Zürich: SEMELE, 14.01.2007

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Semele

SEMELE bietet eine überzeugende Fortsetzung der grossartigen Zürcher Händel-Aufführungen, ein erotisch knisterndes Liebespaar (Bartoli / Workman) und eine witzig-satirische Inszenierung der tragischen Geschichte. Unbedingt sehens- und hörenswert.

Premiere: 14. Januar 2007

Opernhaus Zürich, 14.1.2007, Semele, Oper in der Art eines Oratoriums, Musik: Georg Friedrich Händel, Libretto vom William Congreve, Uraufführung: 10. Februar 1744 in London, Aufführungen in Zürich vom 14.1. – 8.2.2007

Kritik: (SK) Ist es Zufall oder langfristige, kluge Spielplangestaltung? In „Ariadne auf Naxos“ begegneten wir dem Halbgott BACCHUS in der Zürcher Kronenhalle, nun dürfen wir am traurigen Schicksal seiner Mutter SEMELE am (gegenwärtigen) englischen Königshof teilhaben. Dort nämlich siedelt Regisseur Robert Carsen die tragische Geschichte der thebanischen Königstochter an. Hier treffen wir auf den König (Jupiter) und seine Gemahlin, die Hüterin der Ehe und der Moral (Juno).


Die Verlegung der Handlung aus der mythischen Vergangenheit in die Gegenwart macht durchaus Sinn: Eine naive, etwas eitle, junge Frau (Semele) wird vom König verführt und fühlt sich dadurch zu Höherem berufen. Sie will sozial aufsteigen, doch ist sie den höfischen Intrigen nicht gewachsen und verbrennt förmlich im Krönungsmantel vor dem strahlenden Thron.

Das Konzept von Robert Carsen überzeugt vor allem auch durch die genaue Personenführung und die fantastische Ausstattung (Patrick Kinmoth): Juno scheint der „Queen“ wie aus dem Gesicht geschnitten. Frisur, Accessoirs und Kostüme sind äusserst genau getroffen; unvergesslich, wie sie sich mit Regenmantel, Kopftuch und grünen Gummistiefeln ausgestattet – ähnlich wie Elisabeth II. im Urlaub auf Schloss Balmoral – auf die Suche nach Somnus macht. Die Altistin Birgit Remmert spielt und singt die eifersüchtige, auf Rache sinnende Juno aufs Vortrefflichste, sowohl mit Lockenwicklern und Pantoffeln
als auch in der Staatsrobe.


Immer tritt sie in Begleitung ihrer Vertrauten Iris auf – im strengen Deuxpièces und mit umwerfender Komik agierend Isabel Rey.


Cecilia Bartoli (Semele) war natürlich als Star des Abends angekündigt, und man war auf ihr Rollendebüt gespannt. Im ersten Akt wirkte sie noch eher verhalten, ihre sowieso nicht sehr grosse Stimmeoffenbarte eine recht dünne, wenig durchschlagskräftige Höhe, sie flüchtete sich oft in ein manieriert gehauchtes Piano. Doch welch eine Verwandlung nach der Liebesnacht mit Jupiter (Charles Workman)! Plötzlich strömte ihre Stimme freier und die Koloraturen perlten glitzernd durch den Raum. Ihre Spiegelarie „Myself I shall adore“ geriet zu einem wahren Kabinettsstück in Gesang und Darstellung.

Kein Wunder lief Bartoli nach der Nacht mit Jupiter zu solcher Hochform auf: Charles Workman ist eine Traumbesetzung, ein in Erscheinung und Stimme hocherotischer, unwiderstehlicher Verführer und ein subtiler, wunderschön gestaltender Tenor, der mit einer zugleich männlich und samtweich klingenden Stimme ausgestattet ist.


Die kleineren Partien waren mit der sehr gepflegt singenden Liliana Nikiteanu (Semeles Schwester Ino), mit Anton Scharinger (Cadmus / Somnus) und dem hellen, klaren Tenor von Thomas Michael Allen (Athamas) überzeugend besetzt.
Händels zwischen Oper und Oratorium schwankendes Werk erklang unter der souveränen Leitung des Spezialisten William Christie sehr lebendig und kurzweilig. Dazu trugen sowohl das wie stets sehr gekonnt auf alten Instrumenten spielende Orchester „La Scintilla“(Ada Pesch als Konzertmeisterin, Claudius Herrmann, Violoncello und der sehr agil spielende Jory Vinikour am Cembalo seien besonders hervorgehoben) als auch der kraftvoll singende und agierende Chor des Opernhauses bei. In dieser Aufführung ist der Chor für einmal nicht nur kommentierend, sondern auch handelnd. Dies reicht vom Verteilen der Boulevardzeitungen nach Semeles geplatzter Hochzeit bis zum Trauern um die gefallene Prinzessin. Zusammen mit seinem Lichtdesigner schafft der Regisseur auch in diesen Szenen beklemmende, eindrückliche (Schatten)Bilder.

Fazit: Überzeugende Fortsetzung der grossartigen Zürcher Händel-Aufführungen, ein erotisch knisterndes Liebespaar (Bartoli / Workman) und eine witzig-satirische Inszenierung der tragischen Geschichte. Unbedingt sehens- und hörenswert.

Synopsis: Semele, die Tochter des Königs von Theben, soll sich mit Athamas, dem Prinzen von Böothien verheiraten. Sie widersetzt sich jedoch zum Erstaunen und zur Beunruhigung des Vaters und des Bräutigams der Hochzeit. Nur ihre Schwester Ino freut sich, da sie selbst den Prinzen liebt. Semele hingegen ist der erotischen Verführung des Göttervaters Jupiter ganz verfallen. Von diesem (in Gestalt eines Adlers) wird Semele in einen von Drachen bewachten Palast entführt, wo sich die beiden ihr Liebesnest einrichten. Gar nicht begeistert von diesen Vorgängen zeigt sich die Göttergemahlin Juno. Sie sinnt auf Rache und beginnt ein grausames Intrigenspiel. Dazu nutzt sie sowohl die Künste des Schlafgottes Somnus als auch Semeles Naivität und Eitelkeit. Diese verlangt nämlich von Jupiter, dass er vor ihr in seiner wahren göttlichen Gestalt erscheine, um sie ebenfalls unsterblich zu machen. Doch die Erscheinung des blitz- und donnerbewehrten Gottes ist zu stark für sie und Semele verbrennt. Juno triumphiert. Doch der Spross aus Jupiters Beziehung zu Semele – das Kind Bacchus – wird vom Göttervater gerettet und soll fortan den Menschen Genuss und Liebe bringen.

Musikalische Höhepunkte: Die reich verzierten da capo – Arien der Semele im dritten Akt „Myself I shall adore“ und „No, no! I'll take no less“, die Arie der Juno im zweiten Akt „Hence, Iris, hence away“, Jupiters Arie „Wherever you walk”