Zürich, Tonhalle: MENDELSSOHN, RAVEL, MAHLER, 05.11.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Ravel Mahler Mendelssohn

Felix Mendelssohn: DIE HEBRIDEN, Konzertouvertüre | Uraufführung: 10 Januar 1833 in Berlin | Maurice Ravel: MA MÈRE L' OYE, Ballettfassung | Uraufführung der orchestrierten Fassung: 29. Januar 1912 in Paris | Gustav Mahler: KINDERTOTENLIEDER | Uraufführung: 29. Januar 1905 in Wien | Maurice Ravel: RAPSODIE ESPAGNOLE | Uraufführung: 15. März 1908 in Paris | Dieses Konzert in Zürich: 4.11. | 5.11.2015

Kritik:

Mit „Poesie der Kindheit – Licht und Schatten“ übertitelte das Tonhalle-Orchester Zürich sein Konzertprogramm, bestehend aus Mendelssohns Konzertouvertüre DIE HEBRIDEN, Ravels Ballettsuite MA MÈRE L'OYE und seiner RAPSODIE ESPAGNOLE, sowie Mahlers KINDERTOTENLIEDERN. Dem Poetischen wohnt ja auch immer ein Zauber inne, und diesen Zauber zu evozieren gelang den Ausführenden an diesem Abend ausserordentlich eindrucksvoll und bewegend.

In Mendelssohns Konzertouvertüre bestimmt ein durchgehendes Sechstonmotiv den Charakter des Stücks. Lionel Bringuier und das Tonhalle-Orchester Zürich brachten die erforderliche Ruhe mit, um diesem Ostinato den Raum zur Entfaltung seiner wellenartigen Wirkung zu verschaffen, den Wechsel zwischen stürmischen Gefilden und ruhiger See hervorzurufen (Mendelssohn möge es mir nachsehen, er war erklärtermassen kein Anhänger der Programmmusik) und eine geheimnisvolle Klangmagie zu zaubern - eine sehr in sich gerundete Interpretation, ohne dynamische Übertreibungen. Wunderschön die kurze und zart verklingende Reminiszenz an das Hauptthema am Ende durch Klarinette und Flöte.

Die Holzbläser mit all ihren Ausdrucksmöglichkeiten an Licht und Schatten optimal einzusetzen war auch eine der vielen Fähigkeiten des Instrumentationskünstlers Maurice Ravel. In MA MÈRE L'OYE tragen sie Entscheidendes zur mystischen Grundstimmung des Werks bei. Die ausgezeichneten Musikerinnen und Musiker des Tonhalle-Orchesters Zürich und Lionel Bringuier nahmen sich die erforderliche Zeit, um die „Zauberwald“- Stimmung wunderschön gearbeitet auszubreiten, in den Wald und seine Geräusche hineinzuhorchen, auch dunklere Abgründe zu erforschen, der Stille ihren Platz einzuräumen. Traumverloren erklangen die fantastischen Violinsoli von Julia Becker, stimmungsvoll der Dialog Celesta – Klarinette. Selbst bei der das Werk beschliessenden kurzen Apothéose blieb der Klang luzide, wurde nie massig.

Mahlers KINDERTOTENLIEDERN wohnt bei aller Traurigkeit, allem Leid über das Schlimmste, was Eltern passieren kann auch ein berührender Trost inne. Diese Stimmungen vermochten sowohl der Solist, der Bariton Matthias Goerne, als auch Lionel Bringuier und das Tonhalle-Orchester mit tief bewegender Empathie aufzunehmen. Mit geradezu exemplarischer Phrasierung, überaus zarter und reiner Tongebung und warmer Grundierung interpretierte Goerne diese fünf Lieder. Beinahe entrückt, wie wenn er das Unfassbare wirklich noch nicht gefasst hätte, setzte er zu Nun will die Sonn' so hell aufgehn an. Sehr vorteilhaft für den Gesamtklang erwies sich die Tatsache, dass er die Konsonanten nicht übermässig aspiriert, sondern die Worte dem Gesamtklang unterordnet und so eine ausserordentlich bewegende Wirkung zu entfalten vermag. Selbst bei In diesem Wetter, in diesem Braus bleibt er bei der kontrolliert zurückhaltenden, schlanken und doch ungemein ausdrucksstarken Linienführung seiner warmen Baritonstimme. Sehr kontrolliert und doch die emotionalen Sphären wunderbar auslotend auch das Dirigat Bringuiers, dem es auch hervorragend gelang, den begeisterten Applaus für einen gebotenen Moment der Besinnung aufzuhalten.

