Zürich: RACHMANINOW, BERG, SCHÖNBERG, 12.07.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Rachmaninow 4, Berg, Schönberg

Alban Berg: Drei Orchesterstücke, op. 6 | Uraufführung aller drei Stücke: 1. April 1930 in Oldenburg | Sergej Rachmaninow: 4. Klavierkonzert in g-Moll, op. 40 | Uraufführung: 18. März 1927 (unter Stokowski) in Philadelphia (erste Version) , mit Rachmaninow am Klavier, 1941 in Philadelphia unter Eugen Ormandy, ebenfalls mit Rachmaninow als Solisten (dritte Version) | Arnold Schönberg: Pélleas und Mélisande, op 5 | Uraufführung: 25. Januar 1905 in Wien | Konzert in Zürich: 12.7.2015

Kritik:

Beileibe keinen beschwingten Saisonausklang servierte die Philharmonia Zürich gestern Abend unter der Leitung von Fabio Luisi ihrem treuen Konzertpublikum, sondern ein höchst anspruchsvolles, klug konzipiertes Programm mit Werken allesamt entstanden im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit machten sich die Komponisten auf, nach neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen, weil sie spürten, dass die spätromantische Optik aus vielerlei Gründen nicht weiterzuführen und ausgereizt war. Dies wurde beim letzten Werk des Abends, Schönbergs PELLEAS UND MELISANDE op.5, sehr deutlich offengelegt: Zwar könnte man die Komposition noch als Tondichtung in der Tradition von Richard Strauss' Schöpfungen dieses Genres bezeichnen und doch spürte man, wie Schönberg tiefer vorzudringen suchte, weniger die Emphase und effektvolle Kulmination in den Vordergrund stellte, sondern mit dem riesigen Orchesterapparat psychologisierende musikalische Farbmischungen anstrebte, welche von der hervorragend aufspielenden Philharmonia Zürich unter ihrem Chefdirigenten Fabio Luisi auch wirkungsvoll dargeboten wurden, so wirkungsvoll, dass man sich fragen musste, warum dieses glänzend orchestrierte Stück nicht öfter im Konzertsaal zu erleben ist. Luisi durchschritt die sich öffnenden mythischen Abgründe relativ zügig, vorwärtsdrängend auf die dramatische Dreieckskonstellation (Pelleas, Golo, Melisande) zusteuernd und scheute das Ausreizen der dynamischen Spannbreiten nicht. Das Versinken im atmosphärisch dichten Gewebe des Klangs gelang effektvoll und mit grosser Präzision in der Abstimmung zwischen den Instrumentengruppen. Dabei betonten Luisi und sein Orchester mehr die Leidenschaften, die Aufwallungen der Gefühle, welche aus dem düsteren, rätselhaften Murmeln des Waldes zu Beginn aufsteigen, zum Brudermord und dem abrupten und geheimnisvollen Tod Melisandes führen. Ein Werk, das man gerade noch einmal hätte hören mögen, um seine vielen Tiefen noch besser ergründen zu können.

Vor der Pause erklang das vierte Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow. Auch er suchte nach dem Zusammenbruch des zaristischen Russland und der bolschewistischen Revolution, nach Anfeindungen von Kritikern und Komponistenkollegen (wegen seines Festhaltens am tonalen Stil) nach Ausdrucksmöglichkeiten, um einerseits dem Wandel der Zeit Rechnung zu tragen und andererseits sich nicht allzu sehr verbiegen zu müssen. Dieses Suchen ist seinem letzten Klavierkonzert und dessen schwieriger Entstehungsgeschichte auch deutlich anzuhören: Die Themen sind kleingliedriger, Einflüsse des Jazz im dritten Satz nicht zu überhören. Und doch ist es durch und durch Rachmaninow: In seiner Attacke, seinen melancholischen Einsprengseln, seiner virtuosen Ausgestaltung des Soloparts. Lise de la Salle hat mit diesem Konzert ihre Zeit als Artist in residence bei der Philharmonia Zürich beendet, und dies wiederum mit einer bestechenden, begeisternden Leistung. Wunderbar weich ihr Anschlag, rhythmisch von fantastischer Präzision, das Zusammenspiel auch in den vertracktesten Passagen von einer stupenden Genauigkeit geprägt, musikantischer Feinschliff vom Allerfeinsten. Weder das orgiastische Aufbäumen, noch der schmerzerfüllte Seelenklang kamen zu kurz, saubere Arpeggien, komplizierte Läufe und kristalline Triller wurden mit einer bewundernswerten Leichtigkeit dargeboten, mal berührend zart, dann wieder wuchtig aufschäumend, ein letztes Aufbäumen der Spätromantik.

