Zürich, Tonhalle: BRAHMS SINFONIEN 1 UND 3, 24.06.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Brahms Sinfonien

Sinfonie Nr. 1 in c-Moll, op.68, Uraufführung: 4. November 1876 in Karlsruhe unter Felix Otto Dessoff | Sinfonie Nr.3 in F-Dur, op.90, Uraufführung: 2. Dezember 1883 in Wien unter Hans Richter | In Zürich zu hören am 24. Juni 2012, Orchester der Oper Zürich unter Daniele Gatti

Kritik:

Lieben Sie Brahms? Falls ja, haben Sie und viele, zu viele, Zürcherinnen und Zürcher ein fantastisches Konzert verpasst. Woran mag es bloss gelegen haben, dass der grosse Saal der Tonhalle Zürich nur zur Hälfte besetzt war? Brahms und Zürich, das ist ja eigentlich eine lang andauernde, enge Beziehung, hat der Meister doch selbst auch oft in Zürich dirigiert (u.a. anlässlich der Einweihung der heutigen Tonhalle 1895), wurden seine Werke immer wieder vom Tonhalle- und von Gastorchestern und SolistInnen gespielt und gesungen. Lag es am schönen Sommerwetter, an der Anhäufung von kulturellen Highlights während der Zürcher Festspiele, am Dirigenten Daniele Gatti, dem Chefdirigenten des Opernhauses, welcher in den vergangenen drei Jahren aber doch nicht allzuviel Präsenz in Zürich gezeigt hatte (ca.60 Abende)? Wie dem auch sei – die Anwesenden kamen in den Genuss herausragender Aufführungen der 3. und der 1. Sinfonie von Brahms. Daniele Gatti dirigierte beide Werke auswendig. Es war hoch spannend, ihm beim Gestalten dieser Meisterwerke zuzusehen. Denn oft liess er die Musiker praktisch ohne Zeichengebung musizieren, dirigierte mit seiner Mimik, einem leichten Hochziehen der Schultern, einem Schlenkern des Arms, einem leichten Fingerschnalzen – und die Resultate waren ein verblüffend präzises und doch musikantisch freies Musizieren der hervorragenden Solisten im Orchester der Oper Zürich. Zu Beginn erklang die kompaktere, in sich geschlossenere und leichter zugängliche 3.Sinfonie. Die Wucht des Eingangsthemas wich schnell den äusserst farbig hingetupften Holzbläserfiguren um dann mit aufrüttelnder Dramatik in der Reprise wiederzukehren. Einen wunderbaren Kontrast erreichte das Orchester dann mit dem pastoralen Charakter des zweiten Satzes. Schöne Klangmischungen von leise wiegenden Streicherklängen, wie säuselnder Wind, der sich zum Sturm steigert (obwohl sich Brahms wahrscheinlich als Verfechter der absoluten Musik solche programmatischen Assoziationen verbeten hätte), scharf akzentuierte Blitze und ein herzerwärmendes Ende bildeten die bestimmenden Elemente dieses Andante. Das darauffolgende Poco Allegretto kam genau im richtigen, unaufgeregten Tempo daher, ein schwärmerisch-tröstendes Notturno mit einem wunderbar reinen Solo des Hornisten. Der zerklüftete Pfad, welcher zum majestätischen Choralthema des Finalsatzes führt, wurde mit fein ziselierter Arbeit beschritten, die zahlreichen Effekte wurden gekonnt platziert, das an Beethovens 5. gemahnende Schicksalsmotiv prominent herausgearbeitet, bevor dann der Satz und damit die Sinfonie ganz ungewohnt in geheimnisvollem Murmeln des Orchesters und einem dezent an den Beginn erinnernden Abstiegsmotiv (welches wohl eine Hommage an Schumanns „Rheinische“ ist) endet.

