Zürich, Tonhalle: LIONEL BRINGUIER | HÉLÈNE GRIMAUD, 28.11.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Bringuier | Grimaud

Berlioz: Le Carnaval romain | Ravel: Klavierkonzert G-Dur | Roussel: Sinfonie Nr.3 | Ravel: La valse | Tonhalle Orchester Zürich | Leitung: Lionel Bringuier |Klavier: Hélène Grimaud | Konzertdaten: 28.11. | 29.11. | 30.11.2012 mit einem Werk von Dubugnon anstelle von Berlioz

Kritik:

Ein effektvolles Programm mit französischer Musik stellte der designierte Chefdirigent des Tonhalle Orchesters Zürich, Lionel Bringuier, gestern Abend vor. Den Auftakt machte Berlioz’ fulminante Konzertouvertüre LE CARNAVAL ROMAIN. Spannungsvoll dehnte Bringiuer das schmachtende Solo des Englischhorns (herrlich gespielt), ohne es rührselig wirken zu lassen; süss, aber ohne parfümiert zu wirken, nahmen die Bratschen das Thema auf, federnd gelang der Übergang zum rasanten Saltarello, die Masken schienen nur so hereinzuwirbeln, das Schlagzeug durfte prominent hervortreten, die knalligen Effekte des genialen Orchestrators Berlioz wurden genüsslich, aber mit schneidender Präzision ausgekostet, die forte-piano-Wechsel, konnten manchmal knallhart wirken, die diminuendi und crescendi sich organisch entwickeln. Ein wahrhaft mitreissender Auftakt zu einem grandiosen, packenden Konzerterlebnis, das weder Rührseligkeit noch Breitbild-Weichspülsound brauchte, um zu faszinieren.

Das blitzsaubere Spiel des Orchesters setzte sich im Klavierkonzert in G-Dur von Maurice Ravel fort: Vom ersten Peitschenknall, über die jazzigen und an Gershwin gemahnenden Rhythmen, die kristallklaren Glissandi, die traumhaft schönen Flöten- und Englischhornphrasen (2. Satz) bis zum prägnanten, feurig-brillanten Finale schlug dieses Konzert die ZuhörerInnen in seinen Bann. Die Solistin Hélène Grimaud fügte sich mit ihrem filigran perlenden Anschlag perfekt in den transparenten Gesamtklang ein, gestaltete die Soloexposition zu Beginn des zweiten Satzes mit grosser Gefühlsintensität, doch ohne Larmoyanz und traf sich exzellent mit dem unsentimentalen, brillant-kühlen approach des Dirigenten. Exemplarisch vermochte sie immer wieder die Dominanz in die linke Hand zu legen und mit der rechten Begleitfiguren von unaufdringlicher, imposanter rhythmischer Präzision hinzutupfen.

Stampfend und mit bissiger Wucht wurde nach der Pause der Beginn von Roussels 3. Sinfonie dargeboten. Orchestrale Opulenz wechselte mit leichtfüssigen, tänzerischen Einsprengseln. Im zweiten Satz dominierten betörender Streicherklang und quicklebendige Holzbläser. Ein atemberaubend gestaltetes crescendo zum Orchestertutti und ein schwärmerisches Solo des Konzertmeisters beendeten dieses Adagio. Doch bevor man allzu sehr im Wohlklang zu schwelgen begann, hüpfte und polterte das witzige Scherzo mit seinen Eulenspiegeleien herein und erst im Finalsatz durfte man nochmals der mit träumerischer Noblesse gespielten Phrasen der Solovioline zuhören um sich dann in den Schlussstrudel der in ihrer Kompaktheit beeindruckenden Sinfonie ziehen zu lassen. Diese Sinfonie war letztmals 1987 in Zürich zu hören gewesen – es bleibt zu hoffen, dass es nicht wieder so lange dauern wird und man in absehbarer Zukunft hoffentlich noch weitere Werke von Albert Roussel zu hören bekommen wird.

Den Abschluss bildete Ravels LA VALSE, wohl das persönlichste und tiefgründigste Werk des Abends. Auch hier zeigte sich Bringuiers Talent, dem Orchester dynamisch subtil abgestufte Feinheiten und lautmalerische Farben zu entlocken, welche diesen Totentanz geradezu greifbar plastisch vor dem inneren Auge entstehen liessen: Mystik, heulende Kriegsgranaten, Anklänge von berührender Zartheit, welche immer wieder durch knallige Einsprengsel zerstört wurden, Brutalität und erregendes Delirium, peitschende Schüsse und verfremdete Walzerfetzen mündeten in einen gewaltigen Klangrausch. Das begeisterte Publikum darf sich bestimmt auf viele weitere spannende Konzerte mit diesem grossartig disponierenden Dirigenten freuen und darauf gespannt sein, wie unter seiner Stabführung die grossen Brocken des Konzertrepertoires neu entdeckt werden können.