Es ist immer schwierig, ein Konzertprogramm um diese KINDERTOTENLIEDER herum zu konzipieren. In Zürich hatte man sich entschieden, sie nicht ans Ende oder vor die Pause zu setzen, sondern ihnen noch die RAPSODIE ESPAGNOLE von Maurice Ravel folgen zu lassen – eine nicht ungefährliche Entscheidung, verleitet doch die klangliche Raffinesse der abschliessenden Feria mit ihren hereinwehenden Rhythmen und Tänzen dazu, den Saal in aufgeräumter, ja beschwingter Stimmung zu verlassen, die bedrückenden Lieder schnell zu vergessen. Nichtsdestotrotz war die Wiedergabe von Ravels viersätziger Rhapsodie natürlich brillant musiziert. Einige kleine Temporückungen beim herabfallenden, immer wiederkehrenden Viertonmotiv im Prélude konnten nicht ganz vermieden werden. Rhythmisch sehr präzise erklang dann die Malgueña, etwas introvertierter die Habañera und natürlich mit Brillanz und Verve die erwähnte abschliessende Feria, wobei Lionel Bringuier sehr bedacht war, die subtile Klangabmischung nicht durch exaltiertes Forcieren zu gefährden.

Werke:

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) entstammte zwar einer wohlhabenden jüdischen Bankiers- und Kaufmannsfamilie, wurde jedoch von seinen Eltern christlich getauft. Auch die Eltern konvertierten später zum christlichen Glauben und nahmen deshalb noch zusätzlich den Namen Bartholdy an. Der talentierte Knabe begann früh zu konzertieren und zu komponieren, machte bereits im jugendlichen Alter die Bekanntschaft mit Goethe, Carl Maria von Weber, Rossini, Meyerbeer usw. welche allesamt von seinen Fähigkeiten begeistert waren. Mit 16 schrieb er seine einzige Oper, unternahm Konzertreisen als Pianist und Dirigent quer durch Deutschland, nach Paris und Grossbritannien. Neben seinen Auftritten schuf er als Komponist ein reiches Konzertrepertoire (Sinfonien, Oratorien wie ELIAS und PAULUS, Schauspielmusiken, z.B. DER SOMMERNACHTSTRAUM, Konzerte für Klavier und Violine, Kammermusik) und gründete die erste deutsche Musikhochschule in Leipzig. Im Alter von nur 38 Jahren erlitt er kurz hintereinander drei Schlaganfälle und starb am 4. November 1847 an seinem letzten Wirkungsort, in Leipzig. Richard Wagner veröffentlichte drei Jahre nach Mendelssohns Tod sein unsägliches Pamphlet über DAS JUDENTHUM IN DER MUSIK und legte damit leider den Grundstein zu einer antisemitsichen Hetze gegen den grossartigen Romantiker Mendelssohn. Dessen Werke wurden nun seltener gespielt und unter der Nazi-Herrschaft im Dritten Reich gänzlich unterbunden.

