Zürich: THE TURN OF THE SCREW, 02.11.&12.11.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   The Turn of the Screw

Oper in einem Prolog und zwei Akten | Musik: Benjamin Britten | Libretto: Myfanwy Piper, nach der gleichnamigen Novelle von Henri James | Uraufführung: 14. September 1954 in Venedig | Aufführungen in Zürich: 2.11. | 7.11. | 9.11. | 12.11. | 14.11. | 16.11. | 19.11. | 23.11.2014

Vorstellung vom 12.11.14

Auch beim zweiten Besuch stellte sich die diese Produktion als herausragendes Theaterereignis dar. Neu besetzt waren die beiden Kinder: Miles wurde von Tom Deazley gesungen, Flora von Tabitha Tucker. Tom Deazley ist vom Körperbau her ein ganz anderer Typ als der leicht untersetzte, kindlich wirkende James Dillon. Deazley ist ein schlaksiger, aufgeschossener Vorpubertierender. Dadurch nimmt die erotisch aufgeladene Beziehung sowohl zu Quint als auch zur Gouvernante an bedeutungsschwangerem Gewicht zu. Sowohl Tabitha Tucker als auch Tom Deazley begeisterten mit lupenreinem Gesang und subtil-eindringlichem Spiel. Meiner Begeisterung über die Leistungen der erwachsenen Sängerinnen und Sänger (Layla Claire, Pavol Breslik, Hedwig Fassbender, Gisela Allen), des Dirigenten Constantin Trinks und der 13 MusikerInnen im Graben habe ich bereits in der unten stehenden Premierenkritik Ausdruck verliehen. Wiederum bescherten sie alle dem Publikum eine unter die Haut gehende, hochklassige Vorstellung.

Kritik: Packend und von beklemmender Intensität - und eine würdige Verbeugung vor dem grossen Musikdramatiker Benjamin Britten, welcher vor 101 Jahren geboren wurde. Szenisch UND musikalisch gelingt dem Opernhaus mit dieser längst fälligen Neuproduktion THE TURN OF THE SCREW ein ganz bedeutender Wurf! (Letztmals auf der grossen Bühne innerhalb der Junifestwochen 1978 als Gastspiel der Scottish Opera unter Roderick Brydon in Zürich zu erleben gewesen!)

Nicht nur das unaufhaltsame, lautlose Drehen der schlichten Konstruktion aus zwei weissen Wänden auf der  Drehbühne (Wolfgang Gussman) schraubt sich ins Empfinden ein, auch Brittens magische Komposition mit der sich chromatisch hochschraubenden Entwicklung von A-Dur nach As-Dur und wieder zurück trägt zum zunehmend beklemmenden Sog des Abends bei. Und obwohl Autor, Komponist und zum Glück auch der Regisseur Jan Eßinger (welcher die szenische Verantwortung nach dem krankheitsbedingten Ausscheiden von Willy Decker übernahm) die im Stück angelegte Vieldeutigkeit belassen, fühlt man von Beginn weg mit den Figuren mit, spürt wie sich das Grauen und die Rätselhaftigkeit des Bösen, des Unausgesprochenen in die Handlung schleichen.

Eßinger und Gussmann, welcher zusammen mit Susana Mendoza auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, legen das Stück in der Entstehungszeit der Komposition an, in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, einem Jahrzehnt, in dem spiessige Bürgerlichkeit und rigide Moralvorstellungen vorherrschten. Auf der Bühne werden durch den  Verzicht auf jeglichen viktorianisch-gruseligen Schnickschnack die Personen und ihre Gefühlslagen deutlich in den Vordergrund gerückt. In hartem, kaltem Licht (einmal mehr hervorragend gestaltet von Franck Evin) heben sich die Protagonisten vom schwarz-weissen Hintergrund ab, gespenstische Schatten auf die weissen Wände werfend. Eine starke, genaue Personenführung zeichnet die Arbeit Eßingers aus; Blicke, Gesten, Mimik wirken natürlich und doch stets bedeutungsschwanger. Die Geister von Quint und Miss Jessel treten auf unheimliche Art realistisch auf. So steigt Quint aus der Badewanne, in welcher der kleine Miles gerade badet, Miss Jessel reckt ihre Arme aus Floras Puppenhaus, tritt später in Vervielfachung auf und bedrängt die Gouvernante. Auch beim Dialog zwischen Quint und Jessel zu Beginn des zweiten Aktes ist die Gouvernante anwesend und man stellt sich doch die Frage, ob das Ganze nicht eine Einbildung und Projektion der Gouvernante sei. Es ist jedenfalls faszinierend, wie die Inszenierung mit der Ambiguität der Vorlage umgeht und so das Publikum zum Nachdenken und Diskutieren bringt.