Fazit:

Oh ja, der designierte Chefdirigent des Tonhalle Orchesters Zürich, Lionel Bringuier, weiss effektvolle, mitreissende und knallende Effekte zu setzen, sie grandios vorzubereiten und genüsslich auszukosten. Ein fantastisches, stellenweise orgiastisches Konzerterlebnis war garantiert. Hélène Grimaud vermochte im Klavierkonzert von Maurice Ravel mit hochvirtuosem, präzisem und sich wunderbar in den grandiosen Klangkörper des Orchesters einfügendem Spiel zu faszinieren. 

Werke:

Hector Berlioz (1803-1869) kämpfte zeitlebens um seine Anerkennung als Opernkomponist. In seiner Ouvertüre LE CARNAVAL ROMAIN hat er Themen aus seiner in Paris durchgefallenen Oper BENVENUTO CELLINI verarbeitet, insbesondere die Kantilene des Cellini Ô Térésa (welche er hier dem Englischhorn anvertraute) und einen teuflisch rasanten Saltarello, welcher den römischen Karneval evoziert. Entstanden ist so ein effektvolles, mitreissendes Tongemälde aus einem Italien, welches Berlioz immer wieder zu glanzvollen Musiknummern inspiriert hatte.

Maurice Ravel (1875-1937) schuf sein Klavierkonzert in G-Dur in der Zeit von 1929-1931, nach einer ausgedehnten Konzerttournee durch die Vereinigten Staaten. Jazzige Klänge und Anlehnungen an Blues-Rhythmen flossen unüberhörbar in dieses Werk ein. Daneben sind auch mystischere Passagen zu vernehmen, klangmalerische, heitere Gebilde erinnern an Dvoraks Sinfonie Nr.9 oder Chopins Nocturnes. Ursprünglich beabsichtigte Ravel, mit diesem Konzert selbst auf Tournee zu gehen. Doch seine nachlassende Gesundheit stand dem im Wege. So spielte Marguerite Long (mit Ravel als Dirigent) die Uraufführung des Werks (14. Januar 1932). Kurze Zeit nach der Uraufführung liessen Ravels schöpferische Kräfte rapide nach, ein Autounfall im Herbst des Jahres 1932 verschlimmerte die bereits bestehenden Krankheitsbilder noch zusätzlich. Störungen in der Bewegungsmotorik und Einschränkungen im sprachlichen Ausdrucksvermögen verunmöglichten weitere Kompositionen. 

Als Ravel 1919 von Sergej Diaghilew den Auftrag zur Komposition eines Balletts für dessen Ballets Russes erhielt, hatte er noch in der Blüte seines Schaffens gestanden. Diaghilew wies jedoch die fertige Komposition als "untanzbar" zurück und das Werk wurde konzertant uraufgeführt (12. Dezember 1920). Erst neun Jahre später wurde es erstmal choreographiert (Nijinska), später auch sehr erfolgreich von Balanchine und Ashton. Ravel selbst stellte seiner Komposition eine Art Programm voran: "Flüchtig lassen sich durch schwebende Nebelschleier hindurch walzertanzende Paare erkennen. Nach und nach lösen sich die Schleier auf: man erblickt einen riesigen Saal mit zahllosen im Kreise wirbelnden Menschen. Die Szene erhellt sich zunehmend; plötzlich erstrahlen die Kronleuchter in hellem Glanz. Eine kaiserliche Residenz um 1855." Doch das Werk endet nicht in Harmonie, der schwermütige Ravel liess die aufblitzenden Anklänge an den Wiener Walzer in einen chaotischen Todestanz taumeln. Das Werk ist eng mit biographischen Ereignisse in Ravels Leben verknüpft: Seine Erfahrungen im ersten Weltkrieg, der Tod seiner Mutter, seine Schwierigkeiten, Beziehungen einzugehen.

Albert Roussel (1869-1937) war ein Zeitgenosse Ravels. Er begann erst relativ spät mit dem Komponieren (vorher war er Offizier der Marine). Seine erste Schaffensperiode war noch von den Einflüssen seines Lehrers Vincent d'Indy und von César Franck geprägt. Erst mit der zweiten Sinfonie entwickelte er eine eigene, eher sperrige Tonsprache, die auf wenig Anerkennung stiess. Schliesslich jedoch gelang ihm mit der Hinwendung zum Neoklassizismus der Durchbruch und schon bald wurde er als einer der bedeutendsten musikalischen Zeitgenossen gefeiert. Aus dieser Zeit stammt auch seine dritte Sinfonie, welche neben seiner Kammermusik und den Ballettmusiken (Le festin de l'araignée und Padmâvatî) seine bis heute andauernde Popularität begründete, auch wenn diese vor allem auf Frankreich und die angelsächsischen Länder begrenzt blieb. Die Sinfonie stellte ein Auftragswerk des Boston Symphony Orchestras dar, welches für das Festkonzert zu dessen 50. Gründungstag (24. Oktober 1930) auch Werke von Honegger, Stravinsky und Prokofieff unter der Leitung von Serge Koussevitzky zur Uraufführung brachte. Das Werk ist leicht zugänglich, fasziniert durch seine rhythmische Vitalität und seine Schnörkellosigkeit, nur im zweiten Satz kommt ein Hauch von spätromantischer Sentimentalität auf (bezauberndes Violinsolo).

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