Zürich: LUISA MILLER, 18.04.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Luisa Miller

Oper in drei Akten |

Musik: Giuseppe Verdi |

Text: Salvatore Cammarano, nach Schillers Kabale und Liebe |

Uraufführung: 8. Dezember 1849 in Neapel |

Aufführungen in Zürich:

18.4. | 21.4. | 23.4. | 25.4. | 28.4. | 2.5. | 5. 5. | 7.5. | 16.5.2010

Kritik:

Auf den ersten folgt der zweite Streich: Nach dem vor allem optisch überwältigenden CORSARO präsentiert das selbe Inszenierungsteam Damiano Michieletto (Regie), Paolo Fantin (Bühne) und Carla Teti (Kostüme) eine tief beeindruckende, psychologisch durchdachte LUISA MILLER. Fantin hat einmal mehr eine geradezu geniale architektonische Konstruktion auf die Drehbühne des Opernhauses stellen lassen, einen aufgeklappten Würfel, dessen vier heruntergeklappte, spärlich möblierte Seitenflächen enge, aber dafür genau umrissene spiegelbildliche Spielflächen für die Räume in Millers respektive Graf Walters Häusern darstellen. Zudem lassen sie sich diese Wände nach Belieben heben und senken und eröffnen dadurch immer wieder neue Ein- und Durchsichten oder zeigen die Eingeschlossenheit und die Verstrickungen der Figuren. Umschlossen wird dieser Würfel von einer zweigeteilten Umrandung: Unten rohe, spärlich verputzte Steinmauern mit Rissen in den Türen, einfachen Petrollampen und an der Decke hängenden einfachen Holzstühlen, die nach oben in strahlendem Weiss und Purpur elegant gespiegelt werden, als Abbild für die zwei unterschiedlichen, sich nicht verbinden lassenden Welten, aus denen Luisa und Rodolfo kommen. Luisa und Rodolfo werden mit zwei Kinderstatisten verdoppelt, als Sinnbild dafür, dass Eltern ihre Kinder oft nicht erwachsen werden lassen können, sie zeitlebens als Kinder behandeln – in LUISA MILLER mit fatalen Folgen. Beide Väter meinen es ja eigentlich gut: Graf Walter will seinem Sohn durch die Zwangsheirat mit Federica den Weg zur grossen höfischen Karriere ebnen und auch Miller gibt vor, für seine Tochter nur das Beste zu wollen. Wahrscheinlich aber möchte er sie mit seiner krankhaften Vaterliebe dauerhaft an sich binden. Damiano Michieletto arbeitet dies alles sehr genau und schlüssig heraus. Einer der berührendsten Momente des Abends dann sicher die Quartett-Szene im zweiten Akt, wenn die beiden Kinder unter dem Tisch genug von der Fremdbestimmung durch die Erwachsenen haben und sich heimlich, Hand in Hand, davonschleichen. Die lange Sterbeszene nach dem Trinken des Gifts wird durch eine phänomenale Videoprojektion (Timo Schüssel) verdoppelt, auf welcher sich blaue Tropfen langsam und in wunderschönen Bildern auf den weissen Wänden ausbreiten, bis am Ende alles dunkel, beinahe schwarz, eingefärbt ist. Das Mittel der Videoprojektion wird ebenfalls für die Enthüllung des grausamen Geheimnisses verwendet, welches Graf Walter und Wurm verbindet, und zwar nicht plakativ, sonder mit der Metapher des dunklen, bedrohlich und unheimlich wirkenden Waldes.

Dirigent Massimo Zanetti wurde in Zürich zum ersten Mal mit einer Neuinszenierung betraut. Seine (auswendig dirigierte!) Lesart von Verdis Partitur ist von packender Intensität. Noch selten hat man einen frühen Verdi derart spannend gestaltet erleben dürfen: Da war nichts von schmetternder m-ta-ta Seligkeit oder billiger Jahrmarktsmusik zu hören, sonder fein ziselierte Klänge, exakte, vorwärts drängende Tempi und fantastisch herausgearbeitete Nebenstimmen. Das Orchester der Oper Zürich folgte seinen Intentionen mit Geschmeidigkeit und Präzision. Als Beispiel seien die Ouvertüre und die Begleitung von Luisas Gebet genannt, mit ihren blitzsauber gespielten Streichermotiven, der herrlichen Kantilenen der Klarinette, des Fagotts und der Flöte und den dosiert eingesetzten, aber trotzdem die Wirkung nicht verfehlenden Akzenten des Blechs.

