Zürich: SALOME, 19.06.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Salome

Musikdrama in einem Aufzug

Musik: Richard Strauss

Libretto : vom Komponisten, nach der Dichtung von Oscar Wilde

Uraufführung: 9.Dezember 1905 in Dresden

Aufführungen in Zürich: 19.6. | 22.6. | 25.6. | 27.6. | 29.6. | 2.7. | 4.7.2010

Kritik: 

Es vibriert ganz gewaltig aus dem Orchestergraben, die seelischen Abgründe öffnen sich, die Hoffnungen schwingen sich ekstatisch empor, explodieren beinahe physisch spürbar auf schmerzhafte Weise, die extremen Spannungen werden plastisch und greifbar nah, die Juwelen des Herodes glitzern und funkeln, das Licht des Mondes ist in zart-fahlen Tönen eingefangen, das Übersinnliche bricht mit beklemmender Intensität herein. Die grandiose Farbigkeit der reich instrumentierten Partitur wird vom phänomenal spielenden Orchester der Oper Zürich unter Christoph von Dohnányis glutvoller Leitung zu einem spannungsgeladenen, entfesselten und manchmal auch zu lautstarken Ereignis – und findet auf der Bühne wenig Entsprechung:

Sicher kann man zu Recht der Ansicht sein, dass die Schwülstigkeit und das Kolorit von Strauss' Komposition kein Parallelisieren auf der Bühne benötigen. Doch in der Ausstattung von Rolf (Bühne) und Marianne (Kostüme) Glittenberg, diesem steril kalten Wartesaal der Gefühle, werden eben diese Emotionen nicht transportiert. Die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf ist bestimmt handwerklich gut gemacht, da offenbaren sich in der Figurenkonstellation ganz spannende Einsichten (z.B. Page-Salome, wobei der Page dann mit Narraboths Messer auch zum Vollstrecker des Todesurteils wird). Daneben gerät vieles doch arg konventionell, so etwa Salomes Tanz, bei dem man lediglich die raffiniert täuschenden Wechsel von der Tänzerin und Choreografin (Silva Schori) zur Sängerin der Salome (Gun-Brit Barkmin) und die hinter ihnen her hechelnden, notgeilen Männer bewunderte. Selbstverständlich wurde das ansonsten eiskalte Licht da dann auf rot gestellt. (Lavelli, Opernhaus Zürich 1986, oder Katharina Thalbach in Köln hatten für den Tanz bedeutend stringentere und schlüssigere Lösungen gefunden.) Auch mit dem Propheten wusste Bechtolf wenig anzufangen, einzig die kathedralenartige Beleuchtung während seiner Moralpredigten hatte was für sich. Seine Zisterne bestand aus fünf versenkbaren, mit Gitterrosten bedeckten Pfeilern, in deren vermeintlichen Schutz sich die Personen ab und an begaben. Der Wartesaal blieb beinahe hermetisch abgeriegelt, nur die Familie Herodes und wenigen ihrer Bediensteten wurde Zutritt zu dieser eiskalten Hölle gewährt. Ansonsten mussten sie alle draussen vor der Tür bleiben.

Gun-Brit Barkmin sang und spielte die trotzige Tochter überzeugend, erreichte die Spitzentöne kraftvoll, wenn auch manchmal etwas forciert und grell, dann aber auch wieder sehr beweglich und klangschön. Sie stand die anstrengende Partie auch ohne jegliche Ermüdungserscheinungen wunderbar strahlend durch und entfaltete im Schlussgesang eine intensive, packende Leuchtkraft. Das stimmliche Ereignis des Abends war jedoch Rudolf Schasching als Herodes; er lotete alle Facetten der Partie mit seinem geschmeidigen Charaktertenor aus, da sass jeder Ton, erhielt seine spezifische, dem Text angepasste Färbung – eine grossartige interpretatorische und sängerische Leistung! Dalia Schaechter war seine keifende Ehefrau Herodias, sie gestaltete die eher undankbare Partie darstellerisch überzeugend, so ihren stillen Triumph, als Salome den Kopf des Jochanaan fordert. Egils Silins trumpfte stimmgewaltig als Jochanaan auf und schleuderte seine Anwürfe mit enormer Wucht in den Raum. Christoph Strehl war eine echte Luxusbesetzung in der kleinen Rolle des schmachtenden Narraboth. Hervorragend waren auch das Quintett der hysterisch schreienden Juden (Michael Laurenz, Boguslaw Bidziński, Andreas Winkler, Martin Zysset, Reinhard Mayr), die Nazarener (Tomasz Slawinski, Krešimir Stražanac) und vor allem Valeriy Murga (Erster Soldat). Als Page liess die junge Andrea Schwendener mit sattem Mezzo (und durchdringenden Blicken ...) aufhorchen.

Was bleibt als Fazit?

Musikalisch ist die Neuproduktion insgesamt auf hohem, den Erwartungen, die man an dieses Haus hat, durchaus entsprechenden Niveau. Doch einmal mehr stellt man sich in Zürich die Frage, weshalb die künstlerische Leitung eine Wahnsinns-Inszenierung dieses Werkes (Martin Kušej) welche vor zehn Jahren Premiere hatte und nur während einer Saison wenige Vorstellungen erlebte, durch eine neue ersetzen musste, die kaum in die Rezeptionsgeschichte eingehen wird? Man hätte eine sorgfältig geprobte Wiederaufnahme der Gänsehaut erzeugenden, ergreifenden Kušej-Inszenierung bevorzugt!

