Zürich: MOSES UND ARON, 15.05.& 26.05.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Moses und Aron

Opernfragment in drei Akten |

Musik: Arnold Schönberg |

Dichtung vom Komponisten |

Uraufführung: 12. März 1954 in Hamburg (konzertant) | 6. Juni 1957 in Zürich (szenisch) | Aufführungen in Zürich: 15.5. | 18.5. | 20.5. | 22.5. | 24.5. | 26.5. | 29.5.2011

Kritik:

Die packende, ja geradezu begeisternde musikalische Umsetzung einer der komplexesten und faszinierendsten Partituren des 20. Jahrhunderts (wenn nicht der gesamten Opernliteratur) stiess beim Premierenpublikum  zu Recht auf ungeteilte Zustimmung. Endlich kehrt dieses wichtige Werk an den Ort seiner szenischen Uraufführung zurück. Ein Triumph!

MOSES UND ARON stellt (auch) eine der ganz grossen Choropern dar. Deshalb soll die gewaltige Leistung des Chores in dieser Rezension auch an erster Stelle stehen. Der Slowakische Philharmonische Chor Bratislava zeigt eine phänomenale Leistung. Die hochkomplexen, mehrstimmigen Chorpassagen, die subtil  abgestuften und mit fantastischer Klarheit artikulierten Chorsätze, welche oft als eine delikate und heikel umzusetzende  Mischung aus Sprache und Gesang konzipiert sind, werden mit überwältigender Kraft und Eindringlichkeit wiedergegeben. Die Dynamik reicht vom unheimlichen Flüstern bis zur beängstigenden Urgewalt der entfesselten Triebe.  Der unmittelbaren, tief greifenden Wirkung dieser Stimmen kann man sich nicht entziehen.

Am Pult steht mit Christoph von Dohnányi ein Interpret, Kenner und Verfechter der lange Zeit als unaufführbar geltenden Oper, welcher sich seit 40 Jahren mit Schönbergs opus magnus befasst. Wie er die verschiedenen Ebenen voneinander abhebt, die Klänge und Akkordschichtungen transparent und das ausgeklügelt instrumentierte Werk durchhörbar macht und doch der gewaltigen Architektur der Komposition verpflichtet bleibt, ist schlicht grandios. Das Orchester der Oper Zürich folgt seinen Intentionen mit einzigartiger Präsenz und Genauigkeit. So entsteht eine von intensiver Spannung geprägte musikalische Sogwirkung von überwältigender und immens nachhaltiger Suggestionskraft.

Auf der Bühne bewundert man die zwei Gegenspieler, die eigentlich keine sind, da sie im Grunde beide für das Eine einstehen: Den wahren Glauben und seine Vermittelbarkeit. Schönberg hat den „wortlosen“ Moses einer - rhythmisch und von der Tonlage her ziemlich genau fixierten - tiefen Sprechstimme anvertraut. Mit Kammersänger Peter Weber hat das Opernhaus Zürich eine mit ihrer stimmlichen Gestaltungs- und Artikulationskraft beeindruckende Bühnenpersönlichkeit verpflichtet. Dem Sänger gelang ein durch und durch bezwingendes Rollendebüt in dieser anspruchsvollen Partie. Sein Bruder Aron muss von einem lyrischen, über beinahe belkanteske Fähigkeiten verfügenden Tenor gesungen werden, welcher trotzdem mühelos über den zum Teil doch gewaltigen Ausbrüchen des Orchesters hörbar und vor allem verständlich bleiben muss. Der Amerikaner Daniel Brenna schafft diese enormen Anforderungen auf bewundernswerte Art und Weise. Abgesehen von ganz wenigen Ermüdungserscheinungen der Stimme in den höchsten Lagen vermag er seinen angenehm timbrierten Tenor sowohl verführerisch klingen zu lassen als auch kämpferisch überzeugend einzusetzen. Die grosse, politisch-philosophische Auseinandersetzung zwischen den Brüdern nach dem von Moses unterbrochenen „Tanz um das goldene Kalb“ gerät so zu einem spannungsgeladenen Höhepunkt des bewegenden Abends. Aus den vielen kleineren, aber ebenfalls äusserst schwierig zu singenden Partien ragen die Stimmen von Cornelia Kallisch (Kranke), Peter Sonn (Jüngling/Nackter Jüngling), Esther Lee (Mädchen/Jungfrau), Michael Laurenz (Jüngling), Camille Butcher, Anja Schlosser, Katharina Peetz (Jungfrauen) sowie diverse Solostimmen hervor: Wiebke Lehmkuhl, Davide Fersini, Reinhard Mayr, Cheyne Davidson, Valeryi Murga und Irène Friedli.

