Zürich, Tonhalle: 6. Philharmonisches Konzert, 06.07.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Rachmaninov 1. Klavierkonzert, Beethoven Messe in C-Dur

Rachmaninow: Klavierkonzert Nr. 1 | Uraufführung: 17. März 1892 in Moskau (nur der erste Satz), revidierte Version von 1917: 29. Januar 1919 in New York | Beethoven: Messe in C-Dur, op. 86 | Uraufführung: 13. September 1807 in Eisenstadt | Konzert in der Tonhalle Zürich: 6. Juli 2014, 11.15 Uhr

Kritik:

Zwei Werke, die beide (zu Unrecht, wie dieses Konzert bewies) im Schatten von Kompositionen des gleichen Genres der beiden Komponisten stehen, präsentierten die Philharmonia Zürich und ihr GMD Fabio Luisi anlässlich des 6.Philharmonischen Konzertes heute Vormittag in der Tonhalle Zürich. Im ersten Teil erklang Rachmaninows erstes Klavierkonzert (weitaus weniger oft in Konzertprogrammen anzutreffen als das zweite oder das dritte), nach der Pause Beethovens Messe in C-Dur (auch sie ein seltenerer Gast in den Konzertsälen als seine MISSA SOLEMNIS). Eventuell könnte dies eine Erklärung sein für die doch recht ungewöhnliche Kombination der beiden Werke in einem Programm. Beethovens Messe hat natürlich gegenüber der geballten, überbordenden und exaltierten Expressivität des Jungspunds Rachmaninow einen schweren Stand. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass Fabio Luisi auch für die Messe straffe, vorwärtsdrängende und rasante Tempi bevorzugte und die Dynamik ebenfalls mehrheitlich schnell in den Fortissimo-Bereich vordringen liess. Das alles geschah sehr effektvoll und klangprächtig, zumal auch der von Ernst Raffelsberger hervorragend vorbereitete, satt und rund klingende Chor der Oper Zürich und die Philharmonia Zürich punkto Präzision und Reinheit der Intonation, keinerlei Wünsche offen liessen. Und doch – an manchen Stellen hätte man sich ein intimeres Innehalten, eine ruhige Reflexion, etwas mehr Sentiment gewünscht. Das exquisite Solistenquartett, bestehend aus Ensemblemitgliedern des Opernhauses Zürich, zeigte nämlich diese weniger stürmischen, introvertierteren Ansätze durchaus, hätte aber für deren Ausgestaltung noch ein Quäntchen mehr an Zeit und Ruhe gebraucht. Sen Guo, mit ihrem glockenreinen Sopran, Anna Stépphany mit ihrem weich timbrierten, aber ausdrucksstark eingesetzten Mezzosopran, Mauro Peter mit seinem hellen, sehr gut fokussierten Tenor und Erik Anstine mit seiner herrlich sanften Bassstimme harmonierten ausgesprochen gut – das Benedictus mit seinem a capella Beginn zum Beispiel war ein Hochgenuss. Das diesen Teil beschliessende Osanna in excelsis jedoch geriet wiederum mindestens ein forte-Zeichen zu laut. Sehr schön jedoch dann der Kontrast zwischen diesem überlaut jubelnden Osanna und dem schmerzerfüllten Agnus Dei.