Davon war Alban Berg schon 15 Jahre zuvor weit entfernt. Seine Drei Orchesterstücke, op.6, tragen nun gar nichts Romantisches mehr in sich. Im informativen Programmheft werden sie als „fröstelnde Vorahnung“ am Vorabend der Weltkriegskatastrophe bezeichnet. Und tatsächlich: Die fahlen, dumpfen Klänge des Präludiums, der trotz des gewaltigen Orchesterapparats kammermusikalisch schräge Reigen mit seinen wenigen Klangballungen und der aus dem Tritt geratene groteske Marsch mit den gleissenden Schicksalsmotiven aus Beethovens fünfter Sinfonie entlassen die Zuhörer in einer bedrückenden Stimmung. Das komplexe Geflecht an Motiven, Temporückungen, Deformationen erschliesst sich dem Ohr nicht leicht, und doch kann man sich einer gewissen, beinahe morbiden, Faszination nicht entziehen. Mit diesem Werk schlägt die Philharmonia Zürich auch einen Bogen zur Eröffnungspremiere der kommenden Spielzeit, Bergs WOZZECK. Kluge Programmgestaltung eben!

Werke:

Alban Berg (1885-1935) begann mit der Komposition der Drei Orchesterstücke kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den zweiten Satz vollendete er 1915. Das Werk war seinem Lehrer Arnold Schönberg gewidmet. In den drei Sätzen (Präludium, Reigen, Marsch) schien Berg die kommende Katastrophe des Krieges vorauszuahnen. Immer wieder dringt in Bergs musikalischer Sprache sein Hang zum grotesken Blickwinkel durch, ganz ähnlich wie bei dem von ihm verehrten Gustav Mahler. So gerät der Marsch immer wieder aus dem Tritt, werden die volkstümlichen Motive des Reigens verfremdet. Die Musik ist geprägt von einer variantenreichen und äusserst komplexen Orchesterkontrapunktik und der Aufhebung der Tonalität. Jeder Satz weist eine symmetrische Architektur auf.

Sergej Rachmaninows (1873-1943) 4. Klavierkonzert ist das unpopulärste seiner Werke für Klavier und Orchester. Entstanden ist es 1926, in seiner ersten Form uraufgeführt 1927. Doch die Überlänge machte es dem Werk schwer sich durchzusetzen. 1941 brachte Rachmaninow seine dritte Bearbeitung (ca 80 Takte hatte er gestrichen, Passagen umgearbeitet) zur Uraufführung in Philadelphia. Unter der Leitung von Eugene Ormandy spielte er selbst den Solopart. Die Melodik des vierten Klavierkonzerts ist beim ersten Anhören weniger eingängig als diejenige der anderen drei Konzerte. Deutlich hörbar sind Einflüsse des Jazz (Gershwin), vor allem im Schlusssatz. Ansonsten ist das Konzert weit weniger auf brillante Effekte angelegt als die Vorgänger, dafür besticht es mit stilsicherer, auch impressionistisch angehauchter Eleganz.

Arnold Schönberg (1874-1951) wurde in Berlin durch Richars Strauss auf Maeterlincks Drama PÉLLEAS ET MÉLISANDE aufmerksam gemacht. Doch im Gegensatz zu Debussy schrieb Schönberg keine Oper (er wusste auch nicht, dass Debussy fast gleichzeitig an diesem Stoff arbeitete), sondern verarbeitete seine Impressionen in einer sinfonischen Dichtung. Die Musiksprache ist in spätromantischem Stil noch tonal gehalten und für eine grosse Orchesterbesetzung konzipiert, ähnlich wie die Tondichtungen von Richard Strauss. Die Uraufführung in Wien wurde mit Murren und unfreundlichen Reaktionen aufgenommen. So empfahl ein Kritiker, Schönberg solle in eine Irrenanstalt eingewiesen werden und Notenpapier sei unbedingt ausserhalb seiner Reichweite aufzubewahren. Alban Berg erstellte auf Wunsch des Dirigenten Otto Klemperer eine gross angelegte Analyse der Partitur. Darin spricht er nicht mehr von einer sinfonischen Dichtung, sondern von einer Sinfonie in einem Satz. Berg identifizierte in Schönbergs Werk diverse Motive, welche im Wagnerschen Sinne als Leitmotive eingesetzt werden. Schönberg ist es ausgezeichnet gelungen, die düstere, mysteriöse Grundatmosphäre der Vorlage in Musik zu setzen – doch braucht man die Aufgeschlossenheit des Ohrs und die Musse, um in diese Welt einzutauchen.

Karten