Zürich: RUSALKA, 30.05.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Rusalka

Lyrisches Märchen in drei Akten |

Musik: Antonín Dvořák |

Libretto : Jaroslav Kvapil |

Uraufführung: 31. März 1901 in Prag |

Aufführungen in Zürich: 30.5. | 1.6. | 3.6.. | 6.6. | 11.6. | 13.6. | 16.6.2010

Kritik:

Eine obdachlose Frau in schmutzigem Trenchcoat und mit Wollmütze lehnt sich erschöpft an einen Hydranten (damit ist das Element Wasser dann doch präsent ...). Über ihr verläuft eine Starkstromleitung, in der Ferne erkennt man die Skyline Manhattans. Es ist die zu ewigem Irrlichtern verdammte und heimatlos gewordene Rusalka. Fahle Klänge ertönen aus dem Orchestergraben, dann ein Windstoss, aufpeitschende Musik, ein Puppenkleid wird ihr aus der Hand gerissen, entschwebt. Sie erinnert sich … Mit diesen starken Bildern beginnt Matthias Hartmanns berührende Erzählung von Dvořáks/Kvapils Kunstmärchen RUSALKA, ein modernes Märchen über den Verlust der Unschuld, einhergehend mit der Zerstörung der Natur und der zunehmenden Verrohung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Trotz der Verlegung in die heutige Zeit, hat der begnadete Regisseur genau auf den Text gehört, alles wirkt aus diesem Text und der Musik heraus entwickelt, eine Umsetzung des bekannten Märchenstoffes (Undine, Giselle, die kleine Meerjungfrau, Melusine etc.), welche den Zuschauer in ihren Bann zieht, kein wohliges Zurücklehnen erlaubt. Selbst die Katastrophe des ungehindert auslaufenden Öls im Golf von Mexiko hat der Regisseur kurzfristig ins Schlussbild aufgenommen. Der Wassermann steigt ölbefleckt inmitten der Müllhalde auf und schleudert seine letzten Warnungen in den Saal. Für Hartmanns so bewegend kluge Personenführung hat ihm Karl-Ernst Herrmann die entsprechend aussagekräftigen Räume geschaffen: Rusalka und die Nixen (Elfen) leben nicht in einem romantischen Weiher sondern in einem herrlich blau leuchtenden Blumenfeld, welches vor- und zurückgefahren werden kann. Der Palast des Prinzen ist ein leerer, eiskalter Raum, die Wände und Türen sind durch Neonröhren markiert. Ein riesiger Kronleuchter thront darüber, aus dessen Schatten sich die verschüchterte Rusalka im zweiten Akt kaum je wagt. Im dritten Akt dann ist das Blumenfeld verdorrt, die Bühne zugemüllt, die Natur zerstört. Einzig der Prinz (ein an die WHAM Zeiten erinnernder George Michael, ein Glamour-Popstar mit blondierter Mähne) merkt – zu spät – welch fatalen Irrtümern und falschen Versprechungen er erlegen ist. Für die fantastischen Kostüme zeichnet Victoria Behr verantwortlich: Viel kühle Eleganz für die verdorbene Entourage des Prinzen, ein an eine weisse Seerose erinnerndes, einmalig schönes Brautkleid für Rusalka und ein beeindruckendes, knallrotes Outfit für die Hexe. Zusammen mit der einmal mehr phänomenalen Lichtgestaltung durch Martin Gebhardt öffnen sich so prägnante und stimmige Räume.

