Zürich: NORMA, 27.02.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Norma

Tragische Oper in zwei Akten |

Musik: Vincenzo Bellini |

Libretto: Felice Romani |

Uraufführung: 26. Dezember 1831 in Mailand |

Aufführungen in Zürich: 27.2. | 3.3.| 6.3.| 9.3. | 13.3. |15.3. |17.3. | 22.3. | 31.3. 2011

Kritik:

Selten- allzu selten - stellten sie sich ein, die viel beschworenen Momente von suggestiver Kraft des grossen Theater- und Lichtmagiers Robert Wilson. Was bei LOHENGRIN und in seiner Zürcher Inszenierung von Wagners RING DES NIBELUNGEN noch über weite Strecken zu überwältigenden Bildern geführt hatte, funktionierte bei diesem Hauptwerk des Belcanto kaum mehr. Wilson will ja explizit nicht psychologisieren, den Figuren kein eigenständiges Profil verschaffen, sondern Räume kreieren, in denen sich die Musik entfalten kann, die den Zuhörern ermöglichen sollen, sich eigene Bilder zu schaffen. Doch diese NORMA bleibt eine blutleere, langfädige Mischung aus Marionettentheater mit japanischem Kabuki-Einschlag und einem Wechsel von schwebend wirkendem Dahingleiten und zackig stereotypen Bewegungsabläufen. Da die Emotionen auf der Bühne nicht gezeigt werden dürfen, sollten sie ganz aus der Musik heraus entstehen - und das taten sie an diesem Abend leider nicht. Zwar setzte Maestro Paolo Carignani im noch hell erleuchteten Saal mit rasantem Tempo zur Ouvertüre an, die ersten Projektionen passten wunderbar präzise zu Bellinis Klängen. Doch dem stürmischen Vorwärtsdrang fielen die langsameren, poetischeren Passagen des Vorspiels zum Opfer, klangen belanglos, beinahe billig. Dafür wurden dann in den langen Duetten der beiden Protagonistinnen die Tempi noch zusätzlich gedehnt, was zu einem immensen Abbau an Spannung und über weite Strecken zu - zwar sehr gepflegter - Langeweile führte, zumal auf der Bühne rein gar nichts passierte. Sicher blitzten ab und an wirklich wunderschöne Lichteffekte auf, so in der Dämmerung, als sich die Druiden versammelten, oder der Aufgang des Mondes zum Casta diva. Daneben erlebte man aber auch Ärgerliches, wie die sich auflösende Kristallhöhle mit den tanzenden Elementen am Ende des ersten Aktes oder die sich lärmend verschiebenden Gitterstege im zweiten Akt. Der Regisseur und sein Team (die schlichten Kostüme stammten von Moidele Bickel, beim Licktkonzept wurde Wilson unterstützt von AJ Weissbard) mussten sich am Ende denn auch deutliche Missfallensbekundungen des Premierenpublikums anhören.

Viel Applaus hingegen durften die Sänger und vor allem die Sängerinnen entgegennehmen. Elena Mosuc porträtierte in ihrem mit Spannung erwarteten Rollendebüt eine zierliche, filigrane Norma. Das war nicht die an Medea gemahnende unerbittliche Rächerin, sondern eine zutiefst gebrochene Frau, welche die ihr auferlegte Schmach verinnerlicht hat, sie mit zartesten Tönen sublimiert und eine berührende Verletzlichkeit ausstrahlt. Da entstanden wunderbar rein schwebende, beinahe ätherisch wirkende Kantilenen, blitzsauber ausgestaltete Fiorituren, wunderbar getragene  Piani, gefühlvolle, anrührende Momente (beim Abschied von ihren Kindern) - doch die dramatische Kraft fehlte ihrem Gesang, das Respekt Einflössende, die Leidenschaft, die Wut und Enttäuschung und die Zerrissenheit dieser Frau wurden nicht offenbar. Michelle Breedt als ihre Rivalin Adalgisa verfügte hingegen über ein breiteres dynamisches Ausdrucksspektrum, begeisterte mit klug eingesetztem und gekonnt vorgetragenem Messa di voce. In den schier unendlich scheinenden Duetten verschmolzen die beiden wunderschön timbrierten Stimmen zu reinstem Wohlklang, (vor allem die herrlich sauber gesungenen a capella Passagen verdienen besonderer Erwähnung!) - und doch vermisste man in diesen Momenten die vom Regisseur (Installateur) untersagte Leidenschaftlichkeit des darstellerischen Ausdrucks besonders schmerzlich. Roberto Aronica - auch er mit einem Rollendebüt als Pollione - sang gleichförmig laut, sein angerauter, leicht belegt klingender Tenor brach des Öfteren kurz weg, das fahle Timbre störte den wunderbar reinen Klang der Frauenstimmen im Finalterzett des ersten Aktes empfindlich. Giorgio Giuseppini sang einen akzeptablen Oroveso. Laurenz Müller verlieh dem Flavio mit seinem hellen, glatten Tenor Profil und Liuba Chuchrova setzte sich als Coltilde mit ihrer dunkel gefärbten Stimme deutlich von der zarten Norma ab. Der Chor der Oper Zürich war sich in den Tempi nicht immer restlos einig mit denjenigen des Dirigenten.