Nach der Pause dann die heutzutage prominentere 1.Sinfonie von Brahms, ein Werk, dem man anmerkt, dass der Komponist sich lange, vielleicht zu lange, damit abgemüht hat. Jedenfalls schien es – und Daniele Gatti verzichtete klugerweise auf eine Glättung des Klangs - aufgefächert, manchmal auch sperrig, vor allem in den Ecksätzen. In seiner Aufgewühltheit des Beginns, mit den unerbittlichen Paukenschlägen wurde ein beklemmende Zerrissenheit spürbar, etwas Leidendes, dem Dirigent und Musiker ergreifenden Ausdruck zu geben verstanden. Der zweite Satz (Andante sostenuto) überraschte mit einer samten bis jubelnd gespielten Grundierung der Streicher, über die sich herrliche Soli der Holzbläser erhoben. Ein schmachtendes Solo des Konzertmeisters beendete diesen elegischen Satz. Das grazioso der Satzbezeichnung des dritten Satzes wurde von Gatti sehr ernst genommen und so liess er auch die Musiker spielen: Graziös, ein bisschen verspielt, aber immer ungemein präzise dem tändelnden Charakter der Melodien angepasst. Dunkle Abgründe wurden im Finalsatz beschritten, sich an Klippen gerieben, ungemein dramatisch aufgepeitschte Klänge erschreckten, ein Horn sorgte für eine erste Beruhigung, die Flöte nahm das Hornthema einfühlsam auf, mächtige Posaunenklänge liessen den Choral ertönen, die Motive knallten aufeinander, die Musik wurde mit einer grossartigen Plastizität gestaltet, mündete in eine gleissende Coda, verbande sich nochmals mit dem Choralthema – und liess die Zuhörer einen Moment erschlagen in ihren Sitzen Atem holen. Hier präsentierte Daniele Gatti einen Brahms, der näher bei Bruckner und Wagner lag, als dem Komponisten wohl lieb gewesen wäre ... .

Werke:

Seltsamerweise weisen die grossen Sinfoniker unter den Komponisten eine Verbundenheit durch die Anzahl ihrer zu Lebzeiten bekannt gewordenen Werke auf: Beethoven, Bruckner, Mahler und Vaughn Williams sind mit je neun Werken vertreten, Schumann und Brahms mit deren vier.

Brahms (1833-1897) hatte bereits 67 Werke veröffentlicht, als er seine erste Sinfonie endlich der Öffentlichkeit vorstellte. Da er ein äusserst selbstkritischer und ehrgeiziger Schaffer war, vernichtete er selbst viele seiner Entwürfe und Werke. So dauerte der Entstehungsprozess der ersten Sinfonie wahrscheinlich an die 16 Jahre. Dazu kam, dass das Geltungswesen der absoluten Musik und ihrer vermeintlichen formalen Enge durch Komponisten wie Liszt und Wagner zunehmend hinterfragt wurde. Die erste Sinfonie wirkt in Brahms' Opus wie eine Art Kirchenportal, die zweite fungiert als liebliches Andantino, die dritte als heiteres Scherzo und die vierte bildet das wuchtige Finale.

Clara Schumann, welcher Brahms immer wieder Entwürfe seiner Kompositionen zuschickte, war vom ersten Satz der ersten Sinfonie „betrübt und niedergeschlagen“ von dessen Schmerzlichkeit. Und tatsächlich, der Satz hat etwas Düsteres – aber in aller Melancholie auch Glanzvolles – an sich. Nach ruhigem Beginn entdeckt man im zweiten Satz etwas störend Bohrendes, oft hinter lieblichen Melodien der Holzbläser versteckt. Mehr Heiterkeit kommt im dritten Satz auf und den vierten hat Brahms selbst mit den Worten „Hoch auf'm Berge, tief im Tal, grüss' ich dich viel tausendmal“ an Clara Schumann gesandt. Es ist ein Satz voller Erhabenheit und Frische, Moll wendet sich zu Dur, Düsternis zu Jubel. Dieses Finale weist unverschleierte Parallelen zu Beethovens neunter Sinfonie auf.

Für seine dritte Sinfonie liess sich Brahms etwa sechs Jahre Zeit (die zweite hatte er innerhalb eines Jahres geschaffen). In ihr mischt Brahms liebliche Wendungen mit entrücktem Weltschmerz. Diese Sinfonie führt nicht „durch Nacht zum Licht“, sondern verklingt im Leisen. Bei der Uraufführung störten Anhänger Bruckners und Wagners die Aufführung. Die Sinfonie war höchst umstritten, den einen war sie zu konservativ, die anderen schätzten sie gerade deshalb sehr.

Filmregisseur Anatole Litvak verwendete den dritten Satz aus dieser Sinfonie für sein Melodram Aimez-vous Brahms? (1961) mit Ingrid Bergman, Anthony Perkins und Yves Montand. Auch der Song Love is just a word, welchen Diahann Carroll im Film so toll singt, basiert auf dieser Komposition von Johannes Brahms.

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