Die Besetzung lässt keine Wünsche offen. Im Gegensatz zur Vorlage von Henry James schweigen die Geister in Brittens Oper nicht sondern singen. Und dies traumhaft schön. Pavol Breslik ist mit seinem einschmeichelnden Timbre geradezu ideal besetzt als Peter Quint (und als Tenorstimme des Prologs). Seine wunderschön lockenden Melismen strahlen Erotik und Zärtlichkeit aus, eine liebliche Verdorbenheit. Giselle Allen klingt als Miss Jessel etwas herber, aber genauso interessant. Layla Claire singt und spielt eine fantastische Gouvernante, ihre glockenreine Intonation, das aparte Timbre, die wunderbare Diktion und das engagierte Spiel vereinigen sich zu einem Rollenporträt von ganz grosser Klasse. Hedwig Fassbender ist eine ebenso starke Bühnenpersönlichkeit: Sie verleiht Mrs. Grose beachtliches Profil und wenn sich die beiden unterschiedlich gefärbten Stimmen vereinen und wieder voneinander abheben, führt dies zu einem musikalischen Hochgenuss. Ganz aussergewöhnlich gut besetzt sind auch die beiden Kinder: Das (vorgezogene) Rollendebüt von James Dillon als Miles ist fantastisch gelungen. Er singt zwar recht leise, doch mit solch unschuldiger Reinheit, dass es einem manchmal fast das Herz bricht – wenn da nicht die unterschwellig spürbare Einflussnahme des Bösen durchsickern würde und man seine Gefühle arg unter Kontrolle halten muss, um nicht vorschnell in ihm nur den Unschuldsengel zu sehen. Ist er ein bad boy, ein Opfer der Sauberkeitsfanatikerin namens Governess oder ein von Quint sexuell missbrauchter Junge? Sein Spiel wirkt manchmal noch kindlich, dann wieder sehr durchtrieben, eine Art Damien aus den OMEN Filmen. Geradezu stupend ist seine Szene am Flügel, wo er jeden Akkord, jedes Glissando, jeden Triller exakt imitiert. Bei Flora scheint es etwas einfacher zu sein: Sie macht zwar gerne mit bei den „bösen“ Liedern ihres Bruders, lässt sich auch von Miss Jessel zu verbotenen Ausflügen verleiten, doch insgesamt wirkt sie psychisch stabiler, durchschaubarer. Emma Warner gestaltet sie mit subtilem, kindlichem Spiel und singt ebenfalls mit lupenreiner Intonation.

Die dreizehn MusikerInnen der Philharmonia Zürich (einige spielen mehrere Instrumente) tragen entscheidend zur immensen Wirkung von Brittens Werk auf der Opernhausbühne bei. Die Zwischenspiele (als Variationen des zwölftönigen Themas angelegt, welches am Ende des Prologs vorgestellt wird) werden unter der ungemein einfühlsamen und klar strukturierenden Leitung von Constantin Trinks zu plastisch Ort und Handlung illustrierenden Miniaturen. Vor Brittens Musiksprache braucht sich niemand zu fürchten, sie ist sehr tonal gehalten, überaus luzide und oft gefährlich schön. Gerade im Zusammenspiel mit der unaufgelöst bleibenden Thematik der Vorlage schafft der Komponist damit jedoch eine solch beklemmende Atmosphäre des Unheimlichen wie kaum ein anderes Werk des Musiktheaters.

Fazit: Unbedingt empfehlenswert!

 

Inhalt:

Ein anonymer Erzähler berichtet im Prolog von einer jungen Erzieherin, welche in einem abgelegenen Landhaus für zwei Kinder verantwortlich war. Der Vormund der Kinder lebt in London und will nicht belästigt werden. Die junge Frau tritt die Stelle trotz einiger Bedenken an.

Akt I: Im Landhaus Bly erwarten die beiden Kinder, Miles und Flora, ungeduldig die Ankunft ihrer neuen Gouvernante. Die Haushälterin, Mrs Grose, ist erleichtert, dass sich nun eine energische junge Person um die beiden Kinder kümmern wird. Einige Zeit später erhält die Gouvernante einen Brief von Miles' Schule. Darin wrid ihr mitgeteilt, dass Miles wegen ungebührlichen Verhaltens von der Schule verwiesen worden sei. Was genau dahintersteckt, wird nicht erklärt. Die Gouvernante beschliesst, den Vormund nicht zu informieren. Miles spielt friedlich mit seiner Schwester. Bei einem Spaziergang entdeckt die Gouvernante einen fremden Mann auf einem Turm im Garten. Sie ängstigt sich. Einige Tage später sieht sie den Fremden wieder, diesmal am Fenster des Hauses. Sie berichtet der Haushälterin von der Erscheinung. Diese glaubt in dem Fremden Peter Quint zu erkennen, den ehemaligen Diener. Dieser sei wegen Autoritätsmissbrauch entlassen worden. Die ehemalige Gouvernante, Miss Jessel musste daraufhin auch gehen und sei unterdessen gestorben. Die Angst der Gouvernante nimmt zu, eine weitere Drehung der Schraube: Sie hat das Gefühl, Quint sei zurückgekommen, um Miles zu holen. Miles singt während des Unterrichts im Landgut ein trauriges Lied. Flora spaziert mit der Gouvernante am See. Am gegenüberliegenden Ufer erscheint eine Frau. Die Gestalt ist die tote Miss Jessel. Die Geister scheinen den Kindern näher zu kommen. Quint ruft Miles vom Turm aus. Miles antwortet ihm. Er trägt nur sein Nachthemd. Vom See ruft Miss Jessel gleichzeitig nach Flora. Mrs Grose und die Gouvernante ziehen die Kinder ins Haus. Miles sagt: Sie sehen, dass ich schlecht bin.