MOSES UND ARON braucht eigentlich keine Bilder, um seine Wirkung zu entfalten. Denn es geht ja (und dies ist an und für sich schon ein Anachronismus für eine Oper) um die Sprach- und Bilderlosigkeit. Deshalb kann man dem Universalkünstler Achim Freyer (Regie, Bühnenbild, Kostüme, Lichtkonzept) dankbar dafür sein, dass er grosse Teile des Werks unbebildert lässt und damit der Musik die Gelegenheit gibt, sich im schwarzen Raum zu entfalten und den Zuhörer auf eine eigene Reise mitzunehmen. Für die Kostüme hat sich Freyer im Fundus bedient: Tierfiguren aus dem SCHLAUEN FÜCHSLEIN und Plüschtiere aus AGRIPPINA rezykliert, Inquisitoren aus DON CARLO u.v.a. m. eingebaut. So entsteht eine Art „Welttheater“ auf der schrägen, mit Felsbrocken bedeckten und mit spiegelnden Seitenflächen versehenen Bühne. Die schwarze Wüstenlandschaft vermittelt mit ihrer fahlen Ausleuchtung eine düstere Endzeitstimmung. Das Orgiastische beim Tanz um den Goldhasen von Lindt wird fast vollständig der assoziativen Kraft der Musik überlassen. Bis auf einige wenige zuckende Bewegungen und ein paar Metzger mit erigierten, blutroten Penissen muss man keine peinlich um Aktualisierung bemühte Umsetzung auf der Bühne über sich ergehen lassen. Die Bilder, die Freyer entstehen lässt, stören zwar nicht besonders, rütteln andererseits auch nicht auf. Sie bleiben emotionslos und irgendwie distanziert. Dieses Bilderbuch bannt das Auge nicht. Eine zusätzliche Verfremdung schafft der Regisseur durch die synchrone Verdoppelung / Verdreifachung des Moses respektive Aron. Mal wünscht sich der um Worte ringende und mit seiner „Sprachlosigkeit“ hadernde Moses sein Sprachrohr Aron grösser, mal kleiner. Diese Wünsche werden durch die Spieler Hans-Peter Ulli und Markus Hofmann gekonnt umgesetzt. Aber auch Moses selbst sieht sich als Scheiternder agieren – und kann doch nicht anders, klammert sich verzweifelt an sein Double (Utz Bodamer).

Der Abend trägt durchaus die Handschrift des Regisseurs und Installateurs Freyer (mit einigen an Harlekine gemahnenden Figuren, gekünstelten, stereotypen Bewegungsabläufen und stark geschminkten Antlitzen), ohne jedoch allzu dick aufzutragen. Gleichwohl stellt man sich am Ende die Frage, ob eine konzertante oder halbszenische Aufführung nicht doch ein Mehr an Intensität und Nachhaltigkeit bewirkt hätte. Und auch dies muss noch gesagt werden: Trotz mehrmaligen Einsatzes eines echten Pudels stösst der Regisseur nicht zu dessen Kern vor ... .

Vorstellung vom 26.05.2011:

Auch beim zweiten Besuch dieser Produktion hat sich obiger Eindruck bestätigt: Musikalisch überwältigend, szenisch überfrachtet. Weniger wäre mehr gewesen und hätte die Auseinandersetzung mit dem Werk intensiviert und die tieferen philosophischen Schichten offen gelegt. Daniel Brenna als Aron sang die Partie mit grösserer Souveränität als in der Premiere, Peter Weber wirkte ein wenig zurückhaltender. Insgesamt aber wieder ein bewegender Abend, der von allen Beteiligten ein Höchstmass an Konzentration und Ausdauer verlangt. Leider scheint das Zürcher Publikum nicht neugierig und aufgeschlossen genug zu sein, um sich mit einem Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen zu wollen. Viele Plätze blieben leider leer. Die Anwesenden jedoch applaudierten begeistert!

Fazit:

Musikalisch auf jeden Fall ein intensives, bewegendes Ereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte!

