Zürich, Tonhalle: 3.Philharmonisches Konzert, 16.03.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Luisi | Hartmann; Mahler

Karl Amadeus Hartmann: CONCERTO FUNEBRE | Uraufführung: 29. Februar 1940 in St.Gallen, überarbeitete Fassung: 12. November 1959 in Braunschweig | Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 1 in D-Dur | Uraufführung: 20. November 1889 in Budapest | Aufführung in Zürich: 16. März 2014 um 11.15 Uhr in der Tonhalle

Kritik:

Mahlers Sinfonien sind an sich schon gewaltige Brocken, sowohl in ihren zeitlichen Dimensionen als auch von den Ansprüchen an die Grösse eines Orchesters und die Anforderungen an die Musiker her. Da seine erste Sinfonie mit einer Spieldauer von gut 60 Minuten für ein Konzert nicht ganz ausreicht, stellt sich unweigerlich die Frage nach möglichen Kombinationen. Eine schmissige Ouvertüre will nicht ganz passen, ebenso wenig ein romantisches Solistenkonzert oder eine klassische Sinfonie von Mozart oder Haydn, die fälschlicherweise als zu leichtgewichtig empfunden werden könnten. Man kann Fabio Luisi und die Philharmonia Zürich nur zu ihrer Wahl beglückwünschen: Hartmanns CONCERTO FUNEBRE für Streichorchester und Solovioline. Diese ruhige, tief empfundene und sehr persönlich gestaltete Trauermusik aus der Feder des viel zu selten aufgeführten deutschen Komponisten Karl Amadeus Hartmann, welche er kurz vor seiner inneren Emigration (als persönliches Zeichen gegen die menschenverachtende Nazidiktatur) in St.Gallen zur Uraufführung brachte, vermochte die Zuhörer von Beginn weg in ihren Bann zu schlagen. Hanna Weinmeister, welche seit 1998 als erste Konzertmeisterin am Opernhaus Zürich tätig ist, spielte ihre kostbare Stradivari-Violine mit berückend schöner Tongebung voller Wärme und Innigkeit. Die Ruhe und die Reinheit des Klangs bis in allerhöchste Lagen waren geradezu ereignishaft. Mit der von Hanna Weinmeister transportierten Empfindsamkeit und dem liedhaft Tröstenden des Schlusschorals weckten die Musikerinnen und Musiker der Philharmonia Zürich trotz aller diesem Concerto innewohnenden Traurigkeit (über den Beginn des Krieges) hinweg, einen zu Herzen gehenden humanistischen Hoffnungsschimmer. Die Streicher der Philharmonia Zürich begleiteten die Solistin in bestechend wacher Verfassung. Maestro Fabio Luisi strahlte ein konzentrierte Ruhe aus, liess die wenigen aufrüttelnden Einsprengsel trotz pointierter Rhythmik nie martialisch brachial werden. Ein durch und durch berührendes Werk, welches man sich gerne gerade noch einmal angehört hätte. In der sehr informativen Konzerteinführung äusserte Luisi die Absicht, dem Publikum in Zukunft noch mehr dieses leider heutzutage verkannten grossen Sinfonikers Hartmann präsentieren zu wollen. Hoffentlich kann er dies durchsetzen, denn beim Zürcher Publikum hat es die Musik des 20. Jahrhunderts leider nicht ganz einfach – trotz der Kombination mit Mahler blieben viele Plätze in der Tonhalle an diesem Sonntagvormittag unbesetzt. Die Anwesenden jedoch bedankten sich mit begeistertem Applaus.

