Zürich, Tonhalle: GLAGOLITISCHE MESSE, 05.12.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Glagolitische Messe

Leoš Janáček: Blanik Ballade | Uraufführung: 21. März 1920 in Brünn | Antonin Dvorák: Das goldene Spinnrad | Uraufführung: 3, Juni 1896 in Prag | Leoš Janáček: Glagolitische Messe | Uraufführung: 5.Dezember 1927 in Brünn | Aufführungen diese Konzerts in der Tonhalle Zürich: 5.12. | 6.12.2015

Kritik:

Janáčeks Werken im Konzertsaal zu begegnen, stellt stets ein besonderes Erlebnis dar. Wie es der mährische Komponist verstanden hatte, aus kleinstem motivischem Material solch eine faszinierende, packende Wirkung zu entfalten, ist immer wieder aufs Neue begeisternd. Diese Wirkung stellte sich auch gestern Abend anlässlich des (späten) Debuts von Sir John Eliot Gardiner am Pult des Tonhalle-Orchesters Zürich ein – und zwar mit einer Eindringlichkeit sondergleichen. Gardiner eröffnete das Konzert mit Janáčeks Blanik-Ballade: Plastisch erzählend breitete das Orchester den manchmal herb, dann wieder pastoral-lieblich orchestrierten Klangteppich aus, flirrende Streicher über dumpf-rhythmischem Fundament wechselten mit strahlenden Fanfaren des Blechs und entfalteten einen beinahe mythischen Sog, der jedoch nie in spätromantischen Schwulst abglitt, sondern durchaus abrupte Wendungen enthielt, das Ohr überraschten. Noch deutlicher wurden diese Effekte in der zweiten Konzerthälfte hörbar, einem zentralen Werk aus Janáčeks Oeuvre, der GLAGOLITISCHEN MESSE. Gardiner hatte dazu aus London den von ihm gegründeten Monteverdi Choir mitgebracht – welch ein Klangkörper funkelnder, überragend wuchtiger und dramatischer Stimmgewalt. Die aus acht Sätzen bestehende, in glagolitischer Schrift verfasste Messe wurde in der Interpretation der Ausführenden zu einem tief beeindruckenden, lange nachhallenden Hörerlebnis. Neben dem fantastischen Chor und dem die manchmal herbe und ungewöhnliche Instrumentationsweise des Komponisten grandios spielenden Tonhalle-Orchester beeindruckte auch das Solistenquartett: Luba Orgonášová mit ihrem wunderbar in himmlische Sphären weisenden, sauber geführten Sopran, Pavel Černoch mit seinem schlanken, unforcierten Tenor, Peter Mikuláš mit seinem kernigen Bass und (leider von Janáček mit nur marginalen Einwürfen bedacht) die Altistin Alisa Kolosova. Einen fulminanten, wahrlich unter die Haut gehenden Beitrag zum überwältigenden Gesamteindruck steuerte Peter Solomon bei, welcher mit seinen Orgelsoli gewichtige Akzente setzte. Gardiners Dirigat zeichnete sich durch einen vorwärtsdrängenden, doch nie überhasteten Impetus aus, scheute die zupackenden, naturalistischen Effekte nicht, liess aber auch die transzendentalen Phrasen mit berührender Zartheit aufblühen.

Es tut einem fast leid anzumerken, dass das dritte, zwischen die Kompositionen Janáčeks gestellte Werk, Dvořáks Sinfonische Dichtung DAS GOLDENE SPINNRAD, neben der innovativen Klangsprache Janáčeks fast ein wenig zu konventionell und blass wirkte. In einem anderen programmatischen Kontext hätte diese Komposition aber bestimmt mehr Eindruck gemacht, denn Dvořák spielte darin sehr gekonnt mit dem Chiaroscuro Effekt, die hellen Klänge der königlichen Jagd im Wald (wunderbar die Hornisten des Tonhalle-Orchesters) und das emphatisch aufsteigende Liebesmotiv kontrastierten gekonnt mit den brutalen und dramatischen Episoden der grausigen Geschichte. Sir John Eliot Gardiner und das Tonhalle-Orchester erzählten das Märchen mit fein abgestufter Dynamik und sehr dicht herausgearbeiteter Plastizität (näher kommendes Hufgetrappel der Pferde!).

