Zürich: ROBERTO DEVEREUX, 27.06.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Roberto Devereux

Tragedia lirica in drei Akten | Musik: Gaetano Donizetti | Libretto: Salvatore Cammarano | Uraufführung: 29. Oktober 1837 in Neapel | Aufführungen in Zürich: 27.6. | 1.7. | 5.7. | 9.7. 13.7.2014

Kritik:

Edita Gruberova verblüfft, begeistert und triumphiert einmal mehr als Elisabeth I.:

Es ist ganz einfach IHRE Rolle, die persönliche Tragödie der damals mächtigsten Frau der Welt, welche Donizetti so berührend in Töne gesetzt hatte. Edita Gruberova stellt das Leiden der Virgin Queen mit jeder Faser ihres Körpers dar, entlockt ihrer nach wie vor unglaublich virtuosen Stimme Klänge, Schattierungen, klug und präzise gesetzte Fiorituren von grandioser Ausdruckskraft, lässt mit atemberaubenden Spitzentönen (das lange und fest gehaltene hohe D am Schluss) ebenso aufhorchen wie mit spannungsgeladenen, nie manieriert wirkenden Piani und ausgeklügelter Phrasierung. Fahle Töne setzt sie nur in wenigen Momenten ein, dramatisch dafür umso wirkungsvoller, z.B. In der Konfrontationsszene im zweiten Akt, in der sie ihre Wut, ihre Eifersucht, aber vor allem ihre persönliche Enttäuschung und ihre Verletzbarkeit kaum mehr verhehlen kann und das Finale dieses Aktes mit einer Expressivität gestaltet, welche die Zuschauer gebannt auf der Sesselkante verharren lässt. Es sind solche Szenen von purer Gänsehaut-Qualität (so auch die zweigeteilte Finalarie mit dem berührenden Lamento Vivi, ingrato und der die Oper beschliessenden Cabaletta Quel sangue versato) welche sowohl den Komponisten als auch die Primadonna in bestechender Höchstform zeigen.

Wie vor zwei Jahren (als Frau Gruberova nach langer Abwesenheit wieder für eine szenische Aufführung auf die Bühne des Opernhauses Zürich zurückkehrte) wurde die Sara gestern Abend von der wunderbaren Veronica Simeoni gesungen und Alexey Markov lieh seinen prächtig strömenden Bariton erneut dem Nottingham. Frau Simeonis warmer, rund geführter, Erregung und Verzweiflung mit Ehrlichkeit ausdrückender und trotzdem stets edel timbrierter Mezzosopran kontrastiert mit seiner Jugendlichkeit ideal die Stimme der wesentlich älteren Königin und verleiht so der Handlung eine bezwingende Glaubwürdigkeit. Alexey Markov lässt seinen Bariton wunderschön aufblühen im Freundschaftsduett mit Roberto, macht seine Wandlung vom Freund zum erbitterten und hämisch über den Tod Robertos triumphierenden Feind glaubhaft. Mit dem blendend aussehenden Pavol Breslik als Roberto hat man natürlich einen äusserst glaubwürdigen Darsteller dieses Mannes zwischen den beiden Frauen gefunden. Die edle Strahlkraft seines weich und lyrisch geführten Tenors vermag Leidenschaftlichkeit, Treue und Ehrlichkeit gegenüber seinem Freund Nottingham (das zart und innig intonierte Come un spirto angelico) ebenso bewegend auszudrücken wie die fatalistische Ergebenheit in die Vollstreckung des Todesurteils.

Andriy Yurkevych bevorzugt ein vorwärtsdrängendes, die dramatischen Akzente der Partitur auskostendes Dirigieren, die Philharmonia Zürich folgt dem schmissig-zupackenden Stil mit Verve und überrascht trotzdem mit erstaunlich vielen, sehr subtil gesetzten Farbakzenten (Hörner, Flöten, Celli) in den Begleitungen der Rezitative und in den ariosen Passagen.

Giancarlo del Monacos historisierende Inszenierung (er hatte alle drei Tudor Opern Donizettis quasi in einem Einheitsbühnenbild in Zürich inszeniert) setzt zwar keine nennenswerten Akzente, lässt den Darstellern jedoch die Möglichkeit zur genauen Charakterzeichnung der Figuren in diesem Kammerspiel – und an diesem Abend nutzen alle Beteiligten diese Chance, allen voran natürlich Edita Gruberova!

Fazit: Kaum eine Sängerin erreicht in dieser Rolle heutzutage das interpretatorische Niveau von Frau Gruberova – dieses Erlebnis sollte man sich gönnen!

Inhalt:

London, 1601

Vorgeschichte: Roberto Devereux, Günstling Königin Elisabeths I. wartet in London auf seinen Prozess wegen Hochverrats, da er auf eigene Faust einen Waffenstillstand mit irischen Aufständischen geschlossen und Adlige in London zum Aufstand angestiftet hatte.

