Zürich: MACBETH, 03.04.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Macbeth

Oper in vier Akten | Musik: Giuseppe Verdi | Libretto: Francesco Maria Piave und Andrea Maffei | Uraufführung der ersten Fassung: 14. März 1847 in Florenz | UA der zweiten Fassung: 21. April 1865 in Paris | Aufführungen in Zürich: 3.4. | 6.4. | 10.4. | 13.4. | 17.4. | 19.4. | 23.4. | 28.4. | 5.5. | 7.5.2016

Kritik:

„Tu, notte, ne avvolgi – di tenebre immota“ (Du, Nacht, umhülle uns mit dichter Finsternis) – heisst es bei Verdi/Piave/Mattei, „Come, thick night, And pall thee in the dunnest smoke of hell ...“ bei Shakespeare. Ja, MACBETH ist ein Nachtstück, das Nachtstück schlechthin, sowohl bei Shakespeare als auch bei Verdi. Die Finsternis gebiert das Grauen, beherbergt die Dämonen, welche sowohl das mörderische Paar als auch uns alle heimsuchen. Den Horror auf die Bühne zu bringen, ist keine leichte Aufgabe, will man sich nicht in oberflächlichen Blutorgien suhlen. Das Inszenierungsteam dieser Neuproduktion von Verdis revolutionärem und in seiner Radikalität geradezu höllisch abgründigem Werk lässt das Stück ganz aus dem Dunkel der Nacht heraus entstehen und belässt es auch dort. Einen sich nach hinten stark verengenden, von matten Lichtern gesäumten, rabenschwarzen (auf die Raben kommen wir noch) Tunnel des Grauens hat der Bühnenbildner und Lichtgestalter Klaus Grünberg auf die Bühne bauen lassen. Genau wie für Verdi ist für den Regisseur Barrie Kosky in dieser Oper nur die Beziehung Macbeth – Lady von Interesse. Es geht ihm um die Darstellung der krankhaften Besessenheit der beiden Protagonisten, und eine solche Besessenheit kommt natürlich aus dem Kopf, dem Geist. So verbannt der Regisseur richtigerweise alles „Dekorative“ von der Bühne. Selbst die Hexen singen aus dem Dunkel der Seitengänge. An ihrer Stelle treten unheimliche, nackte Zwitterwesen auf, Frauen mit nackten Brüsten und Penissen, Männer mit Vaginas, welche für beklemmende Szenen sorgen, wenn sie mit ihren Händen nach Macbeth greifen, ihn umgarnen, bedrohen, aber auch wieder liebevoll in ihrem Kreis einbetten und bergen. „Come, you spirits, unsex me“ heisst es bei Shakespeare – und genau das tun diese nackten Dämonen hier auf der Bühne - genial. Der Statistenverein des Opernhauses Zürich leistet hier Grandioses. Atemberaubend und packend ist auch die Darstellung dieser kaputten Paarbeziehung durch den Macbeth von Markus Brück und die Lady von Tatjana Serjan. Nur einmal haben sie (abgebrochenen) Sex, in dem Moment, wo sie sich im Taumel der geplanten Ermordung von Duncan (dem ersten Mord der Serie) kurz am Boden wälzen. Ansonsten ist diese Beziehung längst „unsexed“. Ein wannenförmiger Lampenschirm wirft fahles Licht auf die Mitte der Bühne, in diesem Lichtkäfig spielt sich eigentlich alles Wesentliche ab. Zwei Stühle reichen als Objekte aus. Die langen Mäntel mit ihren weiten Ärmeln (die Kostüme stammen von Klaus Bruns) erinnern an Figuren aus dem japanischen Nō-Theater, das auch etwa um die Zeit entstand, in der Shakespears Drama spielt, die langen Haare der Männer wecken Assoziationen zu HERR DER RINGE oder Mel Gibsons schottischem Schlachtepos BRAVEHEART. Requisiten braucht Kosky wenige: Natürlich die Dolche, Luftschlangen für die Festszene (auch dies ein ganz starkes Bild), einen Ball für Bancos Knaben Fleance – und natürlich die Raben! Diese Symbolvögel (als Todesboten und Unheilverkünder gefürchtet seit biblischen Zeiten, über E.A.Poe bis zu Hitchcock, den OMEN Filmen und natürlich Dario Argentos Horrorfilm TERROR IN DER OPER, in welchem die Raben eine MACBETH Aufführung an der Scala terrorisieren) spielen in der Zürcher Produktion schon beinahe die Hauptrolle. Ihre schwarzen Federn fallen unheilsschwanger aus der Lichtwanne, wenn mal wieder ein Mord passiert ist, ihre toten Körper bedecken den Titelhelden, sie begleiten die Lady in ihren fatalen Wahnsinn, den Macbeth in seinen Tod. Der Abteilung Theaterplastik des Opernhauses sind täuschend echt wirkende Nachbildungen gelungen und vor allem der sich bewegende und mit der Lady in der Wahnsinnsszene parlierende Rabe ist ein technisches Meisterwerk. Wenn Macbeth dann von Macduff erstochen wird, fallen haufenweise schwarze Federn aus Macbeths aufgeschlitztem Rücken, wie wenn man ein Stofftier ausweidet. Übrig bleibt ein quasi hüllenloser Macbeth, nur im Unterhemd, an dem noch zwei verlorene Federn kleben. Auch das ein eindringliches Bild, wie so viele an diesem Abend.

