Zürich,Tonhalle: BERG | BRUCKNER, 04.07.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Berg/Bruckner 9.

Alban Berg: Violinkonzert (Dem Andenken eines Engels) | Uraufführung: 19. April 1936 in Barcelona | Anton Bruckner Sinfonie Nr. 9 d-Moll | Uraufführung: 11. Februar 1903 in Wien (Fassung Löwe) / 2. April 1932 in München (Originalfassung)

Kritik:

Zwei Werke standen auf dem Programm dieses Festspielkonzerts in der Zürcher Tonhalle, deren Uraufführungen beide Komponisten nicht mehr erlebt hatten: Alban Berg vollendete sein Violinkonzert - bereits schwer krank - im August 1935, am 24. Dezember desselben Jahres verstarb er. Anton Bruckner arbeitete zwar über zehn Jahre an seiner letzten Sinfonie, vollendete aber lediglich die Sätze 1-3, der finale vierte Satz ist nur in weit herum verstreuten, unvollständigen Skizzen vorhanden. Mehrere Musiker haben zwar Rekonstruktionen aus diesem Material gefertigt, doch durchgesetzt haben sich diese in der Aufführungspraxis nicht. So wurde auch in diesem Konzert des Tonhalle-Orchesters auf die dreisätzige Originalpartitur zurückgegriffen.

Alban Bergs Violinkonzert trägt den Titel Dem Andenken eines Engels und stellt ein Requiem für Manon (Gropius) dar, die Tochter der Witwe Gustav Mahlers und des Architekten Walter Gropius, welche im Alter von 18 Jahren an Kinderlähmung verstarb. Bergs Violinkonzert bilden zwei Sätze, deren erster quasi die Kindheit Manons in Kärnten erzählt (ein Ländler, ein Walzer klingen verfremdet auf), und deren zweiter dann das Sterben des jungen Mädchens nachzeichnet, mit der transponierten Ganztonreihe aus Bachs Choral Es ist genug. Bergs akademische Verschachtelung der Tonarten in einer Zwölftonreihe und seine Vorliebe für beinahe mystisch anmutende Zahlenspielereien lassen auf den ersten Blick vielleicht die Befürchtung aufkommen, das Konzert sei "schwierig" für das Publikum. Dass dem nicht so ist, bewies die Aufführung mit dem exzellenten Geiger Leonidas Kavakos und dem herrlich subtil begleitenden und gestaltenden Tonhalle-Orchester Zürich unter Bernhard Haitink. Die beinahe überirdische Reinheit des Klangs von Kavakos' Geige und die tief empfundene Gestaltung durch Bernhard Haitink zogen das mit grosser Ergriffenheit lauschende Publikum in ihren Bann. Haitink verstand es, das Orchester so zurückzunehmen, dass stets der phänomenal spielende, auch äusserst schwierige Passagen (die Kadenz !) mit luzider Leichtigkeit ausformende Leonidas Kavakos im Vordergrund stand. Durch diese Interpretation erhielt das Werk eine von lyrischer Gesanglichkeit geprägte Zartheit, welche die ZuhörerInnen alle Komplexitäten der anspruchsvollen Partitur vergessen liess. 

Ganz anders klang das nach der Pause bei Bruckner: Hier öffneten sich mit manchmal fast schon brachialer Gewalt die Pforten der Hölle. Mag ja sein, dass Bruckner seine letzte Sinfonie "Dem lieben Gott" widmen wollte, doch erst einmal nimmt er das Publikum in dem langen Kopfsatz mit in einen zerklüfteten, von lautstarken Aufschreien des Orchesters begleiteten Abstieg in ein martialisches Inferno. Die Eruptionen wurden vom Tonhalle-Orchester mit überwältigender, manchmal auch die Schmerzgrenze streifender - und vom Dirigenten Bernhard Haitink kaum gebremster - Wucht vorgetragen. Sicher, diese geballte Klangorgie hatte etwas Faszinierendes, entfaltete eine geradezu süchtig nach noch mehr machende Sogwirkung - und doch kennt man auch Interpretationen dieser Sinfonie, bei welchen die Dirigenten mehr Wert auf eine feiner abgestufte Dynamik legen. Bruckner war ja nicht gerade bekannt für seine variantenreiche Verarbeitung des motivischen Materials, dafür war er ein Meister der Polyphonie und der klanglichen Abstufungen. Gerade die vermisste man ein wenig in dieser Interpretation. Sehr schnell langten Haitink und das Orchester jeweils beim ffff an. Damit wirkten dann auch die stampfenden Rhythmen des Scherzos gar nicht mehr so überraschend. Aufhorchen liessen im zweiten Satz aber die überaus präzis gespielten Pizzicati der Streicher - genauso wunderbar ergreifend klangen zum Himmel aufsteigende Soli der Flöte oder das lang ausgehaltene h der Hörner am Ende der Sinfonie; in diesem abschliessenden Adagio erhielt die Musik dann einen transparenteren Charakter, das Transzendentale, das Himmlisch-Jenseitige durfte endlich Einzug halten.

Riesenjubel für den Dirigenten und das Orchester.