Zürich: SCHWANENSEE, 06.02.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Schwanensee

Ballett in drei Akten | Musik: Peter Iljitsch Tschaikowski | Libretto: Wladimir P. Betischew und Wassili F. Gelzer | Uraufführung: 1. Fassung 4. März 1877 in Moskau, 2. Fassung: 27. Januar 1895 in St. Petersburg | Choreographie: Alexei Ratmansky | Aufführungen in Zürich: 6.2. | 7.2. | 21.2. | 26.2. | 28.2. | 2.3. | 28.3. | 30.4. | 1.5. | 4.5. | 5.5. | 6.5. | 16.5. | 22. 5. 2016

Kritik:

Es ist schon erstaunlich: SCHWANENSEE, das Ballett aller Ballette, Inbegriff des klassischen Handlungsballetts, hat in Zürich eine relativ bescheidene Rezeptionsgeschichte, wie dem sehr informativ gestalteten Programmheft zur diesjährigen Neuproduktion zu entnehmen ist. Erst 1956 kam es zu einer eigenen Produktion (Julius Berger) durch das Ballett des Stadttheaters (nachdem vorher nur Ausschnitte im Rahmen von Gastspielen zu sehen gewesen waren, aber immerhin mit Serge Lifar, 1942!). Beriozoff brachte den SCHWANENSEE ab 1965 beinahe 70 mal, Geoffrey Cauleys düster-romantische Interpretation stand ab 1974 zwei Jahre lang auf dem Spielplan, danach dauerte es 30 Jahre, bis Heinz Spoerli 2005 seine von kühler, geradliniger Ästhetik geprägte Interpretation vorstellte. Alexei Ratmansky hat sich nun für SCHWANENSEE auf eine akribische Spurensuche nach der Originalgestalt dieses Balletts begeben, unzählige Quellen erforscht und versucht, den SCHWANENSEE, wie er ursprünglich gedacht war und 1895 in St. Petersburg quasi zu seiner zweiten Uraufführung kam, in grösst möglicher Authentizität dem Zürcher Publikum zu präsentieren. Um es gleich vorweg zu nehmen: Es ist einfach nur schön, wunderschön. Das beginnt bei den Kostümen von Jérôme Kaplan (er zeichnet auch verantwortlich für das romantisierende Bühnenbild) mit ihren überaus geschmackvollen und detailverliebten, in leicht gedeckt gehaltenen Pastellfarben konzipierten Trachten und höfischen Kleidern für die Bilder I und III und den Träumen in Weiss für die Bilder II und IV. Die Tutus der Schwäne sind mehrlagig, bauschig, kurz oberhalb des Knies endend (nicht die steifen „Teller“ welche Florence Gerkan für Spoerli entworfen hatte). Für die Männer setzte man auf ausgesprochen enge, das maskuline Gesäss betonende Strumpfhosen.

Für seine Rekonstruktion von Petipas und Iwanows Originalchoreografie hat Alexei Ratmansky in Zürich ausgezeichnete, ja hervorragende Tänzerinnen und Tänzer zur Verfügung, vom diszipliniert und konzentriert agierenden Corps de ballets über die Interpretinnen der kleinen Schwäne (Meiri Maeda, Lou Spichtig, Michelle Willems und der an diesem Abend viel beschäftigten Giulia Tonelli), der grossen Schwäne (Juliette Brunner, Francesca Dell'Aria, Constanza Perotta Altube, Elizabeth Wisenberg) zu den Halbsolisten in den Nationaltänzen im dritten Bild. Bereits der eröffnende Pas de trois mit Yen Han, Giulia Tonelli und dem Benno von Andrei Cozlac zeigte das ausserordentlich hohe Niveau der Truppe. Giulia Tonelli begeisterte in ihrer Variation mit strahlender Anmut und fantastischer Fussarbeit, einer grossartigen Körperspannung bis in die Fingerspitzen. Cozlac imponierte mit weiten, sehr hohen Sprüngen, sauber ausgeführten Batteries. Yen Han glänzte einmal mehr mit ätherisch sauberem Tanz auf der Spitze, sowohl hier im Pas de trois, als auch im Bild drei im Csardas zusammen mit Cristian Alex Assis. Wunderschön in diesem Bild auch die Mazurka und der Neapolitanische Tanz (u.a. wieder mit Giulia Tonelli). In den weissen Akten bestaunte man die Präzision der 24 Schwäne (im letzten Bild waren auch sechs schwarze darunter, auch die wunderbare, vielseitige Giulia Tonelli war wieder mit dabei!).