Stark ist der Abend jedoch nicht nur szenisch, sondern auch musikalisch lässt er im wörtlichen Sinne aufhorchen. Selbst wenn man das Werk sehr gut kennt und schon in vielen Interpretationen gehört hat – so überraschend modern, präzise und bis zum Zerreissen gespannt habe ich es noch nie erlebt. Teodor Currentzis reizt die Partitur bis in die Extreme aus, bringt Stimmen zum Klingen, die man noch nie wahrgenommen hat. Als Beispiel seien nur die Streichertremoli erwähnt in der Bankettszene vor meiner Lieblingsphrase „La vita riprendo – vergogna signor“. Currentzis Dirigat mag stellenweise akribisch, akademisch und unterkühlt daherkommen und Gefahr laufen, ins Manieristische abzugleiten – doch dank der exzellenten Disposition der Philharmonia Zürich, der grossartigen Interpreten und der fantastischen Leistung des Chores und Zusatzchores der Oper Zürich (Einstudierung: Ernst Raffelsberger) ist diese Gefahr weitestgehend gebannt. Markus Brück gibt in der Titelrolle sein Haus- und Rollendebüt, und es ist ein gelungenes geworden. Sein Spiel, seine Mimik, seine expressive, kontrollierte Gestaltungskraft sind bezwingend. Er muss viele Anfälle von Epilepsie und Asthma mimen, wenn die Dämonen in seinem Kopf mal wieder unerbärmlich zuschlagen – und die kosten Kraft. Ausgerechnet in der grossen Szene Pietà, rispetto, amore quälen ihn dann leichte Anflüge von Heiserkeit, die er jedoch gekonnt meistert und für die Sterbeszene aus der Urfassung, Mal per me, ist er wieder voll präsent. Tatjana Serjan besitzt eine wunderbare Stimme für die Lady, mit voller Tiefe und stählerner Höhe, ausdrucksstark und doch auf Linie singend, vielleicht etwas zu vordergründig und nicht ganz den Mut zu hässlichen, fahlen Farben aufbringend in der Wahnsinnsszene Una macchia è qui tuttora, dafür fulminant im Brindisi, affektgeladen in der Auftrittsarie Vieni t'affretta und der Kabaletta Or tutti sorgete und mit mörderischer Intensität in La luce langue. Die restlichen Figuren erhalten in der Inszenierung kaum Profil, da auch Verdi ihnen nicht besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte, sein kompositorisches Interesse galt einzig dem Protagonistenpaar. So ist die Bassarie des Banco zwar wunderschön, doch noch sehr im Stil des Belcanto gehalten. Wenwei Zhang aber singt sie mit seinem wie immer wohlklingenden und resonanzreichen Bass ganz wunderbar. Schade nur, dass der Regisseur dazu Fleance im Hintergrund immer wieder einen Ball hochwerfen und auffangen liess und mit diesem Geräusch die Wirkung des Schöngesangs stark beeinträchtigte. Pavol Breslik gestaltet die ebenfalls eher traditionell gehaltene Arie des Macduff mit seinem wunderschön weich timbrierten und ausgeglichenen Tenor mit grosser Einfühlsamkeit. Für die Kabaletta gesellte ihm Verdi mit dem Malcolm (gesungen von Airam Hernandez) einen zweiten Tenor zur Seite und die beiden, Breslik und Hernandez, stimmen feurig und mitreissend das La patria tradita an. In der geich darauf anschliessenden Wahnsinnsszene der Lady wird man auf die wunderschöne, glockenreine Stimme von Ivana Rusko als Kammerfrau aufmerksam.