Verdi hat für die Protagonisten dankbare, aber schwierig zu gestaltende Partien geschrieben. Am Premierenabend gelang es den Solistinnen und Solisten unterschiedlich, diese auszufüllen. Leo Nucci als Miller kann auf Jahrzehnte Bühnenerfahrung, auch in dieser Rolle, zurückblicken. Nach wie vor strömt sein Bariton, scheint über unerschöpfliche Reserven zu verfügen. In solchen Vaterrollen ist Nucci dank seiner blendenden Technik beinahe unerreicht. László Polgár hat den Grafen Walter schon mehrmals verkörpert, auch in Zürich. Doch irgendwie war es nicht sein Abend: Steif, fast unbeteiligt scheinend, stand er etwas verloren wirkend auf der Bühne herum. Die Stimme hat ihren Zenit deutlich überschritten. Nur die warme Mittellage überzeugte noch immer, doch in höheren Regionen wurden Probleme schmerzlich hörbar. Als sein Sohn Rodolfo gab Fabio Armiliato sein vierzehntes Debüt in einer Verdi Partie: Nach einem Ermüdungseinbruch der durch dauerndes Fortissimo-Singen strapazierten Stimmbänder im Finale des ersten Aktes, erschien er nach der Pause beinahe wie verwandelt, gestaltete die anspruchsvolle Arie Quando le sere al placido wirklich beeindruckend und fand im Schlussduett zu grosser Intensität. Die Qualität seines Stimmmaterials ist hervorragend, allerdings muss man - wie heutzutage bei vielen Tenören – bangen, wie lange das Singen unter Hochdruck noch gut gehen wird. Ähnliches lässt sich zu Barbara Frittolis Interpretation der Titelrolle anmerken. Nach überlautem, bestimmt von Premierennervosität geprägtem Beginn steigerte sie sich jedoch ab dem (übrigens fantastisch sauber gesungenen) a cappella Quartett im zweiten Akt zusehends. Das Duett mit Nucci im dritten Akt, (dieser Vorstudie zu RIGOLETTO und TRAVIATA), mit den sicher, sauber und mit bestechender Leichtigkeit intonierten Fiorituren geriet zu einer musikalischen Sternstunde des Verdi-Gesangs. Es sind solche Momente musikalisch evozierter Gänsehaut, welche das Live Erlebnis eines Opernabends dermassen beglückend machen. Ruben Drole zeigte als Wurm eine grossartige Charakterstudie. Er verstand es, seinen Bariton bedrohlich dunkel einzufärben, bestach durch abstossend schmierige Darstellung des Intriganten, welcher dann aber doch auch Mitleid erregen konnte. Man bedauerte aufrichtig, dass Verdi für ihn keine eigene Arie geschrieben hat. Auch die Rolle der Federica ist bedauerlicherweise viel zu klein gehalten, vor allem wenn man eine Künstlerin vom Format einer Liliana Niketeanu zur Verfügung hat. Sie zeigte eine differenzierte Charakterzeichnung der Herzogin (herrlich, wie sie sich vor der Begegnung mit Rodolfo Mut antrinkt!). Ihr satter, sauber und dynamisch differenziert geführter Mezzosopran war eine sichere Stütze im Quartett des zweiten Akts. Agnieszka Adamczak führte als Laura mit einer aufhorchen lassenden, herrlich aufblühenden Stimme den Chor an. Dieser war in seinen Einsätzen zwar nicht immer ganz sicher, doch die Konzeption, ihn als quasi stummen Zeugen des Trauerspiels auftreten zu lassen, überzeugte.

Lang anhaltender, verdienter und warmer Applaus für alle Beteiligten.

Fazit:

Wohl die klügste, berührendste und in ihrer Stringenz überzeugendste Verdi Premiere in Pereiras bisheriger Intendanz (und er hat wahrlich viel Verdi gebracht ... ). Unbedingt sehenswert!

Werk:

Nicht weniger als vier von Verdis insgesamt 28 Bühnenwerken basieren auf Vorlagen Friedrich Schillers (GIOVANNA D'ARCO [Die Jungfrau von Orléans], I MASNADIERI [Die Räuber], LUISA MILLER [Kabale und Liebe] und DON CARLOS). Zwar gehört LUISA MILLER noch zu Verdis Galeerenjahren, d. h. seinen Frühwerken, als er auf Auftragskompositionen angewiesen war. Doch stellt diese Oper in mancherlei Hinsicht einen aufschlussreichen Wendepunkt in Verdis Gesamtwerk und seiner Reifung als Opernkomponist dar:

  • Die Ouvertüre ist nicht als Potpourri von eingängigen Melodien aus der Oper angelegt, sondern Verdi verarbeitet darin gekonnt das die Handlung prägende Intrigenmotiv.