Manuel Renard imponierte mit raumgreifenden Flügelschlägen als böser Zauberer Rotbart, Filipe Portugal gab einen trotteligen Wolfgang (Erzieher des Prinzen). Nora Dürig agierte mit deutlicher Pantomime als Königinmutter und versuchte ihren Sohn, Prinz Siegfried, zu verkuppeln. Alexander Jones war ein sehr eleganter Siegfried, seine Mimik verriet im ersten Bild eine leicht ironisch abgehobene Hochnäsigkeit. Er wandelte sich dann beim Anblick der Schwäne (und vor allem ihrer Königin Odette) in den schmachtenden Liebhaber. Sehr naiv liess er sich auf die burschikosen, selbstbewussten Verführungskünste von Odile ein und merkte zu spät, dass sie und Rotbart ihn mit Häme und Manipulation zum Narren gemacht hatten. Höhepunkte der Aufführung waren natürlich die beiden grossen Pas de deux von Viktorina Kapitonova (Odette/Odile) und Alexander Jones in Bild zwei und drei. Jones beeindruckte mit seinen weit greifenden, sauberen Sprüngen, den präzisen, sicheren Drehungen, dem weichen Aplomb. Viktorina Kapitonova gelang eine grandiose Interpretation der beiden Rollen: Als Odette erst verschüchtert sich dem Prinzen nähernd, dann in grosser Liebe entbrennend, mit wunderschön weichen Bewegungen und einem perfekten Port de bras tanzend (zur wunderbar gespielten Solovioline von Hanna Weinmeister). Ganz anders dann als Odile: In dem schwarzen, in Spektralfarben oszillierenden Tutu war sie eine herrlich durchtriebene Verführerin, manipulierend und selbst manipuliert durch Papa Rotbart. Ihre Fouettés waren von atemberaubender Präzision und lösten zu Recht einen Begeisterungssturm aus.

Begeistert war das Premierenpublikum von der ganzen Produktion. Ja, es war schön, sehr kulinarisch – und doch etwas blutleer. Man kann nicht sagen, dass dieser rekonstruierte SCHWANENSE museal oder verstaubt gewirkt hätte, wirklich nicht. Aber man vermisste die tiefer schürfende psychologische Durchdringung der Personen und ihrer Handlungsweisen. Vieles wirkte durch die stellenweise sehr antiquiert wirkende Pantomime zu betulich, irgendwie aus der Zeit gefallen. So auch der etwas "dick" aufgetragene Verklärungs-/Erlösungsschluss.

Zum Glück stiegen die Emotionen aus dem Orchestergraben hoch. Rossen Milanov am Pult der Philharmonia Zürich erzielte exzellente Sogwirkungen.Mitreissende, akzelerierende Tanzrhythmen wechselten mit wunderbar ausschwingenden Phrasen voller Melancholie und Elegie, herrlich trumpfte das Blech auf, prominent hervorgehoben erklangen die Kantilenen der Klarinetten und Oboen, die Soli der Harfe, des Cellos. Es ist schon eine tolle Musik, die der junge Tschaikowski für SCHWANENSEE komponiert hatte und welche an diesem Abend in Zürich so flott interpretiert wurde, inklusive der von Ricardo Drigo instrumentierten Klavierstücke op. 72, welche in diese Aufführung wieder integriert wurden.

Fazit: Schön, wunderschön und mit detailverliebtem Aufwand in Szene gesetzt– technisch brillant getanzt. Vielleicht aus heutiger (und meiner) Sicht etwas blutleer, aber das ist Geschmackssache.

Inhalt:

Der junge Prinz Siegfried soll heiraten. Er aber schätzt seine Freiheit und mag keine Braut wählen, die er nicht liebt. Doch anlässlich seines Geburtstagsfests drängt ihn seine Mutter zu einer baldigen Entscheidung. Als sich die feiernde Gesellschaft verabschiedet hat, bleibt Siegfried alleine zurück und sieht sehnsüchtig einem Schwarm wilder Schwäne nach.