Werk:

Obwohl Schönberg es zeitlebens nicht schaffte, den dritten Akt zu komponieren (es liegt davon lediglich eine Sprechszene vor), gehört MOSES UND ARON zu den zentralen und bedeutendsten musikdramatischen Werken des 20.Jahrhunderts. Stellenweise hat das Werk zwar etwas Oratorienhaftes, doch immer wieder erklingen Stellen von unglaublich expressiver Kraft. Die Komposition beruht auf einer einzigen Zwölftonreihe. Durch die Umkehrung dieser Reihe, die Spiegelung, den Krebs (die Grundreihe rückwärts) und die Krebsumkehrung entstehen vier Reihen. Jede dieser Reihen kann auf die zwölf chromatischen Stufen transponiert werden. Somit verfügt der Komponist über ein serielles Material von 48 Reihenformen, der so genannten Reihentabelle. Zudem sind die Oktavlagen der Töne für die Komposition frei wählbar, was zu einem grösseren Anteil an Ausdrucksmöglichkeiten führt, als es die Theorie vermuten lässt. Der Hörer soll sich jedoch von diesem Einblick in die Kompositionstechnik nicht irre machen lassen, sondern die zum Teil wirklich eindrückliche Archaik der Musik unvoreingenommen auf sich wirken lassen. Die Partie des Aron hat der Komponist für einen lyrischen Tenor (er ist ja der eloquente Verführer des Volkes) geschrieben, die des Moses hingegen für Sprechstimme, wobei Rhythmus und Tonhöhe genau festgelegt sind. Gewaltige Chöre, eine dynamisch subtil abgestufte Instrumentation und faszinierende Rhythmen prägen das Werk.

Die Komposition entstand in den Jahren von 1930 bis 1932; im Oktober 1933 emigrierte der Komponist in die USA, nachdem ihn die Nazis von allen Ämtern enthoben hatten. 1937 beschäftigte sich Schönberg nochmals mit Skizzen zum dritten Akt, danach liess er das Projekt endgültig ruhen. Die Uraufführungen erlebte er nicht mehr, er starb 1951 in los Angeles.

(Im Jahr 2010 stellte Zoltán Kocsis in Budapest eine von ihm vollendete Fassung der Oper vor.)

Inhalt:

Schönberg verwendet zwar für seine Dichtung Teile aus dem 2. Buch Mose. Doch geht es ihm nicht um eine quasi historisierende Darstellung der Ereignisse beim Auszug der Israeliten aus Ägypten, sondern um den religionsphilosophischen Konflikt zwischen Moses und Aron: Während Moses darauf beharrt, dass Gott unvorstellbar ist und nicht profaner Wundertaten, Gleichnissen und Götterbildern bedarf, gelingt es Aron, das Volk gerade mit solchen symbolhaften Zeichen und seiner eloquenten Sprache gläubig und damit gefügig zu machen. (Ein Thema, das auch heute noch nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat, sucht doch vor allem die katholische Kirche immer noch, ihre Schäfchen mit Wunderheilungen, Seligsprechungen etc. bei der Stange zu halten – und versetzt die Massen bei solchen Gelegenheiten in tranceartige Euphorie. [Seligsprechung Johannes Paul II.])

Die Auseinandersetzung zwischen den Brüdern kulminiert im zweiten Akt: Moses war 40 Tage abwesend (auf dem heiligen Berg Sinai). Das Volk wird unruhig, verliert den Glauben an den Gott von Moses und wendet sich wieder den alten Götzen zu. In einer gewaltigen Orgie wird um das „Goldene Kalb“ getanzt, werden Menschen und Tiere geopfert. Moses kommt mit den Gesetzestafeln vom Berg hinunter. Mit den Worten „Vergeh, du Abbild des Unvermögens, das Grenzenlose in ein Bild zu fassen!“ bringt er das Goldene Kalb zum Verschwinden. Aron beharrt darauf, dass das Volk nicht in der Lage sei, Gott rein intellektuell zu verstehen, es brauche Zeichen und Wunder als bildliche Veranschaulichung von Gottes Macht. Moses zertrümmert angesichts seines Unvermögens, seine puristischen, abstrakten Gedanken verständlich zu machen, die Gesetzestafeln. Als er sieht, dass das Volk unter der Führung Arons hinter einer Säule aus Feuer und Wolken herzieht, ruft er in letzter Verzweiflung: „O Wort, du Wort, das mir fehlt!“

(Im nicht mehr komponierten dritten Akt wird Aron gefangen vor Moses geführt. Moses erklärt ihm noch einmal, dass man das Wirken Gottes nicht mit Bildern darstellen oder beweisen kann. Mit den Worten „Lebe, wenn du kannst!“ wird Aron frei gelassen. Er fällt tot zu Boden. Dies ist der Sieg des reinen, abstrakten Ideals einer Vorstellung von Gott über die Ketten eines bildhaften, symbolischen Populismus.)

Informationen und Karten