Zürich: THE GREEK PASSION, 09.11.2008

Erstellt von Kasapr Sannemann | |   The Greek Passion

Oper in vier Akten

Musik: Bohuslav Martinů

Libretto: vom Komponisten, frei nach dem Roman

«Christus wird wieder gekreuzigt» von Nikos Kazantzakis

Uraufführung: 2. Fassung (Zürcher Fassung) 9. Juni 1961,

Stadttheater Zürich

Aufführungen in Zürich:

So, 9.11.2008 | Mi, 12.11.2008 | Sa, 15.11.2008 | Fr, 21.11.2008 | So, 23.11.2008 | Do, 27.11.2008 | Sa, 29.11.2008 | Mi, 03.12.2008

Nur ein Wunsch blieb offen am Ende dieses denkwürdigen Premierenabends: Man hätte sich gerne einen Moment der Ruhe und Besinnung gewünscht, um seiner Ergriffenheit nach dem barbarischen Kulminationspunkt Raum zu geben.
Andererseits zeigte die grosse Begeisterung des Premierenpublikums die enorme Wirkung, welche das Werk auf die Anwesenden im leider nicht ausverkauften Haus ausübte.

Denkwürdig war der Abend in mancher Beziehung:
Nach 47 Jahren wird dem Zürcher Publikum endlich wieder einmal die Gelegenheit geboten, sich mit einer der ganz wichtigen Kompositionen des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen. (Mit Lucias, Toscas, Fiordiligis und Leonoren wurden und werden wir in diesem Haus ja oft bis zum Überdruss gefüttert.)
Diese Passion in dieser Zürcher Fassung, in dieser grossartigen Umsetzung (Regie: Nicolas Brieger, Bühne: Hans-Dieter Schaal), mit dieser idealen Besetzung ermöglicht einen Abend enormer Intensität, welcher zu tiefer Ergriffenheit führt.
Es fällt schwer, einzelne Mitglieder aus dem überragenden Ensemble hervorzuheben. Da ist der Chor der Oper Zürich zu nennen, der zugleich wuchtig und klangschön die psalmodierenden Gesänge und heftigen Einwürfe erklingen lässt, da sind die beiden Anführer, die Priester Grigoris (Alfred Muff) und Fotis (Pavel Daniluk): Alfred Muff charakterisiert mit schneidender, autoritärer Bassstimme und wohl dosiertem Vibrato den menschenverachtenden Priester Grigoris, Pavel Daniluk gibt seinen Gegenspieler Fotis mit kräftiger, voll und resonanzreich klingender, prächtiger Stimme. Seine Anklagen gehen unter die Haut. Da sind aber auch die einfachen Dorfbewohner, welche immer mehr in ihre Rollen im Passionsspiel hineinwachsen, allen voran der Yannakos des Rudolf Schasching. Und da ist das Protagonistenpaar, die Dorfhure Katarina und der Hirt Manolios, eindrücklich verkörpert von Emily Magee und Roberto Saccà. Wie sich Emily Magee von der geilen Hure in die mitfühlende Maria Magdalena verwandelt, gehört zu den besonders ergreifenden Momenten des Abends. Das Schlussbild mit ihr im Vordergrund, eingehüllt in die blutgetränkten Tücher in einer Art Pietà Position gehört mit zu den stärksten des Abends. Genauso überzeugend ist Roberto Saccà: Seine immer stärker werdende Identifizierung mit seiner Rolle als Jesus, sein Mitfühlen und seine Anklagen, welche ihn in den Augen der Konservativen zum Terroristen machen, der aus dieser Gesellschaft entfernt werden muss, lässt wohl niemanden kalt. Volker Vogel ist der naive, tumbe Panaits (Judas), welcher als willfähriger, verlängerter Arm der kirchlichen Autorität die Vollstreckung dieses Urteils übernimmt.