Angesichts dieser (nach dem WOZZECK zur Saisoneröffnung) zweiten rundum gelungenen Premiere der laufenden Saison wird all das Geschwafel in den einschlägigen Foren um Regietheater obsolet: Es gibt eben nur gutes und weniger gutes Musiktheater, Punkt. Dieser Abend war einer von den guten! Und um mit einem Zitat aus Shakespears Macbeth (letzte Szene, Malcolm) zu enden: So, thanks to all at once and to each one!

Inhalt:

Schottland Mitte des 11. Jahrhunderts

Auf dem Rückweg von einer siegreichen Schlacht begegnen den beiden Feldherren Macbeth und Banquo Hexen, von denen sie sich die Zukunft prophezeien lassen. Für Macbeth sagen die Hexen voraus, er werde bald Than (ein hoher schottischer Edelmann) von Cawdor und später König sein, Banquo hingegen werde Vater von Königen werden. Ein Soldat grüsst Macbeth darauf als Than von Cawdor, der Amtsvorgänger sei hingerichtet worden – die erste Prophezeiung der Hexen hat sich erfüllt.

In einem Brief ihres Gemahls erfährt Lady Macbeth von den Prophezeihungen. Die ehrgeizige Frau will den Voraussagen etwas Nachschub verleihen und überredet ihren zögernden Gemahl zum Königsmord. Die Gelegenheit ist günstig, denn der König Duncan hat sich mit seinem Gefolge zum Besuch auf Macbeths Anwesen angekündigt. Macbeth vollbringt in der Dunkelheit der Nacht die Tat, die Lady besudelt die schlafenden Wachen mit Blut und lenkt so die Schuld auf diese.

Macbeth wird nun König. Doch da ist noch Banquo – ein Mann der Verdacht schöpft und (gemäss den hexen) Vater zukünftiger Könige sein wird. Also beschliesst Macbeth auch seinen Waffengefährten und dessen Sohn zu töten. Banquo wird von gedungenen Mördern umgebracht, doch sein Sohn kann fliehen.

Anlässlich eines Banketts bringt die Lady Trinksprüche aus, Macbeth hingegen verfällt zusehends in Grübeleien und sieht Banquos Geist an seinem Platz sitzen. Den Adligen fällt Macbeths merkwürdiges Verhalten auf. Besonders der edle Macduff wird misstrauisch und flieht.

Macbeth will noch einmal die Hexen befragen: Sie sagen ihm, dass kein auf natürliche Weise Geborener ihm gefährlich werden könne und er sich keine Sorgen zu machen brauche, bis der Wald von Brinam gegen sein Schloss vorrücke. Die Lady überredet ihren Gemahl, Macduffs Familie auszulöschen.

Macduff hat seine mit ihm geflohenen Anhänger mit dem Heer des Duncan-Sohnes Malcolm vereinigt. Im englischen Exil planen sie die Befreiung Schottlands vom Usurpator Macbeth. Als Tarnung verwenden sie Äste aus dem Wald von Birnam.

Unterdessen ist die Lady an der Grenze zum Wahnsinn angelangt: Sie sieht Blutflecken an ihren Händen die nicht verschwinden wollen. In einer der grossartigsten Szenen der Oper gesteht sie ihre Schuld und sinkt entseelt nieder. Macbeth lässt der Tod seiner ambitionierten Frau kalt. Er hat andere Sorgen, da der Wald von Birnam gegen ihn anrückt. In der Schlacht vermeint er zu triumphieren, doch Macduff schreit ihm ihm Zweikampf entgegen, dass er seiner Mutter bei der Geburt aus dem Leib gerissen worden sei – die letzte Prophezeiung der Hexen erfüllt sich ebenfalls und Macbeth stirbt durch Macduffs Schwert. Malcolm wird neuer König.