Wenn die Erwartungen dermassen hochgepusht werden, wie im Vorfeld dieser Neuproduktion, ist die Gefahr der Ernüchterung anlässlich der Premiere natürlich gross. Leider ist dieser Fall eingetroffen.

Inhalt:

Die gallische Druidenpriesterin Norma hat heimlich ein Verhältnis mit dem Anführer der römischen Besatzer, Pollione, mit dem sie auch bereits zwei gemeinsame Kinder hat. Pollione ist ihrer aber längst überdrüssig geworden und hat mit der Novizin und Vertrauten Normas, Adalgisa, angebandelt. Die Gallier erwarten von der Priesterin, dass sie zum Kampf gegen die Römer aufruft. Doch Norma interpretiert die Göttin Irminsul so, dass die Zeit dafür noch nicht reif sei. Am ende des ersten Aktes kommt es auf privater Ebene zum Showdown: Norma erfährt vom Verhältinis ihres Geliebten mit Adalgisa und schwört Rache. Dazu will sie ihre Kinder töten (gleich einer Medea). Doch die Mutterliebe siegt hier, im Gegensatz zur griechischen Tragödie. Stattdessen will sie, dass Adalgisa zusammen mit Pollione und den Kindern nach Rom flüchtet. Doch Adalgisa ihrerseits will Norma und Pollione wieder vereinen. Pollione lehnt dies ab. Norma gibt das Zeichen zum Kampf gegen die Römer, Pollione wird gefangengenommen. Noch immer weigert sich Pollione, Adalgisa zu entsagen. Norma lässt einen Scheiterhaufen errichten, auf dem eine Priesterin verbrannt werden soll, die das Keuschheitsgelübde gebrochen habe. Als sie nach dem Namen der Sünderin gefragt wird, nennt sie ihren eigenen Namen, vertraut ihre Kinder dem Schutz des Oberpriesters (und ihres Vaters) Oroveso an und schreitet in den Verbrennungstod. Überwältigt von soviel Grossmut und Entsagung folgt ihr Pollione.

Werk:

Vincenzo Bellini wurde nur 34 Jahre alt. Von seinen zehn Bühnenwerken werden sechs mehr oder weniger regelmässig gespielt. Die bekanntesten neben der NORMA sind I PURITANI, LA SONNAMBULA, I CAPULETI E I MONTECCHI, BEATRICE DI TENDA und IL PIRATA. Bellini gilt als Schöpfer der „Melodie lungh, lunghe, lunghe“ wie Verdi sie nannte. Die Orchesterbesetzung ist z.B. gegenüber Rossini zurückgenommen, um den Gesangslinien und den Texten mehr Gewicht zu geben. NORMA, sein berühmtestes Werk, enthält Elemente der Schauerromatik und des griechischen Dramas. Die Hauptpartie gehört zu den schwierigsten des gesamten Belcanto Repertoires, erfordert sie doch sowohl dramatische Durchschlagskraft als auch die Kunstfertigkeit der geläufigen Verzierungen und ausgesprochen empfindsam zu singenden, langen Kantilenen. Die Partie gilt seit Giuditta Pasta (Sängerin der Uraufführung) und Maria Malibran als DIE Primadonnen-Oper schlechthin. Maria Callas setzte im 20. Jahrhundert diese Tradition fort, gefolgt von Joan Sutherland, Renata Scotto, Montserrat Caballé, Margaret Price (in Zürich!!!) und in neuerer Zeit Edita Gruberova. Aber auch die Partie der Gegenspielerin Adalgisa ist äusserst dankbar – und wenn die beiden Frauen mit hervorragenden Stimmen besetzt sind, ist Gänsehaut garantiert.

Musikalische Höhepunkte:

Casta diva, Cavatine der Norma, Akt I

Oh, rimembranza, Norma-Adalgisa, Akt I

No, non tremare, o perfido, Terzett Norma-Adalgisa-Pollione, Akt I

Mira o Norma, Duett Norma-Adalgisa, Akt II

In mia man alfin tu sei, Duett Norma-Pollione, Akt II

Deh, non volerli vittime, Finale Akt II

Informationen und Karten