  • Das a capppella Quartett im 2. Akt stellte in der italienischen Oper der damaligen Zeit etwas ganz Aussergewöhnliches dar.

  • Um dem ersten Akt das notwendige dramatische Gewicht zu verleihen, schliesst dieser entgegen der Konvention ohne Cabaletta und Stretta.

  • Verdi wendet sich mit LUISA MILLER ab von den grossen historischen Themen und widmet sich erfolgreich seinen Stärken, der psychologisch fundierten Durchdringung seiner Charaktere mit Hilfe seiner unerschöpflichen musikalischen Eingebungskraft.

  • Rezitative, Ariosi, Arien und Ensembles verschmelzen zu einer dramaturgisch motivierten Einheit, zu einem Vorwärtsdrängen der Handlung, hin zu einem Finale von äusserst angespannter Dramatik.

Leider musste Verdi auf die Gegebenheiten am Teatro San Carlo in Neapel Rücksicht nehmen und die Partien auf die Möglichkeiten der Sängerinnen und Sängern ausrichten. So erhielt Wurm leider keine eigene Arie, in welcher er seine Psyche offenbaren könnte. Ebensowenig ist die Partie der Federica als Gegenspielerin Luisas ausgearbeitet. Erst mit dem TROVATORE (Leonora-Azzucena) und erst recht in den Meisterwerken DON CARLO (Elisabetta-Eboli) und AIDA (Aida-Amneris) gelang es ihm, zwei rivalisierende Frauengestalten auf eine musikalisch gleichwertige Ebene zu heben.

Inhalt:

Die bürgerliche Luisa Miller ist in den Sohn des Grafen Walter, Rodolfo (bei Schiller Ferdinand), verliebt. Luisa wird ebenfalls vom alten Wurm, dem Sekretär des Grafen Walter, begehrt. Vater Miller misstraut beiden. Graf Walter möchte seinen Sohn mit der Herzogin Federica verehelichen (bei Schiller Lady Milford). Rodolfo schwört Luisa ewige Treue, sein Vater hingegen beschimpft Luisa als Bauernschlampe, worauf er von Vater Miller angegriffen wird. Miller wird daraufhin gefangen genommen. Rodolfo droht seinem Vater, das Geheimnis seines Reichtums öffentlich zu machen.

Um das Leben ihres Vaters zu retten, gibt Luisa dem Drängen des Intriganten Wurm nach. Die Erpressung scheint geglückt, doch Wurm und der Graf können sich nicht in Sicherheit wiegen, solange Rodolfo das Geheimnis (einen vom Grafen und Wurm gemeinsam begangenen Mord) kennt. Rodolfo verzweifelt über Luisas vermeintliche Untreue. Er fordert Wurm zum Duell, doch Wurm entzieht sich dem Zweikampf durch einen Schuss in die Luft. Graf Walter rät seinem Sohn, Federica zu heiraten und sich dadurch an Luisa zu rächen.

Luisa schreibt an Rodolfo und enthüllt in ihrem Brief Wurms Intrigen. Der soeben aus dem Kerker entlassene Miller kann seine Tochter vom Selbstmord abhalten und schmiedet gemeinsam mit Ihr Zukunftspläne an einem andern Ort. Rodolfo kommt hinzu und giesst unbemerkt Gift in einen Becher, von dem beide dann trinken. Im Sterben enthüllt ihm Luisa die Wahrheit. Als Wurm und der Graf erscheinen, ersticht Rodolfo mit letzter Kraft Wurm und verflucht seinen Vater.

Musikalische Höhepunkte:

T'amo d'amor ch'esprimere, Luisa, Laura, Rodolfo, Miller, Chor, Akt I

Fra i mortali...I cenni miei, Finale Akt I

Tu puniscimi, o Signore, Arie der Luisa, Akt II

Che alimento sol per esso, Quartett, Akt II

Quando le sere al placido, Arie des Rodolfo, Akt II

Andrem, raminghi e poveri, Duett Miller-Luisa, Akt III

Piangi, piangi..Ah! L'última preghiera, Duett Luisa-Rodolfo, Akt III

Padre, ricevi l'estremo addio, Finale Akt III

Weitere Informationen und Karten

Videoclip der Schlussszene Teil 1

Teil 2