Sara, die Herzogin von Nottingham, liebt den engsten Freund ihres Gatten, Roberto Devereux. Königin Elisabeth tritt ein und gesteht Sara, dass sie Roberto in einer Privataudienz empfangen wolle, wenn sie nicht an seiner Treue zu zweifeln habe. Dass sie ihre intimen Gefühle einer Rivalin offenbart, weiss sie natürlich nicht. Jedenfalls weigert sie sich, Robertos Todesurteil zu unterzeichnen. Doch bei der Begegnung mit Roberto verplappert sich dieser und spricht von seiner Liebe zu Sara. Elisabeth ist ausser sich vor Wut. Robertos Todesurteil scheint besiegelt. Der Herzog von Nottingham seinerseits weiss nicht um die Gefühle seiner Frau und erzählt Roberto, dass seine Frau an einem geheimen Kummer dahinwelke. Roberto trifft auf Sara. Er ist enttäuscht, dass sie sich mit Nottingham vermählt hat. Sara ihrerseits wirft ihm Untreue vor, da er den Günstlingsring der Königin trage. Roberto wirft den Ring auf den Tisch, dafür bekommt er von Sara einen blauen Schal als Liebespfand.

Der Secretary of State, Lord Cecil, verkündet Robertos Todesurteil. Bei der Verhaftung Robertos findet man einen blauen Schal. Die Königin konfrontiert Roberto mit dem blauen Schal. Nottingham ist ebenfalls zugegen, erkennt den Schal seiner Gemahlin und stürzt sich auf Roberto. Die Königin unterzeichnet das Todesurteil. Roberto Devereux schweigt.

In einem letzten Brief an Sara bittet Roberto sie, der Königin den Günstlingsring zu bringen und damit sein Leben zu retten. Nottingham entreisst Sara den Brief und sperrt sie ein, bis das Urteil gegen Roberto vollstreckt sein wird. Roberto hofft im Gefängnis auf Saras Mission. Er wird jedoch von den Wächtern zum Richtblock geführt. Sara gelingt es doch noch, zur Königin vorzudringen, gibt ihr den Ring und gesteht, die Rivalin der Königin zu sein. Elisabeth ordnet einen Aufschub der Hinrichtung an – zu spät. Nottingham triumphiert: Der Liebhaber seiner Gemahlin ist tot. Elisabeth bleibt allein auf der Bühne zurück. In einer Schreckensvision erscheint ihr der enthauptete Roberto. Sie erklärt ihren Verzicht auf den Thron, übergibt die Insignien der Macht ihrem Neffen James, König von Schottland, und bricht, Robertos Ring an die Lippen gepresst, ohnmächtig zusammen.

Werk:

Unter allerschwersten persönlichen Umständen komponierte Donizetti seine (je nach Zählweise) ungefähr 57. Oper: Seine Eltern waren ein Jahr zuvor gestorben, seine Frau brachte ein totes Kind zur Welt, ein weiteres starb bei der Geburt und schliesslich starb auch seine junge Gemahlin drei Monate vor der Uraufführung der Oper. Der Librettist Cammarano sah sich zudem Plagiatsvorwürfen ausgesetzt, da Felice Romani ein Libretto über den CONTE D'ESSEX für Mercadante geschrieben hatte und Cammarano diesem anscheinend sehr genau folgte. ROBERTO DEVEREUX gilt als Musterbeispiel einer italienischen historischen Oper. Donizetti hatte zuvor schon zwei vom Inhalt und Ablauf her ähnliche Königinnen—Tragödien komponiert, nämlich ANNA BOLENA und MARIA STUARDA. Er konzentrierte sich dabei ganz auf das Aufeinanderprallen der Charaktere und die Ausrichtung der Konflikte der vier Protagonisten untereinander (äusserst anspruchsvolle Partien für Elisabeth, Sara, Nottingham und Roberto) und verzichtete auf „romantische“ Stimmungsschilderungen. Der Chor ist ganz auf passive Kommentierung reduziert, die Nebenfiguren dürfen Stichworte zur Erklärung der Handlung liefern. Die beiden Szenen am Ende des dritten Aktes gehören zu Donizettis eindringlichsten Kompositionen: Robertos flehende Kerkerszene und Elisabeths virtuose Schlussarie mit der halsbrecherischen Cabaletta, welche von einem hoch spannenden und expressiven Lamento eingeleitet wird.

Mit dieser quasi historisierenden Kammeroper war es Donizetti gelungen, ein Werk zu schreiben, welches den später von Verdi erhobenen Anspruch, nämlich die „musikalische ausgedrückte Wahrheit des Gefühls“, auf geradezu überwältigende Art vorwegnahm.

Musikalische Höhepunkte:

All'afflitto è doce il pianto, Romanze der Sara, Akt I

L'amor suo m fe'beata – Ah!ritorna, Cavatine und Arie der Elisabetta, Akt I

Donna reale, Duett Roberto-Elisabetta, Akt I

Da che tornasti, Duett Roberto-Sara, Akt I

Ecco l'indegno, Terzett und Finale Elisabetta-Roberto-Nottingham, Akt II

A te dirò...Bagnato il sen di lagrime, Arie des Roberto, Akt III

Vivi, ingrato ... Quel sangue versato, Aria finale, Akt III

Karten