Miss Jessel bezichtigt Quint, er habe sie verraten. Nun suche er nach einem neuen Freund, den er beherrschen und dessen Unschuld er zerstören könne. Beide wissen, dass ihr Einfluss auf die Kinder wächst. Die Gouvernante versteht das Böse nicht, das sie umgibt. Auf dem Weg zur Kirche singen die Kinder verfremdete Psalmen. Nur die Gouvernante ist beunruhigt, Mrs. Grose versucht sie zu beschwichtigen. Miles erkundigt sich, ob die Gouvernante seinen Onkel über die Vorfälle informiert habe. Diese rennt jedoch ins Haus zurück, unfähig etwas zu unternehmen. Da sitzt Miss Jessel an ihrem Pult im Unterrichtszimmer. Sobald sie das Wort an Miss Jessel richtet, verschwindet diese. Sie schreibt nun doch einen Brief an den Vormund. Sie lässt den Brief jedoch offen liegen. Die Gouvernante unterrichtet Miles über den Brief. Quint lässt das eindringliche Gespräch nicht zu, Miles schreit auf. Quint befiehlt Miles, den Brief zu vernichten. Während Miles Klavier spielt, rennt Flora heimlich zum See. Da wartet Miss Jessel. Die Gouvernante muss anerkennen, dass sie Flora verloren hat, als sich diese hasserfüllt an sie wendet. Die Gouvernante erfährt, dass ihr Brief nie abgeschickt wurde. Sie stellt Miles zur Rede. Quint ruft vom Turm. Der Knabe wird psychisch zwischen Gouvernante und Quint zerrissen. Er nennt Quint beim Namen. „Peter Quint. You devil!“Darauf verblasst die Erscheinung zwar, doch im Kampf hat Miles sein Leben ausgehaucht.


Werk:

Henri James vielschichtige Novelle zu interpretieren, fällt nicht leicht. Was ist Realität, was Halluzination. Steckt Pädophilie in der Handlung, ist es ein Kampf der Unterschicht, begangenes Unrecht der Oberschicht dadurch zu rächen, dass man sich zur Rache deren Kinder bedient? Handelt es sich um einen gelungenen Exorzismus, indem die Gouvernante Miles aus den Fängen des Kinderverführers befreit oder ist das Ganze mit freudianischer Brille zu lesen? Richtet sich Miles letzter Satz (YOU DEVIL!) vielleicht gar nicht an Quint, sonder an die Gouvernante, die ihn nicht zu Quint ziehen lässt? Auch Britten lässt, wie Henri James in der Vorlage, die Erklärungen für die Vorgänge auf Bly im Dunkeln. Die Librettistin sagte: „Weder Britten noch ich haben jemals versucht, das Werk zu interpretieren, sondern nur versucht, es für ein anderes Medium neu zu erschaffen. THE TURN OF THE SCREW baut auf einer Vision des Bösen auf, ohne jemals festzulegen, um welche Art des Bösen es sich handelt.“ Den homosexuellen Benjamin Britten, der mit seiner Veranlagung Zeit seines Lebens gekämpft hatte, dürft vor allem die Beziehung Miles-Quint am Stoff fasziniert haben. Er hat ja auch in anderen Werken (PETER GRIMES, BILLY BUDD, TOD IN VENEDIG) mehr oder weniger sublimiert, Männerbeziehungen und deren Machtgefälle zu Themen seiner Opern gemacht. Britten hat die einzelnen fast filmisch aufleuchtenden Szenen der Handlung durch Orchesterzwischenspiele miteinander verbunden. Diese stellen Variationen des Themas der Schraube dar, welches im Prolog exponiert wird.

Britten hat das Werk als Kammeroper konzipiert, mit einer Besetzung von lediglich 13 Instrumentalisten, welche die 28 vorgesehenen Instrumente spielen. Er erreicht dadurch eine eindringliche, klare Intensität in der Mischung und Präsentation der Klangfarben. Britten hasste opulenten Klang und fand diesen eine Verschwendung. Brittens Lebenspartner Peter Pears sang bei der Uraufführung die Rolle des Quint.

Henri James Novelle aus dem Jahr 1898 wurde auch mehrmals verfilmt, z.B. mit Ingrid Bergman, Deborah Kerr oder Stephanie Beacham in der Rolle der Gouvernante. Partner der letzteren als Quint war Marlon Brando.

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