Opernhaus-Intendant Alexander Pereira ist bekannt dafür, bedeutenden Sängerpersönlichkeiten die Gelegenheit zu  Rollendebüts zu geben. Diese wurden an der Premiere frenetisch bejubelt. Die RUSALKA wurde so zu einem Sängerfest erster Güte. Allen voran die berückend singende und berührend agierende Krassimira Stoyanova in der anspruchsvollen Titelpartie. Ihre um die Tonarten Ges-Dur, g-moll und F-Dur kreisenden Arien wurden zu eindringlichen,unvergesslichen Höhepunkten des Abends. Die herrlich raumfüllende, bruchlos geführte Stimme bezauberte mit einem aparten, einschmeichenden Vibrato. Sie evozierte überwältigende Gefühlsregungen, von jungmädchenhafter Liebe zu grenzenloser Verzweiflung und zu Herzen gehender Traurigkeit. Liliana Nikiteanu machte aus den beiden wichtigen Auftritten der Hexe sowohl ein darstellerisches als auch gesangliches Kabinettsstück, mit eindringlicher Mimik und beinahe schon zu schön gesungenen Klängen. Genüsslich kostete sie die an Webers Wolfsschluchtszene aus dem FREISCHÜTZ gemahnende Verwandlung der Wassernixe in ein menschliches Wesen als Persiflage auf einen Horrorthriller aus. Grossartig! Michelle Breedt war die fremde Fürstin: Sie wartete mit subtiler, nuancierter Darstellung und stimmlicher Höchstform auf, und dies alles ohne zu chargieren. Absolut gekonnt! Alfred Muff war ein zutiefst eindringlich warnender Wassermann, seine besten Momente hatte er im Spiel mit den Elfen (ganz hervorragend und berückend Sandra Trattnigg, Anja Schlosser und Katharina Peetz) im ersten Akt, als er mit seinen riesigen Patschhänden nach ihnen greifen wollte. (Dies erinnert stark an Alberich und die Rheintöchter - Dvořák hat Wagners Werke verehrt!) Miroslav Christoff  sang den Heger mit wunderbar reiner Stimme, eine seiner reifsten Leistungen in Zürich!

In ihren schwierigen Rollen hatten sich einzig der fantastisch singende Tenor Piotr Beczala als Prinz und die wie stets darstellerisch und gesanglich umwerfende Eva Liebau als Küchenjunge bereits andernorts bewährt. Beczala scheint die hohe Tessitura des Prinzen perfekt zu liegen. Sein kraftvoll männliches Organ fand auch zu schmachtenden, aber nie kitschig klingenden Phrasen voller Schmelz, zarte Piani und extrem saubere Linienführung vermochten zu begeistern. Eva Liebau war in dieser Inszenierung kein Küchenjunge sondern durfte als etwas furchtsame Eventmanagerin die Hochzeitsvorbereitungen leiten. Selbstverständlich war sie dann äusserst beunruhigt, als sie aus der Klatschpostille die News über das Privatleben des Prinzen erfahren musste – einer der unzähligen grandiosen Einfälle Matthias Hartmanns. Für die Festszene steuerte Ismael Ivo eine bezwingende Choreographie bei: Nichts von peinlich bemühter Chorbewegung, sondern ein diabolischer, derb lasziver Tanz eines attraktiven Fauns, welcher die geheimen Wünsche der gelangweilten Reichen und Schönen offenbarte. Da hinein platzte dann der Wassermann (Muff sang die bekannte Arie mit etwas viel Vibrato in der Stimme), doch die Gesellschaft ist schon dermassen von der Rolle, dass sie diesen eindringlichen Auftritt nicht mehr wahrnimmt.

Schmerzlich nimmt der Zuhörer jedoch die oft allzu plakative und vordergründige Lesart der Partitur durch den Dirigenten Vladimir Fedoseyev wahr. Da geriet einiges viel zu laut, es schien, als wolle man auf Teufel komm raus beweisen, dass Dvořák zu unrecht unterstellt wurde, kein Gespür für dramatische Zuspitzungen gehabt zu haben. Doch das aufdringliche Betonen des Stampfenden und der aufpeitschenden Rhythmen verhinderten die Entfaltung der im Werk vorhandenen Poesie, der Anklänge an den Impressionismus.

Und doch darf als Fazit festgehalten werden: Diese RUSALKA ist absolut sehens- und hörenswert. Grandiose sängerische und darstellerische Leistungen in einem beeindruckenden, hoch intelligenten Setting!

Inhalt:

Ein Geisterwesen, die Nixe Rusalka, hat sich in einen Menschen, den Prinzen, verliebt und möchte nun, um ihn zu gewinnen, ein menschliches Wesen werden. Trotz seiner Warnungen vor der Verdorbenheit der Menschenwelt, rät ihr der Wassermann, die Hexe Ježibaba aufzusuchen. Diese erfüllt zwar Rusalkas Wunsch, verlangt aber, dass sie bei den Menschen stumm bleibe. Auf der Jagd begegnet der Prinz Rusalka und nimmt sie mit auf sein Schloss.

Dort begegnet man der stummen, eigentümlichen Braut mit Misstrauen. Auch der Prinz ist durch Rusalkas Schweigen verwirrt und wendet sich der fremden Fürstin zu. Damit bricht er Rusalkas Herz. Vergeblich versucht Rusalka, den Prinzen wieder für sich zu gewinnen. Der Wassermann erscheint, prophezeit dem Prinzen, dass er Rusalkas Umarmungen doch nicht entkommen werde und zieht Rusalka mit sich fort. Der Prinz ist verwirrt, er wirft sich der fremden Fürstin zu Füssen, doch die stösst ihn lachend von sich.

