Zürich, Theatersaal Neumünster: FRA DIAVOLO, 30.09.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Fra Diavolo

Komische Oper in drei Akten | Musik: Daniel François Esprit Auber | Libretto: Eugène Scribe | Uraufführung: 28. Januar 1830 in Paris | Aufführungen in Zürich: 30.9. | 4.10. | 6.10. | 7.10. | 13.10. | 14.10. | 20.10. | 21.10.2018

Kritik:

Selten, ganz selten bin ich als Opern-Kritiker so begeistert, so rundum beglückt und zufrieden aus einer Aufführung gekommen wie gestern Abend aus der Premiere von Aubers FRA DIAVOLO, aufgeführt von der FREE OPERA COMPANY ZÜRICH. Für solche Opernabende braucht es eigentlich keine „Kritiker“ mehr (denn dieses Wort ist ja stets etwas pejorativ behaftet, neigt oft zur Beckmesserei oder Krittelei). Aber solche Opernabende wie eben FRA DIAVOLO verdienen eine angemessene Würdigung, und um die will ich an dieser Stelle bemüht sein.

Der französischen Opéra comique ist leider heutzutage ein ähnliches Schicksal der zunehmenden Vernachlässigung beschieden wie der deutschen Spieloper. Einst so erfolgreiche Komponisten wie eben Auber, Halévy, Boieldieu oder Adam werden von grösseren Bühnen ebenso an den Rand des Repertoires gedrängt wie Lortzing, von Flotow oder Nicolai. Nur schon deshalb ist die Werkauswahl der FREE OPERA COMPANY ZÜRICH zu begrüssen. Selbstverständlich braucht es dann natürlich eine kluge Umsetzung. Der Grat zwischen derbem Kalauer und Schenkelklopferei auf der einen und feinsinnigem, augenzwinkerndem Humor auf der anderen Seite ist bekanntermassen extrem schmal. Der Regisseur Bruno Rauch (Spiritus rector der Compagnie, Projektleiter, Dramaturg, verantwortlich für Bühne, Dramaturgie und selbst für die Einlasskontrolle in den Saal) ist auf diesem schmalen Grat in keinem Moment gestrauchelt. Man darf den ganzen Abend über schmunzeln, lächeln, sich köstlich amüsieren. Da sitzt jede Geste, die jungen Darstellerinnen und Darsteller fallen keinen Moment aus ihren Rollen, die Mimik, die Bühnenpräsenz und die darstellerische Differenzierungskunst aller Beteiligten ist geradezu atemberaubend. Der Entwurf Bruno Rauchs für die funktionale Bühne ist bestechend: Vor der Bühne der Innenraum des Gasthauses von Terracina (hier ist es eine Pizzeria mit Pizzaofen im Italien der 50er Jahre), auf der Bühne sind die darüber liegenden Gast- und Schlafzimmer angedeutet, dahinter der weite mediterrane Nachthimmel. Alles, auch die passenden Kostüme (von Natalie Péclard), mit liebevoller Detailarbeit entworfen und ausgeführt, ebenso wie die wunderbar passende Lichtgestaltung von Martin Brun,

Durch die überaus spielfreudigen und durchs Band weg ausgezeichnet singenden Sängerinnen und Sänger wird das ganze mit prallem Leben gefüllt, man folgt der Handlung aufmerksam, wird regelrecht hineingezogen in das turbulent-liebenswerte Stück, die zwei dreiviertel Stunden (inklusive einer Pause) vergehen wie im Flug.

