Zürich: OTELLO OSSIA IL MORO DI VENEZIA, 10.02.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Otello ossia il moro di Venezia

Musik: Gioachino Rossini | Libretto: Francesco Maria Berio, Marchese di Salza | Uraufführung: 4. Dezember 1816 in Neapel | Aufführungen in Zürich: 10.2. | 17.2. | 26.2. | 1.3. | 3.3. | 6.3.2012

Kritik:

Über weite Strecken des ersten Aktes war es klar, warum Verdis hochdramatische Vertonung des Otello-Stoffes einst Rossinis in dieser Phase etwas länglich und musikalisch nicht besonders interessant geratene Version von der Bühne gefegt hatte. Doch dann kam das Finale I, ein regelrechter Showstopper. Nicht nur dass einem bewusst wurde, wo Donizetti seine Inspiration für das berühmte Sextett aus LUCIA DI LAMMERMOOR gefunden hatte, nein, diese Musik ist schlicht und einfach von betörender Schönheit und aufwühlender Dramatik und dazu in gekonnter Rossini-Manier mit seinen berühmten, mitreissenden Crescendi versehen. Dirigent Muhai Tang und das wunderbar differenziert und beeindruckend sauber auf Originalinstrumenten spielende Orchester La Scintilla der Oper Zürich liessen nicht nur an dieser Stelle aufhorchen.

Doch der Reihe nach: Wo Verdi mit seiner wuchtigen Sturmszene den Zuschauer direkt in die Handlung zieht, stellt Rossini seiner Oper eine konventionelle (allerdings mit ihren Wechselspielen zwischen attackierenden Streicher- und elegischen Holzbläsermotiven sehr schön geratene) Ouvertüre voran und führt danach die Charaktere in einer eher langfädigen Exposition mit kaum enden wollenden Accompagnati ein. Diese mit Spannung zu füllen fiel den beiden Regisseuren Moshe Leiser undPatrice Caurier nicht ganz leicht. Sie rückten die Handlung näher an unsere Gegenwart (60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts), zeigten in subtil inszenierten kleinen Details den alltäglichen Rassismus der damaligen Zeit (farbige Diener dürfen die Speisen nur bis zu den Türen tragen; im Saal werden die hochstehenden Gäste im Palazzo des Senators Elmiro nur von Weissen bedient.) Selbst der schwarze Feldherr Otello ist bloss knapp geduldet, da man auf seine militärischen Fähigkeiten angewiesen zu sein scheint. Doch mit der Personenführung haperte es zu Beginn noch, da war viel an althergebrachtem Rampensingen zu sehen, die durchdachte Interaktion der Figuren eher spärlich, sie wirkten geradezu verloren in dem weiträumigen Antichambre des Palazzos. Dabei standen herausragende Sänger zur Verfügung: John Osborn gab einen auch vokal heissblütigen, sehr heldischen klingenden Otello, attackierte souverän (und mit durchschlagendem Fortissimo) die höchsten Töne der Cabaletten, genau so wie sein Gegenspieler Rodrigo, welcher von Javier Camarena mit überaus schöner, warm timbrierter und fantastisch höhensicherer Stimme gesungen wurde. Seine grosse, mit immensen Schwierigkeiten bestückte (und apart von Klarinette und Fagott begleitete) Arie zu Beginn des zweiten Aktes (Che ascolto?) sang er mit bezwingender Expressivität und imposanter stimmlicher Geläufigkeit. Doch damit nicht genug: Rossinis Oper verlangt noch nach einen dritten Tenor, nämlich für den Intriganten Iago. Edgardo Rocha stand seinen beiden Kollegen an stimmlicher Souplesse in nichts nach. Hervorzuheben ist, dass sich alle drei erfolgreich bemühten, ihre Stimmfarben unterschiedlich zu halten: Otello klang eher heldisch, aufbrausend, Rodrigo wärmer und eindringlich in seinem Verlangen nach Liebe und Iago vermochte einen leicht keifenden Ton in seine unbekümmert-durchtriebene Intrige zu weben. Die Männerduette (Otello/Rodrigo, Rodrigo/Iago, Iago/Otello) müsste man als unbestrittene musikalische Höhepunkte des Abends bezeichnen, wären da nicht noch die Damen gewesen: Cecilia Bartoli (Desdemona) und Liliana Nikiteanu (Emilia). Im Gegensatz zu Verdis sanftmütiger, still leidender Desdemona ist diese bei Rossini eine aktiv agierende, junge Frau und Cecilia Bartoli gab sie in ihrem schlichten schwarzen Cocktailkleid auch entsprechend selbstbewusst. Dazu verlieh sie der tragischen, zwischen alle gesellschaftlichen und von Männern aufgebauten Fronten geratenen Frau ihr kostbares, unverwechselbares Timbre, stattete die Partie mit stupenden Fiorituren und brillant geschliffenen Koloraturen aller Art aus und fand am Ende zu einem berührenden Abschiedsgesang im Lied von der Weide (Assisa a' piè d' un salice) und der daran anschliessenden Preghiera. Hier verschmolzen Bartolis herausragende, nie affektiert wirkende Gesangskunst und das psychologische Durchdringen der Rolle zu einem Porträt von bewegender Tiefe. Dass Cecilia Bartoli nicht nur eine fantastische Sängerin, sondern auch eine einfühlsame Darstellerin ist, hat sie an diesem Haus schon mehrfach bewiesen. Liliana Nikiteanu war ihr eine getreue, ergeben besorgte Freundin und setzte mit ihrem prächtig satt strömenden Mezzosopran die Seele wärmende Glanzlichter. Peter Kálmán als Elmiro (der schrecklich verbohrte Vater Desdemonas), Nicola Pamio als Doge (er war mit seinem Kostüm ein Relikt aus der Vergangenheit) und Ilker Arcayürek als makellos intonierendem Gondoliero ergänzten das wunderbare Ensemble von Sängerinnen und Sängern, welche (mit Ausnahme von John Osborn) mit ihren grossartigen Rollendebüts das Publikum am Ende zu Begeisterungsstürmen hinrissen. Die Inszenierung (das Interieur des heruntergekommenen Palazzos stammt von Christian Fenouillat, die schlichten Kostüme von Agostino Cavalca) gewann ab dem zweiten Akt an Stringenz und strebte dem leider so unerbittlichen Ende mit eindrücklicher Dramatik zu. Da man kurz vor Schluss recht fröhliche Musik vernahm, hätte man sich beinahe ein lieto fine (ein Happyend) gewünscht, so wie es in Bearbeitungen von Rossinis OTELLO in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts ab und an verwendet wurde. Doch das darf natürlich nicht sein: Otello ersticht Desdemona und bringt sich anschliessen selbst um, seine Leiche wird vom rassistischen Elmiro noch mit Füssen getreten.

