Zürich, Tonhalle: BARTÓK / MAHLER, 11.12.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Bartók | Mahler Tonhalle Zürich

Béla Bartók: Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta | Uraufführung: 21. Januar 1937 in Basel unter Paul Sacher | Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 1 in D-Dur (oft genannt DER TITAN) | Uraufführung: 20 November 1889 in Budapest unter der Leitung des Komponisten | In der Tonhalle Zürich am 10. und 11. Dezember 2011

Kritik:

Ein Konzertabend, wie man ihn sich spannungsgeladener kaum vorstellen kann. Christoph von Dohnányi und das Tonhalle-Orchester Zürich schlugen die Zuhörerinnen und Zuhörer mit fulminanten Interpretationen von Bartóks MUSIK FÜR SAITENINSTRUMENTE; SCHLAGZEUG UND CELESTA und Mahlers erster Sinfonie ihren Bann. Ruhig und schon beinahe schmerzerfüllt begann der erste Satz von Bartóks ungewöhnlich besetztem Werk. Wie sich das erste Motiv durch die verschiedenen Instrumentengruppen aufbaut, vervielfacht, zum ekstatischen Höhepunkt verdichtet und zart verklingt, war schlicht atemberaubend. Mit höchster Präzision und Virtuosität erklangen die Pizzicati des zweiten Satzes. Unheimlich und mystisch zerklüftet der dritte Satz: Geheinisvolle, verlorene Violinenklänge, hohe Xylofontöne, umflort von zauberhaften Gesängen der Celesta münden in einen martialischen Mittelteil und verklingen im Nebel. Wunderbar musiziert. Genauso wie der archaisch anmutende finale Rondo-Galopp mit seinem spannungsvoll gestalteten Aufbau und dem herrlich musizierten Cello-Solo.

Auch nach der Pause liess die Spannung keine Sekunde nach. Der Maestro dirigierte Mahlers Sinfonie auswendig und mit überwältigender Präsenz. Trotz aller Präzision der Interpretation wurde das organische Musizieren nicht vernachlässigt, die gesamte Bandbreite der dynamischen Ausdrucksnuancen durchschritten und auch in den vierfachen forte-Passagen blieb die Transparenz des Gesamtklangs erhalten. Ja, es war laut, doch nie kakophonisch oder breiig. Bis zum Zerreissen gespannt brach sich der Frühling im ersten Satz durch die Naturlaute, entlud sich der Weltenschmerz. Schräg und mit der gebotenen Derbheit erklang der Ländler – und wieder wurden die dynamischen Bandbreiten bis in beide Extreme ausgeschöpft. Die Kontrabässe setzten traurig mit „Frère Jacques“ im dritten Satz ein; wie von vorüberziehenden Kapellen gespielt gingen die verschiedenen Passagen mit scheinbar schwereloser Leichtigkeit ineinander über, verwoben sich zum spöttischen Ton. Der jähe Beginn des Schlusssatzes riss die Zuhörer beinahe aus den Sitzen. Doch die Stimmung wechselte gleich darauf in scharfem Kontrast zu weichen, einschmeichelnden Passagen der Streicher, zu denen sich zarte, wunderbar sauber gespielte Phrasen der Holzbläser gesellten. Doch noch gebührte den Streichern das Primat. Darauf schienen sich die Klänge im Kosmos zu verlieren, bevor dann das reinigende, triumphale Gewitter hereinbrach und das überragende Orchester an allen Pulten zeigen konnte, was in ihm steckt. Der Mann an der grossen Trommel ging dermassen enthusiastisch zur Sache, dass ihm gar kurz mal der Schläger aus der Hand glitt. Und genauso enthusiastisch feierte das dankbare Publikum das überragende Dirigat von Christoph von Dohnányi und das grandiose Tonhalle-Orchester.

Werke:

Béla Bartók: Harry Goldschmidt schrieb nach der Uraufführung: „Das neue Werk des ungarischen Meisters, dem die zeitgenössische Musik neben Schönberg und Strawinsky vielleicht die entscheidendsten Impulse verdankt, zeigt ihn auf der Höhe seines Schaffens; den Bedürfnissen des Kammerorchesters entsprechend ist es für Saiteninstrumente geschrieben, was ihn von einer faszinierend abgewogenen Verwendung von Schlagzeugen nicht abgehalten hat. Die Streicher sind in zwei Orchesterkörper aufgeteilt; als dritte Klanggruppe steht ihnen Klavier, metallisch timbriert durch Celesta und Harfe, gegenüber. Die souverän ausgereifte, alle Probleme der Atonalität weit hinter sich zurücklassende Schreibweise Bartóks beweist, daß man nicht unbedingt zur Aufstellung eines neuen Kompositions-'Systems' gelangen muß, um sich von den alten Banden zu lösen."

Die Musik Béla Bartóks ist tatsächlich von geradezu unheimlicher Suggestivkraft. Der architektonisch mit seinen Quintsprüngen so raffiniert fortschreitende erste Satz lotet die dynamischen Ausdrucksbereiche vom pianissimo zum fortissmo voll aus und fasziniert durch ausgeklügelte Mehrstimmigkeit im Wechsel mit zusammenführenden Elementen. Der zweite Satz ist in Sonatenform gehalten. Gewagte Pizzicati vermitteln einen leicht tänzerischen Eindruck. Der dritte Satz, Adagio, evoziert träumerisch-gespenstische Impressionen. Einander widerstrebende Energien und perkussive Elemente streifen die Grenzen der Tonalität. (Kein Wunder wurde dieser Satz in diversen Filmen als Musik verwendet, z.B. in Kubricks SHINING. Zudem spielt er eine wichtige Rolle im Roman CITY OF NIGHT von John Rechy.) Der vierte Satz ist wieder von überschäumender Vitalität, Tempi werden bis ins Absurde gesteigert, Diatonik und Chromatik scheinen gegen einander zu kämpfen, der Satz endet in reinem A-Dur.

Gustav Mahler: Viel von der mahlerschen Musiksprache ist bereits in seiner ersten Sinfonie enthalten. Volksliedhafte Sequenzen werden eingewoben, verfremdet, überlagert, gesteigert. Lange, ruhig fliessende Expositionen kontrastieren mit schroffen dynamischen Steigerungen. Lyrisch fliessende Passagen wechseln mit derben Ländlern, ein Trauermarsch fehlt auch nicht, geht über in Zitat aus einem Lied aus den Liedern eines fahrenden Gesellen. Im Schlusssatz türmen sich die Motive zu einer grandiosen Apotheose, dargeboten von einem gross besetzten spätromantischen Sinfonieorchester. Den zeitweiligen Titel TITAN erhielt die Sinfonie von Mahler selbst (nach dem gleichnamigen Roman seines Lieblingsschritstellers Jean Paul). Später jedoch verzichtete Mahler auf diesen Beinamen für seine Sinfonie, weil er fand, das Publikum gerate damit auf falsche Wege.

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