Zürich, Tonhalle: ELGAR, BRAHMS, 06.11.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Elgar, Brahms; Runnicles, Ax

Sir Edward Elgar: Serenade for strings, op.20 | Uraufführung: 21. Juli 1896 in Antwerpen | Sir Edward Elgar: Enigma Variationen, op.36 | Uraufführung: 19. Juni 1899 in London | Johannes Brahms: 1. Klavierkonzert in d-Moll, op. 15 | Uraufführung: 22. Januar 1859 in Hannover | Daten dieses Konzerts in Zürich : 5.11. | 6.11. | 7.11.2014

Kritik:

Hoch- und spätromantische Gefühlsstrudel loteten Donald Runnicles, Emanuel Ax und das Tonhalle Orchester Zürich anlässlich ihres Elgar/Brahms – Konzertes gestern Abend in der Tonhalle aus. Donald Runnnicles, der als GMD der Deutschen Oper Berlin auch ein erfahrener und vielseitiger Operndirigent ist, weiss ganz genau, wie er emotionale Höhepunkte herausarbeiten muss. Exemplarisch gelang ihm (und dem mit herrlich sattem Klang aufspielenden Tonhalle Orchester Zürich) dies in der Variation Nr.9 (Nimrod) aus Edward Elgars Enigma-Variationen. Mein Gott, das war zum Weinen schön: Mit exquisitem Klang und magischer Abmischung gestalteten er und das Orchester dieses sich so unermesslich berührend steigernde Adagio, drangen mit dieser Musik direkt zu den Herzen der ZuhörerInnen vor.  Überhaupt waren die langsamen Sätze die traumhaften Höhepunkte dieses Konzerts. Bereits in der den Abend eröffnenden Serenade for strings op.20 geriet das Larghetto mit unermesslicher Süsse und Zartheit - ein tröstender Balsam für die Seele. Auch hier erreichten Runnicles und das Tonhalle Orchester die ZuhörerInnen so ungehindert, dass sogar Zwischenapplaus aufbrandete. Traumhaft, wie sich das Thema aus den Bratschen über die zweiten in die ersten Violinen hinein hochschraubte, aufstieg, an-und abschwoll, sich mit den sorgfältig herausgearbeiteten Bassstimmen mischte. Doch auch in den Ecksätzen zeigten sich die satten Streicherqualitäten des Orchesters und Runnicles verstand es hervorragend, diese mit pulsierender Schwere und tänzelnder Leichtigkeit zu füllen. Melancholische Phrasen liessen zwischendurch an Tschaikowsky denken.

Nach diesem intimen Beginn (mutig und sehr gut gewählt, wenn man nach einem strengen Arbeitstag ins Konzert geht) folgten die charismatischen Enigma Variationen, das Werk, mit welchem Elgar seinen endgültigen Durchbruch als Lieblingskomponist Britanniens schaffte. Nun durfte man sich am gross besetzten Orchesterklang erfreuen; besonders die vielfältig eingesetzten Holzbläser verblüfften in den farbenreich interpretierten Dialogen mit den Streichern. Runnicles verstand es, die unterschiedlich charakterisierten Variationen prägnant voneinander abzusetzen. Neben dem bereits erwähnten Schwelgen in den grandiosen Nimrod-Wogen, verdienen besonders das sprühend-witzige Presto (Nr.7), das fein ziselierte Intermezzo Dorabella (Nr.10), das schmachtende Andante (Nr.12) mit dem von Thomas Grossenbacher mit feinfühliger Eindringlichkeit gespielten Cello-Solo und natürlich das wuchtige Gänsehaut-Finale (Nr.14, diese Variation hat sich Elgar selbst gewidmet) besondere Erwähnung. Also, liebe Tonhalle-Planer: More of Elgar, please! (Und wenn wir schon bei Empfehlungen sind: Auch Ralph Vaughn Williams’ Sinfonien wären mal fällig!!!)