Christoph Waltle singt die Titelrolle des launigen Banditen mit umwerfendem Charme, ausgeglichener, sauberer Tenorstimme in allen Registern, strahlendem Glanz, mit Biegsamkeit und Finesse. Höhepunkt seiner Interpretation zweifellos sein „Credo“ zu Beginn des dritten Aktes, in dem schon Gounods Méphistofélès aufscheint („de l'or, de l'or“), der allerdings erst ein Vierteljahrhundert später die Bühnen erorbern sollte. Hier überzeugt Christoph Waltle mit wunderschöner, leicht ansprechender, mit Schmelz versehener Höhe, solider, schön gestützter Mittellage und müheloser Tiefe, die Übergänge herrlich austariert. Gleich danach punktet der zweite Tenor, Philippe Jacquiard als Lorenzo, mit seiner herrlich vorgetragenen Romanze, fantastischen Piani, einer brillanten Technik und stilistisch perfekter voix mixte – und natürlich mit den sicher gesetzten hohen C's. Lorenzo ist in dieser Inszenierung kein Dragoneroffizier, sondern ein Pizzaiolo. Jacquiard beherrscht nicht nur die hohe Tessitura seiner Partie, er hantiert ebenso kunstfertig mit dem Pizzateig. Seine Angebetete Zerline wird von Patricia Zanella mit zauberhaftem Sopran gesungen, jubelnd schwingt sie sich in den Finali und Ensembles über die Gesangslinien der tieferen Stimmen und spielt überaus einnehmend, ja gar die Männer auf der Bühne und die „Voyeure“ im Publikum im zweiten Akt mit einem perfekten Strip verführend, obwohl sie sich bloss auszieht und das Nachtgewand überstreift. Schlicht perfekt, da könnte manche Hollywood-Diva vor Neid erblassen. Umwerfend komisch auch das Touristenpaar aus England, der eitle, seine Vornehmheit gerne zur Schau stellende Lord Cockburn (nomen est omen ...) und seine einem Flirt nie abgeneigte Lady Pamela. Pierre Héritier gelingt es, seinen englischen Akzent den ganzen Abend über aufrechtzuerhalten (die Dialoge und Accompagniati werden deutsch gesprochen/Gesungen, die Arien im originalen Französisch belassen, ebenfalls eine sehr kluge Entscheidung des verantwortlichen Teams). Sein perfekt fokussierter Bariton fügt den Ensembles die perfekte tiefe Grundierung bei, stimmlich ist er potenter als bei seinen ehelichen Pflichten.. Cassandre Stornetta beglückt mit ihrem runden, feine Akzente setzenden Mezzosopran und natürlich ihrem subtilen Spiel. Da stimmt einfach jeder Augenaufschlag, jedes Wimpernzucken. Ganz grosse Klasse sind Beppo und Giacomo, die beiden einfältigen Kumpane Fra Diavolos. Arndt Krueger und Manfred Plomer treten dabei in die grossen Fussstapfen, die Stan Laurel und Oliver Hardy im Film THE DEVIL'S BROTHER hinterlassen haben – und die Fussstapfen sind keineswegs zu gross für die beiden jungen Sänger. Gekonnt imitieren sie die berühmte Kneesey, Earsey, Nosey Szene des Films, zum Schreien komisch. Selbstredend singen sie auch vorzüglich und zeichnen sich u.a. in der Balkonszene durch vortreffliche Agilität aus. Zerlines Vater Matteo wird von Matthias Geissbühler mit wunderschön warm geführter Baritonstimme und ebenso warmherzigem Charme und Gastfreundschaft gesungen, auch wenn er seine Tochter aus pekuniären Gründen vorerst nicht dem gutherzigen Pizzaiolo zur Frau geben will. Zwei Carabinieri (Gergely Kereszturi und Tobias Wurmehl) und zwei Dorfschönheiten (Anna Gitschthaler und Saskia Coria), sowie der in Motoren vernarrte Schankbursche Ivo (Yves Ehrsam) ergänzen das vortreffliche Ensemble aufs Feinste. Anna Gitschthaler wurde auch eine Strophe von Zerlines Couplet anvertraut, die sie mit leicht erotisch gefärbter Stimme sehr einnehmend interpretiert.

Ein allergrösstes Lob gebührt auch dem kleinen, aber sehr feinen Kammerorchester unter der Leitung von Emmanuel Siffert. Ein Streichquartett, ein Kontrabass, vier Holzbläser (Flöte/Piccolo, Oboe, Klarinette, Fagott) und zwei Blechbläser (Horn, Trompete), sowie ein Schlagzeuger reichen vollends aus, um Aubers wunderschöne Harmonik zum Leben zu erwecken. Siffert erreicht eine fantastische klangliche Transparenz, die Musikerinnen und Musiker spielen ohne Fehl und Tadel. Das Dirigat von Emmanuel Siffert versprüht den gebotenen Witz, er ist den Sängerinnen und Sängern eine aufmerksame Stütze. Und wenn dann im federnd-spritzig dirigierten Finale II die Verwirrung kulminiert, dann zwinkert da der Buffomeister Rossini liebevoll durch.

Am Ende wird Divolo erschossen – aber keine Angst, der Räuber aufersteht, bestiehlt die gesamte Hochzeitsgesellschaft und macht sich mit der Beute und seinen beiden liebevollen Deppen von dannen – zum Glück, denn diese Aufführung möchte man gerne nochmals erleben.

