Zürich, Tonhalle: BRINGUIER | HARTEROS, 26.11.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Bringuier | Harteros

Maurice Ravel: UNE BARQUE SUR L'OCÉAN | Uraufführung: 6. Januar 1906 (als Klavierstück, innerhalb des Zyklus MIROIRS) | Richard Strauss: VIER LETZTE LIEDER | Uraufführung: 22.Mai 1950 in London | Franz Schubert: Ouvertüre DIE ZAUBERHARFE | Uraufführung: 19. August 1820 in Wien | Maurice Ravel: VALSES NOBLES ET SENTIMENTALES | Uraufführung: 8. Mai 1911 in Paris (Klavierfassung) | Igor Strawinsky: L'OISEAU DE FEU, Konzertsuite | Uraufführung: 25. Juni 1910 in Paris (als Ballett) | Konzerte in Zürich: 26. und 27. 11. 2014 und 28.11. als Tonhalle late (ohne Strauss und Schubert)

Kritik: 

Auf den ersten Blick mag das Programm dieses Konzerts mit den vielen relativ kleingliedrigen Werken von Ravel, Strauss, Schubert, wieder Ravel und Strawinsky etwas ungewöhnlich gewirkt haben, doch schälte sich auf den zweiten Blick eine wohl durchdachte musikdramaturgische Stringenz der Programmgestaltung  heraus. Sowohl Ravel als auch Strauss und Strawinsky dringen mit ihrer subtilen Instrumentationskunst in tief empfundene impressionistische Gefilde vor. Schubert mit seiner gefälligen Ouvertüre DIE ZAUBERHARFE scheint erst mal etwas abseits zu stehen (auch zeitlich), doch bezog sich Maurice Ravel mit seinen VALSES NOBLES ET SENTIMENTALES explizit auf Schuberts Oeuvre in diesem Bereich. Insofern machte es also doch Sinn, nach der Pause mit Schubert zu beginnen, auch wenn dieses Werk im Kontext der anderen etwas gar bieder daher kam.

Begonnen hatte der Abend des Tonhalle Orchesters unter der Leitung seines Chefdirigenten Lionel Bringuier mit einer subtil gemalten Wiedergabe von Ravels UNE BARQUE SUR L’OCÉAN. Wunderschön intoniert vom Orchester, die sanften Wogen, die zarten Arpeggien, das dumpfe Grollen, die Spritzer der Gischt und die zarten Lüftchen mit den herrlichsten Orchesterfarben in grandioser Plastizität gemalt. Ein ebenso grosses Lob gebührt den Musikerinnen und Musikern des Tonhalle Orchesters für die Interpretation des fein ziselierten Orchesterparts in Richard Strauss’ VIER LETZTEN LIEDERN, in welchen viele MusikerInnen sich auch in solistischen Passagen exzellent präsentieren konnten, so die Konzertmeisterin Julia Becker in ihren Soli (Beim Schlafengehen) oder der Hornist Ivo Gass (September). Lionel Bringuier entlockte dem Orchester all die wundervollen Stimmungen der Natur und des nahen Todes, welcher in Strauss’ Abschiedswerk nicht als Schrecken sondern fast als lieber, vertrauter Freund daherkommt. Als Solistin hatte man die hoch gelobte Anja Harteros verpflichten können, einer der zur Zeit weltweit zu Recht gefeierten Stars am Klassikhimmel, die für ihre Interpretation dieser vier letzten Lieder aus der Feder des vor 150 Jahren geborenen Richard Strauss mit dem Klassikpreis ECHO ausgezeichnet wurde. Wenn man zu ihrer Interpretation gewisse Einwände vorbringt, so sind dies beckmesserische Kleinigkeiten: An vielen Stellen beglückte sie mit ihrer blühenden Höhe, an einigen andern vermisste man den geforderten weich silbernen Klang, da schien sie ihre Resonanzräume zu schnell und zu stark zu öffnen, so dass sich die Stimme ungewohnt verhärtete. Vortrefflich gelangen ihr das zweite Lied (September), in welchem sie es ausgezeichnet verstand, ihren kostbaren Sopran etwas zurückzunehmen und ihn quasi in den warmen Orchesterklang einbettete, und das letzte Lied (Im Abendrot), in welchem sie mit ihrem einzigartigen Ansatz im Piano entzückte (... oh weiter stiller Friede), mit der Schwere des „wandermüde“  und der Fahlheit der letzten Phrase berührte.

Nach der Pause wie gesagt dann der etwas pauschal dirigierte Schubert und gleich anschliessend die mit ihrer pointierten Rhythmik und der überragenden Instrumentierungskunst aufwartenden VALSES NOBLES ET E`SENTIMENTALES von Ravel. Bringuier und das Orchester beeindruckten in jeder dieser acht Miniaturen mit den wellenförmigen crescendi, dem besonders reizvoll ausgehorchten Amalgam von Holzbläsern und Streichern, den melancholisch hereinwehenden und wieder verklingenden Walzerthemen. Fantastisch auch, wie Bringuier es schafft, die Werke ausklingen zu lassen, den Applaus aufzuhalten, den HörerInnen Zeit zu geben, die Eindrücke auf ihre Seelen wirken zu lassen.

