Zürich: ROMEO UND JULIA, 27.06.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Romeo und Julia

Ballett in vier Akten | Musik: Sergej Prokofjew | Handlung: Adrian Potrowski, Sergei Radlow, Boris Assafjew, nach Shakespeares Drama | Uraufführung: 30. Dezember 1938 in Brünn | Aufführungen in der Choreographie von Christian Spuck in Zürich: 27.6.2019 (letzte Vorstellung dieser Wiederaufnahme)

Kritik:

Es ist unfassbar und wunderschön: Seit knapp sieben Jahren ist Christian Spucks Choreografie ROMEO UND JULIA (es war seine Antrittsarbeit als Ballettchef in Zürich 2012) ein Renner, spielt stets vor ausverkauftem Haus. So auch gestern Abend bei der letzten Vorstellung der Spielzeit des Balletts Zürich vor der Sommerpause. Noch erstaunlicher ist die Tatsache, dass mehrere Tänzer der Premiere von 2012 immer noch dabei sind, oft sogar in denselben Rollen. So Katja Wünsche als erst verspielte, dann leidenschaftlich liebende und am Ende überaus fragile Julia und William Moore als vom ungestümen, zu jedem Streich aufgelegten Draufgänger zum ernsthaft reflektierenden jungen Mann reifenden Romeo. Mit dabei auch wieder Eva Dewaele als Gräfin Capulet – eine der vielen hoch spannenden Charaktere in Christian Spucks Blick auf die unsterbliche Geschichte. Auch Jan Casier als gekonnt geckenhaft agierender Graf Paris ist erneut dabei. Nicht fehlen durfte auch Filipe Portugal, welcher die undurchschaubare Rolle von Pater Lorenzo mit dämonischer Eindringlichkeit und grandioser Bühnenpräsenz verkörpert und als diabolischer Spiritus rector die Fäden zu ziehen scheint. Auch der quirlige Daniel Mulligan ist erneut mit von der Partie. Vor sieben Jahren noch als Benvolio, nun als wendiger Spötter Mercutio. Den Benvolio tanzte neu Christopher Parker. Die Auftritte der drei Freunde Romeo, Mercutio und Benvolio gerieten in ihrer Präzision, Perfektion und mit ihrem Witz zu den vielen Höhepunkten der Aufführung. Als heissblütiger Tybalt ist nun Tigran Mkrtchyan zu erleben, als Amme kostet Elena Vostrotina ihre humorvoll und witzig angelegte Rolle aufs Herrlichste aus. Nur schon ihre Briefszene war umwerfend köstlich, unterstützt vom einmal mehr überragenden Corps der Zürcher Compagnie. Lucas Valente zeigte als Graf Capulet ein differenziertes Porträt des liebenden Vaters und gehörnten Ehemanns, der sich von seiner Gattin gar bespucken lassen muss. Mélanie Borel und Daniel Otevrel gaben ein würdiges Ehepaar Montague. Das Bühnenbild von Christian Schmidt, dieser zeitlose, düstere Probensaal und Emma Ryotts wunderbare, an Renaissance und Gegenwart angelehnte Kostüme ziehen uns als Zuschauer sofort in die tragische, ebenfalls zeitlose Handlung rein. Sobald Pater Lorenzo die Trennlinie zwischen den Fronten der Montagues und der Capulets mit dickem Kreidestrich zieht, folgen wir atemlos der Handlung, lachen, schmunzeln und weinen. Wenigstens diejenigen unter uns, die das noch können. Einige wenige Zuschauer kicherten, als Romeo und Julia von Lorenzo, respektive der Amme auseinandergerissen wurden. So können wohl nur Menschen reagieren, die abgestumpft sind und Trennungsschmerz noch nie am eigenen Leib erfahren haben. Es sind ganz starke Bilder, welche Christian Spuck findet. Es sind starke Tänzerinnen und Tänzer, welche diese mit Emotionen, Kraft und Rasanz (trotz Aussentemperaturen von über 30 Grad) füllen. Der Abend berührt, bewegt, begeistert.

Doch ist er nicht nur optisch ein Hingucker – denn was Michail Jurowski und die Philharmonia Zürich aus Prokofiews Partitur herausholen, reisst beinahe vom Sessel (Jurowksi leitete das Orchester bereits vor sieben Jahren). Alles ist da, die schmerzenden Dissonanzen und Reibungen, die packende Rhythmik, die emotional aufgeladenen Leitmotive, wunderbar interpretiert von der Philharmonia Zürich, das wühlt oft schmerzhaft auf, dann wieder schmeichelt es dem Ohr – die Musik entfaltet eine nie nachlassende Sogwirkung. Grandios.