Häufiger (auch wegen seiner besonderen Beziehung zu Zürich) wird in der Tonhalle Brahms gespielt. „Aimez-vous Brahms“, fragte Paula den Philip in Françoise Sagans gleichnamigem Roman. Ja!!! Vor allem wenn er so süffig und brillant interpretiert wird, wie es bei diesem ersten Klavierkonzert in d-Moll durch die stupenden Künste von Emanuel Ax und das ihn begleitende Tonhalle Orchester unter Danald Runnicles der Fall war. Ax spielte diesen wahrhaft grossen und mit Trillern und Akkordkaskaden nur so gespickten Brocken mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit, in die sich kaum einem Fehlgriff schlich. Ax konnte sich so voll auf die musikalische Gestaltung konzentrieren – und die war von verblüffender Vielseitigkeit. Im erste Satz mit seinen riesigen Dimensionen präsentierte Emanuel Ax bereits eine grosse Palette an Stimmungen. Wuchtige Akkorde stiegen aus den Tiefen hervor, virtuose Passagen mit sich überkreuzenden Händen perlten luftig daher, romantische Aufschwünge wurden stimmungsvoll herausgearbeitet. Feine Einsätze, weiche, sehnsüchtige Phrasen, tief empfundene Seufzer prägten das Adagio. Ax setzte aber zu all der schwärmerischen Romantik auch Gegenakzente, die aufhorchen liessen: Glasklare Triller, dynamisch auf- und abschwellend von grösster Präzision, kräftige Abwärtsbewegungen des Klavierspiels, wenn sich das Orchester zu sehr in romantischen Gespinsten verästelte. Nach der langen Orchestereinleitung des Kopfsatzes hat dann das Klavier im Finalsatz die Aufgabe, das Hauptmotiv einzuführen, diese mitreissenden ungarischen Rhythmen, verspielt galoppierend und doch immer wieder zum Ziel führend. Grosser verdienter Jubel am Ende – und natürlich liess sich der Pianist nicht lange bitten und spielte (wie drei Wochen zuvor in der Philharmonie Berlin) eine Zugabe von Frédéric Chopin.: Valse brillante op. 34 Nr.2.  Phänomenal neben aller Leichtigkeit und Transparenz war vor allem, was Ax an Stimmung mit der linken Hand beisteuerte!

Werke:

Der Autodidakt Edward Elgar (1857-1934) schrieb seine Streicherserenade in e-Moll op.20 im Jahr 1892. Im selben Jahr wurde sie auch in privatem Rahmen uraufgeführt, die erste öffentliche Aufführung folgte jedoch erst 4 Jahre später in Antwerpen. Das circa 12 Minuten dauernde, dreisätzige Werk gehört zu den frühen Werken des Komponisten und wird auch heutzutage noch gerne aufgeführt. Der zweite Satz, das sanft und tröstlich fliessende Larghetto, gehört mit zu Elgars schönsten melodischen Eingebungen.

Seinen Durchbruch als einer der meist verehrten Komponisten Grossbritanniens verdankte Elgar den Enigma-Variationen, op 36, deren Komposition er im Jahr 1899 abschloss. Angeblich basieren die 14 Variations on an original theme auf einer von Elgar zufällig gespielten Melodie, welche seiner Frau sehr gut gefiel. Die einzelnen Variationen lassen sich aufgrund der von Elgar angefügten Initialen engen Freunden des Komponisten zuordnen. Das Rätsel um das Hauptthema ist jedoch noch nicht restlos geklärt, da es im Stück nicht explizit vorkommt. Elgar nahm zu all den Spekualtionen um das Hauptthema nie Stellung. Viele Musikwissenschafter weltweit stellten Theorien dazu auf, doch Elgar nahm sein Geheimnis wohl mir ins Grab. Wie dem auch sei, das Werk gehört zu den Klassikern der Orchesterliteratur und erfreut sich auch ausserhalb der Konzertsäle grosser Beliebtheit. Manch eine der Variationen wurde als Filmmusik "missbraucht", besonders die Variation Nr. 9 mit dem Untertitel Nimrod bot sich wegen ihrer berückenden, erhabenen Schönheit dazu an.

Die Enstehungsgeschichte von Johannes Brahms' (1833-1897) erstem Klavierkonzertin d-Moll, op. 15 stellt einen langen Leidensweg dar. Brahms war mit den Schumanns (Robert und Clara) eng befreundet, Schumann widmete dem jungen Mann auch eine seiner letzten Kompositionen, das Konzert-Allegro für Klavier und Orchester in d-Moll, op. 134. Daher ist es kaum ein Zufall, dass auch Brahms sein erstes Klavierkonzert in dieser Tonart schrieb. Brahms Idee war allerdings, zuerst ein Konzerstück für zwei Klaviere zu schreiben, die Flut an Material sprengte allerdings bald diesen Rahmen. Danach wollte Brahms die Themen zu einer Sinfonie ausarbeiten, wich aber bald wieder von diesen Plänen ab und schrieb schliesslich eben dieses erste von seinen beiden Klavierkonzerten (das zweite folgte erst rund 25 Jahre später). Der Kopfsatz (Maestoso) überrascht mit einer überlangen Orchestereinleitung. Erst nach 91 Takten setzt das Klavier ein. Brahms gelingt in diesem Satz eine spannungsvolle Verarbeitung des von unterschiedlichen Stimmungen geprägten motivischen Materials. Der 2. Satz (Adagio) scheint eine Liebeserklärung an die von Brahm verehrte (anghimmelte?) Clara Schumann zu sein, welche während der Entstehungzeit von Brahms' Klavierkonzert Witwe geworden war. Sie blieb dem jungen Komponisten zwar stets freundschaftlich verbunden, doch mehr war da leider (aus Brahms' Sicht) nicht. Im finalen Rondo schliesslich stellt das Klavier das Hauptthema vor, welches vom Orchester aufgenommen wird. Zwei Kadenzen gegen das Ende hin führen zum triumphalen Abschluss dieses mit seinen rund 50 Minuten Spieldauer in jeglicher Hinsicht beachtenswerten und bedeutenden Werkes der Hochromantik.

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