Also allen, welche die grauen Massanzüge-Inszenierungen und Betonbunker-Bühnen der grossen Häuser satt haben, sei diese Produktion wärmstens empfohlen – und allen anderen sowieso! ;-))

Inhalt:

Der junge Offizier Lorenzo hat den Auftrag erhalten, den berüchtigten Räuberhauptmann Fra Diavolo zu verhaften. Mit der zu erwartenden Belohnung könnte er endlich beim Gastwirt Matteo um die Hand von dessen Tochter Zerline anhalten. Matteo allerdings wünscht sich für seine Tochter den wohlhabenden Bauern Francesco zum Gemahl, denn mit dieser Verbindung könnte Matteo auch seine eigenen Finanzen wieder ins Lot bringen. Die beiden reichen englischen Touristen Lord Cockburn und dessen Ehefrau Lady Pamela sind von Banditen überfallen und ihrer Wertsachen beraubt worden. Lord Cockburn verspricht dem, der die Räuber dingfest machen kann, eine Belohnung von 10'000 Piastern. Lorenzo wittert seine Chance und macht sich auf die Jagd nach Fra Diavolo, den er natürlich dieses Diebstahls verdächtigt. Ein weiterer Reisender trifft ein, der vornehm gekleidete Marquis de San Marco. Er macht sich an Lady Pamela ran, und die ist einem Flirt nicht abgeneigt, ja sie erzählt ihm gar, dass sie ihr sämtliches Bargeld in ihren Kleidern eingenäht hab. Zwei Mönche treffen ein, es sind Diavolos Kumpane Giacomo und Beppo. Sie melden dem Marquis (der niemand anders ist als der verkleidete Fra Diavolo), dass sie bei den Engländern lediglich etwas Schmuck, aber kein Bargeld erbeuten konnten. Lorenzo hat unterdessen das Versteck von Diavolos Räubern aufgespürt, kann dem Lord die geraubten Wertsachen zurückgeben. Die erhaltene Belohnung vertraut er Zerline an. Fra Diavolo kriegt dies mit.

Fra Diavolo versteckt sich in Zerlines Schlafzimmer und will sich die 10'000 Piaster holen. Anschliessend will er im Gastzimmer nebenan auch noch die Kleider der Lady Pamela aufschlitzen. Durchs Fenster steigen auch Beppo und Giacomo in Zerlines Schlafzimmer. Sie sollen Zerline berauben, während Diavolo nebenan die Engländer ausnimmt. Doch sie kriegen weiche Knie, als Zerline ein süsses Liedchen anstimmt und sind davon so gerührt, dass sie den Plan nicht ausführen. Die Dragoner und Lorenzo kehren zurück, da sie erfahren haben, dass Diavolo und seine Bande nun im Dorf, ja in diesem Gasthaus seien. Diavolo, Beppo und Giacomo verstecken sich erneut in Zerlines Zimmer. Beppo wirft aus versehen einen Stuhl um und weckt damit alle Gäste. Cockburn und Lorenzo eilen in Zerlines Schlafraum. Da tritt ihnen der Marquis entgegen und behauptet, hier ein Stelldichein zu haben. Kookburn vermutet hinter der Unbekannten seine Frau Pamela, Lorenzo denkt, es handle sich um Zerline. Beide fordern den Marquis zum Duell.

In einem hohlen Baum hat Diavolo eine Nachricht an Beppo und Giacomo hinterlassen. Sie sollen in der Einsiedelei die Glocke läuten, sobald die Soldaten abgezogen seien, dann will er nämlich seinen Raubzug auf die Engländer fortsetzen. Während des Wartens betrinken sich Beppo und Giacomo und stimmen ausgerechnet das Lied an, das sie von Zerline gehört hatten. Damit verraten sie sich. Lorenzo durchsucht die beiden, findet Diavolos Zettel und lässt die Glocke der Einsiedelei läuten. Diavolo erscheint und wird sogleich festgenommen. Matteo bewundert Lorenzos Mut und hat nichts mehr gegen eine Verbindung mit Zerline einzuwenden. Auch Lord Cockburn erkennt, dass seine Eifersucht (ziemlich...) unbegründet war.

Inhalt:

Der junge Offizier Lorenzo hat den Auftrag erhalten, den berüchtigten Räuberhauptmann Fra Diavolo zu verhaften. Mit der zu erwartenden Belohnung könnte er endlich beim Gastwirt Matteo um die Hand von dessen Tochter Zerline anhalten. Matteo allerdings wünscht sich für seine Tochter den wohlhabenden Bauern Francesco zum Gemahl, denn mit dieser Verbindung könnte Matteo auch seine eigenen Finanzen wieder ins Lot bringen. Die beiden reichen englischen Touristen Lord Kookburn und dessen Ehefrau Lady Pamela sind von Banditen überfallen und ihrer Wertsachen beraubt worden. Lord Kookburn verspricht dem, der die Räuber dingfest machen kann, eine Belohnung von 10'000 Piastern. Lorenzo wittert seine Chance und macht sich auf die Jagd nach Fra Diavolo, den er natürlich dieses Diebstahls verdächtigt. Ein weiterer Reisender trifft ein, der vornehm gekleidete Marquis de San Marco. Er macht sich an Lady Pamela ran, und die ist einem Flirt nicht abgeneigt, ja sie erzählt ihm gar, dass sie ihr sämtliches Bargeld in ihren Kleidern eingenäht hab. Zwei Mönche treffen ein, es sind Diavolos Kumpane Giacomo und Beppo. Sie melden dem Marquis (der niemand anders ist als der verkleidete Fra Diavolo), dass sie bei den Engländern lediglich etwas Schmuck, aber kein Bargeld erbeuten konnten. Lorenzo hat unterdessen das Versteck von Diavolos Räubern aufgespürt, kann dem Lord die geraubten Wertsachen zurückgeben. Die erhaltene Belohnung vertraut er Zerline an. Fra Diavolo kriegt dies mit.

