Zürich, Opernhaus: MAHLERS VIERTE, Luisi, 25.10.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Darbellay, Gubaidulina, Mahler 4

Jean-Luc Darbellay Trittico, Concerto per corne delle alpi, corno naturale e corno francese | Uraufführung: 25.10.2014 im Opernhaus Zürich | Sofia Gubaidulina: In tempus praesens, Konzert für Violine und Orchester | Uraufführung: 30. August 2007 in Luzern, mit Anne-Sophie Mutter | Gustav Mahler: Vierte Sinfonie in G-Dur | Uraufführung: 25. November 1901 in München, unter Leitung des Komponisten

Kritik:

Nein, leicht gemacht haben es die Philharmonia Zürich und ihr GMD Fabio Luisi den Besucherinnen und Besuchern des 2. Philharmonischen Konzerts nicht.

Kein Programm, bei dem man die Seele baumeln lassen und sich mit das Ohr umschmeichelnden Tönen wohlig im Plüschsessel zurücklehnen konnte. Doch wer bereit zu intensivem Mithören war, erlebte ein hochspannendes Konzert mit neuen, ungewohnten Klängen. Eröffnet wurde der Abend mit einer Uraufführung, selbstverständlich in Anwesenheit des Komponisten Jean-Luc Darbellay, welcher für sein TRITTICO vom Publikum mit herzlichem Applaus belohnt wurde. Der Sohn des Komponisten, Olivier Darbellay, spielte dieses Hornkonzert seines Vaters, in welchem für jeden Satz ein anderes Horn gefordert wird: Der erste Satz beginnt mit einer dumpf brodelnden Ursuppe, aus welcher sich das Alphorn erhebt. Die Streicher kratzen mit dem Bogen am Resonanzkasten, schlagen mit den Fingern darauf. Über diesem rätselhaften Fundament schweben die langgezogenen Rufe des Alphorns. Das gross besetzte Orchester steuert immer wieder auf interessante Reibungen zu, das Schlagwerk setzt reizvolle Akzente und einzelne Instrumente treten prominent hervor und liefern die Chromatik, welche das Alphorn naturgegeben nicht bieten kann. Nach einer ruhigen Überleitung wechselt Olivier Darbellay zum Naturhorn. Dieses spielt er mit wunderbar rein klagenden Lauten, welche sich über ein Streichertremolo legen. Zarte Rufe in wunderschöner Melodik. Für den Finalsatz dieses Concertos schliesslich greift der Hornist zum modernen Ventilhorn. Ein spannender Dialog mit den Hörnern im Orchester leitet die virtuose Kadenz für das Solohorn ein und der Satz kommt zu einem schnellen Ende. Mit den knapp dreissig Minuten, welche dieses Concerto per tre corni dauert, hat das Stück eine für den Zuhörer ideale Spieldauer, damit die Konzentration erhalten bleiben kann. Dies gilt auch für Sofia Gubaidulinas einsätziges Konzert für Violine und Orchester In tempus praesens, welches ebenfalls eine gute halbe Stunde dauert. Bartlomiej Niziol, der Erste Konzertmeister der Philharmonia Zürich, spielte dieses mit unheimlichen Schwierigkeiten gespickte Werk mit bewundernswerter Gewandtheit. Seiner Violine aus der Werkstatt Guarnerius del Gesù entlockt er zu Beginn die geforderten suchenden Klänge, führt sie dann immer wieder in extremste Lagen, lässt sie hässlich sägen und knarren um gleich darauf in Kantilenen voller Zärtlichkeit und Süsse zu wechseln. Besonders auffällig an diesem Werk ist ja, dass im Orchester keine Violinen vertreten sind, nur Bratschen, Celli und Bässe und ein imposantes Schlagwerk, welches immer wieder für markante Rhythmen sorgt. Fabio Luisi und das äuserst konzentriert mitgehende Orchester gestalten einfühlsame Bögen, auch wenn diese im Konzert nur wie Miniaturen erscheinen. Reizvoll instrumentierte Passagen mit Flöte, Harfe, Celesta und der Solovioline jagen sich gegenseitig in himmlische Sphären hoch, martialisches Stampfen und Unisono Rhythmen leiten die von Niziol so beeindruckend brillant gespielte Kadenz ein. Während am Ende ein choralartiger Passus der Bläser und Glockenklänge Sicherheit ausstrahlen, hüpft der Bogen auf den Saiten der Solovioline neckisch, aufmüpfig und scheinbar ziellos herum, bevor nach einer fantastischen, dynamischen Steigerung in rauschhafte Höhen (mit Klängen, die wie kaum unterdrückte Schreie tönen) das Werk mit einem einzelnen, flirrenden Ton der Solovioline erstirbt. Zu Recht wurden der Solist, der Dirigent und die Philharmonia Zürich enthusiastische vom Publikum gefeiert. Haben es zeitgenössische Werke also doch nicht so schwer beim Publikum anzukommen, wie gemeinhin angenommen?

