Zürich: NORMA, 05.06.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Norma

Tragische Oper in zwei Akten | Musik: Vincenzo Bellini | Libretto: Felice Romani | Uraufführung: 26. Dezember 1831 in Mailand | Aufführungen in Zürich (Wiederaufnahme): 2.6. | 5.6. | 8.6. | 12.6. | 15.6.6 | 20.6.2019

Kurzkritk:

Auf RobertWilsons Inszenierung von Bellinis NORMA muss man sich einlassen wollen, denn es handelt sich eher um eine Kunstinstallation als um eine Inszenierung des dramatischen Geschehens. Aber wenn man sich der besonderen Ästhetik des Lichts, des Raums, der Kostüme und den von Wilsons Arbeiten gewohnten stilisierten Bewegungen hingibt, eröffnen sich dem Zuschauer ganz eigentümliche, singuläre und gar auch sinnliche gedankliche Räume und Assoziationen. Dabei muss man nicht jede Metapher des Wilsonschen Konzepts verstehen wollen. Es reicht offen zu sein und sich der Schönheit der Bilder zu ergeben, denn sie nehmen den beinahe transzendentalen Fluss der langen, langen Melodiebögen Bellinis auf, versetzen den Zuschauer/Zuhörer quasi in einen tranceähnlichen Zustand – und so wird der Abend trotz fehlender emotionaler „Action“ auf der Bühne nie zu lang. Um diesen Zustand zu erreichen, braucht es natürlich eine adäquate musikalische Unterstützung aus dem Graben und von den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne. Im Gegensatz zu meinen Eindrücken von der Premiere 2011 trat das Wunder des Wilsonschen Gesamtkunstwerks nun 2019 ein. An erster Stelle ist die Sängerin der höchst anspruchsvollen Titelpartie zu würdigen: Maria Agresta bringt mit ihren fantastischen vokalen Möglichkeiten alles mit, was die Gefühlswelt der Norma benötigt. Sie kann resolut sein, aber auch empfindsam zart, rasen vor Wut und Eifersucht, aber auch verzweifelt lieben. Ihre Piani sind nicht von dieser Welt, wunderbar zart und sauber hingetupft, doch tragfähig bis in die hinterste Reihe des zweiten Ranges (wo ich sass). Dabei legt sie ihre Stimme perfekt auf den Atem, singt die langen Bögen mit einer unglaublichen gestalterischen Eingebungskraft, kann Töne unfassbar lange und sauber halten. Stupenda!!! Als römischer Feldherr Pollione debütiert der sich auf dem Sprung zur ganz grossen Karriere befindliche Tenor Micheal Spyres. Seine Stimme vermochte vor allem in der Mittellage und den tieferen Regionen mit markantem, virilem Timbre zu begeistern. In den höheren Lagen (vor allem in der Auftrittskavatine Meco all'altar die Venere) drohte seine Stimme nach hinten zu rutschen, was zwar der Intonation nicht schadete, doch die Klangfarbe leicht unangenehm veränderte. Allerdings war dann das, was er in der darauf folgenden Cabaletta ablieferte unglaublich virtuos, biegsam und höhensicher. Anna Goryachova sang eine sehr bodenständige Adalgisa. Ihr leicht metallisch gefärbter Mezzosopran war für die Rolle der jungen Priesterin vielleicht eine Spur zu reif – und doch gerieten die Duette mit Norma zu den Höhepunkten des Abends. Zum Niederknien schön. Ildo Song sang mit profundem Bass einen warmstimmigen Oroveso, Thobela Ntshanyana liess in der kleinen Rolle des Flavio mit herrlichen Spitzentönen aufhorchen und Irène Friedli sang eine starke Clotilde. Am Pult stand GMD Fabio Luisi. Ihm gelang es hervorragend zusammen mit der Philharmonia Zürich den Spannungsbogen über den gesamten Abend aufrechtzuerhalten, klar zu strukturieren, zu formen, leuchtende Soli der exzellenten Holzbläser hervorzuheben. Eine runde Sache – die an wenigen Stellen durch den etwas schleppenden Chor der Oper Zürich leicht ins Wackeln geriet.

Fazit: Lohnenswert!