Es gibt noch vieles hervorzuheben: Das raffinierte Bühnenbild, eine riesige, schwarze, aufgeschlagene Bibel, mit leuchtenden Ikonen illustriert, die dann aber plötzlich erlöschen, wenn sich das Volk so unchristlich gebärdet, die weissen Verstrebungen der Rückseite der Bibel, die wie eine unüberwindliche Barrikade den Zugang zur Humanität verwehren, die wie immer äusserst schlüssige Lichtgestaltung (Jürgen Hoffmann) und natürlich das Orchester der Oper Zürich unter der Leitung von Eivind Gullberg Jensen, welches die vielschichtige, mit vertrackten Synkopen durchsetzte Partitur so wunderbar berührend zum Klingen bringt. Von irrisierend flimmernden Klängen zu schneidenden Orchestertutti, von tänzerisch humorvollen Untermalungen zu brachialer Gewalt wird die gesamte Gefühlswelt eindringlich durchschritten.

Fazit:
Bisheriger Höhepunkt der laufenden Saison, unbedingt hingehen (leider nur noch sieben Vorstellungen), sich ergreifen lassen und nachdenken – auch über Gegenwart und Vergangenheit, über Ausgrenzung und Mitgefühl im eigenen Umkreis, im eigenen Land.

Inhalt:
In einem griechischen Dorf werden die Vorbereitung zu einem Passionsspiel getroffen. Der Hirte Monolios erhält die Rolle des Jesus Christus. Die Witwe Katarina spielt Maria Magdalena. Mitten in diese Vorbereitungen platzt eine Gruppe von Flüchtlingen aus einem Nachbardorf, ihr Dorf ist von den Türken überfallen und zerstört worden. Der pharisäerhafte Dorfgeistliche Grigori weist die Flüchtlinge ab (DAS BOOT IST VOLL…), nur Katarina und Manolios zeigen Erbarmen und führen die Verzweifelten zu einem Unterschlupf in den Bergen. Manolios, der immer stärker in die Rolle Jesu schlüpft, versucht die Dorfbewohner zu einer mitfühlenderen Haltung zu überreden. Doch die Dorfältesten und Grigori beschliessen, Manolios aufzuhalten. Völlig ausgehungert kommen die Flüchtlinge vom Berg herunter. In einem Streit wird Manolios von Katarinas Liebhaber (Panaits-Judas) getötet. Die Flüchtlinge verlassen das Dorf.

Werk:
Die Oper war ursprünglich für Covent Garden vorgesehen, doch wurde sie im letzten Moment aus vermutlich politischen Beweggründen (unrühmliches Gebaren der Briten im Zypernkonflikt) und Eifersüchteleien unter Komponisten abgelehnt. Das Libretto verfasste der Komponist selbst, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Nikos Kazantakis, der vor allem durch sein Werk Alexis Sorbas weltberühmt wurde. Martinů überarbeitete die Oper auf Anregung Paul Sachers, welcher sie im Stadttheater Zürich zur Uraufführung brachte. Für die Neuproduktion haben die Verantwortlichen in Zürich nun eine neue, dritte Fassung erstellt, welche einige Teile aus der ersten (englischsprachigen) übernimmt und den oratorischen Gehalt der zweiten Fassung etwas mildert, zu Gunsten eines operndramaturgisch überzeugenderen Ablaufs.
In der Komposition verbindet Martinů psalmodierende Passagen, byzantinische Kirchenmusik, griechisches und böhmisches Volksliedgut und ein Melos, welches durchaus auch an Puccini erinnert. Dieses erschütternde Bekenntniswerk ist trotz der individuellen Konflikte vorrangig eine Choroper.

Mehrere Schweizer Bühnen haben sich in einer Art Networking zusammengetan, um des 50. Todestages Martinůs zu gedenken. So werden in Luzern (Ariane, ab 10.12.09), Biel/Solothurn (Alexandre bis, ab 23.10.09) und Genf (Juliette, ab 25.2.2012) Opern des Komponisten zu sehen sein, Bern und Basel bringen Ballettproduktionen, Basel zeigt zudem den lange Zeit verschollen geglaubten Opernfilm DIE HEIRAT.