Das Publikum im gut gefüllten Saal der Tonhalle Zürich zeigte sich zu Recht begeistert und feierte die Ausführenden nach der GLAGOLITISCHEN MESSE mit grossen Ovationen, wobei man einmal mehr konstatieren muss, dass gewisse Leute bereits in das Verklingen des letzten Tons hineinklatschen – das muss gerade bei einem geistlichen Werk nun wirklich nicht sein.


Werke:

Leoš Janáček (1854-1928) komponierte sein sinfonisches Gedicht BALADA BLANICKÁ auf einen Text von Jaroslav Vrchlický und widmete die Komposition Tomáš Garrigue Masaryk, dem Präsidenten und Verfechter der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei. Die Legende von Blanik erzählt von einer kleinen Armee in den Bergen, welche aus ihrem Schlaf erwacht und Tschechiens Feinde vertreibt. Doch in Vrchlickýs Version nimmt diese Legende pazifistische Züge an, da Waffen darin nicht vorkommen. Es bleibt fraglich, ob Janáček wirklich den Text vertonen wollte, oder ob er diesen nicht eher als Inspirationsquelle für einen sinfonischen Satz mit positiver, pastoraler Grundstimmung betrachtete. Blanik heisst auch der letzte Teil aus Smetanas MEIN VATERLAND. Bei ihm erhält die Legende doch wesentlich martialischere Züge als bei Janáček.

Antonin Dvorák (1841 – 1904) fand erst relativ spät zur Programmmusik. Als Freund von Johannes Brahms galt er als vehementer Verfechter der absoluten Instrumentalmusik. Vor allem durch seine Eindrücke auf der Reise durch die USA wurde er zur Komposition von Werken angeregt, welchen ein aussermusikalisches Programm zugrunde liegt. Seine vier sinfonischen Dichtungen (DER WASSERMANN, DIE MITTAGSHEXE, DIE WALDTAUBE und DAS GOLDENE SPINNRAD) beruhen auf den ziemlich blutrünstigen Balladen des tschechischen Dichters Karel Jaromir Erben. In DAS GOLDENE SPINNRAD verirrt sich ein König in einen Wald, verliebt sich in ein schönes Mädchen das er zufällig dort trifft (Dornička) und will sie zur Gemahlin nehmen. Doch die Stiefmutter dieses Mädchens will dem König ihre leibliche Tochter unterjubeln. Zusammen stechen sie Dornička die Augen aus, hacken ihr die Glieder ab. Der König lässt sich täuschen und heiratet die falsche Frau. Während sich der König im Krieg befindet, tauscht seine Gemahlin die Glieder und Augen ihrer Stiefschwester gegen ein goldenes Spinnrad ein. Der König kehrt zurück und lässt sich das Spinnrad vorführen. Das Gerät singt ihm eine Ballade vor. Darin wird die Ermordung Dorničkas besungen. Unterdessen hat der Händler die Gliedmassen Dorničkas wieder zusammengeflickt und das Mädchen so zum erneuten Leben erweckt. Der König findet sie im Wald und nun wird die richtige Hochzeit gefeiert. Die Stiefmutter und deren Tochter werden mit genau der gleichen Brutalität bestraft, welche sie Dornička angetan hatten.

Dvorák hat die Vorlage quasi Wort für Wort vertont, was man dem Duktus der Musik entnehmen kann, dem praktisch Takt für Takt der Text der Vorlage unterlegt werden könnte.

Leoš Janáček komponierte seine GLAGOLITISCHE MESSE im Alter von 72 Jahren. Sie beruht auf der hergebrachten Struktur der katholischen Messe mit den fünf Sätzen Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei, allerdings in der altslawischen, glagolitischen Sprachform. Das Werk ist von einer grossen Konzentration mit Knappheit im dramatischen Ausdruck durchdrungen. Das gesamte Material entwickelt er aus einigen Grundkernen (z.B. dem kontrastreichen Spiel der Intervalle Quint und Quart) und baut diese Motive architektonisch eindringlich geschichtet auf. Ideell ruht das Werk im Pantheismus, d.h. in JanáčeksKlangsprache dringt immer der Gedanke durch, dass das Göttliche in der Natur, im Universum erscheint.Die Messe ist geschrieben für vier Gesangssolisten, Doppelchor, Orgel und grosses Orchester.

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