Am Ende gab es natürlich viel frenetischen Applaus für alle,von den Mitgliedern des Junior Balletts über die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Zürich, den Chef Christian Spuck und den Dirigenten Michail Jurowski und das Orchester – und es gab auch Preise. Die Freunde des Balletts Zürich wählen jedes Jahr ihre Lieblinge des Junior Balletts und des Balletts Zürich, keiner kann zweimal Preisträger sein. Dieses Jahr gingen diese mit insgesamt 15000 Franken dotierten Preise an Jessica Beardsell und an Luca Afflitto vom Junior Ballett und an Francesca Dell'Aria (unvergesslich ihre Hexe/Helena in FAUST) und Jan Casier (er hinterliess u.a. in dieser Spielzeit nachhaltigen Eindruck als Nijinski!) vom Ballett Zürich. Informationen dazu auch auf www.ballettfreunde.ch

Angesichts der Qualität dieser Truppe darf man sich zu Recht auf die kommende Spielzeit freuen – und auf die spannenden Wege, welche Christian Spuck zu gehen beabsichtigt, z. B. mit DAS MÄDCHEN MIT DEN SCHWEFELHÖLZERN oder dem neuen FORSYTH-Abend und natürlich ist man gespannt auf die angekündigte Überraschung am ersten Mai 2020.

Inhalt:

Die Tragödie spielt in der italienischen Stadt Verona und handelt von der Liebe Romeos und Julias, die zwei verfeindeten Familien angehören, den Montagues (Romeo) bzw. den Capulets (Julia). Die Fehde geht so weit, dass sich die Beteiligten regelmäßig zu Beleidigungen und blutigen Degenkämpfen hinreißen lassen, sobald sie in der Stadt aufeinander treffen. Deshalb halten Romeo und Julia ihre Liebesbeziehung vor ihren Eltern verborgen. Ohne deren Wissen lassen sie sich vom Pater Lorenzo trauen, der insgeheim hofft, auf diese Weise einen ersten Schritt zur Lösung des Konflikts beitragen zu können.

Trotzdem kommt es zwischen Romeo und Tybalt, einem Capulet und Cousin Julias, zum Kampf, in dessen Verlauf dieser von Romeo getötet wird. Romeo wird aus Verona verbannt und muss nach Mantua fliehen. Julia, die nach dem Willen ihrer Eltern in aller Eile mit einem gewissen Paris verheiratet werden soll, bittet erneut Pater Lorenzo um Hilfe. Dieser überredet sie, einen Schlaftrunk zu sich zu nehmen, der sie für 40 Stunden in einen todesähnlichen Zustand versetzen werde, um so der Hochzeit zu entrinnen. Romeo soll durch einen Brief, der ihn allerdings wegen eines Missgeschicks nie erreicht, von diesem Plan in Kenntnis gesetzt werden. In der Zwischenzeit sieht ein Freund Romeos die mittlerweile beigesetzte Julia in ihrer Familiengruft liegen, eilt zu Romeo und berichtet ihm vom angeblichen Tod seiner Liebsten. Romeo eilt nach Verona zum Grab seiner Frau, um sie noch ein letztes Mal zu sehen. In der Familiengruft der Capulets trifft er auf den Grafen Paris. Romeo ersticht ihn. Dann stösst er sich selbst den Dolch ins Herz. Julia erwacht, sieht den toten Romeo und sieht als Ausweg nur noch den Suizid, da sie ohne Romeo nicht mehr leben kann und will. (Quelle: Wikipedia und Programmheft Staatsballett Berlin)

Werk:

Der Stoff inspirierte eine ganze Reihe von Komponisten zu Opern, Balletten oder Schauspielmusiken, so Gounod, Zandonai, Bellini, Sutermeister, Berlioz, Tschaikovsky oder Bernstein.

ROMEO UND JULIA stellt Prokofjews wohl bekannteste und farbenreichste Komposition dar. Obwohl nach der Rückkehr des Komponisten in die Sowjetunion vom Kirov Ballett in Auftrag gegeben, fand die Uraufführung im tschechischen Brünn statt. Nach den Vorwürfen gegen Schostakowitsch in der Prawda waren die Komponisten vorsichtig geworden. Zudem bekam Prokofjew auch vom Bolschoi Ballett den Bescheid, das Stück sei untanzbar (zu komplexe Rhythmen). Dabei machen gerade die rythmische Vielfältigkeit und die eingängige, doch stets äusserst geschmackvolle und variantenreiche melodische Verarbeitung der Themen den Reiz dieser kostbaren Partitur aus.

Erst im Januar 1940 präsentierte das Kirov Ballett eine revidierte Version (diesmal mit dem shakespearschen tragischen Schluss) und das Ballett trat seinen bis heute ungebrochenen Siegeszug durch die bedeutendsten Tanzstätten der Welt an. Berühmt wurden die Choreographien von John Cranko für das Stuttgarter Ballett (mit Marcia Haydée und Richard Cragun) und von Kenneth MacMillan für das Royal Ballet (mit Margot Fonteyn und Rudolf Nureyev).

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