Werk:

Zeitlebens hat sich Verdi mit Shakespeare beschäftigt, erkannt in dessen Werken riesiges Potential für das Musiktheater und setzte drei Werke des englischen Dichters in Musik: MACBETH, OTELLO und FALSTAFF. Mit KING LEAR beschäftigte er sich ebenfalls ausgiebig, gelangte jedoch nie zur Niederschrift einer Partitur und vernichtete schliesslich sämtliche Skizzen.

MACBETH stellte 1847 geradezu ein revolutionäres Werk dar: Keine Liebesgeschichte, eine Handlung voller Blut und Düsternis, der Tenor in einer Nebenrolle (Macduff). Von der Kritik wurde das Werk abgelehnt, das Publikum der Uraufführung feierte zwar den Komponisten mit 38 Vorhängen, doch so richtig durchsetzen konnte sich MACBETH nie. Für Paris arbeitete Verdi seine Lieblingsoper etwas um, fügte das obligate Ballett ein, komponierte für die Lady eine neue Arie im zweiten Akt (La luce langue), der Chor der vertriebenen Schotten (O patria oppressa) und ein neuer Schluss für den vierten Akt kamen dazu. Dafür wurde Macbeths Sterbeszene geopfert, welche zum jedoch seit Erich Leinsdorfs Dirigat an der Met 1950 oft auch in die Zweitfassung (Paris 1865) aufgenommen wird. Als Schlachtmusik griff Verdi, der sonst mit traditioneller Schulmusik nicht allzu viel am Hut hatte, auf eine Fuge zurück, da ihm deren Reibungen und Gegenüberstellungen von Themen als besonders angemessen dafür erschienen. Doch auch die Pariser Fassung war seinerzeit heftig kritisiert, ja gar als „unshakespearisch“ bezeichnet worden, was den Shakespeare-Kenner und –Verehrer Verdi ganz besonders schmerzte. Erst nach 1920 erkannte man die immensen Qualitäten des Werks und seine herausragende Stelle im Schaffen des Komponisten auf dem Weg von den konventionellen Anfängen zum echten Musikdrama, mit psychologisch feinsinnig und intelligent durchformten Charakteren. Gerade mit der Figur der Lady ist ihm eine Gestalt gelungen, die sich wie ein erratischer Block aus der italienischen Opernlandschaft erhob: Eine Frau, die mit hässlicher, rauer, hohler aber auch Mark und Bein durchdringender Stimme und dann wieder in tragfähigstem Piano flüsternd zu singen hatte, keine Sympathien erwecken durfte – eine Sängerin mit diabolischer Klangfarbe ist gefordert. Die Partie wurde im 20.Jahrhundert sowohl von Sopranistinnen (Callas, Rysanek, Barstow, Zampieri), hochdramatischen Sopranen (Nilsson, Dame Gwyneth Jones) als auch von dramatischen Mezzosopranistinnen erfolgreich verkörpert (Cossotto, Verrett, Ludwig).

Musikalische Höhepunkte:

Vieni, t´affretta, Briefszene und Arie der Lady, Akt I

Fatal, mia donna, Duett Macbeth-Lady, Akt I

Schiudi, inferno, Finale Akt I

La luce langue, Arie der Lady, Akt II

Studia il passo, Szene und Arie des Banquo, Akt II

Si colmi il calice, Brindisi der Lady, Akt II

Che fate voi, Szene Macbeth-Hexen, Akt III

Patria oppressa, Chor Akt IV

O figli, figli miei, Arie des Macduff, Akt IV

Una macchia, Wahnsinns- und Sterbeszene der Lady, Akt IV

Pietà, rispetto, amore, Arie des Macbeth, Akt IV

Mal per me, Sterbeszene des Macbeth aus der Urfassung, Akt IV

Karten