Fra Diavolo versteckt sich in Zerlines Schlafzimmer und will sich die 10'000 Piaster holen. Anschliessend will er im Gastzimmer nebenan auch noch die Kleider der Lady Pamela aufschlitzen. Durchs Fenster steigen auch Beppo und Giacomo in Zerlines Schlafzimmer. Sie sollen Zerline berauben, während Diavolo nebenan die Engländer ausnimmt. Doch sie kriegen weiche Knie, als Zerline ein süsses Liedchen anstimmt und sind davon so gerührt, dass sie den Plan nicht ausführen. Die Dragoner und Lorenzo kehren zurück, da sie erfahren haben, dass Diavolo und seine Bande nun im Dorf, ja in diesem Gasthaus seien. Diavolo, Beppo und Giacomo verstecken sich erneut in Zerlines Zimmer. Beppo wirft aus versehen einen Stuhl um und weckt damit alle Gäste. Kookburn und Lorenzo eilen in Zerlines Schlafraum. Da tritt ihnen der Marquis entgegen und behauptet, hier ein Stelldichein zu haben. Kookburn vermutet hinter der Unbekannten seine Frau Pamela, Lorenzo denkt, es handle sich um Zerline. Beide fordern den Marquis zum Duell.

In einem hohlen Baum hat Diavolo eine Nachricht an Beppo und Giacomo hinterlassen. Sie sollen in der Einsiedelei die Glocke läuten, sobald die Soldaten abgezogen seien, dann will er nämlich seinen Raubzug auf die Engländer fortsetzen. Während des Wartens betrinken sich Beppo und Giacomo und stimmen ausgerechnet das Lied an, das sie von Zerline gehört hatten. Damit verraten sie sich. Lorenzo durchsucht die beiden, findet Diavolos Zettel und lässt die Glocke der Einsiedelei läuten. Diavolo erscheint und wird sogleich festgenommen. Matteo bewundert Lorenzos Mut und hat nichts mehr gegen eine Verbindung mit Zerline einzuwenden. Auch Lord Kookburn erkennt, dass seine Eifersucht (ziemlich...) unbegründet war.

Werk:

Daniel-François-Esprit Auber (1782-1871) schrieb insgesamt ungefähr 40 Opern. In Erinnerung geblieben ist er jedoch mit zwei Werken, nämlich der Grand Opéra LA MUETTE DE PORTICI und der Opéra comique FRA DIAVOLO. Ein Aufführung von LA MUETTE DE PORTICI 1830 in Brüssel führte zum Aufstand gegen die niederländische Herrschaft über Belgien, war damit der Ausgangspunkt der belgischen Revolution und stand so Patin für die Unabhängigkeit Belgiens.

Auber arbeitete vor allem mit der Libretto-Werkstatt des Vielschreibers Eugène Scribe zusammen, so auch bei FRA DIAVOLO. Diese spritzige Komödie wird zwar heutzutage nur noch selten auf den grossen Bühnen aufgeführt (wie es überhaupt um Auber, den einstigen Erfolgskomponisten, eher ruhig geworden ist), enthält aber viele ausgesprochene Ohrwürmer. Nur schon die marschartige Ouvertüre ist ein Hit. Bezaubernd sind auch die Arien und Romanzen Zerlines und Fra Diavolos. Bis ins Jahr 1907 erreichte FRA DIAVOLO alleine an der Pariser Opéra-Comique über 900 Aufführungen. Auch in New York und S.Petersburg war das Werk erfolgreich. Hal Roach verfilmte die Oper 1933 mit Stan Laurel und Oliver Hardy als als Beppo und Giacomo unter dem Filmtitel THE DEVIL'S BROTHER. Dieser Film, der viel Musik von Auber enthält, gilt als einer der besten Filme von Laurel & Hardy.

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