Nach der Pause dann also die erste Sinfonie von Gustav Mahler: Wie alle seine Sinfonien ein sehr persönliches Werk, ein Werk aber auch, in welches jeder Zuhörer, jede Zuhörerin, eigenen Empfindungen ihren Lauf lassen kann. Deshalb ist es auch nur zu begrüssen, dass Mahler die programmatischen Inhalte, welche er nach dem Misserfolg der Uraufführung über die Sätze stülpte, wieder löschte. Denn seine Musik wirkt auch ohne vordefiniertes Programm bestens. Fabio Luisi und die Philharmonia Zürich in Grossbesetzung durchleuchteten die Partitur mit analytischem Blick; wie immer bei Luisi staunte man über die hervorragend disponierte Balance des Klanges, welche Seitenmotive wunderbar klar hervortreten liess (gestopfte Hörner) oder das Ländlermotiv der Celli wie beiläufig aus dem Vogelgezwitscher und den Naturlauten des ersten Satzes aufschimmern lässt, bevor es zum lustvollen, überschwänglichen Tutti crescendiert und sich quasi orgiastisch entlädt. Auch wenn Mahler klanglich aus dem Vollen schöpft (in den Ecksätzen) bleibt Luisis Lesart des thematischen Materials durchhörbar und sorgfältig ausgestaltet. Grossartig, wie er im zweiten Satz (Mahler:“Mit vollen Segeln“) zum Beispiel vom tänzerischen Walzer in die Reprise stürzt um dann einen wahrhaft fulminanten Schlusspunkt zu setzen. Fantastisch auch der gross angelegte Trauermarsch des dritten Satzes: Die ruhigen Paukenschläge, das hüpfend Motiv der Oboe, welches lustvoll mit der Moll-Version von Frère Jacques kontrastiert und liebliche Motive, deren Süsse immer wieder mit einer wohldosierten Prise Ironie, Sarkasmus und Groteske aufgepeppt werden. Gewaltig dann das in höchster Dynamik einsetzende Fortissimo des Finalsatzes, welches nach dem in die Unhörbarkeit verklingenden Ende des Trauermarsches con attaca effektvoll einsetzt. Nach dem ruhig fliessenden Mittelteil und den Anklängen an den ersten Satz, einigem Vogelgezwitscher des sauber spielenden Holzes und spätromantischem Schwelgen der Streicher, entlud sich die Spannung dann in der mit Wagner-Tuben aufgemotzten Schlussapotheose und einem grossen Jubel für Maestro Luisi und sein glänzend disponiertes und vorbereitetes Orchester, die Philharmonia Zürich.

Werke:

CONCERTO FUNEBRE

Karl Amadeus Hartmann (1905-1963) war ein deutscher Komponist und galt als der bedeutendste Symphoniker Deutschlands des 20. Jahrhunderts. Während der Nazizeit blieb er zwar in Deutschland, nahm am Musikleben jedoch nicht mehr teil und untersagte die Aufführung seiner Werke während dieses dunklen Kapitels in der deutschen Geschichte. Nach dem Sturz der Nazidiktatur galt Hartmann als exemplarisches und prominentes Beispiel eines Antifaschisten. Er gründete die MUSICA VIVA Konzerte und bot Komponisten wie Berio, Nono, Henze, Zimmermann u.v.a.m. dadurch eine Plattform, um ihre Werke einem breiteren Publikum zu präsentieren. Als Komponist galt er als dem Expressionismus nahestehend, verwendete oft Idiome des Jazz und des Neoklassizismus und bediente sich gerne einer polyphonen Musiksprache.

Sein viersätziges CONCERTO FUNEBRE schrieb er 1939 und arbeitete es 1959 um. Es spiegelt in seiner melancholischen Traurigkeit die Hoffnungslosigkeit jener Jahre, ist nur für Streichorchester und Solovioline geschrieben. Im letzten Satz, dem Choral, verarbeitet Hartmann das deutsche Lied Unsterbliche Opfer.

1. SINFONIE von Gustav Mahler:

Viel von der mahlerschen Musiksprache ist bereits in seiner ersten Sinfonie enthalten. Volksliedhafte Sequenzen werden eingewoben, verfremdet, überlagert, gesteigert. Lange, ruhig fliessende Expositionen kontrastieren mit schroffen dynamischen Steigerungen. Lyrisch fliessende Passagen wechseln mit derben Ländlern, ein Trauermarsch fehlt auch nicht, geht über in Zitat aus einem Lied aus den Liedern eines fahrenden Gesellen. Im Schlusssatz türmen sich die Motive zu einer grandiosen Apotheose, dargeboten von einem gross besetzten spätromantischen Sinfonieorchester. Den zeitweiligen Titel TITAN erhielt die Sinfonie von Mahler selbst (nach dem gleichnamigen Roman seines Lieblingsschritstellers Jean Paul). Später jedoch verzichtete Mahler auf diesen Beinamen für seine Sinfonie, weil er fand, das Publikum gerate damit auf falsche Wege.

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