Zürich, Tonhalle: MISA CRIOLLA | JEREMIAH | CHICHESTER PSALMS, 22.12.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Misa Criolla

Ariel Ramirez: Misa Criolla | Entstanden: 1963, 1964 | Leonard Bernstein: Sinfonie Nr. 1 "Jeremiah" | Uraufführung: 28. Januar 1944 in Pittsburgh | Leonard Bernstein: Chichester Psalms | Uraufführung: 15. Juli 1965 in New York | Aufführungen dieses Konzerts in Zürich: 20.12. | 21.12.2016

Kritik:

Von einem aussergewöhnlichen „Weihnachtskonzert“ ist zu berichten, einem Konzert jenseits von „Jauchzet, frohlocket“ oder „Halleluja“ (wobei diese Erwähnung weder Bach noch Händel herabwürdigen soll). Aber die Programmgestaltung für diesen eindrücklichen Konzertabend zielte über die neutestamentarische Botschaft hinaus und bohrte tiefer, stellte Fragen nach dem Warum, zielte auf gedankliche Öffnung – gerade in dunklen Zeiten, wie sie die Menschheit leider momentan (selbstverschuldet!) durchleben muss.

Begonnen wurde mit Ramizez' MISA CRIOLLA, dieser Messe für das Volk, entstanden direkt während des Zweiten Vatikanischen Konzil zu Beginn der 1960er Jahre, als daselbst beschlossen wurde, dass die liturgischen Teile der Messen nicht mehr nur in Latein, sondern auch in einer dem Volk vertrauteren Sprache gesungen werden dürfen. Doch nicht nur die Sprache (hier also Spanisch), auch die Musik von Ramirez trägt die Züge des Folkloristischen, des im besten Sinne des Wortes Populären. Selbst in das sonst oftmals sehr andächtig und zurückhaltend reagierende Publikum liess sich vom Gloria „rocken“, spendete enthusiastischen Zwischenapplaus – wie auch zwischen den Sätzen der nachfolgenden Bernstein-Sinfonie. Das war aber auch eine mitreissende, packende und in ihrer immanenten Lebensfreude bewegende Wiedergabe dieser Messe – gelebter Glaube in Musik UND Ausführung. Auf dem Podium der fantastisch sicher singende und wunderschön intonierende Tenor Jorge de León und die überragend sauber und mit differenziertem Klang gestaltende Singakademie Zürich (Einstudierung: Andreas Felber) begleitet von acht Musikern: Dem Dirigenten Omer Meir Wellber am Flügel (und kurz auch mal am Cembalo), drei grossartigen Schlagzeugern, einem Kontrabassisten, Sebastián Montes (Gitarre), Daniel Cabaluz (Charango) und Oscar Velásquez (Siku/Queba). Nicht alles ist bis auf die letzte Note notiert in Ramirez' Werk – die Freiheit und die Kunst der Improvisation ist ebenfalls gefragt und wird von den Beteiligten mitreissend musikantisch wahrgenommen. Nur schon der Beginn mit dem leise summenden Chor über welchem sich die herrliche Tenorstimme mit der Anrufung des Herrn erhebt (Señor ten piedad de nosotros) erhielt gerade angesichts der tragischen Ereignisse vom letzten Montag in Berlin eine Gänsehaut erregende Bedeutung. Doch nicht nur Fragen wurden gestellt, es gab auch Antworten in Form von offensichtlicher Lebensfreud, Lust und überschäumender Fröhlichkeit. So muss Glaube gelebt werden.

Mit dem Glauben beschäftigt hat sich zeitlebens auch der schwule Jude, Komponist, Dirigent und Kosmopolit Leonard Bernstein. In seiner ersten Sinfonie, genannt JEREMIAH, weil Bernstein sich durch die Prophezeiungen des Propheten Jeremias, die Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar und Texte aus den Klageliedern aus dem Buch Jeremia der Bibel bei der Komposition inspirieren liess. Welch eine grandiose Musik ist da zu hören – und einmal mehr stellt man sich die Frage, weshalb es die Komponisten aus den USA (und auch aus Grossbritannien) so schwer haben, sich in Europa zu etablieren. Bernsteins überaus packende Sinfonie steht den Werken eines Schostakowitsch z.B. in nichts nach, weder in den genialen Klangabmischungen, der Dramatik, der Kraft, direkt ins Herz des Zuhörers zu dringen. Mit seinem energiegeladenen, überaus klug, aber auch emotional disponierenden Dirigat von Omer Meir Wellber und dem leidenschaftlichen Spiel des Tonhalle-Orchesters Zürich lieferten die Ausführenden jedenfalls ein restlos überzeugendes Plädoyer für diese Musik. Die Mezzosopranistin Rachel Frenkel gestaltete die Klagelieder des dritten Satzes mit herrlich zentrierter, unverschnörkelter reiner Tongebung, bruchlos fliessender Stimme und bewegender Gestaltungskraft. Die bedrohlichen, eruptiven Klangballungen des Orchesters erhielten durch die verinnerlichte Kraft des Gesangs eine tröstliche Korrektur – doch wir brauchen mehr als Trost, in Bernsteins eigenen Worten ausgedrückt: “ Der Glaube und Frieden, der sich am Ende von JEREMIAH findet, ist mehr als Trost gedacht denn als Lösung. Trost ist ein Weg, um Frieden zu erlangen, aber er erreicht nicht das Gefühl eines Neubeginns.“

Einen etwas hoffnungsvolleren Weg aus der Krise zeigen Bernsteins CHICHESTER PSALMS, seine Vertonung von ausgewählten Psalmen aus dem Alten Testament in hebräischer Sprache. Die Musik erreicht auch hier eine zutiefst beeindruckende Kraft. Das Orchester ist interessant besetzt: Beim Blech fehlen die Hörner, die Holzbläser mussten das Podium nach JEREMIAH verlassen. Dadurch wirkt das orchestrale Fundament direkter, weniger verästelt, auch weniger spätromantisch. Die Botschaft dringt klar durch: Setzt euch gemeinsam an den Tisch, sucht die Eintracht, nehmt Abstand von Zielen, die ihr eh nicht versteht. Die Singakademie Zürich kann all ihre immensen Qualitäten offenbaren, von ätherischer Reinheit und Zurückhaltung zu paradiesischer Schönheit bis zu durchschlagenden Glaubensbekenntnissen. Im zweiten Teil begeistert der Knabensopran von Gianluigi Giosuè Sebastian Sartori mit seiner lichten Stimme. Wunderbar wie der Dirigent Omer Meir Wellber ihn durch sein einfühlsames Dirigat stützt und trägt.

„Siehe, wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen.“ (Psalm 133, Vers 1 in Teil III der CHICHESTER PSALMS)

In diesem Sinne FROHE WEIHNACHTEN!

Karten