Inhalt:

Die gallische Druidenpriesterin Norma hat heimlich ein Verhältnis mit dem Anführer der römischen Besatzer, Pollione, mit dem sie auch bereits zwei gemeinsame Kinder hat. Pollione ist ihrer aber längst überdrüssig geworden und hat mit der Novizin und Vertrauten Normas, Adalgisa, angebandelt. Die Gallier erwarten von der Priesterin, dass sie zum Kampf gegen die Römer aufruft. Doch Norma interpretiert die Göttin Irminsul so, dass die Zeit dafür noch nicht reif sei. Am ende des ersten Aktes kommt es auf privater Ebene zum Showdown: Norma erfährt vom Verhältinis ihres Geliebten mit Adalgisa und schwört Rache. Dazu will sie ihre Kinder töten (gleich einer Medea). Doch die Mutterliebe siegt hier, im Gegensatz zur griechischen Tragödie. Stattdessen will sie, dass Adalgisa zusammen mit Pollione und den Kindern nach Rom flüchtet. Doch Adalgisa ihrerseits will Norma und Pollione wieder vereinen. Pollione lehnt dies ab. Norma gibt das Zeichen zum Kampf gegen die Römer, Pollione wird gefangengenommen. Noch immer weigert sich Pollione, Adalgisa zu entsagen. Norma lässt einen Scheiterhaufen errichten, auf dem eine Priesterin verbrannt werden soll, die das Keuschheitsgelübde gebrochen habe. Als sie nach dem Namen der Sünderin gefragt wird, nennt sie ihren eigenen Namen, vertraut ihre Kinder dem Schutz des Oberpriesters (und ihres Vaters) Oroveso an und schreitet in den Verbrennungstod. Überwältigt von soviel Grossmut und Entsagung folgt ihr Pollione.

Werk:

Vincenzo Bellini wurde nur 34 Jahre alt. Von seinen zehn Bühnenwerken werden sechs mehr oder weniger regelmässig gespielt. Die bekanntesten neben der NORMA sind I PURITANI, LA SONNAMBULA, I CAPULETI E I MONTECCHI, BEATRICE DI TENDA und IL PIRATA. Bellini gilt als Schöpfer der „Melodie lungh, lunghe, lunghe“ wie Verdi sie nannte. Die Orchesterbesetzung ist z.B. gegenüber Rossini zurückgenommen, um den Gesangslinien und den Texten mehr Gewicht zu geben. NORMA, sein berühmtestes Werk, enthält Elemente der Schauerromatik und des griechischen Dramas. Die Hauptpartie gehört zu den schwierigsten des gesamten Belcanto Repertoires, erfordert sie doch sowohl dramatische Durchschlagskraft als auch die Kunstfertigkeit der geläufigen Verzierungen und ausgesprochen empfindsam zu singenden, langen Kantilenen. Die Partie gilt seit Giuditta Pasta (Sängerin der Uraufführung) und Maria Malibran als DIE Primadonnen-Oper schlechthin. Maria Callas setzte im 20. Jahrhundert diese Tradition fort, gefolgt von Joan Sutherland, Renata Scotto, Montserrat Caballé, Margaret Price (in Zürich!!!) und in neuerer Zeit Edita Gruberova. Aber auch die Partie der Gegenspielerin Adalgisa ist äusserst dankbar – und wenn die beiden Frauen mit hervorragenden Stimmen besetzt sind, ist Gänsehaut garantiert.

Die hochgelobte Produktion der Salzburger Pfingstfestspiele von 2013 startet in Zürich zu einer internationalen Tournee. Die Aufführung basiert auf einer quellenkritischen Neuausgabe von Maurizio Biondi und Riccardo Minasi. Bellini hatte die Titelpartie für die Mezzosopranistin Giuditta Pasta geschrieben und mit Cecilia Bartoli als Norma steht nun wiederum eine (koloraturgewandte) Mezzosopranistin im Zentrum des Werks.

Musikalische Höhepunkte:

Casta diva, Cavatine der Norma, Akt I

Oh, rimembranza, Norma-Adalgisa, Akt I

No, non tremare, o perfido, Terzett Norma-Adalgisa-Pollione, Akt I

Mira o Norma, Duett Norma-Adalgisa, Akt II

In mia man alfin tu sei, Duett Norma-Pollione, Akt II

Deh, non volerli vittime, Finale Akt II

Karten