Zürich: THE RAKE'S PROGRESS, 14.02.2009

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   The Rake's Progress

Premiere: 14. Februar 2009 Oper in drei Akten und einem Epilog

Musik: Igor Strawinsky

Libretto : W.H. Auden und Chester Kallman

Uraufführung: 11. September 1951 in Venedig (mit Elisabeth Schwarzkopf als Anne!)

Aufführungen in Zürich: Mi, 18.02.2009 | Fr, 20.02.2009 | So, 22.02.2009 | Di, 24.02.2009 | Do, 26.02.2009 | Sa, 28.02.2009 | Mi, 04.03.2009

Kritik:
Wenn ein Regisseur, wie hier im Fall von Martin Kušej, öffentlich bekannt macht, dass er ein Libretto indiskutabel schwach findet, kein Mitgefühl für die Protagonisten aufbringen kann und will, dann muss man sich fragen, warum er die Oper überhaupt inszeniert. Nur um zu schauen, ob sein Korsett, in welches er das Werk presst, auch funktioniert? Ist das dann nicht ebenfalls selbstsüchtiges Gehabe, nicht besser als die Publicity Geilheit, die er seinen Figuren über lange drei Stunden vorwirft? Sicher, einige beklemmende Bilder findet er: Das ewige Streben nach Reichtum, vermeintlichem Glück und Berühmtheit findet in einer Art Big Brother Container im Zürich des Jahres 2009 statt, erst ärmlich eingerichtet mit Matratze auf dem Fussboden, leeren Bierdosen und Pizzakartons, Tom ist ein Vollblut-Prolet in weissen Socken, dann der Aufstieg in die Villa am See, da darf er dann auch mal ins Wasser springen und Champagner trinken und schliesslich – das stärkste Bild – vor der leeren Schrankwand aus Eichenimitat, hier guckt Tom (nun in Adiletten) im Fernsehen „Mainz, wie es singt und lacht“ und verblödet zusehends. Bücher sind keine mehr da, dafür Flatscreen und eine gut assortierte Bar, mehr brauchen viele Menschen heutzutage ja leider tatsächlich nicht mehr. Zwischenstation macht Tom im Bordell – bei Kušej ein Gang Bang beim Porno Casting. Man lässt ja nichts aus, um berühmt zu werden. Im prüden Wien, woher die Produktion stammt, führte diese Szene dazu, dass der Zutritt zur Oper erst ab 18 Jahren erlaubt war, in Zürich entlockt das einigen resoluten Zwinglianern zwar kräftige Buhs, einigen sich progressiv geben wollenden Damen Bravi, dem Grossteil des Publikums gerade mal ein Gähnen. So schleppt sich der Abend ziemlich zäh dahin, Doris Day und Rock Hudson amüsieren sich im Fernsehen (als Anne ihren Tom zurück haben möchte) mehr als die Zuschauer, Karlheinz Böhm und sein Lebenswerk, die Hilfe für die Hungernden in Äthiopien, werden ebenso angeklagt und durch den Dreck gezogen wie Jesus, dessen Bild in diesem Umfeld lange auf dem Bildschirm eingefroren sichtbar bleibt. Zu den kontemplativeren, schwermütigern Passagen des Werks sind dem Regisseur kaum adäquate Bilder eingefallen. Auch die Gegenüberstellung von Heiliger und Hure in der grossen Szene der Anne wirkt abgegriffen. Die Poesie hat keinen Platz, die Figuren werden als gross angelegte Medienschelte der Hässlichkeit und der Lächerlichkeit preisgegeben.


Ähnlich spannungslos klingt hier in Zürich Strawinskys neoklassizistische Musik. Vielleicht hätte Nikolaus Harnoncourt, welcher ursprünglich für diese Übernahme vorgesehen war, Akzente setzen und Spannung aufbauen können. Bei Thomas Adès war das leider nicht der Fall. Immerhin kann man sich an schönen Stimmen freuen: Shawn Mathey – ein Rollendebütant, wie alle andern auch – singt mit frischem, mühelos ansprechendem Tenor die anspruchsvolle Partie des Tom Rakewell, Eva Liebau bekommt in Zürich endlich einmal eine grosse Rolle und singt die zart fühlende Anne ganz wunderbar, Martin Gantner ist ein stimmlich und darstellerisch souveräner, ins mephistophelische ziehender Verführer Shadow, Alfred Muff, viel beschäftigt am Opernhaus in dieser Saison, ein biederer Vater Trulove und Michelle Breedt eine schon fast zu schön singende Türkenbaba. Hier natürlich nicht ein bärtiges Weib, sondern ein zeigegeiler Transvestit, welcher den Paparazzi immer wieder gerne seinen Penis hinhält, um ins Fernsehen (Glanz und Gloria) zu kommen. Den moralisierenden Epilog teilen die Protagonisten übers Fernsehen in der Talkshow bei Aeschbacher mit. Das ist ein schlichtweg genialer Einfall des Regisseurs.


Ärgerlich für viele Zuschauer im zweiten Rang ist, dass die Sicht auf die Übertitel durch zusätzlich angebrachte Scheinwerfer beträchtlich eingeschränkt wird.

Inhalt:
Die Geschichte behandelt Aufstieg und Fall des Wüstlings Tom Rakewell, welcher - vom Teufel (Nick Shadow) verführt - seine Geliebte Anne Truelove verlässt, in London der Zügellosigkeit frönt, die bärtige Türkenbaba ehelicht, sein gesamtes Vermögen verliert und schliesslich in der Psychiatrie endet, wo ihm Anne noch ein letztes Wiegenlied singt, bevor er völlig dem Wahn verfallen stirbt. In einem Epilog verkünden die Hauptdarsteller die Moral der Geschichte: Der Teufel findet immer Arbeit für Müssiggänger.

Werk:
Igor Strawinsky liess sich durch eine Serie von Kupferstichen von William Hogarth (1697 – 1764) zu The Rake's Progress anregen, die in Form einer Bildergeschichte die zweifelhafte „Karriere“ eines durch Erbschaft wohlhabend gewordenen jungen Mannes erzählen. Im Libretto von Wystan Hugh Auden und Chester Kallmann ist die Handlung mit absurden Elementen zugespitzt (etwa die Heirat Toms mit der vollbärtigen „Türkenbaba“, einer Jahrmarktssensation). Strawinsky huldigt in diesem Werk dem Neoklassizismus und orientiert sich an Formen der „klassischen“ Oper des 18. Jahrhunderts, greift lustvoll vieles auf, was Reformer wie Gluck oder Wagner verdrängt hatten. Das Werk ist nach dem Schema einer alten Nummern-Oper gebaut, lyrische, groteske, heitere und tragische Episoden wechseln sich in bunter Reihenfolge ab. Die Arien, Duette, Terzette und Chöre verlassen die Tonalität nie und sind von gefälliger Harmonik. Das Orchester ist am Apparat einer Mozart-Oper orientiert, mit Cembalo Accompagnato für die Rezitative. Strawinsky erreicht mit der lieblichen Melodiebildung und den delikaten Rhythmen eine farbenreiche Wirkung.

Musikalische Höhepunkte:
Here I stand..., Szene und Arie des Tom, Akt I
Love, too frequently betrayed, Cavatine des Tom, Akt I
No word from Tom, Arie der Anne, Akt I
I was never saner, Arie des Shadow, Akt II
As I was saying, both brothers wore moustaches..., Arie der Baba, Akt II
I burn! I freeze!, Shadows Abschied, Akt III

Fazit: Gross angelegte Medienschelte – trotzdem ein sich zäh dahinschleppender Abend.