Vor der Pause aber restlose Begeisterung für die furiose Wiedergabe von Rachmaninows stupendem Jugendwerk (welches er allerdings 25 Jahre später revidiert hatte, und in dieser Fassung erklang es auch in diesem Konzert) mit der Pianistin Lise de la Salle. Da kann man nur des Lobes voll sein: Welch eine fulminante Kraft, welch eine fantastische Präzision, welch ein Feuerwerk an Ausdrucksnuancen. Schon die furiosen Kaskaden, mit denen die Solistin einsetzte, liessen einen den Atem anhalten. Verzückt lauschte man den wild und doch elegisch lodernden Themen, bewunderte die von Maestro Fabio Luisi subtil herausgearbeitete Balance des Klangs, der Stimmführung. Lise de la Salle stürzte sich mit rasender und doch bewundernswert kontrollierter Wucht und Attacke in die schwierig Kadenz. Nur wenig Erholung gönnte sie sich und dem Hörer, bevor sie den Satz mit orgiastischer Steigerung und perlenden Girlanden beschloss. Im zweiten Satz bezauberte die Künstlerin mit der lang gezogenen Kantilene, dem dezenten Einsatz des Pedals. So erzeugte sie eine kontemplative Stimmung, unterbrochen von herrlich glitzernden Passagen. Im dritten Satz prallen die diversen Motive aus Rachmaninows überschäumenden, ungestümen Einfällen relativ zusammenhangslos aufeinander. Lise de la Salle und Fabio Lusi mit der Phiharmonia Zürich fanden auch in diesem etwas zerklüftet wirkenden Satz zu einem packenden Wechselspiel. Die scharfen Akzente wurden äusserst wirkungsvoll herausgearbeitet.

Selbstverständlich liess das begeistert applaudierende Publikum die Solistin nicht ohne Zugabe gehen. Mit der Wahl dieser Zugabe bewies Lise de la Salle nicht nur ihr herausragendes pianistisches Können, sondern auch ein ausgezeichnetes Gespür für dramaturgische Programmgestaltung. Denn was hätte man noch Furioseres spielen können, als den exaltierten Schluss dieses spätromantischen Klavierkonzerts? Deshalb entschied sie sich klugerweise für ein ganz und gar gegensätzliches Stück, das introvertierte Prélude Nr.6 (Des pas sur la neige) von Claude Debussy, welches sie wunderschön ausgehorcht zum Erklingen brachte.

Werke:

Sergej Rachmaninow (1873-1943): 1. Klavierkonzert

Rachmaninow schrieb sein erstes Klavierkonzert im Alter von 18 Jahren während seiner Studienzeit am Konservatorium in Moskau. Deutlich sind die Anklänge an Vorbilder, wie die Klavierkonzerte Griegs und Schumanns, herauszuhören. Obwohl der junge Musiker für seine Arbeit viel Lob erhielt, bereute er später die Drucklegung und unterzog das Werk 1917 einer intensiven Umarbeitung, so dass man eigentlich heute von seinem 4. Klavierkonzert sprechen müsste, da diese Umarbeitung in die Zeit zwischen der Entstehung des 3. und des 4. Konzerts fiel. Auch in diesem Stück sind Pathos, Melancholie und Sentimentalität dieses Pianisten-Komponisten auf geniale Weise miteinander verschmolzen. Das dreisätzige Werk beginnt mit einem brillanten Vivace (Bläserfanfare, erinnert ein wenig an Tschaikowsky). Darauf folgt ein kurzes Andante cantabile, quasi ein Notturno, mit später eingefügten chromatischen Wendungen. Ein sehr "russisch" klingendes Allegro vivace beschliesst effektvoll das zu Unrecht etwas vernachlässigte Werk.

Ludwig van Beethoven (1770-1827): Messe in C-Dur, op.86

Noch deutlich unter dem Eindruck von Haydn stehend, schrieb Beethoven seine  Messe ausgerechnet für Haydns ehemaligen Arbeitgeben, Fürst Nikolaus II. von Esterházy zum Namenstag von dessen Frau Maria Josepha Hermengilde von Liechtenstein. Dem Fürsten gefiel das Werk allerdings überhaupt nicht: "Beethovens Messe ist unerträglich lächerlich und scheußlich, ich bin noch nicht einmal sicher, ob man sie ehrenhaft nennen kann. Ich bin zornig und beschämt." Nun, das Urteil des Fürsten teilte die Nachwelt nicht, Beethovens Messe ist von Anmut, Wahrhaftigkeit und einem tief empfundenen Bekenntnis zum Glauben geprägt. Sie eröffnet dem liturgischen Text grossartige Ausdruckswelten.

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