.

Ganz anders geartet dann die Rückert-Lieder von Gustav Mahler. Starbariton Thomas Hampson hat schon oft bewiesen, welch überragender Liedsänger er (neben seinen immensen Erfolgen auf der Opernbühne) ist. Er setzte zum ersten Lied Blicke mir nicht in die Lieder mit leicht eingeengter Tongebung und relativ herb gefärbter Stimme an. Sehr zart und weich phrasierte er dann das zweite Lied Ich atmet' einen Lindenduft, wunderschon begleitet von Harfe und Flöte. Den Höhepunkt stellte das dramatisch gestaltete Lied Um Mitternacht dar: Die Stimme, trotz aller stürmisch bewegten Ausbrüche, voll eingebettet in die aparte Untermalung durch Holz- und Blechbläser, ganz ohne Streicher. Anscheinend bekam den Streichern die kurze Pause nicht besonders, denn sie disharmonierten, kurz aber schmerzhaft hörbar, im letzten Lied Ich bin der Welt abhanden gekommen, diesem wohl ergreifendsten Lied aus der Feder Mahlers. Hampson sang es gepflegt, doch richtige Ergriffenheit mochte sich nicht einstellen. Vielleicht ist es wirklich so, dass sich das Ohr vor allem bei diesem Lied an Mezzosopranstimmen (Dame Janet Baker, Jessye Norman, Kathleen Ferrier) gewöhnt hat. Als Zugabe schenkte Thomas Hampson dem Publikum dann noch das fünfte Rückert-Lied Liebst du um Schönheit, welches Mahler seiner Frau Alma gewidmet, aber nicht selbst orchestriert hatte.

Den Abschluss machte Dvořáks bekanntestes und populärstes Werk, die neunte Sinfonie mit dem Titel AUS DER NEUEN WELT. Auch hier hatte man im Kopfsatz den Eindruck, dass die Streicher leicht hinterherhinkten. Doch dieser Eindruck legte sich bald, und dann durfte man einer Wiedergabe von ungeheurer Plastizität lauschen. Jordan (ohne Taktstock dirigierend) schuf mit seinen musikalisch erzählenden und gestaltenden Händen eine grandiose Architektur, welche auf sicherem Fundament stand. Auf das schmetternde Finale des Kopfsatzes folgten die innige Melodie des Englischhorns im Largo und die zarte Antwort der Violinen. Ein ruhiger Atem durchwehte diese wehmütige indianisch angehauchte Erzählung, das Vogelgezwitscher der präzisen Flöten plapperte munter dazwischen, bevor das Englischhorn das Hauptthema wieder aufnahm und den Satz zu einem bewegend gestalteten allmählichen Stillstand brachte. Das Scherzo geriet beschwingt tänzerisch. Im abschliessenden Allegro herrschte gerade die richtige Mischung aus Pathos und Schwung, marschartig setzt das Blech ein (ein kleiner Hickser sei ihm verziehen) und Philippe Jordan und das Orchester der Oper Zürich stürmten mit der kunstvollen Verflechtung der in den vorangegangenen Sätzen präsentierten Motive zum mitreissenden Finale. Grosser, verdienter Jubel!

Bei allem Respekt für die enormen Leistungen, welche das Orchester der Oper Zürich in der langen Saison im Graben der Oper erbringt, auf dem Konzertpodium hatte das Tonhalle-Orchester im Vergleich dieser beiden Konzerte die Nase leicht vorn.