Die Inspiration zur Konzertouvertüre DIE HEBRIDEN erhielt Mendelssohn anlässlich einer seiner zahlreichen Reisen nach England und Schottland im Jahre 1829, als er mit einem befreundeten Dichter die Fingalshöhle auf der schottischen Insel Staffa besuchte. Nach der Uraufführung der dritten Überarbeitung in Berlin wurde das Werk ein grosser Erfolg, vor allem auch in England. Und ausgerechnet Richard Wagner lobte den Komponisten als „erstklassigen Landschaftsmaler“.

Maurice Ravel (1875-1937): MA MERE L´OYE

Ravel schrieb das Stück 1910 ursprünglich für Klavier zu vier Händen und widmete es den Godebski Kindern Mimi und Jean. Im selben Jahr wurde das Werk für Solo-Klavier transkribiert durch Ravels Freund Jacques Charlot. Kurze zeit später, 1911, erstellte Ravel eine orchestrierte Fassung der fünf Märchenszenen und baute sie mit zusätzlichen Zwischenspielen zur Ballettmusik aus. Die Märchen, die Ravel bei seiner Vertonung im Kopf hatte, stammten von Charles Perrault (Dornröschen, Däumelinchen), Madame d´Aulnoy (Das hässliche Mädchen) und Jeanne-Marie Le Prince de Beaumont (Die Schöne und das Biest) und einer unbekannten Quelle (Der Zaubergarten).

Ravels eigentlich konservative Harmoniesprache verbindet lyrische Melodien mit exotischen Tonleitern. Sehr reizvoll ist der Einsatz des Kontrafagotts in MA MERE L´OYE.

Gustav Mahlers (1860-1911) grosse Liedzyklen stehen oft in engen Beziehungen zu seinen Sinfonien. In den Kindertotenliedern erinnert zum Beispiel das Glockenspiel im ersten und letzten Lied an die vierte Sinfonie, die Kantilene der Celli im Nachspiel zum letzten Lied nimmt das Hauptthema des Finales der dritten Sinfonie auf. Mahler hat die fünf Lieder sehr sparsam instrumentiert, löst aber damit und auch mit dem begrenzten tonalen Bereich, den er verwendete, schmerzvolle Emotionen beim Zuhörer aus. Bei den KINDERTOTENLIEDERN handelt es sich um fünf Gedichte von Friedrich Rückert, welche Mahler zwischen 1901 und 1904 vertonte. Mahler fühlte sich von Rückerts Gedichtsammlung persönlich betroffen, hatte er doch in seiner Kindheit sechs seiner elf Geschwister verloren. Mahlers Tochter Anna-Maria starb im Alter von vier Jahren nur wenige Jahre nach Abschluss der Komposition.

Maurice Ravel wuchs im französischen Baskenland, nahe der spanischen Grenze auf. Daher ist in seinem Schaffen wohl eine besondere Affinität zu spanischen Rhythmen zu spüren. Die RAPSODIE ESPAGNOLE ist ein brillant instrumentiertes und gearbeitetes Opus. Die vier Sätze (Prélude à la nuit, Malagueña, Habanera, Feria) enthalten alle das im ersten Satz exponierte abfallende Viertonmotiv. Im Nocturne des ersten Satzes prägt es ostinatohaft den gesamten, etwas wehmütig daherkommenden Satz. In der Malgueña mit ihren zigeunerhaften Rhythmen taucht es gegen Ende wieder auf. Die Habanera geht auf eine Komposition für Klavier zu vier Händen zurück, welche Ravel als zwanzigjähriger Student geschrieben hatte. Der Finalsatz ist der virtuoseste von allen, in ihm bereitet Ravel die Farben des grossen Orchesters aus, in erregtem Staccato führt er die Musik zu ekstatischer Steigerung, das erwähnte Viertonmotiv bringt etwas Ruhe hinein, bevor der Satz jubelnd ausklingt. Die Aufnahme des Werks bei der Uraufführung war sehr geteilt, die Galerie jubelte, die Kritiker im Parkett waren Ravel gegenüber lange Zeit eher skeptisch, betrachteten ihn als schlechten Imitator Debussys.

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