Doch obwohl nach der Pause ein Werk, welches als das lieblichste von Gustav Mahler gilt, auf dem Programm stand, war keine Entspannung angesagt. Fabio Luisi wiegt seine Körper zwar tänzelnd zu den ländlich-idyllischen Passagen des Kopfsatzes, doch kratzt er mit seiner analytisch-trockenen Lesart der Partitur gewaltig an der vermeintlich heiteren Oberfläche und setzt die wild durcheinander wirbelnden Themen mit sorgfältig ausgehorchter Luzidität voneinander ab. Böse und knallig schleicht sich der Butzemann aus dem Kinderlied in den ersten Satz herein. Die musikalische „Schlittenfahrt“ wird arg gestört, die Motive scheinen zu zerfetzen. Doch mit grossem Bogen holt Luisi sie in der Reprise zurück. Im Scherzo-Satz sorgt die einen Ton höher gestimmte Violine von Ada Pesch für frech-groteskes Kolorit und beinahe diabolisches Grinsen. Puren Wohllaut gibt es dann zu Beginn des wunderschön aus den Bratschen und Celli heraus anhebenden Adagios, diesem romantisierend und kunstvoll gearbeiteten Satz, welchen das Orchester mit subtiler Schlichtheit gestaltet. „Wir geniessen die himmlischen Freuden“ - mit diesen Worten aus DES KNABEN WUNDERHORN beginnt der Finalsatz. Und wir, die Zuhörer dieses Konzerts, kommen in den Genuss der himmlisch reinen Stimme von Hanna-Elisabeth Müller, der Sopranistin, welche soeben von der Zeitschrift Opernwelt zur Nachwuchssängerin des Jahres gekürt wurde. Sie besitzt eine sehr schön timbrierte Stimme, mit leicht bronzenem Glanz und lupenreiner Höhe, weich im Ansatz und doch voll im Klang. Damit beseelt sie diesen Schluss, welcher eben gar nicht so paradiesisch feierlich und freudig endet, sondern die Zuhörerinnen und Zuhörer in rätselhafter und geheimnisvoller Stimmung entlässt.

Ja, man hat eine schweren, aber ungemein bereichernden Abend erlebt.

Werke:

Jean-Luc Darbellay: Der Schweizer Komponist wurde 1946 in Bern geboren. Sein Gesamtwerk besteht aus über 250 Werken. Er gehört mittlerweile zu den bedeutendsten Komponisten Neuer Musik in der Schweiz und erhielt mehrere Auszeichnungen. Mit dem Dirigenten Fabio Luisi verbindet ihn eine enge künstlerische Freundschaft. Luisi brachte z.B. OYAMA mit dem Orchestre de la Suisse Romande zur Uraufführung. Seine Tonsprache beeinflusst haben u.a. Messiaen, Stravinsky und Pierre Boulez.

Sofia Gubaidulina: Die russische Komponistin wurde 1931 in Tschistopol geboren. Seit 1992 lebt sie in Deutschland. Ihr erstes Violinkonzert widmete sie Gidon Kremer, das zweite, welches nun im Opernhaus Zürich aufgeführt wird, ist Anne-Sophie Mutter gewidmet. Frau Gubaidulina wurde für ihr umfangreiches Schaffen mit zahlreichen Preisen geehrt. Über die Uraufführung des zweiten Violinkonzerts, IN TEMPUS PRAESENS schrieb die Basler Zeitung: „... in ihrer Komposition stehen einer sehr melodiösen Solo-Violine futuristisch anmutende Orchesterklänge gegenüber wie das Vorgestern dem Übermorgen und versinnbildlichen gerade jenen Taumel zwischen den Zeiten, der das Jetzt auszumachen scheint.“ (Basler Zeitung, 1.9.07)

Gustav Mahler: Vierte Sinfonie

Mahlers Vierte ist sicher seine lieblichste, hellste und (vielleicht deshalb?) beim breiten Publikum beliebteste Sinfonie. Erstaunlicherweise ist sie während einer von depressiver Stimmung geprägten Schaffenskrise entstanden. Die Arbeit an diesem Werk im Sommer 1899 ging nur zögerlich voran, danach versank die Ausgestaltung in sein Unterbewusstsein und erst im Jahr darauf vollendete er seine letzte „Wunderhorn“- Sinfonie. Aus der umfangreichen Sammlung deutscher Volkspoesie DES KNABEN WUNDERHORN, welche in den Jahren bis 1900 eine wichtige Inspirationsquelle seines Schaffens gewesen war, hatte er das Gedicht DAS HIMMLISCHE LEBEN ausgewählt. Ursprünglich war es für seine dritte Sinfonie vorgesehen gewesen, doch hätte ein zusätzlicher Satz deren Dimensionen gesprengt. Das Gedicht (und auch die ganze Sinfonie) zeichnen ein naives, liebliches Bild vom Leben im Himmel, ein Bild, dessen Unschuld nur an wenigen stellen aufgekratzt wird und gewisse Bedrohungen durchschimmern lässt. Mahler bezeichnete den Grundton des Werks als „das gleichmässige Blau des Himmels“. Dafür wählte er eine für seine Verhältnisse kleine Orchesterbesetzung. Die Sinfonie weist einen deutlichen Bezug zur ländlich geprägten Romantik auf. Doch der Komponist konterkariert die Idylle oft mit sperrigeren Passagen, so im grotesk gehaltenen Scherzo-Satz oder in klagenden Passagen des Adagios.

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