Fazit:

Diese musikalisch glanzvolle Ehrerbietung an ein zu Unrecht selten gespieltes Werk und die besonders im zweiten Teil mit einem eindringlichen Regiekonzept aufwartende Inszenierung sollte man sich unbedingt ansehen.

Inhalt:

Der siegreiche Feldherr Otello hat sich heimlich mit Desdemona verheiratet. Doch auch der Sohn des Dogen, Rodrigo, begehrt Desdemona. Zusammen mit Jago spinnt er eine Intrige gegen Otello. Desdemonas Vater Elmiro will seine Tochter mit Rodrigo verheiraten, doch diese widersetzt sich. Otello platzt in die Hochzeitsfeierlichkeiten und verkündet seine Liebe zu Desdemona.

Desdemona gesteht Rodrigo ihre Ehe mit Otello. Otello seinerseits zieht Jago ins Vertrauen. Dieser überreicht ihm einen scheinbar kompromittierenden Liebesbrief Brief Desdemonas. Otello wähnt, dieser sei an Rodrigo gerichtet und schwört Rache. Desdemona kann sich das plötzlich abweisende Verhalten Otellos nicht erklären. Sowohl Rodrigo als auch Otello beschimpfen Desdemona und werfen ihr Untreue vor. Es kommt zum Duell zwischen Otello und Rodrigo, beide überleben. Elmiro verstösst seine Tochter.

Die Vertraute Emilia versucht Desdemona zu trösten. Desdemona singt (wie bei Verdi) das Lied von der Weide Assisa a' pie d' un salice. Otello kommt ins Zimmer und ersticht die Wehrlose. Unterdessen hat Rodrigo Jago getötet. Sterbend hat dieser die ganze Intrige mit dem Brief gestanden. Otello erkennt seinen Irrtum. Ihm bleibt nur die Selbsttötung.

Werk:

Entstanden ist Rossinis OTELLO zwischen seinen opere buffe IL BARBIERE DI SIVIGLIA und LA CENERENTOLA. Das Libretto weicht stärker von Shakespeares Drama ab als zum Beispiel Arrigo Boitos Text für Verdis OTELLO, welcher rund 70 Jahre später enstanden ist. Dank berühmter Sängerinnen der Desdemona (Isabella Colbran, Rossinis spätere Gemahlin, in der Uraufführung, später Giuditta Pasta) verbreitete sich Rossinis Oper bald von Neapel aus in die Musikmetropolen Europas und wurde - bis Verdis meisterhafte Adaption des Stoffes erschien – relativ häufig gespielt, wenn auch in verstümmelten, ergänzten und mit dem Können der jeweiligen Sänger angepassten musikalischen Formen. Arien wurden eingefügt, herausgenommen, transponiert ... Während die ersten beiden Akte im traditionelle Stil der opera seria daherkommen, weist der dritte schon weit in die Zukunft: Er scheint wie aus einem Guss komponiert, ungeheuer konzentriert und mit intensiver, emotional ergreifender Musik versehen. Hier zeigt sich das Genie Rossinis aufs Allerschönste!

Genau wie bei TANCREDI gibt es von Rossinis OTELLO auch eine Version mit Happyend.

Die Besetzung weist jedoch eine erwähnenswerte Besonderheit auf: Rossini schrieb in dieser Oper anspruchsvolle Partien für drei Tenöre (Rodrigo, Otello, Jago), ein Umstand, welcher es nicht ganz einfach (oder zumindest kostspielig) macht, das Werk heutzutage auf die Bühne zu bringen.

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