Das den Abend eröffnende Werk war dem Maler Paul Sordes gewidmet, einem Mitglied der Künstlergruppe LES APACHES, genau wie Ravel und eben auch Igor Strawinsky, mit dessen Konzertsuite L’OISEAU DE FEU das Konzert zu einem fulminanten Ende kam. Atemberaubend wie die Introduktion aus den Tiefen der Bässe in die feinen Verästelungen der Flöte aufstieg, das Flattern des Vogels evoziert wurde, der volkstümliche Reigen der Prinzessinnen in das Inferno um den Zauberer Kastchei umschlug und wieder zurück zur ruhigen Berceuse fand. Schade nur, dass viele extrovertierte Lungenkranke im Publikum die glissierenden Falgeoletts der Streicher durch ihre Hustenanfälle störten, denn diese zauberhaft rein gespielten Passagen gehörten für mich zum Höhepunkt des Abends. Das gigantische Ende dann mit dem sich stetig und majestätisch steigernden Volksliedmotiv, welches immer mehr auf das Orchestertutti übergreift, führte zum verdienten Jubel für das Orchester und seinen grossrtigen Chef!

Werke:

Ravel: UNE BARQUE SUR L'OCÉAN

Maurice Ravel (1875-1937) komponierte seinen Klavierzyklus MIROIRS im Jahr 1905. Die anspruchsvolle Komposition gehört zu den exemplarischen Werken des französischen Impressionismus, obwohl Ravel diesen Begriff aus der Malerei eigentlich nicht unbedingt auf seine Musik übertragen haben wollte, sich aber auch nicht daran störte. Zwei Stücke aus diesem Zyklus orchestrierte er später selbst, neben der BARQUE noch ALBORADA DEL GRACIOSO. Jedes der fünf Stücke ist einer wichtigen Persönlichkeit aus Ravels Umfeld gewidmet (BARQUE z.B. dem Maler Paul Sordes). Der Übertitel MIROIRS geht wahrscheinlich auf Shakespeares Drama JULIUS CAESAR zurück, aus dem das Zitat stammt:

And it is very much lamented, Brutus,

That you have no such mirrors as will turn

Your hidden worthiness into your eye

That you might see your shadow.


Strauss: VIERLETZTE LIEDER

Richard Strauss so genannte VIER LETZTE LIEDER entstanden während seines Aufenthalts gegen Ende seines Lebens in der Schweiz, im Jahre 1948. Er lernte Hermann Hesse persönlich kennen und vertonte drei seiner Gedichte (Frühling, September, Beim Schlafengehen). Für das vierte Lied, Im Abendrot, griff er auf ein Gedicht von Joseph von Eichendorff zurück. Mit gewohnter Schönheit und Rafinesse der Kantilenenführung setzte sich Strauss am Ende seines Lebens mit den Themen Abschied und Tod auseinander. (Hesse war darüber nicht allzu glücklich, für ihn klang das alles zu geglättet und zu oberflächlich auf Wohlklang bedacht.) Strauss erlebte die Uraufführung vom 22. Mai 1950 in London (mit Kristen Flagstad und dem Phiharmonia Orchestra unter Wilhelm Furtwängler) nicht mehr, er starb am 8. September 1949 in Garmisch-Partenkirchen.


Franz Schubert: Ouvertüre DIE ZAUBERHARFE, D 644

Franz Schubert (1797-1828) komponierte verschiedene Musikstücke zu diesem Ritterstück, dessen Text verschollen ist. Schuberts Kompositionen dazu sind jedoch erhalten und werden oft konzertant aufgeführt.


Ravel: VALSES NOBLES ET SENTIMENTALES

Der Bezug zu Schubert ist offensichtlich: Schubert schrieb sehr gerne Walzer für Klavier, einen Zyklus nannte er z.B. Valses sentimentales, einen anderen Valses nobles. Ravel fasste seine acht Valses in einem Zyklus zusammen. Wie auch bei MIROIRS entstanden sie zuerst als Komposition für Klavier. Ein Jahr später erst wurden die Komposition orchestriert, auch eine Ballettfassung folgte.

Igor Strawinsky (1882-1971): LOISEAU DE FEU, der Feuervogel, Konzersuite Nr.2

DER FEUERVOGEL ist ein Auftragswerk an Strawinsky vom russischen Mäzen und Impresario des Ensembles „Ballets Russes“, Sergej Dhiaghilew. Die Uraufführung im Pariser Palais Garnier wurde begeistert aufgenommen. Seither gehört der FEUERVOGEL zu den Grundpfeilern des klassischen Ballettrepertoires. Wendungen herber Chromatik und ausdrucksstarker rhythmischer Brutalität wechseln sich in Strawinskys Partitur mit flirrenden, geheimnisvollen Streicherklängen und folkloristisch angehauchten Melodien. Strawinskys schon in seinem Frühwerk (wozu der FEUERVOGEL zählt) ausgeprägte Instrumentationskunst verleiht der Musik ein farbenprächtiges, in manchen Facetten schillerndes Gewand. Die ungeheure Kraftentfaltung des Orchesters im so genannten „Höllentanz“ nimmt die Ekstasen des „Sacre du printemps“ vorweg.

Für den Konzertsaal schuf Strawinsky insgesamt 3 Fassungen. Die zweite davon, aus dem Jahr 1919, ist die populärste geblieben.

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