Rusalka beklagt ihr Schicksal: Sie ist nun weder Mensch noch Geisterwesen. Heimatlos wandert sie als todbringendes Irrlicht umher. Ježibaba rät ihr, den Prinzen zu töten, um sich selbst zu retten. Doch dies weist Rusalka empört von sich. Auch Bedienstete des Prinzen, der Küchenjunge und der Jäger, suchen Hilfe bei Ježibaba, da ihr Herr seit Rusalkas Verschwinden total verhext sei. Von Sehnsucht nach der Nixe getrieben erscheint der Prinz wieder am See. Rusalka wirft ihm den Treuebruch vor. Sie warnt ihn auch, dass ihr Kuss ein Todeskuss sein werde. Das kümmert den Prinzen nicht, die Sehnsucht nach der reinen, unverdorbenen Liebe ist stärker. Er stirbt in ihren Armen. Doch Rusalka wird nicht erlöst, als Irrlicht wird sie den von der Natur und der reinen Liebe entfremdeten Menschen ewig Verderben bringen ...

Werk:

Bedřich Smetana und Antonín Dvořák waren die bedeutendsten Vertreter des musikalischen tschechischen Nationalismus im 19. Jahhundert. Mit ihren Opern DIE VERKAUFTE BRAUT, respektive RUSALKA haben sie Werke geschaffen, die sich auch auf internationalen Bühnen grösster Beliebtheit erfreuen. Im Vergleich zu Smetana hat sich Antonín Dvořák mit seinem Opernschaffen schwerer getan. Von seinen zehn Bühnenwerken tauchen neben der immens populären RUSALKA nur KÄTHE UND DER TEUFEL und DER JAKOBINER (Zürich 1978) ab und zu auf den Spielplänen auf. Einerseits liegt das an der unglücklichen Wahl seiner Stoffe (und seiner Librettisten …), andererseits hat er auch Zeit gebraucht, um einem zu ihm passenden Kompositionsstil für die Bühne zu finden. Hin- und hergerissen zwischen Wagnerscher Leitmotivtechnik, der Grand Opéra Meyerbeerscher Ausprägung und den liedhaften Opern Lortzings fand er lange Zeit nicht zu einer eigenen Tonsprache für seine Bühnenwerke. Erst durch den Inhalt seiner neunten Oper, der RUSALKA, wurde er dazu inspiriert, seinen sinfonischen Einfallsreichtum (Vorstudien zu RUSALKA waren seine sinfonischen Dichtungen DIE MITTAGSHEXE und DER WASSERMANN) mit lyrischen und volksliedhaften Elementen zu einem zutiefst beseelten Werk zu verschmelzen. Die Musik, welche er der Nixe zudachte, gehört zu Dvořáks zauberhaftesten und innigsten Eingebungen. Anders jedoch als Strauss und Hofmannsthal in der FRAU OHNE SCHATTEN lassen Dvořák und sein Librettist die Geisterprinzessin nicht durch Domestizierung (sprich Kinder kriegen) ins biedere Bürgertum abgleiten, sondern wagen mit dem Tod des Prinzen und der irrlichternden Rusalka eine bedenkenswerte Utopie und Warnung an die Verdorbenheit der Welt jenseits aller ideologisch verklärten Heilsversprechungen.

Damit und mit der Verknüpfung von Eros und Tod schufen Dvořák und Kvapil mit der RUSALKA ein wichtiges Bindeglied zwischen den existenziellen Werken des 20. Jahrhunderts (LULU, HERZOG BLAUBARTS BURG) und den impressionistischen Schöpfungen eines Debussy (PELLEAS ET MELISANDE) oder Dukas (ARIANE ET BARBE-BLEUE).

Musikalische Höhepunkte:

Měsíčku na nebi hlubokém, Lied an den Mond, Rusalka, Akt I

Čury mury fuk, Ježibaba, Akt I

Vidino divná, Prinz, Akt I

Běda! Běda!, Wassermann, Gäste, Akt II

Ó marno, ó marno, Rusalka, Akt II

Finales Duett Akt II, Fürstin-Prinz

Necitelná vodní moci, Arie der Rusalka, Akt III

Bîlá, moje lani!, Prinz, Akt III

Schlussduett Rusalka-Prinz, Akt III

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