Inhalt:

Palästina, ca. 30 n.Chr.

Salome, Tochter der Herodias und Stieftochter des Herodes, ist ein verwöhnter Teenager und wächst in einer äusserst dekadenten Umgebung auf. Ihr Stiefvater stellt ihr lüstern nach, sie ist angewidert, sucht nach Halt und begehrt das Unerreichbare, die Liebe des gefangenen Propheten Jochanaan (Johannes der Täufer). Dieser jedoch weist ihre unreifen, trotzigen erotischen Annäherungen aufs Entschiedenste zurück und bezeichnet sie als Tochter Sodoms. Ein junger Offizier (Narraboth) ersticht sich aus liebender Verzweiflung über Salomes erotisches Verlangen nach dem heiligen Mann. Herodes vermag Salome zu einem Tanz für ihn zu überreden, nachdem er ihr versprochen hat, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Salome verlangt mit kaltblütiger Sturheit den Kopf des Jochanaan, serviert auf einer Silberschüssel. Herodes ist entsetzt, betrachtet er doch den Jochanaan als Heiligen, obwohl er ihn hat festsetzen lassen. Er vermutet hinter Salomes Wunsch die Einflussnahme ihrer Mutter Herodias. Doch darin täuscht er sich: Salome fühlt sich von Jochanaan dermassen zurückgestossen, dass mit unbändiger Ausschliesslichkeit auf ihrem pervers-trotzigen Begehren beharrt. Schliesslich gibt er ihr, was sie verlangt. In ihrem extrem aufwühlenden Schlussmonolog vereinigt sich Salome in sexueller Ekstase mit Jochanaan (mit seinem abgeschlagenen Kopf). Der Ekstase muss die Ernüchterung folgen - Herodes wendet sich angewidert ab und befiehlt: Man töte dieses Weib.

Werk:

Lange, sehr lange hat sich Richard Strauss Zeit gelassen, bevor er sich in seinem reichhaltigen Schaffen dem Musiktheater zugewandt hat. Mit seinen programmatischen sinfonischen Dichtungen (u.a. Don Juan, Till Eulenspiegel, Also sprach Zarathustra) hat er sich das Handwerk des genialen Instrumentationskünstlers angeeignet, die farblichen Möglichkeiten des grossen Orchesters wie kaum ein zweiter ausgelotet und zur Perfektion getrieben. Nach zwei eher erfolglosen Versuchen im Bereich des Musikdramas (GUNTRAM, FEUERSNOT) fand er (im Alter von beinahe 40 Jahren) in Oscar Wildes SALOME endlich den Stoff für sein bahnbrechendes Werk. SALOME kann man als erste deutsche Literaturoper bezeichnen, die aristotelische Einheit des Dramas (Zeit, Ort, Handlung) ist in geradezu exemplarischer Weise gewahrt. Die Figur der femme fatale (und der entsprechenden Männerphantasien ...), welche in ihrem selbstbestimmten sexuellen Begehren auch immer den Tod als Ziel in sich trägt, hatte bereits andere Werke des ausgehenden 19. und beginnenden 20 Jahrhunderts beeinflusst (Delila, Thaïs, Carmen – später Lulu).

Die Komposition wurde von den bedeutendsten Zeitgenossen (Puccini, Mahler, Berg, Schönberg) als wichtigstes Ereignis im Bereich der Oper seit Wagners TRISTAN UND ISOLDE bezeichnet. Strauss schrieb eine packende, erotisch schwülstige und trotz ihrer Komplexität die Grenzen der Tonalität kaum verlassende Musik. Auch der riesige Orchesterapparat wurde von ihm mit grandioser Raffinesse eingesetzt. Nur in ganz wenigen, dramatisch zugespitzten Momenten entlädt sich die volle Wucht des Orchesters. Ansonsten herrscht ein ausgeklügelter Parlandostil vor, gespickt mit ariosen Aufschwüngen, untermalt von einem - in idealen Interpretationen – farblich fein abgestuften, transparenten und ungemein sinnlichen Orchesterklang, einem kunstvollen Stimmengeflecht.

Die Titelrolle gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben für Sopranistinnen im lyrisch-dramatischen Fach. Obwohl Salome oft mit hochdramatischen Sopranen besetzt wurde und wird (Nilsson, Borkh, Gwyneth Jones), liegt die Partie auch schlankeren Stimmen ausgezeichnet, da das Orchester die Sängerin eigentlich kaum zudecken sollte. Viele der besten Salomes waren eher lyrische Soprane (Welitsch, della Casa, Rysanek, Malfitano und vor allem Montserrat Caballé in der empfehlenswerten Einspielung unter Erich Leinsdorf).

Eine sängerisch keine Wünsche offen lassende Interpretation der Schlussszene finden Sie HIER

Musikalische Höhepunkte:

Wo ist er?, Jochanaan

Jochanaan! Ich bin verliebt in deinen Leib, Salome-Jochanaan

Wahrhaftig, Herr, Judenquintett

Salomes Tanz (Schleiertanz)

Still, sprich nicht zu mir, Herodes

Ah, du wolltest mich nicht deinen Mund küssen lassen …, Salome, Schlussszene

Premierenapplaus

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