Er folgt den Schwänen zum See. Sein Mentor Rotbart taucht ebenfalls am See auf. Ein Schwan nähert sich und verwandelt sich umgehend in eine schöne Frau, es ist Prinzessin Odette, die einst zusammen mit ihren Freundinnen von Rotbart in Schwäne verzaubert worden ist. Nachts jedoch nehmen sie wieder menschliche Gestalt an. Der Zauberbann kann nur durch ein ewiges, unverbrüchliches Liebesversprechen gebrochen werden. Siegfried beteuert Odette diese Liebe, trotz ihrer Warnungen.

Am nächsten Tag muss Siegfried seine Wahl treffen: Doch keine der anwesenden Prinzessinnen, vermag es, sein Herz zu entflammen. Rotbart ist mit seiner Tochter Odile beim Fest anwesend. Er hat Odile mit seinen Zauberkünsten in ein Ebenbild Odettes verwandelt. Der Prinz ist fasziniert von Odile und tanzt mit ihr. Verblendet hält er um ihre Hand an. Schlagartig wird ihm bewusst, dass er damit sein Versprechen gegenüber Odette gebrochen hat. Er macht sich auf zum See.

Odette ist bei ihren Schwanengefährtinnen. Sie ist entschlossen zu sterben. Rotbart entfacht vergeblich einen Sturm, um Siegfried vom See zurückzuhalten. Siegfried findet Odette und erlangt ihre Verzeihung, doch am gebrochenen Treuegelübde ändert dies nichts mehr. Gemeinsam wollen sie nun sterben.

Werk:

Trotz der schnell wieder abgesetzten Moskauer Uraufführung erreichte Tschaikowskis SCHWANENSEE Kultstatus, ja das Werk wird gemeinhin als DAS Handlungsballett schlechthin bezeichnet und erlangte nach der Uraufführung der zweiten Fassung in der Choreographie von Marius Petipa schnell eine Verbreitung über alle relevanten Tanzbühnen. An der Musik kann es also nicht gelegen haben, dass das Werk nicht schneller seinen Siegeszug antrat. Tschaikowski war zwar noch relativ jung (35 Jahre alt), als er mit der Komposition begann, doch hatte er bereits drei Sinfonien, ebenso viele Opern und zahlreiche Kammermusik komponiert. Vielmehr lag der Flop darin begründet, dass die Compagnie in Moskau den enormen technischen Ansprüchen nicht genügte. Die Komposition wurde zudem immer wieder durch Einschübe werkfremder Musik entstellt. Auch heute noch kann man den SCHWANENSEE nicht ohne Kürzungen auf die Bühne bringen, da das gesamte, von Tschaikowski stammende, Material das Ballett auf TRISTAN-Länge ausdehnen würde. Nach Tschaikowskis Tod 1893 erinnerte man sich wieder des Werks, führte zunächst den Schwanenakt isoliert auf und hievte schliesslich mit Hilfe des Dirigenten Riccardo Drigo (welcher die Partitur bereinigte) und der beiden Choreographen Lev Ivanov und Marius Petipa eine Fassung auf die Bühne, an welcher sich auch heute noch viele berühmte Choreographen orientieren.

Die beiden Hauptrollen stellen an die Tänzerin und den Tänzer enorme technische und darstellerische Anforderungen; es ist seit der Petersburger Produktion üblich, dass die Primaballerina beide Rollen (Odette, der weisse Schwan verkörpert das Lichte, Unschuldige/Odile, der schwarze Schwan, das Dunkle, Böse) tanzt.

Die berühmtesten Choreographen des 20 und 21. Jahrhunderts nahmen sich des Werks an. Balanchine, Orlikowski, Cranko, Spoerli und Neumeier setzten mit ihren Interpretationen Masstäbe. Sehr erfolgreich und äusserst sehenswert war Matthew Bourne's SWAN LAKE. Er liess sämtliche Rollen (bis auf die Mutter) von Männern tanzen.

Auch im Film wurden Motive und Szenen aus SCHWANENSEE immer wieder verwendet, so z.B. in BILLY ELLIOTT von Stephen Daldry oder in BLACK SWAN von Darren Aronofsky, mit Natalie Portman.

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